Ein anderes "seelisches Betriebssystem"

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Ein Email-Interview mit Heinz Münger über die Bedeutung der Geburtskultur für international Adoptierte

 

 

Es wird oft über den Spagat gesprochen, den Kinder aus anderen Kulturen machen müssen, die bei uns leben. Das ist besonders offensichtlich, wenn die Kinder mit ihren Herkunftsfamilien gekommen sind und nun schneller Elemente aus der österreichischen Kultur übernehmen, als ihre Eltern. Bei international adoptierten Kindern gibt es die "Herkunftseltern" aber nicht mehr, das heißt, wenn sie einen Spagat zwischen den Kulturen machen müssen, muss dieser etwas anders aussehen. Können Sie uns mehr darüber erzählen?


Heinz Münger: Der Spagat ist in gewissem Sinne noch größer, da er nicht äußerlich ersichtlich ist. Trotzdem ist das eigentliche "Betriebssystem" des adoptierten Kindes anders. Die Grundlagen für die verbale und nonverbale Kommunikation wurde schon in der Schwangerschaft gelegt. Der Mensch, das Kind, hat eine enorme Überlebenskraft und passt sich schnell an eine neue Situation an. Wird ein Kind emotional nicht "gefüttert" und seine "Ersatzfunktionen" wie wippen, kratzen, sich den Kopf an der Wand oder am Bett schlagen genügen nicht mehr, wird es völlig apathisch und kann sterben. Um zu überleben, stellt es sich auf die neue Umgebung ein und übernimmt sie, obwohl in ihm auch andere Impulse und Informationen schlummern. Diese Impulse und Informationen können erst viel später erwachen, beispielsweise als Erwachsener, wenn der Adoptierte spürt, dass er nicht nur so ist, wie er erzogen wurde, sondern noch mehr und anderes in sich trägt, dass er sich auch mit anderem vertraut fühlt und anders empfindet.

Anders zu sein und dabei keine Bezugsbilder wie Eltern, Familie oder Kultur zu haben, ist noch schwieriger. So ist es auch einfacher, von einem toten Menschen Abschied zu nehmen, wenn man ihn als Toten noch gesehen hat. "Innere und äußere Bilder" sind also für die Identitätsfindung sehr wichtig. Dazu gehören aber auch alle anderen Sinneserfahrungen wie riechen, sehen, schmecken, tasten, hören oder wahrnehmen der Atmosphäre... Darum ist es wichtig für die Identitätsfindung, die eigenen Wurzeln, die eigene Herkunft auch mit allen Sinnen erfahren zu können.

Wenn ein Kind im Babyalter aus dem Ausland adoptiert worden ist und seine gesamte Kindheit im neuen Heimatland verbracht hat, wie ist dann der Anteil der Herkunftskultur zu bewerten? Welche Unterschiede sind zwischen Kindern auszumachen, die als Baby und solchen, die erst später adoptiert worden sind?


Heinz Münger: Wie schon erwähnt glaube ich, dass die Identitätsfindung für kleinere Kinder in gewisser Weise schwieriger wird und daher die Kultur- und Herkunftsvermittlung viel Sorgfalt braucht. Wir wissen heute, dass bereits die während der Schwangerschaft erfolgten Erlebnisse, die Atmosphäre, sowie die Beziehung der Mutter zum Kinde starke und manchmal auch prägende Eindrücke hinterlassen, die aber später dem Kind nicht bewusst sind. So ist es zum Beispiel möglich, dass ein Kind, welches traumatische Erfahrungen (zum Beispiel Schläge) während der Schwangerschaft gemacht hat, Jahre später mit nicht nachvollziehbarer Angst und auch Panik auf bestimmte Situationen reagiert.
Ich möchte damit aber nicht sagen, dass es besser sei, ältere Kinder zu adoptieren. Denn bei älteren Kindern treten bei der Adoption noch viele andere zusätzliche Problemstellungen auf.

Sie haben davon gesprochen, dass Kinder den Anteil ihrer Herkunftskultur "abspalten" können. Wie kann man sich das vorstellen und welche Konsequenzen hat das für die Kinder?


Heinz Münger: In der Anpassung der Kinder, in ihrem Wunsch nicht anders zu sein, dem Ernährer und Versorger zu "gefallen", liegt voraussichtlich ein Grund, dass das "Andere" abgespaltet wird. Die Konsequenz daraus ist, dass über einen bestimmten Zeitraum - wahrscheinlich bis zur Pubertät oder sogar bis ins Erwachsenenalter - von den adoptierten Kindern nicht viele Impulse kommen, die nach dem "tieferen Betriebssystem" fragen. Die Impulse dazu müssen von den Adoptiveltern kommen und zwar nicht im Sinne von "wir müssen dies als gute Adoptiveltern tun", sondern als tiefes Interesse am Verständnis für das adoptierte Kind, für die fremde Kultur und die anderen Lebensformen. Das Fremde, das Andere, darf aber nicht einer Wertung unterliegen, sondern muss im Sinne einer Bereicherung verstanden und wahrgenommen werden. Wenn die Adoptiveltern die Kultur des Kindes werten, wie zum Beispiel im Herkunftsland des Kindes sind die Menschen noch primitiv, gewalttätig, ungläubig, unterentwickelt, so werten sie damit auch das Kind. Das Kind bekommt somit das diffuse Gefühl, selbst primitiv, gewalttätig und unterentwickelt zu sein und den Adoptiveltern gegenüber dankbar für die eigene Rettung sein zu müssen. Also entscheidet sich das Kind, sein "Anderssein", seine herkunftsbedingten Gefühle und Empfindungen abzuspalten.

