Wie Schulkinder ihre Adoption erleben (IV)

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Nach dem Buch „Being Adopted. The Lifelong Search for Self“ (Adoptiert sein – die lebenslange Suche nach dem Ich) von David M. Brodzinsky, Marshall D. Schechter und Robin Marantz.
Teil 4 von Jutta Eigner

 

Im vierten Teil der Zusammenfassung nach dem Buch „Being Adopted. The Lifelong Search for Self“ geht es um das „mittlere Kindesalter“. Gemeint ist das Alter zwischen sechs und zwölf Jahren. In dieser Zeit – so formulieren es die Autoren Brodzinsky, Schechter und Marantz Henig – wird ein Kind zu einem „Bürger dieser Welt“. Es hat bedeutsame emotionale Beziehungen zu Menschen außerhalb der eigenen Familie, zu Freunden, Lehrern oder Trainern und sein Universum beginnt und endet nicht länger im engsten Familienkreis. In diesem Alter entwickelt ein Kind seinen eigenen Intellekt, die Fähigkeiten, Rückschlüsse zu ziehen und sich Dinge vorzustellen sowie die Kapazitäten für logisches Denken. Beziehungen unter Gleichaltrigen werden wichtig. Das Kind will nichts mehr, als Teil seiner Gruppe und genau so wie die anderen sein. Gibt es aus irgendwelchen Gründen Unterschiede zwischen dem Kind und der Mehrheit seiner Altersgenossen/innen oder wird es sogar Gegenstand von Hänseleien, kann es sich deshalb als ganze Person absonderlich oder seltsam fühlen.


Auch die körperliche Entwicklung spielt in diesen Jahren eine wichtige Rolle. Zwischen fünf und sieben Jahren erlebt das Gehirn eine wichtige Reifung, die die Grundlage für das Entstehen eines anspruchsvolleren Denkens legt. Auch die Muskeln, die die Grob- und Feinmotorik kontrollieren, wachsen. Das ermöglicht Aktivitäten wie Eis laufen, Roller skaten oder das Erlernen eines Musikinstruments. All das sind Fähigkeiten, die ein positives Selbstbild unterstützten. Mit etwa sieben Jahren beginnen Mädchen und mit etwa neun Jahren Burschen größere Mengen von Sex-Hormonen zu produzieren. Mit den Hormonen entwickelt sich die Sexualität, was ein Wachstum der Brüste ebenso wie häufige Masturbation nach sich ziehen kann. Das führt zu Veränderungen im Selbstbild. Mädchen werden plötzlich schüchtern und kritischer gegenüber ihrem eigenen Körper. Jungen sehen sich unerklärlichen Gefühlen von Aggression oder sexuellen Fantasien gegenüber und müssen ebenfalls ein neues Selbstbild entwickeln.

Die mittlere Kindheit ist oftmals die Zeit, in der Kinder ihre Adoption erstmals als problematisch ansehen. Sie beginnen darüber nachzudenken, was Adoptiert-Sein bedeutet. Das kann Verwirrung oder das Gefühl mit sich bringen, anders und absonderlich zu sein. Gleichzeitig entdeckt das Kind aufgrund seiner wachsenden Fähigkeit zu logischem Denken auch die Rückseite seiner geliebten Adoptionsgeschichte – dass man, um „erwählt“ zu werden, zuerst einmal fort gegeben werden muss.

Das Selbstgefühl (S. 62-65)


Zwei Dinge entstehen im Alter zwischen 6 und 12 Jahren: das Selbstkonzept, d.h. das geistige Bewusstsein von einem Selbst als einzigartigem Wesen und das Selbstwertgefühl, d.h. das Ausmaß in dem das Kind diese Einzigartigkeit schätzt.

Schulkinder spielen im SchneeBrodzinsky et al. zitieren in diesem Zusammenhang John Broughtman von der Columbia University, der zwischen zwei Ebenen der Eigenwahrnehmung unterscheidet. Kinder unter acht Jahren verwenden zur Unterscheidung von anderen konkrete Definitionen mit Schwerpunkt auf Geschlecht, Größe, Erscheinung, Besitz und körperliche Aktivitäten, z.B. das Kind ist blond und hat ein Fahrrad ohne Stützräder.

Kinder über acht Jahre beginnen, Unterschiede zwischen Körper und Geist zu machen. Sie unterscheiden zwischen dem, was sie denken und dem, was sie tun; zwischen Besitz und Persönlichkeit. Die Selbstkonzepte werden weniger konkret und stattdessen selbstreflexiver („Ich kann nicht besonders gut lesen, aber die Kinder mögen mich, weil ich wirklich gut Basketball spiele, viele Scherze mache und die anderen zum Lachen bringe“).

Adoptiert-Sein kann in dieser Altersspanne die Entwicklung des eigenen Selbstbildes und der eigenen Selbstachtung verkomplizieren, was außerdem verstärkt wird, wenn der/die Adoptierte nicht wie seine Eltern aussieht. Das Bewusstsein für die Hautfarbe, das in den Vorschuljahren erstmals auftritt, wird in den frühen Volksschuljahren verfeinert. Sich täglich in den Spiegel zu sehen und ganz andere Gesichtszüge zu sehen, als wenn man die eigene Familie betrachtet, kann vor allem für Kinder unter acht Jahren unangenehm sein, die sich noch in konkreten Begriffen definieren.

James, 6 Jahre, beschäftigte sich im letzten Jahr sehr intensiv mit seiner äußeren Erscheinung. Im Kindergarten hatte er bemerkt, dass schwarze Kinder in der Regel auch schwarze Eltern haben. Nun fragte er seine Mutter „Bin ich schwarz oder weiß?“ Er erklärte ihr, dass schwarze Kinder eine schwarze Hautfarbe und weiße Kinder eine weiße Hautfarbe haben. Er aber habe eine schwarze Hautfarbe und weiße Eltern. Seine Mutter erzählte ihm wieder von seiner Adoption und dass seine leiblichen Eltern schwarz, seine Adoptivmama und sein Adoptivpapa aber weiß seien. „Ich weiß das“ antwortete James, „aber ich weiß nicht, ob ich schwarz oder weiß sein soll.“ (S. 64)

Wenn Adoptierte älter und differenzierter in ihrer Selbstbeschreibung werden, wird ihnen bewusster, dass sie adoptiert worden sind und wie sehr dieser spezifische Familienstatus Teil ihrer wachsenden Selbstdefinition ist. Elisabeth, 9 Jahre, beschreibt das so: „Ich weiß, es ist ein Teil von mir, dass ich adoptiert wurde. Wenn Leute sich über mich erkundigen und etwas über mich wissen wollen, kommt mir in den Sinn, dass ich adoptiert worden bin… Manchmal sage ich es und manchmal nicht.“ (S. 64)

