Afrikanerin UND Deutsche zu sein gibt mir mehr Kraft

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. | Drucken |



Miriam Seite, adoptierte Äthiopierin, berichtet adoptionsberatung.at über ihr Leben und ihre Erfahrungen in Deutschland



Frau Seite, Sie wurden 1988 in Addis-Abeba, Äthiopien, geboren und als einjähriges Kind von einem deutschen Ehepaar adoptiert. Können Sie uns ein wenig über Ihre Adoptionsgeschichte und Ihre Kindheit in Deutschland erzählen?


Man sagt, dass ich von meiner leiblichen Mutter bei einer Familie abgegeben wurde. Diese hat mich dann zu einer anderen Familie gebracht, welche mich schließlich ins Kinderheim gab. Dort habe ich etwa ein Jahr gelebt und wurde danach nach Deutschland adoptiert.

Zu meiner Adoptivmutter habe ich keinen Kontakt mehr. Nach der Trennung meiner Eltern bin ich mit damals elf Jahren zu meinem Adoptivvater gezogen. Ich habe noch einen jüngeren Bruder, der das leibliche Kind meiner Adoptiveltern ist. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zueinander und wissen, was wir aneinander haben, auch wenn wir uns früher gehasst haben. Er ist mein Bruder, ich bin seine Schwester. Wir können einander viel geben, da wir völlig verschieden sind.

Meine Kindheit in Deutschland habe ich sehr positiv erlebt. Letztes Jahr hatten wir eine Podiumsdiskussion mit Afroamerikanern und Afrodeutschen, wo ich andere junge Leute kennenlernte, die in Deutschland negative Erfahrungen gemacht haben. Viele mussten rassistische Äußerungen hinnehmen. Es ist sicher schwieriger mit sieben oder acht Jahren nach Deutschland zu ziehen als hier von frühester Kindheit an aufzuwachsen.

Können Sie sich noch erinnern wann Sie das erste Mal bewusst wahrgenommen haben, dass Sie adoptiert worden sind. Wie haben Sie das erlebt?


Mir war mein Anderssein eigentlich immer bewusst, da in meiner ganzen Familie alle hellhäutig sind. Ich habe bereits im Kindergarten wahrgenommen, dass ich ganz anders aussehe wie die anderen Kinder. Ich bin damit aufgewachsen und daher gab es nicht wirklich einen bestimmten Moment. Erst als ich älter wurde und die Außenwelt mich auf meine Andersartigkeit angesprochen hat, begann ich darüber nachzudenken.

Hat sich Ihre Einstellung gegenüber der eigenen Adoption mit den Jahren verändert?


Im Laufe der Jahre hat sich meine Einstellung verändert. Ich habe mir immer wieder die Frage gestellt, ob mir Deutschland oder Afrika näher ist und wo meine Wurzeln liegen. Ich möchte auch einmal nach Äthiopien fahren und das Kinderheim besuchen, in dem ich gelebt habe.

Allerdings wird sich eine Spurensuche sehr schwierig gestalten. Ich hatte bereits mit einer Dame Kontakt, die in dem Kinderheim in Addis Abeba arbeitet. Sie sagte mir, dass es sehr unwahrscheinlich sein wird etwas herauszufinden, da meine Adoption schon sehr lange zurück liegt. Es gibt keine konkreten Angaben, keinen genauen Geburtstag und man weiß auch den Familiennamen meiner leiblichen Mutter nicht. Eventuell bestünde die Möglichkeit, über einen Rechtsanwalt andere Familienangehörige zu finden.

Den eigenen Geburtstag nicht genau zu kennen betrifft viele Adoptierte aus dem Ausland. Wie geht es Ihnen damit?


Es wäre schon schön, meinen echten Geburtstag zu wissen. Doch auf der anderen Seite finde ich es bedeutsamer, eine Identität zu haben. Wichtig ist, dass man einen Tag hat, an dem der Geburtstag gefeiert wird und an dem ganz viele Menschen an einen denken. Ich konnte zum Zeitpunkt meiner Adoption krabbeln und lernte gerade laufen, daher konnte mein Alter ungefähr eingeschätzt werden.

