Wie Adoptierte ihre Adoption erleben (I)

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Nach dem Buch "Being Adopted. The Lifelong Search for Self" (Adoptiert sein - die lebenslange Suche nach dem Ich) von David M. Brodzinsky, Marshall D. Schechter und Robin Marantz.

Teil 1 von Jutta Eigner

 

 

Wie spreche ich mit meinem Kind über seine Adoption? Was wird es in welchem Alter überhaupt verstehen? Wie viel Raum soll dem Thema "Adoption" im Alltag gegeben werden - wann ist es zu viel, wann ist es zu wenig? Und wie fühlt es sich überhaupt an, mit dem Wissen groß zu werden, dass man adoptiert worden ist? Welche Fragen beschäftigen Adoptierte? Ist es immer so, dass Adoption zu mehr Schwierigkeiten vom Aufwachsen bis zum Erwachsenenalter führt oder gibt es ein Alter, ab dem der Umstand der eigenen Adoption ein für allemal als geklärt betrachtet werden kann?


Viele Adoptiveltern stellen sich diese und ähnliche Fragen und für viele ist es trotz aller inzwischen üblichen Offenheit nach wie vor nicht ganz leicht, die Adoptionsgeschichte in die Familie zu integrieren oder überhaupt zu beginnen, mit ihrem Kind darüber zu sprechen. In einer solchen Lage können die Hintergrundinformationen, die die Autoren David M. Brodzinsky, Marshall D. Schechter und Robin Marantz Henig in dem Buch "Being Adopted. The Lifelong Search for Self" (Adoptiert sein - die lebenslange Suche nach dem Selbst) zusammengestellt haben, ein guter Kompass sein, auch wenn das nicht das eigentliche Ziel des Buches ist. Als "Being Adopted" 1992 in den USA erschien, ging es weder darum, einen Ratgeber für Adoptivwerber oder -familien zu schaffen, noch überhaupt adoptionsspezifische Ratschläge zu geben. Stattdessen versucht das Buch, eine Kartographie zu schaffen, wie es sich mit dem Umstand lebt, adoptiert worden zu sein. Dabei wird von den Autoren/innen ein Model entwickelt, wie sich Menschen im Laufe ihres Lebens an diesen Umstand anpassen. Viele Adoptierte kommen selbst zu Wort und eine große Palette an möglichen Zugangsweisen wird deutlich. Im Folgenden soll versucht werden, das Buch "Being Adopted" und die wichtigsten darin enthaltenen Inhalte zusammen zu fassen. Das passiert zum einen, um dieses spannende Buch einem Personenkreis näher zu bringen, der sich nicht unbedingt der englischen Lektüre widmen möchte und, um das Buch im deutschsprachigen Raum einem größeren Kreis bekannt zu machen.

Buchtitel "Being Adopted" gliedert sich grob in vier Kapitel: 1.) das Umfeld jeder Adoption; 2.) das wachsende Verständnis von Kindern ihrer Adoption gegenüber; 3.) das sich verändernde Verständnis von Erwachsenen ihrer Adoption gegenüber und 4) ein Ausblick in die Zukunft der Adoption. Dabei ist es den Autoren/innen wichtig, die Erfahrung der Adoption aus der Sicht derer darzustellen, die tagtäglich damit leben - aus der Sicht der Adoptierten selbst. Beschrieben werden ihre bewussten und unbewussten Gedanken, Überzeugungen, Gefühle, Fantasien und Wünsche. Das Buch nimmt dabei eine Entwicklungsperspektive ein: die Erfahrung von Adoption ist wie jede andere Erfahrung nicht statisch. Sie verändert sich mit der Zeit, wie sich auch das Denken, Fühlen und Handeln verändert. Daher ist auch die Bedeutung des Adoptiert-Seins gebunden an die jeweilige Zeit und die jeweiligen Umstände und fühlt sich mit vier Jahren anders an als mit acht, sechzehn, fünfundzwanzig, vierzig oder fünfundsiebzig. Wer das Buch liest, wird feststellen, dass es hier unter Adoptierten eine sehr große Spannweite des Erlebens gibt, die von den Autor/innen als normale und gesunde Anpassung an den Umstand der Adoption verstanden wird. Das Buch enthält aber auch Geschichten von Personen, die für eine Weile keine gesunde Anpassung schafften.