Nicht alle können den Umstand positiv in ihr Selbstkonzept integrieren. Conner, ein extrem kluger Siebenjähriger erklärt: „Ich hasse es, adoptiert worden zu sein. Ich fühle mich deswegen anders und ich hasse das. Ich möchte nur wie alle anderen sein… Ich möchte, dass meine Eltern meine echten Eltern sind. Adoptiert sein ist wie bestraft werden.“ (S. 64)

Für wieder andere Kinder bietet die Adoption viel Trost, denn es bedeutet, in Sicherheit zu sein. So ist es für Alicia, die 5 Jahre in Pflege gelebt hat, ehe sie im Alter von 10 Jahren in ihre Adoptivfamilie kam. „Ich denke von mir selbst als jemand, die adoptiert worden ist. Das ist besser, als über sich selbst als Pflegekind zu denken. Adoptiert sein bedeutet „für immer“, dass deine Eltern dich lieben werden, dich nicht weg schicken werden, dir nicht wehtun werden, wie mir das früher passiert ist. Ich bin jetzt adoptiert und das fühlt sich gut an.“ (S. 65)

Selbstachtung und ein Gefühl von Kontrolle (S. 65- 67)


Die Bedeutung der Selbstachtung für die psychologische Entwicklung ist schon vielfach untersucht worden. Brodzinsky et al. führen eine bereits „klassisch“ gewordene Studie von Stanley Coopersmith an, die besagt, dass Burschen im Schulalter mit hohem Selbstwertgefühl gleichzeitig auch unabhängiger, kreativer, durchsetzungsfähiger, sozial offener, beliebter und zuversichtlicher waren, als Burschen mit niederem Selbstwertgefühl. Coopersmith konnte auch eine Reihe von Faktoren aus dem Elternhaus heraus arbeiten, die das Selbstwertgefühl fördern: Mütter von Burschen mit hohem Selbstwert stellten sich als akzeptierender und liebevoller ihren Kindern gegenüber heraus. Sie interessierten sich für die Aktivitäten und Freunde des Kindes; sie waren aufmerksamer und setzten klare Grenzen beim Verhalten. Sie setzten ihre Regeln auf eine bestimmte, eindeutige Weise durch und bestraften ihre Kinder eher, indem sie Privilegien entzogen, als indem sie körperlich straften oder dem Kind Aufmerksamkeit entzogen. Sie erlaubten Kindern einen größeren individuellen Ausdruck inklusive Mitsprache bei Familienplänen oder dem Festlegen der eigenen Schlafenszeiten.

Nach Erik Erikson entwickelt sich das Selbstwertgefühl eines Kindes während der Schuljahre im Ringen zwischen „Werksinn“ und „Minderwertigkeitsgefühl“ (siehe Tabelle in Teil 1 der Zusammenfassung). Damit Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren ein gesundes Gefühl für sich selbst entwickeln, müssen sie einen Sinn für Kontrolle entwickeln. Bei uns ist damit in der Regel gemeint, dass Kinder zur Schule gehen, wo sie lesen, schreiben, rechnen und den Computer benutzen lernen. Außerdem erwerben sie nicht-schulische Fertigkeiten: sie betreiben Sport, spielen ein Musikinstrument oder nehmen an einer Pfadfindergruppe teil. Je öfter ein Kind sagen kann „Ich kann das“ oder „Ich verstehe das“, umso selbstbewusster wird es sein. Umgekehrt fühlt es sich umso minderwertiger, je mehr Fehlschläge es erlebt und je mehr seine Bemühungen herunter gespielt oder ignoriert werden.

Schulkinder am KinderspielplatzDieser Kampf zwischen „Werksinn“ und „Minderwertigkeit“ kann für die Eltern ebenso beunruhigend und verwirrend sein, wie für die Kinder selbst. Erstmals können die Eltern einen deutlichen Unterschied in der Anpassung ihres Kindes an seinen Adoptivstatus bemerken. Im Volksschulalter ist es üblich, dass die anfänglich positiven Gefühle der Kinder gegenüber ihrer Adoption nun einer Ambivalenz weichen. Die Idee, adoptiert zu sein, muss in das sich erweiternde Bewusstsein integriert werden. Als Brian sieben Jahre alt war, änderten sich seine Ansichten gegenüber seiner Adoption grundlegend: „Er schien eine Wandlung durchgemacht zu haben, erzählte seine Mutter. Er war nicht mehr das glückliche Kind, das ich kannte. Er sah meist traurig aus, wenn Adoption zur Sprache kam, manchmal auch zornig. Ich begann zu denken, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Vielleicht hatte er emotionale Probleme. Ich fragte mich auch, ob ich etwas falsch gemacht hätte. Hatte ich das Thema zu sehr oder zu früh forciert? Hatte ich ihn gezwungen, damit umzugehen, bevor er dazu bereit war? Ich war so verwirrt und unglücklich wie er es war.“ (S 66f)

Wie viele andere Eltern auch, schrieb Brians Mutter die Veränderung ihres Sohnes entweder dem Kind oder sich selbst zu. Was sie nicht wusste war, dass diese Veränderungen sehr verbreitet sind und als durchaus normal gelten können. Auch wenn viele positive Gefühle mit der Adoption verbunden bleiben, beginnen Schulkinder nun auch die schwierigeren und verwirrenderen Aspekte des Adoptiert-Seins zu erkennen. Damit verbunden sind Gefühle von Verlust und Anders-Sein, die sich in zeitweiliger Traurigkeit und Wut ebenso wie eine zunehmende Unsicherheit sich selbst gegenüber äußern können.

Das Wachstum des logischen Denkens (S. 67-71)


Das mittlere Kindesalter ist eine Zeit bemerkenswerten intellektuellen Wachstums. Im Alter von etwa sechs Jahren betreten Kinder nach Piaget die Phase der „konkreten Operationen“. Das Kind erwirbt konzeptuelle Fähigkeiten, die ihm erlauben, die Welt auf logische Weise zu verstehen. Das Denken des Kindes beruht aber nach wie vor auf den Dingen, die es beobachtet und es kann noch nicht mit abstrakten Prinzipien umgehen. Diese Zunahme im logischen Denken hat Auswirkungen auf so gut wie jeden Bereich im Leben des Kindes und unterstützt auch ein realistischeres Verständnis von Adoption. Im Alter von sechs bis sieben Jahren können Kinder zwischen Adoption und Geburt als unterschiedlichen Möglichkeiten unterscheiden, eine Familie zu gründen. Sie erkennen, dass zwar alle Menschen auf dieselbe Art und Weise auf die Welt kommen – nämlich indem sie geboren werden –, aber dass die meisten Kinder zu der Familie gehören, in die sie geboren wurden. Außerdem verstehen sie, dass Adoptiert-worden-sein bedeutet, zwei unterschiedliche Elternpaare zu haben.