Gibt es hier Unterschiede zwischen Kindern, die sich optisch von ihren Adoptiveltern unterscheiden und solchen, die das nicht tun?


Heinz Münger: Wenn Kinder deutlich anders aussehen als ihre Adoptiveltern, werden sie schneller damit konfrontiert, dass sie anders sind.

Auch wenn sich Adoptiveltern die größte Mühe geben und die Geburtssprache ihres Kindes lernen oder Musik aus dem Herkunftsland hören, sich mit Sitten, Gebräuchen, Kochrezepten und vielem mehr auseinander setzen, so bleiben diese Bemühungen doch an der Oberfläche. Das heißt, dass die Eltern diese Kultur deswegen nicht selbst repräsentieren oder Vorbilder sein können, wie diese gelebt wird. Macht es trotzdem Sinn, diese "kleinen Zeichen" der Herkunftskultur zu setzen? In welcher Form sollten Eltern das tun?


Heinz Münger: Ich glaube, dass es sehr viel Sinn macht, diese Zeichen zu setzen. Wenn als Adoptiveltern das Interesse, die Bereicherung und Ergänzung durch die Auseinandersetzung mit der anderen Kultur im Vordergrund steht, zeigt dies dem Kind, dass es den Adoptiveltern nicht darum geht, das Kind zu ihrem "eigenen leiblichen" Kind zu machen, sondern es in seiner "Fremdheit" zu schätzen und es als wertvolle Erweiterung des eigenen Lebenshorizonts zu sehen. So kann sich das Kind in seiner Eigenheit wertvoll fühlen.
Ein eigenes, leibliches Kind, welches viele "bekannte" Eigenschaften durch die Blut-, Sippen- und Kulturverwandtschaft mitbringt und dadurch den Eltern viel vertrauter und näher steht, ist etwas völlig anderes, als ein adoptiertes Kind.
Die Motivation einer Adoption sollte zuvor genau geklärt werden. Falls sie aus einer Kinderlosigkeit besteht, muss der Trauerprozess durchlebt werden, keine eigenen Kinder bekommen zu können. In meiner Arbeit mit "schwierigen" Adoptivkindern habe ich erfahren, dass Eltern aus ihrer inneren Verzweiflung über die ungewollte Kinderlosigkeit mit enormem Aufwand Kinder zu adoptieren suchten, sich aber später nicht mehr erinnern, dass dies ihr Bedürfnis und ihre Kompensation war. Manchmal drehen die Adoptiveltern dann den Spiess um und denken, die Kinder müssten doch für die Adoption und dafür, dass sie "gerettet wurden", dankbar sein.

Meines Erachtens ist es sehr wichtig, einem Kind aus einer anderen Kultur beide Kulturen zu vermitteln. Dazu gehört die klare Vermittlung der Kultur, in der es jetzt lebt. Identität entsteht für ein Adoptivkind durch Klarheit, Wahrheit, Ehrlichkeit und Orientierung in allen Ebenen, sodass es sich mit allen Einflüssen auseinander setzten kann, die es geprägt haben. Es ist wichtig, so viel wie möglich von der Geschichte des Kindes zu wissen und ihm diese immer wieder zu vermitteln. Ich bin überzeugt, dass selbst eine traumatische Biographie des Kindes viele Ressourcen beinhaltet. Es ist jedoch für das Kind ebenso wichtig, die Geschichte der Adoptivfamilie, ihrer Sippschaft und ihrer Kultur zu kennen und die Unterschiede zu verstehen. Dies ist ein fortlaufender Prozess, welcher dem Alter des Kindes entsprechend immer wieder angegangen werden muss.
Ich würde Adoptiveltern auch empfehlen, möglichst selbst und gemeinsam mit dem Kind längere Zeit in der Herkunftskultur des Kindes zu leben und dem Kind immer wieder zu ermöglichen, mit Menschen aus seiner Kultur in Kontakt zu sein.

Sie haben in einem Interview Pflegekinder aus anderen Kulturen mit AusländerInnen der zweiten Generation, sogenannten Secondos verglichen, die nicht genau wissen, wohin sie gehören und von beiden Seiten vorrangig mit negativen Klischees konfrontiert werden. Ist dieser Vergleich auch auf Auslandsadoptivkinder übertragbar und wo liegen die Unterschiede?