Die "Suche nach dem Selbst/nach der eigenen Identität" ist ein weiteres zentrales Thema des Buches. Das Ringen um Verständnis, wer man ist, wohin man passt und wie man über sich selbst denkt, ist ein allgemeines und Teil jedes Mensch-Seins. Es handelt sich dabei nicht nur um ein Thema der Jugend, sondern um etwas, das mit der Geburt beginnt und sich bis ins hohe Alter mit vielen Höhen und Tiefen fortsetzt. Adoptierte gehen in einigen Punkten auf charakteristische Weise durch diese Suche, wobei viel Spezifisches dadurch erklärt werden kann, dass Adoption Menschen von Teilen ihrer Identität trennt. Dies führt zu einem weiteren Hauptthema des Buches, dem Verlust. Verluste sind Teil jedes Lebens - seien es kleine oder große. Jeder Verlust formt uns ebenso wie die Trauer, die ihm in der Regel folgt. Dies gilt auch für Adoptierte. Allerdings sind die Lösung des Verlustes und die Fähigkeit, diesen erfolgreich zu betrauern, für Adoptierte oft komplizierter.

Einleitung: Das Umfeld der Adoption (Seite 7 - 22)

Ist Adoption eine Lösung oder ein Risiko?


Noch vor einer Generation herrschte die Meinung vor, dass es keinen großen Unterschied macht, ob man in eine Familie geboren oder adoptiert wird. Aus der Ferne betrachtet, scheint Adoption eine gute Lösung für alle Beteiligten zu bieten. Zumeist ungewollt kinderlose Paare können die Familie leben, von der sie immer geträumt haben. Eltern, die vor einer ungeplanten und ungewollten Schwangerschaft stehen, können dieses Dilemma durch eine Adoption lösen. Und Kinder, die andernfalls ohne ein Zuhause und die nötige Kontinuität aufwachsen würden, bekommen dies in reichem Maße. Das bedeutet aber nicht, dass Adoptionen nicht eigene Komplikationen und Schwierigkeiten in sich tragen.

Die im Buch zitierten Forschungsergebnisse legen nahe, dass sich Kinder in Adoptivfamilien besser entwickeln, als in Familien, die dem Kind ambivalent gegenüber stehen, d.h. die zum Beispiel eine geplante Abtreibung nicht realisieren konnten oder das Kind ursprünglich zur Adoption freigeben wollten. Obwohl es in diesem Fall für ein Kind besser zu sein scheint, adoptiert worden zu sein, sind Adoptionen dennoch keine "perfekten" oder Folgenfreien Lösungen. Mögliche Komplikationen zu kennen, kann den Adoptierten, Eltern und Professionisten jedoch helfen, besser mit ihnen umzugehen, zumal diese meist in vorhersehbarer und verständlicher Weise im Leben eines/einer Adoptierten auftreten.

In der Regel gibt es im Säuglings-, Kleinkind- oder Vorschulalter keine adoptionsspezifischen Probleme. Wenn diese auftreten, tun sie es während der Volksschulzeit und im Jugendalter. Auch Forschungsergebnisse weisen auf keine größeren Probleme bei Kindern unter 5 bis 6 Jahren hin (wenn diese als Babys adoptiert worden sind) und die Ergebnisse sind nicht eindeutig, ob erwachsene Adoptierte (wenn sie ebenfalls als Babys adoptiert worden sind) im Vergleich mit Nicht-Adoptierten ein größeres Risiko für Probleme haben. Für Kinder zwischen 6 und 18 Jahren zeigt jedoch eine Reihe von Studien, dass Adoptiert-Sein ein Risikofaktor für bestimmte psychologische Probleme ist. Zu ihnen gehören vor allem ein niederes Selbstwertgefühl, akademische Probleme, rebellische Verhaltensweisen ("acting out") wie Aggression, Stehlen, Lügen, Hyperaktivität, oppositionelles Verhalten und Davonlaufen. Auch die Erfahrung der Autoren/innen zeigt: es gibt nicht nur eine im Verhältnis größere Zahl von Adoptierten, die professionelle Hilfe suchen - es gibt auch eine größere Zahl, die diese tatsächlich braucht. Diese größere Anfälligkeit Adoptierter für psychologische Probleme führen die Autoren/innen zu weiten Teilen auf die Verlusterfahrungen zurück, die Adoptierte erleben.