Die siebenjährige Anna beschreibt das so: „Adoption meint, dass du aus deinen ersten Eltern kommst und dann bei deinen zweiten Eltern lebst. Die ersten haben dich gemacht und die anderen sind deine Eltern für immer. Sie müssen auf dich aufpassen und alles“. (S. 69)

Mit dem Wachsen des Verständnisses ist in der Regel auch ein Rückgang der vorrangig positiven Haltung gegenüber Adoption verbunden. Das Kind im Schulalter versucht sich erstmals spontan die Umstände seiner Geburt vorzustellen. Und es bedenkt nun auch die nicht gewählten Möglichkeiten, die seine leibliche Mutter hatte: „Wenn sie nicht wusste, wie man eine Mama ist, hätte es ihr jemand beibringen können“ sagt Carla, neun. „ Sie hätte zur Schule gehen sollen um zu lernen – dann hätte das nicht stattgefunden.
„Wenn sie nicht genug Geld hatte, mich zu behalten“
fragt Monica, acht, „warum hat sie keinen Job bekommen?“
„Ich frage mich oft, warum sie und mein erster Vater nicht geheiratet haben“, überlegt Tim, 11. Zusammen wären sie vielleicht in der Lage gewesen, mich zu behalten. Alleine war es wahrscheinlich unmöglich. Es macht mich wütend, dass mein erster Vater möglicherweise einfach gegangen ist und sich nicht genug gekümmert hat, um es zu versuchen.“ (S. 69f)

Diese einfachen Lösungen, die sich Kinder für die komplexen Probleme ihrer leiblichen Eltern überlegen, bringen die Bemühungen des Kindes zum Ausdruck, seine Abgabe zu verstehen und die Gefühle von Verwirrung und Verlust zu lösen, die mit dem Adoptiert-Sein verbunden sind.

Kinder unter sieben Jahren definieren Familie in der Regel geografisch: zur Familie gehören alle, die in einem Haushalt leben. Eine biologische Verbindung ist für die Kinder nicht erforderlich. Daher kann ein Kind in diesem Alter leicht die Versicherung der Adoptiveltern annehmen, dass sie alle Teil derselben Familie sind und das auch für immer bleiben werden. Mit sieben oder acht Jahren beginnt das Kind jedoch zu erkennen, dass Familien in der Regel durch Blutsverwandtschaft definiert werden. Wenn sie feststellen, dass sie biologisch nicht mit ihren Eltern verwandt sind, aber anderswo leibliche Eltern (und vielleicht Geschwister haben), beginnen viele adoptierte Kinder Verwirrung über ihren Status in der Familie zu empfinden.

„Es ist sonderbar, Teil von etwas zu sein, das du nicht kennst“, sagt Trevor, 10, der als Baby aus Korea adoptiert worden ist. „Als wir einen Stammbaum in der Schule zeichnen mussten, wusste ich nicht, was ich tun sollte. Ich fragte mich, ob ich meine koreanischen Eltern einschließen sollte. Ich sehe ihnen natürlich ähnlicher als meinen jetzigen Eltern.“ (S. 70)

In diesem Alter wird auch die logische Reziprozität entwickelt, d.h. wenn Sally größer als Susan ist, verstehen Kinder nun, dass Susan auch kleiner als Sally sein muss. Das sensibilisiert Kinder für den Umstand der Abgabe. Mit kleinen Kindern sprechen Eltern über Adoption, indem sie von ihrem Wunsch erzählen, ein Kind zu haben und eine Familie zu gründen. In der Regel wird aber nicht diskutiert, warum das Kind ein neues Zu Hause brauchte. Sobald die Kinder die Periode logischen Denkens erreichen, bemerken sie, dass sie – um von ihren Eltern auserwählt zu werden – davor jemand abgegeben haben muss. In dieser Zeit beginnen Kinder zu verstehen, dass Adoption nicht nur mit „Familiengründung“, sondern auch mit „Familienverlust“ zusammen hängt. Dieses Bewusstsein bildet die Grundlage für viele Anpassungsschwierigkeiten, die adoptierte Kinder in dieser Altersstufe zeigen. Im Schulalter ist unter Adoptierten ein Anstieg von psychologischen, schulischen und Verhaltensproblemen zu beobachten, die in dieser Altersgruppe gar nicht selten sind.

Trauer um die verlorene Familie (S. 71 - 76)


Wenn das Schulkind die logischen Folgen seiner Adoption versteht, beginnt es ein Gefühl von Verlust gegenüber den leiblichen Eltern und der leiblichen Familie zu entwickeln, auch wenn es diese nie gekannt hat. Der Gedanke, dass Kinder auch dann trauern, wenn sie nie Kontakt zu ihrer leiblichen Familie hatten, ist nicht für alle Menschen einfach zu verstehen: Wie kann ein Kind um etwas trauern, das es nie gekannt hat? Warum trauert das Kind sieben oder acht Jahre, nachdem der eigentliche Verlust stattgefunden hat?

Zwei Schulmädchen haben SpaßDie Antwort ist einfach: anders als Kinder, die später adoptiert worden sind, können als Baby Adoptierte ihren Verlust nicht betrauern, bevor sie nicht eine Vorstellung davon haben, was sie überhaupt verloren haben. Das können Gedanken sein, innere Bilder oder Fantasien über die leiblichen Eltern und die eigene Vergangenheit. Sobald sich diese inneren Vorstellungen entwickelt haben – ungefähr im Alter von sieben oder acht Jahren – gibt es eine Basis für Trauer. An diesem Punkt trauert das Kind nicht um einen bekannten leiblichen Elternteil, sondern um die Vorstellung oder Fantasie eines leiblichen Elternteils. Das bedeutet aber nicht, dass Kinder die bei ihrer Adoption schon älter waren auch erst in diesem Alter zu trauern beginnen. Sobald ein Kind sich emotional an eine bestimmte Person gebunden hat (was in der Regel im Altern zwischen sechs und acht Monaten passiert), wird die Trennung charakteristische Trauerreaktionen hervorrufen, z.B. Protest oder Verzweiflung. Je länger ein Kind mit seiner ersten Bindungsperson zusammen gelebt hat, umso wahrscheinlicher ist emotionaler Schmerz, wenn es gezwungen ist, sich von ihr zu trennen. Der Charakter dieses Schmerzes wird in der Regel intensiver und offensichtlicher sein, als der, der mit dem Verlust bei einer frühen Platzierung in Verbindung gebracht wird.

Curtis war von seiner Mutter getrennt worden, weil diese ihn vernachlässigte und oft allein ließ, während sie zum Einkaufen ging oder Besuche machte. Trotzdem war Curtis durchaus an seine Mutter gebunden und die Unterbringung in einer Pflegefamilie im Alter von vier Jahren war wirklich traumatisch für ihn. Er begann wieder, einzunässen, hatte häufig Albträume, weinte unbändig und verhielt sich aggressiv gegenüber den jüngeren Kindern in der Pflegefamilie. Curtis Reaktionen waren verständlich: die Beziehung zur Mutter war ausreichend gut entwickelt und zufrieden stellend, dass die Trennung von ihr eine traumatische Trauerreaktion hervorrief. (S. 72)

Die Trauer von als Baby platzierten Kindern ist in der Regel subtiler. Üblicherweise äußert sie sich nicht in Schock, tiefer Depression, unkontrollierbarem Weinen oder intensiver Wut, wie das bei akuten und traumatischen Verlusten der Fall ist. Stattdessen zeigt sich ihre Trauer durch Verwirrung, zeitweiligen Kummer, sozialen Rückzug oder periodische Ausbrüche von Frustration und Zorn.

