Es gibt dieses Solidaritätsgefühl unter Adoptierten

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Roman Riedel (38 Jahre und als Säugling im Inland adoptiert) berichtet im Gespräch mit adoptionsberatung.at, wie er als Kind seine eigene Adoption erlebt hat und was dieser Umstand heute für ihn bedeutet.



Sie sind als Säugling im Inland adoptiert worden. Wann haben Sie das erste Mal erfahren, dass Ihre Eltern Ihre Adoptiveltern sind und welche Bedeutung hat das damals für Sie gehabt?


Es war sicher noch bevor ich zehn Jahre alt war, irgendwann einmal in der Volksschulzeit. Erfahren habe ich von meiner Adoption nicht direkt von den Eltern, sondern durch Stöbern in ihren Unterlagen. Ansatzweise hatte ich schon vorher etwas mitbekommen, weil Mutter und Vater natürlich darüber sprechen, wenn sie glauben, dass das Kind nicht zuhört oder bereits schläft. Es lässt sich auch nicht ganz vermeiden, dass Eltern irgendwann in emotionalen Momenten Bemerkungen fallen lassen, die in diese Richtung weisen, sei es in besonders liebevollen oder auch in zornigen Augenblicken. Ich erinnere mich an Andeutungen wie "Jetzt muss ich mich schon wieder ärgern... wenn das mein eigenes Kind wäre, wäre es vielleicht ganz anders" oder "Hätte ja auch von mir selbst sein können, so süß ist er!". Auch wenn Eltern glauben, dass ein Kind bereits außer Hörweite sind, hört man das. Und wenn man als Kind diese Möglichkeitsform, dieses "hätte von mir sein können", aufschnappt, dann ist man natürlich interessiert. Dann schaut man sich das an, findet die Dokumente und weiß, okay es ist so.?

Ich wollte meine Eltern nicht direkt fragen, weil ich gemerkt hatte, dass sie so ein großartiges Geheimnis daraus machen und das Thema tabu ist. Daher suchte ich in den Unterlagen. Dann war die Neugierde befriedigt und die Bestätigung war da. Ich nahm auch weiterhin wahr, dass für sie eine Welt zusammen brechen würde, wenn ich das Thema "Adoption" auch nur anschneide. Also habe ich mich zu einem "gentleman-agreement" entschlossen. Ich spreche nicht darüber, dann geht es ihnen und uns allen gut.

Haben Sie sich je in schwierigen Zeiten mit Ihren Adoptiveltern vorgestellt, dass Sie in der leiblichen Familie besser aufgehoben oder verstanden gewesen wären?


Solche Phantasien hatte ich eigentlich nicht. Ich habe unsere Familie als ganz normal gesehen und akzeptiert. Meine Eltern sind, wie sie sind: einmal schrullig und einmal lieb, einmal ärgere ich mich über sie und dann ärgere ich mich wieder nicht. Man sieht ja auch bei anderen Kindern, dass es da nicht immer so sang- und klanglos abläuft. Nachdem es mir prinzipiell immer gut gegangen ist, habe ich die Frage nach anderen Eltern nie ernsthaft gestellt. Trotzdem gab es natürlich Wutanfälle, wo ich mir dachte, wer weiß, wie es mir gehen würde, wenn ich "prinzipiell" andere Eltern hätte. Ich hätte beispielsweise gerne die Eltern meines Freundes gehabt, wenn ich mir Eltern hätte aussuchen können.

Ich hatte aber nie das Bedürfnis, zu meinen leiblichen Eltern zu gehen und ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe auch ganz selten an meine Adoption gedacht. Nicht dass ich es bewusst weggeschaltet habe, aber es hat mich eigentlich nicht beschäftigt. Man könnte auch sagen, das Bewusstsein der Adoption hat mich nie "belästigt".

