Wie Babys ihre Adoption erleben (II)

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. | Drucken |



Nach dem Buch "Being Adopted. The Lifelong Search for Self" (Adoptiert sein - die lebenslange Suche nach dem Ich) von David M. Brodzinsky, Marshall D. Schechter und Robin Marantz.
Teil 2 von Jutta Eigner

 

 

Im Baby-, Kleinkind und Vorschulalter legen viele Eltern die Basis für eine spätere Auseinandersetzung mit dem Thema Adoption. Sie beginnen, ihrem Kind seine Adoptionsgeschichte zu erzählen und freuen sich darüber, wenn diese sehr positiv aufgenommen wird. In dem Buch "Being Adopted. The Lifelong Search for Self" (Adoptiert sein - die lebenslange Suche nach dem Selbst) gehen die Autoren David M. Brodzinsky, Marshall D. Schechter und Robin Marantz Henig der Frage nach, wie es sich mit dem Umstand lebt, adoptiert worden zu sein. Sie beginnen dabei mit dem Babyalter, auch wenn ein Baby noch nicht wissen kann, dass es adoptiert worden ist. Auch die Kleinkind- und Vorschuljahre sind den Autoren zufolge eine Zeit, in der Adoption vom Kind positiv erlebt wird, wenn es bereits als Baby adoptiert worden ist. Bei diesen Kindern ist in den Jahren vor Schuleintritt mit keinen adoptionsspezifischen Problemen zu rechnen.

 

Babyalter - das erste Lebensjahr

(Being Adopted, Seite 25 - 42)


Babys, die bei Adoptiveltern aufwachsen, haben noch keinerlei Vorstellung von ihren speziellen Lebensumständen. Die Aufgabe, die sie in diesem Alter zu erfüllen haben, sind ganz andere: Sie müssen lernen, wer sie sind und wie sie sich von anderen auf der Welt unterscheiden, wie es ist, neugierig und abenteuerlustig zu sein und sich im gleichen Moment sicher und geborgen zu fühlen.

Greift man auf das Entwicklungsschema von Erik Erikson zurück (siehe Teil 1 der Buchzusammenfassung), so ist die wichtigste Aufgabe des frühen Babyalters, ein Gefühl für Vertrauen zu entwickeln. Die meisten Eltern fördern dieses Gefühl intuitiv, indem sie das Kind mit Beständigkeit und Wärme versorgen. So kann es die Zuversicht erwerben, dass es auf sein eigenes Verhalten und das seiner Bezugspersonen bauen kann.

In diesem Punkt gibt es keinerlei Unterschiede zwischen adoptierten und nicht adoptierten Babys. In der Babyzeit können Kinder, die in den ersten sechs Lebensmonaten adoptiert worden sind, in Studien nicht von leiblichen Kindern unterschieden werden und gehen identische Bindungen zu ihren Adoptiveltern ein. Den Autoren zufolge liegen die Unterschiede zu leiblichen Familien in dieser ersten Zeit meistens ausschließlich in der Art und Weise, wie Eltern und Kind zusammen gekommen sind. Die Zeit zwischen "Zeugung" (Bewerbung für eine Adoption) und "Niederkunft" (das Baby nach Hause bringen) war einfach eine andere.

Allerdings haben die meisten Adoptiveltern eine ganz persönliche Geschichte hinter sich, die sie wahrscheinlich erst dazu gebracht hat, eine Adoption anzustreben. Oft haben Adoptiveltern ungewollte Kinderlosigkeit, viele Ungewissheiten während des Adoptionsprozesses, das Eindringen von Behörden in den Privatbereich der Familie und immer wieder unsensible Kommentare anderer erlebt. In seltenen Fällen kann diese Vorgeschichte die Zuversicht in die eigenen elterlichen Kompetenzen schmälern. Manche Adoptiveltern fühlen sich lange nicht in der Lage, ausreichend für ihr Kind zu sorgen. Andere haben nicht das Gefühl, sie verdienen es überhaupt, Eltern zu sein. Diese erhöhte Ängstlichkeit kann der Entwicklung von Vertrauen bei ihrem adoptierten Kind entgegen wirken. Auch ein Zurückhalten der eigenen Gefühle in Zeiten der Voradoptionspflege - wenn also noch nicht sicher ist, ob das Kind tatsächlich in der Adoptivfamilie bleiben kann - kann ähnliche Folgen haben. Allerdings ist das nur in den wenigsten Familien tatsächlich der Fall.