Einige aus dem Ausland adoptierte Erwachsene empfinden weder eine volle Zugehörigkeit zu dem Land, in dem sie groß geworden sind, noch zu ihrem Geburtsland. Wie würden Sie das bei Ihnen einschätzen? Sehen Sie hier Parallelen zu Einwanderern, die in einem anderen Zusammenhang nach Deutschland gezogen sind?


Parallelen sehe ich schon. Ich bin zwar sehr deutsch, doch auf der anderen Seite sehe ich aus wie eine Afrikanerin. Ich bin eben dunkelhäutig, doch ich sehe die Nachfragen immer sehr positiv. In einer so globalen und multikulturellen Welt ist es wichtig offen zu sein.

Ich war in Tansania und in Simbabwe, das ist jetzt aber auch schon einige Jahre her. Menschen, welche dreißig Jahre in Rumänien oder Russland oder auch in Afrika gelebt haben und dann nach Deutschland kommen, haben natürlich einen Akzent. Ich habe keinen Akzent, spreche perfekt deutsch, habe hier den Kindergarten und die Schule besucht, meinen Abschluss gemacht. Ich sehe anders aus und habe eine andere Identität. Manchmal wird auch noch extra auf meine Hautfarbe hingewiesen und vermutet, dass ich ja, nachdem ich dunkelhäutig bin, wahrscheinlich gut tanzen könne.

Hat Rassismus je eine Rolle in Ihrem Leben gespielt?


Bei mir ganz persönlich nur ein wenig, aber nicht sehr. Ich kenne auch keine richtig ausländerfeindlichen Leute. Es gab jedoch eine Zeit, da hatte ich eine Freundin aus Jugoslawien, die hatte mehr damit zu kämpfen. Allerdings ist mir schon bewusst, dass ich hier gerade im Osten Deutschlands lebe, doch persönlich angegriffen wurde ich nie.

Auch als ich mich mit meine Nachbarn unterhalten habe, merkten diese, dass ich zwar schwarz bin, aber eben eine Deutsche. Oft scheint es auch eine Sache der Ausstrahlung zu sein, ob man eher selbstbewusst oder schüchtern wahrgenommen wird.

Kinder anderer Ethnien, die adoptiert oder "mixed-race" sind berichten, dass ihre weißen Elternteile keinen Zugang oder keine Vorstellung davon haben, was Nicht-Weiße diesbezüglich erleben können. Teilen Sie diese Erfahrung?


Ich habe es von anderer Seite erlebt. Ich habe mit meiner weißen Freundin Afrika bereist. Auf dieser Reise haben wir auch Leute auf dem Land besucht und dort hat sie sich oft gefühlt wie eine Außerirdische. Durch diese Erlebnisse konnte sie besser verstehen, wie ich mich in Deutschland in dem Bewusstsein fühle, anders zu sein als die anderen. Auch meine Mutter machte ähnliche Erfahrungen, als ich mit ihr in Afrika war.

Doch auch in Afrika wurde mir gesagt, dass ich anders sei. Auch dort habe ich meine Konflikte. Zum Beispiel kann ich keinen weißen Mann heiraten, da dort gesagt wird, dass ich als Afrikanerin einen Afrikaner zu heiraten habe. Allerdings sind die Afrikaner doch sehr stolz auf jene, welche in Europa leben können und wünschen sich, dass diese zurückkommen und in Afrika etwas bewegen.

Mir ist sehr bewusst was es heißt, sich von anderen zu unterscheiden, unter anderem auch durch meinen weißen Stiefbruder. Durch meine Erlebnisse kann ich darüber reden - so wie in diesem Interview - und anderen Personen damit vielleicht weiterhelfen. Es hat also auch was Gutes.