Unlängst habe ich eine Beschreibung von Adoption gelesen, zu der ich gerne Ihre Meinung gehört hätte. Adoption sei für Adoptierte wie ein Kästchen aus der Vergangenheit, das man hin und wieder aufmacht, hineinschaut, darüber nachdenkt und es dann wieder verschließt und zum Alltag zurück geht. Dabei gibt es Zeiten, in denen man das Kästchen öfter und genauer untersucht und andere, in denen das Kästchen eher unbeachtet dasteht. Ist das ein Bild, mit dem Sie etwas anfangen können?


Das Bild ist sehr gut. Adoption ist ein Faktum und es gibt den einen oder anderen Moment, wo man sich Gedanken darüber macht. Dann macht man das Kästchen wieder zu und das Thema ist wieder weg. Im Prinzip sind die Adoptiveltern nicht mehr und nicht weniger als die Eltern. "Adoptiveltern" klingt für mich entsetzlich - die Eltern sind einfach die Menschen, bei denen man aufwächst. Dort wo man aufwächst, ist das zu Hause. Dass es eine andere Vergangenheit gibt, macht hierfür meines Erachtens keinen so großen Unterschied. Ich denke, man wünscht sich als Adoptiveltern ja auch, dass es nicht so einen großen Unterschied macht. Von meiner Seite als Kind kann ich das nur bestätigen.

Wenn ich mir als Gedanken über meine Adoption gemacht habe, habe ich mir eher überlegt, warum das so ein großartiges Mysterium in meiner Familie ist. Meine Eltern sprechen noch heute nicht gerne darüber, obwohl sie wissen, dass meine Frau und ich auch adoptieren wollen. Ich hätte mir gedacht, dass sie sich dann etwas mehr öffnen werden, was sich aber nur teilweise erfüllt hat. Es ist nach wie vor ein sehr unangenehmes Thema für sie, obwohl ich Ihnen deutlich zeige, dass es in keiner Weise unangenehm ist und sie stolz sein können, das damals gemacht zu haben. Meine Eltern fürchten aber immer noch, mich zu verlieren, auch wenn sie das nicht aussprechen. Sie fürchten nach wie vor diese Konfrontation, dass ich mir theoretisch überlegen könnte, meine leibliche Mutter kennen zu lernen. Das wollen sie tunlichst vermeiden.

Im Moment mache ich mein Adoptions-Kästchen öfter auf, das heißt, ich mache mir wegen unseres eigenen Adoptionswunsches öfter Gedanken darüber. Persönlich habe ich als Kind verhältnismäßig wenig über meine Herkunft nachgedacht. Es gibt aber sicher Menschen, die interessieren sich mehr für ihren Stammbaum, die Gene, eventuelle genetischen Defekte und vieles mehr. Für mich gilt eher: Was auch immer kommen mag, muss ich nicht von dem ableiten, was einmal in meiner leiblichen Familie passiert ist. Das muss in Zukunft auf mich ja keineswegs zutreffen.

Haben Sie je versucht, zu Ihrer leiblichen Familie Kontakt aufzunehmen oder hatten Sie das Bedürfnis danach?


Nein.

Wie gehen Sie als Adoptierter mit Öffentlichkeit um. In Ihrem Fall einer Inlandsadoption war es wahrscheinlich nie auf den ersten Blick ersichtlich, dass es sich um eine Adoptivfamilie handelt. Wann und mit wem spricht man über den eigenen Adoptionshintergrund?


Als Kind redet man eigentlich im Freundeskreis nicht darüber, weil ja keine Veranlassung dazu besteht. Die Adoption spricht sich aber trotzdem herum. Es gibt Nachbarn, es gibt Freunde und es ist nicht so, dass alle ein so großes Geheimnis daraus machen, wie es die eigenen Eltern gerne hätten. Die Leute erwähnen es dann vielleicht irgendwo und andere bekommen es mit. Dadurch verbreitet sich die Information über unterschiedlichste Kanäle. Als Kind und Jugendlicher wurde ich aber weder von Lehrern noch von Freunden darauf angesprochen. Ich merkte aber, der eine oder andere weiß Bescheid und denkt vielleicht, ich möchte nicht darüber reden. Wahrscheinlich waren mehr Menschen informiert, als mir persönlich bewusst war.