Heinz Münger: Der Vergleich ist sicher übertragbar. Die zentralen Fragen: "Wer bin ich? Welches sind meine Wurzeln?" sind für Adoptivkinder noch schwieriger zu klären, denn Secondis haben oft noch intensive Bezüge zur Herkunftskultur. Die innere Zerrissenheit und Unsicherheit kann dann noch weniger eingeordnet werden.

Fragen der Herkunftskultur und ihrer Integration sind kaum ein Thema in den mir bekannten Vorbereitungsveranstaltungen für Adoptivwerber, weil diese Kurse zumeist für Inlands- und Auslandsadoptivwerber gemeinsam veranstaltet werden. Halten Sie das für ein Manko? Welche Gedanken sollten sich Adoptivwerber im Vorfeld einer Auslandsadoption zur Herkunftskultur ihres Kindes machen?


Heinz Münger: Das Thema der Identität eines Adoptivkindes, ob aus dem In- oder Ausland, ist ein sehr wichtiges Thema. Auch im Inland sind die "Familienkulturen" (Schichtzugehörigkeit, Familiensysteme et cetera), aus denen die Adoptivkinder kommen, oft sehr verschieden von denjenigen der Adoptiveltern. Die Auseinadersetzung damit ist in beiden Fällen notwendig. Das Bewusstsein, dass ein adoptiertes Kind immer in einer für das Kind ursprünglich fremden Welt lebt und dass es oft aus einem völlig anderen System kommt, hilft, entstehende Themen und Probleme besser einzuordnen und dadurch hoffentlich lockerer damit umzugehen.
Zu verstehen, dass Kinder sich trotz großem Engagement der Adoptiveltern irgendwann und irgendwie fremd fühlen und eventuell auch Wut gegen die Adoptiveltern entwickeln, weil sie das Gefühl haben, ihrer Wurzeln beraubt worden zu sein, könnte viele schmerzhafte Gefühle und verletzende Handlungen verringern.
Ich glaube, dass es tiefes Verständnis und echte Liebe braucht, um der schwierigen Aufgabe einer Adoption gewachsen zu sein. Es genügt nicht, den oft schwerst vernachlässigten Kindern Nahrung, medizinische Betreuung und emotionale Geborgenheit zu geben. Dies ist erst der erste Schritt. Als zweiter Schritt kommt die Konfrontation mit den oft enormen traumatischen pränatalen und frühkindlichen Erlebnissen und Erfahrungen dieser Kinder. Diese bewirken manchmal starke unkontrollierbare Ängste und Aggressionen, sowie massive Übertragungen auf die Adoptiveltern. Auch darauf müssen Adoptivwerber vorbereitet und für den Umgang damit geschult werden. Als dritter Schritt kommt die Vorbereitung auf die Bedeutung der familiären und kulturellen Identitätsfindung, sowie auf die Erfahrung, dass es für jedes Kind wichtig ist, in seiner Einmaligkeit und Unabhängigkeit wahrgenommen zu werden. Ich bin der Meinung, dass genau so, wie die physische Entwicklung eines Kindes "vorprogrammiert" ist, auch die "Entwicklungslinie" der Psyche durch die Anlage und Vererbung (dazu gehören auch die Sippe und Kultur der Herkunft des Kindes) in manchen Grundzügen ausgerichtet ist. Die Eltern oder Adoptiveltern und die Umgebung beeinflussen durch ihr Verhalten die physische und psychische Entwicklung des Kindes. Wenn aber die Einflüsse von außen der inneren Entwicklungslinie nicht zumindest teilweise entsprechen, so kann es zu massiven Problemen kommen. Daher ist es sehr wichtig, sich als Adoptiveltern mit dem anderen seelischen "Betriebssystem" auseinander zu setzen, auch wenn man es wahrscheinlich nie ganz verstehen kann. Auch dies gehört meiner Meinung nach zu einer guten Vorbereitung für Adoptiveltern.
Erst wenn dann immer noch ein Adoptionswunsch besteht und klar ist, dass die Kinder meistens nicht gefragt werden oder gefragt werden können, ob sie diesen Schritt auch wollen, - und die Entwurzelung aus der Heimat darf in keinem Fall unterschätzt werden -, sollten die rechtlichen und behördlichen Fragen angegangen werden.

Herr Münger, herzlichen Dank für dieses Interview!


Heinz Münger ( Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ) ist fachlicher Leiter des Vereins heilpädagogischer Großfamilien in der Ostschweiz (VHPG). Seit rund 30 Jahren arbeitet der Psychologe und Familientherapeut in der Fremdplatzierung von Kindern. Unter anderem hat er sieben Jahre mit kriegstraumatisierten Flüchtlingskindern und deren Familien gearbeitet. Er hat die Ausbildung zur qualifizierten Erziehung von Pflegekindern aufgebaut, die der VHPG zusammen mit der Pflegekinder-Aktion Schweiz anbietet.