Adoptionsbedingte Verluste


"Sarah war ein völlig glückliches, gut angepasstes siebzehnjähriges Mädchen, das als Baby adoptiert worden ist. Sie wusste immer von ihrer Adoption und fühlte sich wohl und geliebt in ihrer Adoptivfamilie. Trotzdem hatte Sarah ein unbestimmtes Gefühl von Sehnsucht, etwas, das wir bei Hunderten anderen Adoptierten kennen gelernt haben.
"Manchmal fühle ich mich nicht komplett" erzählte Sarah. "Ich muss mehr wissen: Warum ist es passiert? Wie ist sie? Wer ist mein leiblicher Vater? Wie ist er? Je älter ich werde, umso wichtiger ist es, das zu wissen. Es ist manchmal ziemlich frustrierend, adoptiert zu sein."
Sarahs Gefühle sind weder abnormal noch unerwartet - der Prozess, der diese Gefühle erklärt, ist zu weiten Teilen Trauer über die Eltern, über die sie so oft nachdenkt. Eine solche Trauer ist es im Wesentlichen, die wir bei den meisten Adoptierten sehen, die - wie Sarah - einer der schwierigeren Punkte in ihrer psychologischen Entwicklung ausgesetzt sind. In der Tat glauben wir, dass viel von dem, was im Verhalten Adoptierter als pathologisch bezeichnet wird nicht viel mehr ist, als der unerkannte Ausdruck eines sich anpassenden Trauerprozesses."
(Seite11)

Für Kinder, die nach ihrem ersten Lebensjahr adoptiert worden sind, ist dieser Trauerprozess schon lange anerkannt. Wenn ein Kind bereits eine Bindung zu einer ersten Bezugsperson hatte und dann ein anderes Zuhause bekommt, ist es fast unvermeidbar, dass es ein Gefühl von Verlust erlebt. Für spät adoptierte Kinder kann der Verlust traumatisch und offenkundig sein und für das Kind starken Stress bedeuten.

Für Kinder, die bald nach der Geburt adoptiert worden sind, ist der Verlust weniger traumatisch und offensichtlich. In diesem Fall tritt er erst nach und nach ans Tageslicht, wenn das Verständnis für die eigene Adoption wächst. Adoptierte trauern dann um die Eltern, die sie nie kennen gelernt haben, aber auch um andere Bereiche, die sie durch ihre Adoption verloren haben: ihre Abstammung, eines vollständigen Gefühls der Ich-Identität oder der genealogischen Kontinuität, das Einbüßen ihres Stabilitätsgefühl (wenn ein Elternpaar sie hergeben konnte, könnte das nicht auch das andere tun?)?

Für manche Adoptierte wird diese Trauer zu einem wichtigen Faktor in ihrem Leben, für andere ist sie es nicht. Manche Adoptierte sind erdrückt von Gefühlen der Entfremdung und Trennung. Andere haben diese Gefühle gar nicht und sind stattdessen unglaublich dankbar für das liebevolle und sichere Zuhause, das ihre Eltern ihnen geboten haben. Wer die volle Seite des Glases sieht und wer die leere, wer sich eher unvollständig und verlassen und wer sich geliebt und gehegt fühlen, ist allerdings nach wie vor nicht vorhersehbar.

Die lebenslange Suche nach dem Selbst


Adoptierte empfinden Verluste in der Regel im Zusammenhang mit der Suche nach der eigenen Identität. Auch wenn Theoretiker sich nicht darüber einig sind, was "genau" das Ich ist, wird in der Regel angenommen, dass Ich-Identität die Möglichkeit der Selbstreflexion voraussetzt, d.h. nicht ohne Worte und Symbole entstehen kann.