Sehen Sie sich mehr als Deutsche oder mehr als Äthiopierin? Welche Rolle spielt für sie die kulturelle Identität?


Meine Hautfarbe ist zwar eine andere, dennoch kann ich mich im Unterschied zu Frauen mit Kopftüchern, welche nur arabisch sprechen, besser einfügen. Mein nicht-deutsches Aussehen ist eben ein Teil von mir.

Meine Erfahrungen waren sehr positiv, auch als ich in Afrika war. Wir hatten vor kurzem ein Projekt mit Afrikanern aus dem Kongo und diese Kontakte haben mir persönlich viel gebracht. Ich habe viele Freunde die sind halb Afrikaner und halb Amerikaner. Wichtig ist zu wissen, dass die Welt multikulturell ist, egal woher du kommst.

Sonntags habe ich mehrmals den afrikanischen Gottesdienst besucht. Es ist dort alles sehr locker, die Kinder laufen herum und es werden Gospels gesungen. Für mich war hier ein sehr großer Unterschied zu deutschen Gottesdiensten zu spüren. Doch das waren so ziemlich die einzigen Berührungspunkte mit afrikanischer Kultur in Deutschland.

Mir ist klar, dass ich eine andere Herkunft habe und bin dennoch der Meinung, dass die positiven Seiten überwiegen. Es ist kein Vorteil ohne einen Nachteil, doch im Großen und Ganzen gibt es mir mehr Kraft Afrikanerin UND Deutsche zu sein.

Was würden Sie Eltern von Adoptivkindern aus dem Ausland raten? In welchen Bereichen sollten diese ihre Kinder nach Ihrer Erfahrung besonders unterstützen?


Ich konnte offen mit meinem Vater über meine Adoption sprechen. Er hat von sich aus angeboten, mit mir die Adoptionsunterlagen durchzusehen und mir seine Hilfe bei Nachforschungen zugesagt. Man kann nicht allgemein sagen, wenn man adoptiert ist, braucht man diese oder jene Hilfe. Die Kunst ist, einerseits nicht loszulassen und andererseits das Thema Adoption nicht zu sehr aufzudrängen. Manche Eltern denken, sie müssen ihrem Kind geben, was sie ihm genommen haben. Als Adoptierte durchlebt man einen sehr sehr langsamen inneren Reifeprozess. Irgendwo steckt noch jemand anderer in einem.

Ich habe einen adoptierten Freund, der kann gar nicht über seine Adoption reden, nicht einmal mit mir. Er blockt total ab, dabei wurde er mit sieben Wochen adoptiert und hat eine Geburtsurkunde. Er hätte die Chance seine leiblichen Eltern zu finden. Ich kann mich mittlerweile weiter öffnen und auch über meine Geschichte sprechen, aber ich würde dennoch nicht Eltern etwas raten wollen. Vielleicht sollte man bei Schwierigkeiten nicht gleich zum Psychologen rennen oder das Kind dazu drängen, alles in die Außenwelt zum Therapeuten zu tragen. Mit zehn oder elf Jahren war ich bei einem Psychologen und bei einer Familienaufstellung. Das war alles viel zu viel für mich. Meine Eltern schickten mich zu einem Psychologen damit ich das aufarbeitete, was sie mir aufgedrängt haben.

Was mir immer sehr geholfen hat, waren Leute, die zu mir gehalten haben. Als ich älter wurde konnte ich durch diese Stärke, die ich in jungen Jahren erfahren hatte, auch leichter durch schwierigere Lebensphasen gehen. Vielleicht wäre es empfehlenswert einem Kind, welches mit Fragen aus dem Kindergarten oder der Schule heimkommt, diese Fragen nicht sofort zu beantworten, sondern dem Kind die Zeit zu geben, selbst darüber nachzudenken und selbst eine Antwort zu finden. Es ist die Frage, ob sich das Kind mit den Antworten überhaupt zufriedengibt, ob es damit etwas anfangen kannst. Im Nachhinein denke ich, oft habe ich eine unpassende Antwort bekommen. Auf die Frage "Warum bin ich so anders?" wäre es schön gewesen, die Antwort zu hören, du bist etwas Besonderes und in diesem Bewusstsein aufzuwachsen und nicht nur zu hören, du bist eben anders als die anderen Kinder.