Sich binden ("Bonding" und "Attachment") (Seite 31 - 37)


Im Kapitel über das Babyalter setzen sich die Autoren von "Being Adopted" sehr intensiv mit dem Thema der "Bindung" zwischen Eltern und Kind auseinander und unterscheiden hier zwischen "Bonding" und "Attachment".

In den späten 70er Jahren kam den Autoren zufolge in den USA eine Theorie in Mode, die sich mit dem Prozess des "bondings" (binden, zusammen binden) auseinander setzte und die - wenn auch unausgesprochen - den Glauben unterstützte, Adoptiveltern seien nicht dasselbe wie "richtige" Eltern. Der Bonding-Theorie zufolge müsse eine gute Beziehung zwischen Eltern und Kind bereits intrauterin beginnen und werde dadurch gefördert, dass Eltern mit dem Kind im Mutterleib sprechen. "Bonding" würde dann in den ersten Stunden oder höchstens Tagen nach der Geburt erfolgen, wenn die Mutter und das Neugeborene biologisch dazu bestimmt sind, sich aneinander zu binden. Die Hormone der Mutter würden dafür sorgen, dass sie sich in das Baby verliebt und das Neugeborene sei in dieser Zeit besonders wachsam und bereit, dies zu beantworten. Der Vorteil der "bonding"-Theorie - so fassen die Autoren es zusammen - lag darin, dass Neugeborene in den Spitälern von nun an gemeinsam mit ihren Müttern untergebracht wurden. Der Nachteil war allerdings, dass Eltern, die ihre Kinder nicht in den ersten Stunden nach der Geburt bei sich haben konnten, das Gefühl hatten, etwas verpasst zu haben, das niemals wieder aufgeholt werden konnte. Auch wenn manche Tiere eine "Bonding-Zeit" in einer kritischen Periode nach der Geburt zeigen - man denke an Konrad Lorenz berühmtes Gänse-Experiment -, so fassen die Autoren doch zusammen, dass bei Menschen die wissenschaftlichen Hinweise darauf sehr gering sind. Stattdessen entwickle sich echte Bindung erst nach einer langen Periode enger Interaktion zwischen Bezugsperson und Kind. In diesem Fall spricht man von "Attachment", der eigentlichen "Bindung".

Baby unter 6 MonatenDiese Bindung halte ein Leben lang und könne weder im Uterus noch in der ersten Zeit nach der Niederkunft entstehen, so Brodzinsky. Sie ist stattdessen etwas, das sich langsam über Wochen, Monate und Jahre liebevoller Interaktion entwickelt, gleichgültig ob diese Interaktion zwischen biologisch verwandten oder nicht verwandten Eltern und ihrem Kind stattfindet. Anders als im Fall von "bonding" handelt es sich um eine emotionale Beziehung. Wenn ein Baby weint, füttert es die Bezugsperson, wechselt die Windeln und nimmt das Baby in den Arm. Wenn das Baby lacht, lächelt die Bezugsperson zurück. Wenn es Laute von sich gibt, spricht auch die Bezugsperson mit ihm und wechselt die Mimik und den Tonfall wie sie es auch in einem "echten" Gespräch macht. Jede/r Erwachsene, der viel Zeit mit einem Neugeborenen verbringt, wird sich auf diese Art verhalten.