Das Ich kann in verschiedenen Komponenten gegliedert werden: das "physische Ich" (Bewusstsein und Wahrnehmung des eigenen Körpers?), das "psychische Ich" (unsere Ansichten über unsere immateriellen Qualitäten inklusive unserer Persönlichkeit: wie wir unsere Intelligenz, unsere Fähigkeit zur Empathie, unsere Fähigkeit zur Impulskotrolle, unsere Großzügigkeit et cetera einschätzen). Das "soziale Ich" beinhaltet unsere Wahrnehmung von uns selbst in Beziehung zu anderen und wie andere uns wahrnehmen. Dazu gehört, ob wir uns gemocht fühlen, ob wir annehmen als attraktiv zu gelten und ob wir annehmen, dass andere uns als liebenswürdig, freundlich oder empathisch empfinden. Alle diese Komponenten sind im Selbstwertgefühl enthalten.

Für Adoptierte wie Nicht-Adoptierte ist ein Verständnis der eigenen Identität eine der grundlegendsten Aufgaben der psychologischen Entwicklung. Unser Gefühl dafür, wer wir sind, wird durch alle Erlebnisse beeinflusst, die wir machen und verändert sich jedes Mal wenn sich unsere Lebensumstände ändern. Auch kleine Ereignisse - Komplimente, Zurückweisungen, Erfolge und Misserfolge - tragen zu unserer Selbstwahrnehmung bei.

Im Feld der Adoptionen haben viele Fachleute festgestellt, dass Adoptierte bei der Suche nach ihrer Identität eine schwierigere Aufgabe zu erfüllen haben. In leiblichen Familien können Kinder Aspekte ihrer Zukunft an ihren Eltern und Aspekte der eigenen Persönlichkeit an den Geschwistern beobachten. Solche Hinweise gibt es für Adoptierte in viel geringerem Maße. Adoptierte sprechen immer wieder von "Einschnitten" in ihrer Geschichte, einer Verbindungslosigkeit zu ihrer Vergangenheit. Das äußert sich in Verwirrung oder Befremdung, die vor allem zu kritischen Zeiten in der Entwicklung einer Persönlichkeit zutage tritt. Zu den "kritischen Zeiten" können auch Geburtstage zählen:

"Als Nat zehn wurde, machte er sich Gedanken über seine leibliche Mutter: "Denkt sie zu meinem Geburtstag an mich?" Für Carl, 15, waren Geburtstage immer eine Quelle der Verwirrung, Unbehaglichkeit und Beschämung: "Es ist sehr seltsam für mich, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen" sagt er, "ich fühle mich wie eine Täuschung. Alle sind hier, feiern den Tag an dem ich geboren wurde und machen sich viel daraus, und sie waren damals nicht einmal dabei." Als Francies 23. Geburtstag sich näherte - das Alter ihrer Mutter, als Francie geboren wurde - fragte sie sich: "War sie glücklich oder hatte sie auch ein so leeres Gefühl wie ich?" (Seite 14)

Diese Verwirrung dauert für manche Adoptierte länger als nur einen Geburtstag. Manchmal sind es lange Zeiträume im Leben eines Adoptierten und wenn die Fragen der Vergangenheit besonders schwer wiegen, haben manche Adoptierte Schwierigkeiten, ihren Weg in die Zukunft zu machen und bleiben in einem bestimmten Entwicklungsstadium stehen.

Einstellung gegenüber der Adoption im Laufe des Lebens


Ausgehend von den beiden Prozessen "Suche nach dem Ich/der Identität" und "Verlusterfahrung" stellt sich das Buch nun eine wesentliche Frage: Auf welche Weise zeigen sich diese beiden Prozesse in den verschiedenen Stufen der psychologischen Entwicklung von Adoptierten? Die Autoren/innen ziehen hierfür das Model des Lebenszyklus des Psychoanalytiker Erik Erikson heran. Erikson beschreibt in sieben Stadien die wichtigsten psychologischen Aufgaben, denen Menschen gegenüber stehen, wenn sie sich vom Baby zum alten Menschen entwickeln. Die Autoren ergänzen dieses Modell um die Aufgaben, die sich Adoptierten stellen.