Allerdings gibt es hier eine große Bandbreite. Für manche Kinder ist es nur ein leises Identifizieren eines Schmerzes, der mit der Adoption zu tun hat. Für andere ist der Schmerz häufig und aufwühlend. Auch die Art, wie Kinder mit dem Gefühl von Verlust umgehen, ist sehr unterschiedlich. Manche Kinder reagieren defensiv und verlassen sich auf Strategien wie Verleugnung und Vermeiden einer Konfrontation mit ihren Gefühlen. Andere sind offen und direkter, anerkennen die unterschiedlichen Gefühle, die sie über ihre Adoptiert-Sein haben und suchen häufig Gelegenheiten, darüber zu sprechen. Für wieder andere ist ihr Verlustgefühl maskiert hinter großem Zorn und zerstörerischem Verhalten. Sie sind streitlustig, oppositionell, leicht erzürnt und bedrohen ihre Umgebung gelegentlich auch körperlich. Eines dieser Kinder ist Evan, der mit elf Jahren beklagt: „Nicht einmal meine richtige Mama wollte mich.“ Kinder wie Evan fühlen sich wertlos und können sich nicht vorstellen, dass sie jemand für das, was sie sind, akzeptiert. Dies äußert sich in einer Fassade von Wut, offenem Ungehorsam und emotionaler Distanz.

Kinder leiden in unserer Gesellschaft selbstverständlich auch unter anderen Verlusten wie dem Verlust eines Elternteils durch Tod oder Scheidung. Die drei häufigsten Ursachen kindlicher Verluste – Tod, Scheidung und Adoption – haben Ähnlichkeiten, aber auch wichtige Unterschiede. Im Vergleich halten Brodzinsky et al. den Adoptionsverlust allerdings für den komplexesten. Sie erklären das so: Adoption sei ein unmittelbar tiefer greifender Verlust – das als Baby untergebrachte Kind hatkeinerlei Verbindung zu den leiblichen Eltern mehr – und einer, der schwieriger als dauerhaft zu akzeptieren sei, weil das Kind das Gefühl hat, dass eine Wiederherstellung der Beziehung zu den verlorenen Eltern zumindest im Bereich des Möglichen liegt. Diese Umstände in Verbindung mit dem Fehlen jeglicher sozialer Anerkennung der Verluste bei Adoptionen, könnten diese Lebensphase für junge Adoptierte sehr schmerzhaft machen. Oft wissen Adoptierte nicht einmal, was sie so traurig und wütend macht. Die Möglichkeit, dass diese Gefühle mit Trauer verbunden sind, ist zu abstrakt, um es zu verstehen und er/sie leidet unter ihren/seinen Emotionen, ohne ihnen einen Namen geben zu können.

Tabelle 3: Die Verluste von Kindern im Vergleich (S.74 ff.)


Allgemeingültigkeit

Scheidung: nicht allgemein, aber verbreitet
Tod: allgemein, aber nicht immer der Tod eines Elternteils
Adoption: wenig verbreitet; kann zu Gefühlen von Isolation und „Anderssein“ führen

Dauer

Scheidung: zumindest potentiell umkehrbar, wenn die Eltern sich wieder verheiraten; der Elternteil ohne Vormundschaft wird oft besucht; Wiedervereinigungsfantasien sind häufig bei Scheidungskindern
Tod: bleibend; nicht umkehrbar
Adoption: scheint potentiell umkehrbar, da die leiblichen Eltern am Leben sein könnten; Wiedervereinigungsfantasien sind häufig bei Adoptivkindern

Beziehung zum verlorenen Elternteil
Scheidung: eine lange Beziehungsgeschichte vor der Scheidung bietet dem Kind einen Vorrat an Erinnerungen, die dem Kind helfen können, mit dem Verlust ins Reine zu kommen
Tod: eine lange Beziehungsgeschichte vor dem Tod bietet dem Kind einen Vorrat an Erinnerungen, die dem Kind helfen können, mit dem Verlust ins Reine zu kommen
Adoption: keine Beziehungsgeschichte mit den leiblichen Eltern; wenig Information über sie wird von den Adoptiveltern zur Verfügung gestellt; die verlorenen Eltern bleiben oft als „Geister“ im geistigen oder emotionalen Leben von Adoptierten, die es schwer machen, mit dem Verlust ins Reine zu kommen

Freiwillige vs. unfreiwillige Umstände
Scheidung: eine freiwillige Entscheidung von der Seite zumindest eines Elternteils, die Zorn auf die Eltern und Schuld und Selbstvorwürfe des Kindes fördert
Tod: unfreiwillig, niemandem ist ein Vorwurf zu machen
Adoption: eine freiwillige Entscheidung von der Seite zumindest eines Elternteils, die Zorn auf die Eltern und Schuld und Selbstvorwürfe des Kindes fördert

Ausmaß des Verlustes
Scheidung: teilweiser Verlust eines einzelnen Elternteils
Tod: bleibender Verlust eines einzelnen Elternteils
Adoption: Verlust beider leiblicher Eltern und des erweiterten leiblichen Familienkreises; Verlust des kulturellen und genealogischen Erbes; manchmal Verlust des Sinns für Dauerhaftigkeit, für Verbundenheit zur Adoptivfamilie; für einen Selbst und den sozialen Status

Soziale Anerkennung des Verlustes
Scheidung: wenig anerkannter Verlust; wenige Rituale oder Unterstützungssysteme existieren, um dem Kind zu helfen, durch den Verlust zu kommen
Tod: allgemein anerkannt; viele Rituale und Unterstützungssysteme, die dem Kind helfen, durch den Verlust zu kommen
Adoption: wenig anerkannter Verlust; wenige Rituale oder Unterstützungssysteme existieren, um dem Kind zu helfen, durch den Verlust zu kommen

Die Familienromanfantasie (S. 76 – 79)


Ein wichtiges Entwicklungsziel für Schulkinder ist, sich eine Welt außerhalb der Familie aufzubauen. Ungefähr im Alter zwischen neun und zwölf Jahren bereitet sich das Kind auf diesen Schritt Richtung Unabhängigkeit vor, der ein Kennzeichen des Jugendalters ist. Er/sie tut das, indem er/sie sich psychologisch von der Familie entfernt. Gleichaltrige, Lehrer, Trainer, Rockstars oder Sportidole wetteifern mit den Eltern um die Aufmerksamkeit des Kindes, das sich zu einer Zeit der Kontrolle der Eltern entziehen will, in der es eigentlich noch beachtliche Unterstützung, Struktur und Führung von Seiten seiner Familie braucht.