Nach einigen Wochen gemeinsamen Lebens haben der/die Erwachsene und das Baby dann einen kleinen "Tanz" choreographiert, in dem sie aufeinander antworten. Dieser "Tanz" kann mit jeder Bezugsperson erfolgen, die sensibel auf die Auslösereize des Babys reagiert. Erst im Alter von vier bis sechs Monaten scheint das Baby dann erstmals die wichtigste Bezugsperson zu bevorzugen und tut dies vor allem in schwierigen Situationen. Das ist der Schlüssel zur Bindung: in Zeiten von Stress sucht das Baby seine "Mama" (d.h. die wichtigste Bezugsperson) als Quelle der Beruhigung. Eine sichere Bindung ist daher besonders wichtig, damit der Säugling gut durch Perioden von Stress kommt. Das Kind ist in diesem Fall frei, die Welt zu erforschen und zu spielen. Gleichzeitig ist es sicher, dass seine "Mama" in der Nähe ist und als Quelle von Sicherheit, Trost und Zuversicht zur Verfügung steht. Diese frühe Beziehung ist weit über das Babyalter hinaus von Bedeutung.

Kommen Kinder ab einem Alter von etwa sechs Monaten in die Adoptivfamilie, ist es wahrscheinlich, dass sie den Verlust ihrer ersten Bindung bereits betrauern. Der Abbruch dieser Beziehung führt zu einem Gefühl von Verlust und einem emotionalen Durcheinander sowie einer Konfusion im Verhalten. Nachdem die Kinder sich in einer vorsprachlichen Phase befinden, zeigt sich ihre Trauer vor allem körperlich. In diesem Zusammenhang weisen Brodzinsky et al. auf ein Schema hin, dass vom Psychiater Justin Call (University of California at Irvine) entwickelt wurde und Anpassungsprobleme beschreibt, die adoptierte Babys im neuen Zuhause zeigen. In den ersten sechs Monaten drücken sich Notlagen vor allem in Schwierigkeiten beim schlafen und essen aus. Dazu zählen unter anderem Essensverweigerung, Ausspucken, chronischer Durchfall und Schwierigkeiten, länger durchzuschlafen, leichte Irritierbarkeit, grundloses Weinen und im schlimmsten Fall Gedeihstörungen.

Reaktionen auf ein neues Zuhause nach Justin Call

 



Trotz der beschriebenen potentiellen Probleme bei der Eingewöhnung an ein neues Zuhause betonen die Autoren jedoch auch die unglaubliche Widerstandsfähigkeit, die Kinder in der Regel mitbringen.

Temperament (Seite 38f.)


Wie gut Babys zu ihren Familien "passen" kann auch eine Frage ihres "Temperaments" sein. Die Psychologen Alexander Thomas und Stella Chess haben sich in ihren Untersuchungen dem Temperament von Babys gewidmet und dabei neun Dimensionen festgestellt, die dieses kennzeichnen:

  • Aktivitätsniveau

  • Regelmäßigkeit beim Schlafen, Essen und Ausscheiden

  • Antwort auf neue Reize (Annäherung oder Rückzug)

  • Anpassungsvermögen

  • Intensität von Reaktionen

  • Schwelle für Ansprechbarkeit

  • Qualität der Stimmungslage (angenehm oder unangenehm)

  • Zerstreuung

  • Aufmerksamkeitsspanne oder Ausdauer

Diese Kategorisierung ist hilfreich, weil sie sehr viel über die entstehende Eltern-Kind-Beziehung aussagen kann. Wenn das Temperament des Neugeborenen zu Persönlichkeit und Lebensstil der Eltern passt und ihren Erwartungen entspricht, so wird sich die Bindung zwischen Eltern und Kind höchstwahrscheinlich gut entwickeln. Ist die Passung schlecht, kann sich das auch auf die Beziehung auswirken. In Adoptivfamilien macht es das Fehlen einer biologischen Verbindung wahrscheinlicher, dass Baby und Eltern sich deutlich voneinander unterscheiden. Ruhige reservierte Eltern bekommen möglicherweise ein aktives wählerisches Baby zugesprochen, während liebevolle und spielerische Eltern sich eventuell einem zurückgezogenen Baby gegenüber sehen, das Körperkontakt verweigert. Obwohl diese Passung auch in leiblichen Familien keineswegs immer stimmig ist, kann es in Adoptivfamilien eventuell schwieriger sein, damit umzugehen.