Ich kann mich in meiner Jugend daran erinnern, dass jemand meinen Adoptionshintergrund als Schimpfwort verwenden wollte, in die Richtung: "Du Adoptivsohn, du!". Ich dachte dabei, lustig, was er damit eigentlich bewirken wollte? Es hat mich nicht sehr berührt, aber ich fand es komisch, dass er das überhaupt weiß, weil ich mit ihm nicht darüber gesprochen hatte.

Grundsätzlich denke ich mir, das Thema Adoption soll jeder so behandeln, wie er das möchte. Man kann darüber offen sprechen, aber im Alltag frage ich als Kind niemanden, ob das jetzt der "echte Vater" ist oder nicht, ob die Eltern geschieden sind oder nicht und so weiter. Wenn ich einen Bekannten, Freund oder Schulkollegen habe, kenne ich die dazu gehörigen Eltern. Mich interessierte aber wenig, ob diese in erster oder dritter Ehe verheiratet sind, ob das Kind das erste oder siebte ist oder welche Kinder vom Vater und welche von der Mutter in die Ehe mitgebracht wurden. Es gibt ja unglaublich viele Konstellationen. Und es gehen auch andere ganz locker damit um. Manche interessieren sich dafür und wenn das ein guter Freund ist, unterhält man sich eben auch über die Familienkonstellation.

Wenn man Kinder hat, ist es für viele Erwachsene oft so, als würden sie ihre eigene Kindheit aus einer anderen Position nochmals durchleben können. Man bekommt dann ein "runderes" Verständnis für die Zeit als Kind und einen besseren Einblick in die Situation der eigenen Eltern.


Wie geht es Ihnen als jemand, der adoptiert worden ist und nun selbst adoptieren will? Ist das auch ein Wiedererleben der eigenen Geschichte beziehungsweise der Ihrer Eltern?


Ja, doch. Es ist eine sehr interessante Erfahrung. Als 10-, 12-jähriges Kind habe ich mir gedacht, dass Adoption eigentlich eine tolle Geschichte ist. Ich habe meine Eltern für diesen Schritt bewundert und mich gefragt, was aus mir geworden wäre, wenn sie das nicht gemacht und nicht diese Größe gezeigt hätten, mich zu adoptieren. Jetzt sehe ich auch die andere Perspektive, wenn man kein Kind bekommen kann und gerne eines hätte. Dann ist Adoption einer der möglichen Auswege.

Meine Eltern haben für eine befristete Zeit einmal ein Pflegekind aufgenommen. Auch das fand ich toll. Ich dachte, sie stehen über den Dingen. Sie raffen nicht alles zusammen und wollen niemanden in unsere Familie eindringen lassen, sondern haben diesbezüglich einen sehr offenen Zugang. Ich war zum damaligen Zeitpunkt 16 Jahre alt. Meine Eltern meinten nachträglich, dass ich eifersüchtig gewesen wäre. Ich habe das aber anders erlebt. Obwohl man mit sechzehn schon ganz andere Interessen hat, war es für mich auf einmal nicht mehr so langweilig. Bei uns gab es immer diese knisternde Spannung. Wenn du das einzige Kind bist, und noch dazu adoptiert, ist aus der Sicht der Eltern das allerbeste gerade gut genug für dich und aus dir muss unbedingt einmal etwas werden. Das erzeugt einen extremen Druck und gilt glaube ich prinzipiell für Einzelkinder. Im Fall einer Adoption ist das Kind aber sicher die einzige Chance für die Eltern. Es wird ja nie mehr ein anderes Kind nachkommen. Ich habe es daher auch als Entlastung erlebt, dass da jetzt ein zweiter da war, der im Fokus steht und um den man sich kümmern muss. Damit hatte ich doch sehr viel mehr Freiraum gewonnen.

All das sind Erfahrungen, die ich jetzt wieder erlebe und die bei unserer eigenen Adoption mit einfließen. Ich möchte jedenfalls von vorne herein kein Geheimnis aus unserer Familiengeschichte machen. Es gibt sicher viele interessante Fragen, die sich adoptierte Kinder stellen können und die ich mir selbst nie gestellt habe: Wer ist eigentlich meine Mutter? Wie heißen meine Eltern? Und wo kommen sie her? Das sind Fragen, auf die man als (Adoptiv-)Elternteil natürlich Antworten haben sollte.