Ein häufiges Ergebnis dieses Eltern-Kind-Konflikts ist das Auftauchen der so genannten „Familienromanfantasie“ nach Freud, die viele Kinder durchleben. Für adoptierte Kinder ist die Lösung allerdings schwieriger, weil die Fantasie zu weiten Teilen der Realität entspricht. Biologische Kinder haben in diesem Alter oft die Fantasie, dass sie heimlich adoptiert worden sind. Dies taucht häufig nach einer Konfliktphase mit den Eltern auf. Es ist der Umgang des Kindes mit dem verwirrenden Gefühl, dass es seine Eltern gleichzeitig lieben und hassen kann. Die Kinder stellen sich vor, sie würden aus einer anderen Familie kommen, die einen ganz anderen sozialen Status hat. Entweder handelt es sich um eine sehr hochgestellte und extrem privilegierte Familie, oder um eine sehr arme, tief gestellte Familie.

Die „echten“ Eltern in der Familienromanfantasie sind jedenfalls „besser“ als diejenigen, mit denen das Kind lebt. Laut Freud will das Kind den echten Vater durch einen höherwertigen ersetzen, weil es sich nach den glücklichen vergangenen Tagen sehnt, als der Vater in seinen Augen noch der edelste und stärkste Mann und die Mutter die teuerste und liebenswerteste Frau waren. Es wendet sich vom Vater ab, den es heute kennt und jenem Vater zu, an den es in den früheren Tagen seiner Kindheit geglaubt hat. Seine Fantasie sei nichts anderes als der Ausdruck des Bedauerns, dass diese glücklichen Tage vorüber sind.

Wenn sich ein zehnjähriges Kind nach einem Konflikt mit den Eltern in sein Zimmer zurückzieht, sinnt es darüber nach, wie die Eltern so gemein sein können: „Eltern müssen ihre Kinder lieben und wenn meine das nicht tun, können sie nicht die richtigen Eltern sein. Meine richtigen Eltern sind wahrscheinlich anderswo – vielleicht Könige, vielleicht Filmstars, aber sicher netter als diese beiden. Vielleicht bin ich adoptiert und sie haben mich meinen richtigen Eltern gestohlen. Eines Tages werden die richtigen Eltern kommen, mich vor diesen schrecklichen Menschen retten, die darauf bestehen, dass ich Brokkoli esse und meine Hausübungen mache…“

Das Kind versteht die Ambivalenz in der Beziehung zu den Eltern noch nicht, gibt für eine Weile seine ganze Liebe den fantasierten Eltern und richtet seinen ganzen Zorn auf Mama und Papa. Schlussendlich wird es genug reifen, um Ambivalenz in einer Beziehung zu tolerieren. Dann werden seine Gefühle für die romantischen „anderen“ Eltern sich mit den Gefühlen für die schrecklichen „echten“ Eltern vermischen und es wird verstehen, dass seine Eltern manchmal liebenswert sind und dann wieder nicht.

Für adoptierte Kinder ist diese Lösung schwieriger. Es gibt nämlich immer das mythische Paar anderer Eltern, denen alle guten Eigenschaften zugeschrieben werden können und die es dem Kind erlauben, die alltäglichen Eltern mit den schlechten Eigenschaften auszustatten.

„Ich stelle sie mir als wichtig vor“, sagt Gwen, elf, über ihre leiblichen Eltern. „Ich dachte immer, dass mein Vater eine Art Kriegsheld war, wie wenn er in den Krieg gezogen wäre, etwas Großartiges getan hätte und dann gestorben wäre… Und meine Mutter wäre vielleicht ein Model oder eine Kino-Schauspielerin, die schön war aber immer an der Arbeit und deshalb nicht auf mich aufpassen konnte… Ich weiß, das stimmt nicht, aber ich denke gerne solche Dinge. Meine jetzigen Eltern sind nett, aber manchmal tun sie Dinge, die mich wahnsinnig machen. Sie hören nicht zu, wenn ich meine Sicht der Dinge erklären will. Sie sagen mir, dass ich etwas tun soll und schreien, wenn ich es nicht sofort mache. Ich frage mich manchmal, ob meine anderen Eltern das täten.“ (S.77)

Für adoptierte Kinder – so beschreiben es die Autoren von „Being Adopted“ – unterscheidet sich das Gleichgewicht zwischen guten und schlechten Eigenschaften, die den leiblichen Eltern zugeschrieben werden von einem Adoptierten zum anderen unterscheidet und kann auch durchaus einem Wandel unterliegen. Die vorherrschende Fantasie von Adoptierten, die später ihre leiblichen Eltern suchen, scheint eine Variation des typischen Freud-Themas zu sein: sie denken an ihre Eltern als Menschen einfacher Herkunft, die aber außergewöhnlich gut und fürsorglich sind.

Die Richtung der Wut eines Kindes hängt sehr stark davon ab, wie es seine Abgabe betrachtet: Waren die leiblichen Eltern so gleichgültig, dass sie nicht einmal versucht haben, sie/ihn aufzuziehen? Oder waren die Adoptiveltern so selbstsüchtig, dass sie nicht einmal überlegt haben, ihn/sie dort zu lassen, wo er/sie hingehörte?

Kinder, die glauben, sie wurden von ihren Eltern „aufgegeben“ oder „ausgestoßen“ sind in der Regel böse auf ihre leiblichen Eltern.
„Ich hasse sie für das, was sie taten“, sagt Megan, 10. „Sie haben sich nicht genug gekümmert, um mich zu behalten. Sie haben mich einfach weggegeben, als wäre ich hässlich oder so was.“ (S.78)

Kinder, die hingegen glauben, sie wurden „gestohlen“ oder „gekauft“ sind in der Regel böse auf ihre Adoptiveltern.
„Ich denke, sie [die leiblichen Eltern] könnten mich vermissen und suchen mich vielleicht“ sagt Will, sieben. „Sie haben mich verloren, als ich klein war… Die Adoptionsleute haben mich ihnen weggenommen und gaben mich Mama und Papa, weil sie kein Baby hatten. Ich bin wütend, dass sie das taten.“

„Es ist nicht fair, dass sie mich kaufen konnten, nur weil sie mehr Geld haben“ sagt Erika, neun, „Kinder sollten bei ihren richtigen Eltern sein. Ich bin kein Spielzeug oder etwas, das man sich entscheidet zu kaufen“ (S. 79)

Und Kinder, die glauben, sie wurden zur Adoption frei gegeben, weil etwas mit ihnen nicht stimmte, sind in der Regel wütend auf sich selbst.
„Vielleicht habe ich zu viel geschrieen oder nicht richtig gegessen oder so was“, sagt Melissa, acht, „Ich denke nach wie vor, dass ich etwas falsch gemacht habe… als wäre es mein Fehler.“

Nach Freud soll die Familienromanfantasie im Jugendalter aufgelöst werden. Im Fall von adoptierten Kindern kann das aber noch viel länger dauern. Wie wir gesehen haben zeigt es sich auch manchmal in einem umgekehrten Muster, dass alle guten Eigenschaften den Adoptiveltern zugeschrieben werden. Für solche Kinder gibt es normalerweise einen weniger offenen Konflikt innerhalb der Familie, aber nicht unbedingt weniger Schmerz über das Adoptiert-Sein.