 

Verschiedene Arten, eine Familie zu gründen (Seite 40ff)


Baby über 6 MonatenFünfundzwanzig Jahre vor der Entstehung des vorliegenden Buches, also Ende der 60er Jahre des 20. Jhds. unterschied H. David Kirk zwei Arten von Adoptivfamilien: diejenigen, die sich in jeder Hinsicht identisch mit biologischen Familien fühlten und jegliche Unterschiede zu leiblichen Familien verleugneten. Und diejenigen, die Unterschiede anerkennen und akzeptieren.

Die Autoren fügen dieser Kategorisierung einen dritten Typ hinzu, nämlich diejenigen, die auf den Unterschieden zu leiblichen Familien beharren, diese betonen und viele normale Geschehnisse auf die Adoption zurückführen.

Wenig verwunderlich halten Adoptionsexperten die Strategie für die konstruktivste, die die Unterschiede anerkennt und akzeptiert, d.h. sie nicht verleugnet aber auch nicht überbetont.
In der Regel passen sich Adoptiveltern rasch an die neue Elternrolle an. In vielen Fällen tun sie das besser als durchschnittliche leibliche Eltern, weil sie meist aus einer Position ungewollter Kinderlosigkeit kommen, die sie als Entbehrungszustand erlebt haben. In einer Adoptivfamilie wird das neue Baby also dringend erwartet und die Eltern haben im Zuge ihrer langen Geschichte bereits eine bemerkenswerte Reihe von Fertigkeiten erworben, mit ihm umzugehen. Oft sind Adoptiveltern reifer als biologische Eltern, stabiler in ihrer Ehe (die schon einige schwierige Zeiten überstanden hat), finanziell abgesicherter und versierter im Umgang mit Stress.

1982 veröffentlichte die Psychologin Janet L. Hoopes eine Langzeitstudie über das Elternsein und die Familiendynamik in 54 Familien, wovon die Hälfte Adoptivfamilien und die andere Hälfte leibliche Familien waren. Adoptivmütter wurden dabei höher als alle anderen Gruppen (d.h. Adoptivväter, biologische Mütter und biologische Väter) bewertet wenn es um den Eltern-Kind-Bezug, die Akzeptanz des Kindes, das Loben des Kindes, die Zuneigung und Wärme sowie den Umgang mit dem Kind ging. Andererseits waren eben diese Adoptivmütter behütender und ängstlicher. Sie förderten mit größerer Wahrscheinlichkeit Abhängigkeit und legten weniger Wert auf Gleichheit in ihrem Erziehungsstil. Jedenfalls schienen die kompetentesten Eltern in Hoopes Untersuchung dennoch die Adoptiveltern zu sein.



Being Adopted. The lifelong Search for Self.
David M. Brodzinsky, Ph.D.
Marshall D. Schechter, M.D.,
Robin Marantz Henig
Anchor Books, Random House, New York, 1993
214 Seiten, Paperback

Lesen Sie Teil 1 der Zusammenfassung unter:
http://dev.adoptionsberatung.at/themen/adoptierte/251-wieadoptierteihreadoptionerleben.html

Lesen Sie Teil 3 der Zusammenfassung unter:
http://dev.adoptionsberatung.at/themen/adoptierte/261-wiekleinkinderundvorschulkinderihreadoptionerleben.html

Lesen Sie Teil 4 der Zusammenfassung unter:
http://dev.adoptionsberatung.at/themen/adoptierte/262-wieschulkinderihreadoptionerleben.html

Lesen Sie Teil 5 der Zusammenfassung unter:
http://dev.adoptionsberatung.at/themen/adoptierte/8-wiejugendlicheihreadoptionerleben.html