Erikson stellt jedes Stadium als Konflikt zweier entgegengesetzter Richtungen vor. Ist der Konflikt gelöst und betritt das Individuum das nächste Entwicklungsalter, sinkt dessen Bedeutung, auch wenn er nie ganz verschwindet. Auch mit den Problemen, die wir in einer früheren Lebensperiode gelöst zu haben scheinen, müssen wir uns ein Leben lang auseinander setzen.

 

 

TABELLE HIER EINFÜGEN!!!


Dieses von Erik Erikson übernommene und erweiterte Modell liefert den Rahmen für die folgenden Kapitel des Buches "Being Adopted". Die Autoren/innen geben aber bereits im Anschluss an das Modell einen kurzen Einblick in die einzelnen Entwicklungsstufen, die in den folgenden Kapiteln genauer besprochen werden. Im Baby-, Kleinkind- und Vorschulalter (Urvertrauen gg. Misstrauen ; Autonomie gg. Scham und Zweifel; Initiative gg. Schuldgefühl) wird in der Regel erstmals mit Kindern über ihre Adoption gesprochen, lange bevor sie deren Bedeutung völlig verstehen können. Obwohl "adoptiert sein" für Kinder in diesem Alter wenig bedeutet, werden hier die Rahmenbedingungen für eine spätere Auseinandersetzung gelegt.

Adoptierte Vorschulkinder haben in der Regel einen sehr positiven Zugang zu ihrer Adoption. In ihrer Adoptionsgeschichte erfahren sie von dem Glück, das sie in das Leben ihrer Eltern gebracht haben und ihre Geschichte wird in einer warmen, liebevollen und schützenden familiären Umgebung erzählt.

Mit zunehmendem Erkenntnisvermögen wächst die Fähigkeit, die Bedeutung von "adoptiert sein" zu begreifen. Im Kapitel "mittlere Kindheit" (Werksinn gg. Minderwertigkeitsgefühl) beschreibt das Buch, wie diese Erkenntnis langsam bewusst wird. Es ist die Zeit, in der Kinder vieles beherrschen und die Welt verstehen lernen. In diesem Alter empfinden Adoptierte erstmals die ganze Bedeutung ihres Verlustes. Nun kann das Kind die Kehrseite seiner/ihrer geliebten Adoptionsgeschichte erkennen: damit es erwählt werden konnte, musste es davor fort gegeben worden sein. Für Kinder in diesem Alter bedeutet Adoption also nicht nur Familiengründung, sondern auch Familienverlust. Die bewusste und unbewusste Trauer, die damit einhergeht, erklärt viele Veränderungen, die Professionalisten immer wieder im Verhalten adoptierter Volksschüler beobachten: zunehmender Zorn, Aggression, Oppositionsverhalten, mangelnde Gesprächigkeit, Depression und Probleme mit dem Selbstbild. Dabei findet der Moment dieser "Epiphanie" bei verschiedenen Kindern in einem unterschiedlichen Alter statt, selten jedoch vor dem Alter von fünf Jahren. Das sich entwickelnde Gefühl eines Verlustes zeigt sich in Form von Trauer, die an anderen kritischen Punkten im Leben wiederkehren kann.

Das Jugendalter (Identität gg. Identitätsdiffusion) mit seiner berühmten "Identitätskrise" stellt für Adoptierte ebenfalls eine eher kritische Zeit dar. Die wesentlichste Aufgabe der Jugend ist die Trennung von der Familie, wenn Jugendliche die Fähigkeiten entwickeln, sich allein in die Welt der Erwachsenen zu wagen. Adoptierte Teenager die sich von ihrer Adoptivfamilie entfernen, haben aber immer auch eine leibliche Phantom-Familie, von der sie sich ebenfalls abgrenzen müssen. Diese Aufgabe ist viel schwieriger. Wie kann man sich von etwas befreien, das für einen nicht wirklich existiert oder über das man wenig bis gar nichts weiß?