Die Suche beginnt – in der Fantasie (S. 79 - 82)


„Wir werden oft danach gefragt, wie hoch der Prozentsatz an Adoptierten ist, die ihre leiblichen Eltern suchen. Unsere Antwort erstaunt die Menschen: „Es sind 100 Prozent.“, so Brodzinsky et al. Und weiter: „Unserer Erfahrung nach beteiligen sich alle Adoptierten an einem Suchprozess. Das muss keine buchstäbliche Suche sein, aber sie ist dennoch bedeutsam. Sie beginnt, wenn das Kind erstmals fragt: „Warum ist es passiert?“ „Wer sind sie?“ „Wo sind sie jetzt?“. Diese Fragen könnten laut ausgesprochen werden oder nur in der Abgeschiedenheit für sich gestellt werden.

Phoebe, sieben Jahre, kam mit zweieinhalb in ihre Adoptivfamilie und hatte noch Erinnerungen an ihre leibliche Mutter, die sie vernachlässigt hat. Phoebe kam wegen Albträumen, Trennungsangst und einem unbändigen Appetit in Behandlung. Notizen vom ersten Gespräch belegen, wie leicht Phoebe in ihren Gedanken über Adoption von einem Extrem zum anderen schwankte. „Ich bin jetzt sehr glücklich adoptiert zu sein“ begann sie, „weil ich eine Familie habe, die mich nie verlassen wird – niemals. Sie haben es mir gesagt“ Über ihre Gedanken zur leiblichen Mutter befragt, dachte Phoebe einen Moment nach, bevor sie antwortete: „Ich bin auch über sie irgendwie glücklich, weil sie mich zu dem gemacht hat, was ich bin – niemand anderer, einfach ich. Wenn sie mich nicht gemacht hätte, würde ich nicht ich sein.“ (S. 80)

Diese Antworten zeigen, dass Phoebe ein nachdenkliches kleines Mädchen mit einem gesunden Selbstbild ist. Nach einer Weile kamen aber auch andere Gefühle an die Oberfläche.

Phoebe sagte, dass sie froh sei, nicht mehr mit der leiblichen Mutter zu leben, die viel herumgezogen sei, gestand aber ein, dass sie sie auch „irgendwie“ vermisste. „Ich wäre gerne mit ihr nach Hawaii gereist. Sie reist oft nach Hawaii.“ Wir fragten Phoebe, ob sie noch andere Gedanken über ihre Mutter hätte. „Ich frage mich, wo sie ist. Ich würde sie gerne anrufen und sagen ‚Ich bin es, deine Tochter Phoebe’ Sie würde dann vermutlich sagen: ‚Oh, ich freue mich, von dir zu hören. Komm mich in Hawaii besuchen.’ Ich würde nicht gehen wollen, weil sie mich vielleicht behalten will und ich meine Familie jetzt nicht verlassen will. Ich mag es hier… aber ich denke, ich würde meine erste Mama gerne ein bisschen sehen.“

Der Schmerz anders zu sein (S. 82 – 84)


Im mittleren Kindesalter wird es Kindern momentan bewusst, wenn etwas an ihnen „anders“ ist. Diese Andersartigkeit kann von Sommersprossen bis zum Tragen einer Zahnspange oder dem Fehlen einer Zahnspange reichen... Wenn Kinder sich aufgrund ihrer Adoption „anders“ fühlen, kann das für sie großen Stress bedeuten.

Neid und Eifersucht sind ebenfalls Emotionen, die in diesem Alter große Bedeutung haben. Auch für Nicht-Adoptierte wird ein guter Teil des psychologischen Wachstums dem Zusammenspiel von Neid und Eifersucht zugeschrieben. Laut Brodzinsky et al. sind diese Gefühle unvermeidbar für Adoptierte und treten erstmals in der mittleren Kindheit auf. Adoptierte können einfach nicht dasselbe sein wie Nicht-Adoptierte. Das kann zu Gefühlen von Neid, eingeschränktem Selbstbewusstsein und Scham bis zu emotionaler Lähmung und sozialer Entfremdung führen:

„Ich fühlte mich anders als meine Freunde, irgendwie „ohne Verbindung“ und beneidete Menschen, die biologische Familien hatten.“
„Ich beneidete immer andere Familien, die sich ähnlich sahen.“

„Ich will alle Dinge wissen, die Nicht-Adoptierte so provokant für gegeben halten. Ich empfinde, dass ich irgendwie einer lebenswichtigen Sache beraubt worden bin.“ (S. 83)

Schulkinder können außerdem gnadenlos im Umgang mit anderen Kindern sein, die auf irgendeine Art anders sind. In der Volksschule sind die Zugehörigkeiten am Spielplatz von extremer Bedeutung und alle, die sich außerhalb der „In-Gruppe“ befinden, müssen darunter leiden. Zu oft können Kinder zu Außenseitern werden, nur weil sie adoptiert worden sind.

„Manchmal sticheln die Kinder in der Schule, weil ich adoptiert worden bin.“ sagt Becky, 8 Jahre. „Wenn wir streiten, sagen sie manchmal: „Du weißt nicht einmal, wer deine Mutter ist.“ (S. 83)

„Weil ich Koreaner bin und meine Eltern nicht, weiß jeder, dass ich adoptiert worden bin“ sagt Trevor, 10. „Wenn ich manchmal in der Schule in einen Streit gerate, nennen sie mich „Schlitzauge“ und machen sich über mich lustig, weil ich adoptiert worden bin… Ich weiß dann nicht, was ich tun soll.“ (S.84)

Das resiliente Kind (S. 84 – 86)


Wenn Adoptionen so stressreich sind, warum zeigen dann nicht alle oder zumindest die meisten adoptierten Kinder ernsthafte Probleme? Dafür gibt es laut Brodzinsky et al. mehrere Gründe. Zum einen ist Adoption in der Regel kein akuter Stressfaktor. Die meisten Eltern sprechen mit ihren Kindern bereits in der Vorschulzeit über Adoption. Wenn die Kinder dann begreifen, leben sie schon eine Weile mit diesem einzigartigen Status. Sie haben sich daran gewöhnt, auch wenn sie ihn nicht voll verstanden haben. Kinder, die später in ihrer Kindheit in ihre Adoptivfamilie gekommen sind, werden mehr adoptionsspezifischen Stress erleben, ebenso wie Kinder, denen spät von ihrer Adoption erzählt worden ist.