Schon als Kind und Jugendlicher habe ich mir gedacht, ich möchte auch einmal ein Kind adoptieren. Wenn meine Frau und ich eigene Kinder hätten, würde dieser Gedanke vielleicht in den Hintergrund gerückt, aber irgendwie war es schon ein stiller Wunsch, den ich immer hatte.

Das Kind, das Ihre Frau und Sie adoptieren werden, wird sehr wahrscheinlich aus dem Ausland kommen. Wo glauben Sie wird Ihr Kind in Bezug auf seine Adoption unterschiedliche Erfahrungen machen als Sie? Wo könnten diese ähnlich sein?


Das ist eine schwierige Frage. Für mich ist unsere Adoption eine spannende Reise, weil ich ja nicht sagen kann, wie stark das Interesse unseres Kindes an seiner Adoptionsgeschichte sein wird. Ich bin gespannt, zu sehen, wie ein anderer Mensch damit umgeht. Wenn ich als Vater versuche, alles richtig zu machen, ganz offen über unsere Adoption spreche und hoffe, die richtigen Antworten für die Fragen des Kindes geben zu können - wie wird es sein? Bei Freunden habe ich erlebt, dass die Kinder durchaus sehr großes Interesse entwickeln können. Manche sehen das mit Sportsgeist und andere Kinder sagen knallhart: "Ich verlasse Euch, denn bei meiner Mama würde es mir bestimmt besser gehen?" Ich sehe dem mit Spannung entgegen.

Mir ist auch wichtig, unserem Kind glaubwürdig seinen Fall versichern zu können und zu wissen, wie seine Geschichte verlaufen ist. Nachdem wir aus einem Land adoptieren, von dem auch unlautere Adoptionspraktiken bekannt sind, sind das im Moment Gedanken, die mich beschäftigen.

Manche Adoptierte fühlen sich unter andern Adoptierten am besten verstanden und besuchen deswegen zum Beispiel eine Selbsthilfegruppe. Haben Sie ähnliche Erfahrungen mit gemacht?


Eine Solidarität unter Adoptierten kenne ich auch. Ich begebe mich nicht auf die Suche nach anderen Adoptierten, aber bei Menschen mit gleichem Schicksal ist automatisch eine Sympathie da. Man ist interessiert. Ich habe bis jetzt nur eine Adoptierte in meinem Alter kennen gelernt. Es war eine Arbeitskollegin, die ihre Adoption einmal kurz im Büro angesprochen hat. Wir haben dann sofort darüber diskutiert "Wie war es bei dir? Wie war es bei mir? Was weißt du? Was weiß ich?" Es gibt dieses Solidaritätsgefühl unter Adoptierten. Man braucht dazu nicht unbedingt eine Selbsthilfegruppe. Es geht einem ja blendend, wenn man adoptiert ist und die Eltern bewusst diesen Schritt zum Kind gesetzt haben. Bei vielen Kindern ist das ganz anders - da wollen die Eltern gar kein Kind, es kommt zum falschen Zeitpunkt, die Eltern sind an keiner längerfristigen Beziehung zueinander interessiert... Da gibt es viele schwierigere Situationen. Schon als Kind habe ich mir gedacht, dass ich das Glück habe, Eltern zu haben, die mich definitiv wollten. Man ist zwar vielleicht aus einem Fehler entstanden, aber nicht bei jenen geblieben, die einen möglicherweise selbst als Fehler sehen. Es ist eigentlich eine Symbiose. Die Adoptiveltern brauchen etwas, ich brauche etwas, wir können es uns gegenseitig geben. Ich sehe es als großen Vorteil einer Adoption, dass die Eltern sich schon lange davor Gedanken gemacht haben.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch mit Roman Riedel führte Jutta Eigner.
* Name von der Redaktion geändert.