Auch das junge Erwachsenenalter (Intimität gg. Isolierung) fordert die Bewältigung zusätzlicher Aufgaben von Adoptierten, ebenso wie das mittlere Erwachsenenalter (Generativität gg. Stagnation). In dieser Zeit geht es darum, etwas für die nächste Generation zu hinterlassen, ein psychologisches Erbe in Form von eigentlichen Nachkommen, Lehre, Mentorentum oder Kreativität zu schaffen. Diese Aufgabe erfordert von Adoptierten oft erneut, einen Blick auf die Details der eigenen Vergangenheit zu werfen. Eine Adoptierte erzählt: "Es ist die eine Sache, im Unsicheren über die eigene Geschichte zu seine und eine andere, ohne Geschichte zu sein, die man seinen Kindern weitergeben kann." (Brodzinsky et al., Seite 19) In diesem Alter wird den Leerstellen in der eigenen Geschichte oft erneut entgegen getreten und mit ihnen den vielen unbeantworteten Fragen, die damit verbunden sind. Im Bewusstsein der begrenzten Lebenszeit, die noch bleibt, kann die Suche nach Antworten verstärkt vorangetrieben werden.

Im späten Erwachsenenalter (Integrität gg. Verzweiflung) geht es um den letzten Versuch des Erwachsenen, sich mit seinem Leben zu arrangieren. Indem die Erfolge und Misserfolge des Lebens, seine Freuden und Enttäuschungen nochmals betrachtet werden, sucht der ältere Erwachsene einen ganzheitlicheren und bedeutungsvolleren Sinn für sich selbst. Der Lebensrückblick bietet die letzte Chance, eine Antwort auf die Frage zu finden, was es bedeutet hat, adoptiert worden zu sein. Für manche Menschen bleibt diese Frage ein zentraler Punkt ihrer Existenz, für andere ist es eine vage, flüchtige Eigenheit, die kaum in Verbindung zu ihnen steht.

Wenn die Autoren/innen von engagierten und interessierten Adoptiveltern gefragt werden, was es für ihre Kinder und deren Leben bedeuten wird, adoptiert worden zu sein, antworten sie gerne mit der Metapher einer Hutschachtel im Wandschrank. Alle Menschen haben Dinge, zu denen sie hin und wieder zurückkehren, um an ihnen zu arbeiten oder sich darüber den Kopf zu zerbrechen - Dinge aus der Vergangenheit und Gegenwart, die wieder an die Oberfläche kommen und Aufmerksamkeit verlangen. Das könnte die Beziehung zu einer Schwester sein, die Angst vor dem Fliegen, eine tragische erste Liebe oder eine Unsicherheit über die eigenen intellektuellen Fähigkeiten. Wir verstauen diese Dinge in einem entfernten Winkel unseres Hauses und manchmal lässt uns irgendetwas danach suchen und uns damit beschäftigen. Wenn wir das Thema für den Moment wieder abgeschlossen haben, legen wir sie zurück in die Schachtel und führen unser Leben weiter. Irgendwann in der Zukunft werden wir aber wahrscheinlich erneut zu dem Wandschrank gehen und uns wieder mit dem Inhalt der Schachtel beschäftigen. So - sagen Brodzinsky, Schechter und Henig - ist auch Adoption für die meisten Adoptierten. Nicht mehr und nicht weniger.


Being Adopted. The lifelong Search for Self.
David M. Brodzinsky, Ph.D.
Marshall D. Schechter, M.D.,
Robin Marantz Henig
Anchor Books, Random House, New York, 1993
214 Seiten, Paperback

 

Lesen Sie Teil 2 der Zusammenfassung unter:
http://dev.adoptionsberatung.at/themen/adoptierte/80-wiebabysihreadoptionerleben.html

Lesen Sie Teil 3 der Zusammenfassung unter:
http://dev.adoptionsberatung.at/themen/adoptierte/261-wiekleinkinderundvorschulkinderihreadoptionerleben.html

Lesen Sie Teil 4 der Zusammenfassung unter:
http://dev.adoptionsberatung.at/themen/adoptierte/262-wieschulkinderihreadoptionerleben.html

Lesen Sie Teil 5 der Zusammenfassung unter:
http://dev.adoptionsberatung.at/themen/adoptierte/8-wiejugendlicheihreadoptionerleben.html