Ich habe immer gedacht anders zu sein sei etwas Schlechtes. Ich habe mich oft sehr allein gefühlt, da ich kein Geschwister mit einer ähnlichen Geschichte hatte. Deshalb bin ich auch oft gekränkt und verschlossen.

In der Pubertät hieß es, ich sei so schwierig und käme mit meiner Vergangenheit nicht klar. Nun bin ich älter, und komme ganz gut damit zurecht, adoptiert zu sein.

Abschließend würde mich Ihre persönliche Einstellung zu Auslandsadoptionen interessieren. Halten Sie Auslandsadoptionen grundsätzlich für eine positive Einrichtung? Was sollten Adoptivwerber bereits im Vorfeld besonders gründlich überdenken? In welchen Bereichen hätten Sie Verbesserungsvorschläge?


Für das Kind ist es meiner Ansicht nach egal, ob es aus dem Ausland oder aus Deutschland stammt. Doch für die Adoptiveltern ist es sehr hart. Gerade in Afrika, Asien oder Südamerika haben viele Leute kein Geld, ein Kind jahrelang aufzuziehen. Es ist auch in Deutschland irrsinnig teuer, egal ob du ein eigenes hast oder ein adoptiertes, und es erfordert vor allem sehr viel Kraft.

Es gibt Leute, die kein eigenes Kind bekommen können und dann ein Kind adoptieren, weil man eben ein Kind braucht. Auf der anderen Seite adoptieren viele Paare mit leiblichen Kindern dann auch noch ein Kind. Ich würde es aber nicht jedem raten. Es gibt sicherlich genügend Eltern, die nicht damit klarkommen oder überfordert sind. Und es gibt Kinder, die sehr viel Stress machen, weil sie es nicht bewältigen, dass sie anders sind. Die wollen vielleicht gar nicht in Deutschland sein, möchten eigentlich in Afrika leben und dort aufwachsen. Es ist oftmals gerade in der Pubertät, aber auch danach oder davor sehr schwierig.

Sehr negativ finde ich die Medienberichterstattung betreffend Angelina Jolie und Madonna. Hier wird Adoption sehr kommerziell dargestellt. So nach dem Motto: Wir packen einmal schnell ein Kind ein und müssen keine Papiere unterschreiben. Davon halte ich nichts, doch trotzdem finde ich gut, dass Prominente Kinder adoptieren. Die Kinder haben eine Chance und sie werden dadurch Teil einer multikulturellen Familie und nicht alleine gelassen.

Soweit ich weiß, ist es sehr schwierig ein Kind zu adoptieren. Es werden viele Unterlagen gefordert und die Wartezeit ist sehr lang. Es ist hart sich offen die möglichen Schwierigkeiten einzugestehen und sich trotzdem auf das Kind zu freuen. Ich habe allerdings nie so schlechte Erfahrungen gemacht, dass ich jetzt Eltern etwas mitgeben müsste. Erstmal sollten sich die Eltern auf das Kind freuen. Sich darauf freuen, dem Kind eine andere Welt zu zeigen und dann zu dem Kind stehen, auch wenn Probleme auftauchen. Es kann gar nicht so viel schief laufen.

Würden Sie selbst ein Kind aus dem Ausland adoptieren?


Das würde ich schon, aber ich muss ganz ehrlich sagen, zuerst würde ich gerne ein oder zwei leibliche Kinder haben. Die Möglichkeit in der eigenen Familie, im eigenen Haus jemanden zu haben der einem ähnlich ist, wäre mir wichtig. Mein Stammbaum ist leider verlorengegangen, daher würde ich sehr gerne einen pflanzen, damit sich meine Kinder nicht so verloren fühlen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Eva Wolfart.