Manche Umgebungen scheinen auch wirkungsvolle Strategien zu fördern, mit einer Adoption klar zu kommen. Dazu gehört u.a. die Anerkennung der Unterschiede zu „normalen“ Familien. Dennis erzählt: „Als ich versuchte zu verstehen, warum ich adoptiert worden bin, half es dass meine Eltern – vor allem meine Mutter – mich immer ermutigte und mich wissen ließ, dass ich alles fragen kann. Ich fühlte mich sicher, so als ob ganz gleichgültig was ich frage oder tue, z.B. meine leibliche Mutter suchen, was ich jetzt tue, meine Mutter mich akzeptieren würde.“ (S. 85)

Gwen, 11, hingegen lebt in einer Familie, die die Unterschiede zurück weist. Sie erzählt: „Ich kann meinen Eltern nicht sagen, wie ich wirklich über mein Adoptiert-Sein empfinde. Es würde sie verletzen. Sie lassen mich spüren, dass ich undankbar bin, wenn ich irgendetwas über das Adoptiert-Sein aufbringe, vor allem über meine erste Mutter. Es ist ein Geheimnis in unserer Familie. Das ist hart, vor allem weil ich manchmal ganz durcheinander bin und dabei nicht viel Hilfe bekomme.“ (S. 85)

Aber es gibt auch Kinder, die „resilient“ geboren sind. Sie haben Persönlichkeitsmerkmale, die sie in die Lage versetzen, Stressfaktoren inklusive ihrer Adoption besser zu überstehen. Sie sind ruhig, reflektiert und in der Lage, ihr Verhalten und ihre Gefühle zu kontrollieren. Sie scheinen weniger von Adoption betroffen zu sein, wie leichter erregbare, impulsivere Kinder. Auch wenn sie negative Gefühle über die Adoption nicht leugnen, finden sie gesündere Wege, sie in ein positives Selbstbild zu integrieren.

„Es ist nichts so speziell am Adoptiert-Sein“, sagt Laurel, 11. "Es ist einfach etwas, das passiert ist. Ich habe von Zeit zu Zeit über meine leiblichen Eltern nachgedacht, aber im Moment nicht so viel… Es ist nicht so eine große Sache. Ich weiß, dass sie das für manche Kinder ist, aber nicht für mich.“ (S. 85)

Natürlich ist das Leben auch für resiliente Kinder nicht immer perfekt. Viele gehen augrund ihrer Adoption auch durch Phasen von Trauer oder Wut. Was ein Kind dabei resilient macht, sind seine Bewältigungsstrategien gepaart mit einem positiven Selbstbild und der Verfügbarkeit von emotionaler Unterstützung. Die Autoren nennen Paul als Beispiel. Seit er drei oder vier Jahre alt ist hat er die bemerkenswerte Fähigkeit, über sein eigenes Verhalten nachzudenken sowie seine Gefühle und die Motive für seine Handlungen zu verstehen. Paul war immer selbstbewusst aber sehr realistisch in der Abschätzung seiner Fähigkeiten. Als er sechs wurde, begann er zu verstehen, dass Adoptiert-Sein bedeutet, dass er einmal eine andere Mutter hatte, die nicht für ihn sorgen konnte. Dieser Gedanke machte ihn seiner Mutter zufolge manchmal traurig, aber nie für lange Zeit.

„Ich erinnere mich, als ich das erste Mal über Adoption Bescheid wusste – ich war etwa vier Jahre alt.“ erzählte Paul im Alter von 8 Jahren. „Ich erinnere mich, dass ich geglaubt habe, meine erste Mama gab mich in meine Mama hinein. Das sei es, worum es bei Adoption ging. Als ich aber fünf oder sechs war, wusste ich, dass ich aus meiner ersten Mama gekommen bin aber nicht aus meiner zweiten. Es war ein komisches Gefühl, das zu wissen. Ich weiß nicht, wer sie ist. Ich war traurig, weil ich sie nicht kannte und ich wollte sehen, wie sie aussieht.“

„Manchmal werde ich noch immer traurig, aber es tut nicht zu sehr weh. Als meine Großmutter starb, war ich trauriger, ich vermute, weil ich sie mein ganzes Leben gekannt habe. Es ist schwierig richtig traurig über meine erste Mutter zu sein, wenn ich sie nicht gekannt habe, außer als ich geboren worden bin.“


„Ich denke nicht, dass Adoption ganz schlecht ist. Obwohl du deine ersten Eltern nicht kennst, bekommst du zweite Eltern, die dich lieben und das ist, was zählt.“
(S. 86)

Spezialfall „Lernstörungen“ (S. 86-89)


Bei Adoptierten ist die Diagnose „Lernstörung“ – so die Autoren von „Being Adopted“ – vier mal häufiger als bei Nicht-Adoptierten, wobei die Rate von Lernstörungen generell bei 5 - 15% der Bevölkerung im Schulalter liegt. Die am meisten verbreiteten Typen sind:

Dyslexie: Unfähigkeit zu lesen oder zu buchstabieren
Dysgraphie: Schwierigkeit, Gedanken oder Töne in geschriebene Buchstaben oder Worte zu fassen
Dyskalkulie: Schwierigkeit mit grundlegenden arithmetischen Fähigkeiten wegen der Unfähigkeit im Geist Zahlen zu bedienen
Dyskinesie: motorische Schwierigkeiten, schwache Koordination, körperliche Schwerfälligkeit
Dysphasie: Schwierigkeit zu sprechen oder zu verstehen, was gesagt wurde
Aufmerksamkeits Defizit Hyperaktivitätsstörung (ADHD): Ungewöhnliche Energie und Rastlosigkeit, kurze Aufmerksamkeitsspanne, Impulsivität, Unfähigkeit, Arbeiten abzuschließen

Weil viele Symptome verhältnismäßig subtil sind, können Lernstörungen manchmal erst erkannt werden, wenn ein Kind schon eine Weile die Schule besucht. Überhaupt werden diese Schwierigkeiten erst in der Schule zu echten Problemen. Ein Kind mit Dysgraphie hätte in einer schriftlosen Gesellschaft beispielsweise nichts zu befürchten.

Außerdem scheinen Lernschwierigkeiten mit bestimmten Problemen außerhalb des Klassenzimmers in Verbindung zu stehen. Kinder mit Lernstörungen leiden oft unter einem schwachen Selbstwertgefühl, haben Schwierigkeiten Ursache-Wirkung-Verbindungen herzustellen und zeigen Defizite in ihrem sozialen Urteilsvermögen, im Umgang mit Gleichaltrigen, in der Reife und der Fähigkeit, ihre Emotionen zu regulieren.

Die Ursachen von Lernstörungen haben wahrscheinlich sowohl biologische als auch psychologische Faktoren. Manche Faktoren sind vererbt, während andere durch ein Trauma in der Zeit vor, während oder nach der Geburt dem Nervensystem zugefügt worden sein können. Eine dritte Gruppe von Lernstörungen wird mit emotionalen Schwierigkeiten in Verbindung gebracht.

Warum, so fragen sich die Autoren, ist das Risiko für Adoptierte größer? Einige der Persönlichkeitsmerkmale, die mit Lernstörungen in Zusammenhang stehen (Impulsivität, mangelndes Urteilsvermögen, Unreife) gehen einher mit ungeplanten und unerwünschten Schwangerschaften. Junge Frauen, die ihre Kinder zur Adoption frei geben, sind durchschnittlich gefährdeter, selbst an einer Lernstörung zu leiden. Hinzu kommt, dass werdende Mütter, die ihre Schwangerschaft ignorieren, auch öfter fortfahren Alkohol zu trinken, zu rauchen oder sich schlecht zu ernähren. Diese Faktoren verstärken das Risiko einer Verletzung des Zentralnervensystems beim Kind.

Letztlich sind emotionale Probleme auch bei jenen Adoptierten wahrscheinlicher, die sich sehr stark mit ihrer Adoption beschäftigen. Auch dieser Umstand kann zu Lernproblemen führen. Während der Volksschulzeit werden manche Adoptierte überflutet von Gedanken und Emotionen, die ihre Adoption betreffen. Das macht es schwierig, sich auf etwas anderes zu konzentrieren - inklusive den Schularbeiten.

Lernschwierigkeiten können das Gefühl „anders zu sein“ verstärken und das Selbstbewusstsein untergraben: „Warum kann ich nicht lernen wie alle anderen in der Schule?“ sagt John, neun. „Ich fühle mich dumm und anders. Ich hasse es, anders zu sein; immer bin ich anders. Zuerst das Adoptiert-Sein und jetzt auch noch das.“ (S. 88)

In solchen Fällen liegt von Seiten des Kindes die Vermutung nahe, dass sie zur Adoption frei gegeben wurden, weil sie nicht klug genug waren. Auch mit den Adoptiveltern können Probleme auftauchen. Viele Adoptiveltern gehören der Mittelklasse an und sind überdurchschnittlich gut ausgebildet. Erfolg in der Schule hat in diesen Familien oft einen hohen Stellenwert.

Kinder, die spät adoptiert worden sind und international Adoptierte (S. 90f.)


Für Kinder, die zwischen 6 und 12 Jahren adoptiert worden sind, gibt es eigene Problemstellungen. Diese Kinder hatten es oft in ihren ersten Jahren schwer und wechselten von einer Pflegefamilie zur nächsten. Einige wurden vernachlässigt, missbraucht, von ihren Geschwistern getrennt etc… Viele kommen in ihre Adoptivfamilie mit einer langen Geschichte von emotionalen, akademischen und ihr Verhalten betreffenden Problemen. Diese Faktoren können die Anpassung lange und schwierig gestalten.

Peter wurde im Alter von sechs Jahren, zwei Jahre nach dem Tod seiner Mutter adoptiert. Der Vater versuchte ihn und seinen älteren Bruder groß zu ziehen, schaffte es aber nicht und gab die Kinder zur Adoption frei. Erst schien sich Peter gut einzugewöhnen. In der Nachbarschaft gab es viele Kinder seines Alters und in der Familie eine Reihe von Kusins als Spielpartner. Einen Monat nach seiner Ankunft begann Peter jedoch, sich zurückzuziehen. Er konnte nicht mehr einschlafen und hatte keinen Appetit mehr. Selbst nach fast einem Jahr schien er ein Fremder in seiner neuen Familie zu sein.

Für Adoptierte aus fremden Ländern kann diese Anpassung noch schwieriger sein. Sie haben nicht nur wichtige Menschen verloren, sondern außerdem ihr Land, ihre Kultur und ihre Sprache. Der zehnjährige Alonso war mit dreieinhalb aus Honduras adoptiert worden und wurde den Autoren vorgestellt, weil er schlafwandelte. Ein Traum haftete besonders gut in seiner Erinnerung: „Ich bin in einer fremden Stadt. Da gibt es gewundene Straßen und Alleen. Ich erkenne niemanden unter den Menschen. Ich bin halb ängstlich und halb aufgeregt. Es ist wie auf einem großen Markt, wo viele Menschen sprechen, aber ich kann sie nicht verstehen. Dann glaube ich meinen Namen zu hören, aber ich bin nicht sicher. Deswegen gehe ich dorthin, wo die Stimme herkommt. Ich scheine die Person nicht einholen zu können, die mich ruft. Ich wache verschwitzt und verunsichert auf.“ (S. 90f.)

Als Alfonso neulich nach seinem Namen gefragt wurde, sagte er stolz und verärgert zugleich, er habe ihn von seiner „echten Mutter“ bekommen. Auf die Frage, ob er ihn nicht amerikanisieren wollte, sagte er abrupt „Nein“. Und später: „Wie kann ich ihn ändern? Was ist, wenn sie mich sucht?“

Es ist schwierig für Eltern, zuzusehen, wie ihre adoptierten Kinder mit dem Schmerz ihres Adoptionsverlustes umgehen. Auch die bemühtesten Eltern können nichts tun, ihren Kindern das zu ersparen. Allerdings können sie den Prozess erleichtern, indem sie eine unterstützende, nährende Umgebung anbieten, in der die Kinder emotionale Stürme der Trauer überstehen können. Wenn Eltern die Autoren von „Being Adopted“ fragen, was sie tun können, um diese Phase leichter für ihre adoptierten Kinder zu machen, rät Brodzinsky  ihnen, für die Kinder verfügbar zu sein, ihnen zuzuhören, zu helfen, die eigenen Emotionen zu klären und zu akzeptieren, welche Gefühle auch immer es sind. Durch ihre wertfreien Antworten können Eltern ihren Kindern zeigen, dass dieses Auf und Ab normal ist, real, akzeptabel und – vorübergehend.



Being Adopted. The lifelong Search for Self. 
David M. Brodzinsky, Ph.D. 
Marshall D. Schechter, M.D. 
Robin Marantz Henig
Anchor Books, Random House, New York, 1993 
214 Seiten, Paperback

 

Lesen Sie Teil 1 der Zusammenfassung unter:
http://dev.adoptionsberatung.at/themen/adoptierte/251-wieadoptierteihreadoptionerleben.html

Lesen Sie Teil 2 der Zusammenfassung unter:
http://dev.adoptionsberatung.at/themen/adoptierte/80-wiebabysihreadoptionerleben.html

Lesen Sie Teil 3 der Zusammenfassung unter:
http://dev.adoptionsberatung.at/themen/adoptierte/261-wiekleinkinderundvorschulkinderihreadoptionerleben.html

Lesen Sie Teil 5 der Zusammenfassung unter:
http://dev.adoptionsberatung.at/themen/adoptierte/8-wiejugendlicheihreadoptionerleben.html