Die Pubertät ist im Leben einer Familie eine entscheidende Phase

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Der Deutsche Psychoanalytiker und Adoptivvater Dr. Gerhard Nieder gibt einen Einblick in seine praktische Arbeit und berichtet über häufig auftretende Probleme seiner KlientInnengruppe.

 

 

Herr Dr. Nieder, ein Schwerpunkt Ihrer beruflichen Tätigkeit als Psychotherapeut liegt in der Arbeit mit adoptierten Kindern und Jugendlichen sowie deren Familien. Mit welchen "typischen" Problemen kommt diese KlientInnengruppe vorwiegend in Ihre Praxis?


Adoptiveltern wenden sich an mich in ihren Konflikten mit ihren Kindern, wie sie in "ganz normalen" Familien auch auftreten. Es geht dabei häufig um Auseinandersetzungen über den Schulbesuch- und Schulerfolg, den Gebrauch von Drogen, um auffälliges aggressives oder sexuelles Verhalten oder um den Zwiespalt zwischen Autonomie und Abhängigkeit.

Konnten Sie einen sogenannten "kritischen" Zeitpunkt im Leben der Kinder beobachten, zu welchem es erstmals zu Schwierigkeiten mit dem Adoptionsstatus kam oder kann hier keine Verallgemeinerung getroffen werden?


Die Pubertät ist im Leben einer Familie eine entscheidende Phase, die von Eltern und Kindern gleichermaßen Konfliktbereitschaft und neue Orientierung erfordern. Die Jugendlichen haben den starken Drang, sich bei der Suche nach eigenen Wegen von ihren Eltern abzugrenzen. Die Betonung der leiblichen Eltern gegenüber den Adoptiveltern ist dabei sehr hilfreich.

Wie kann eine Betonung der leiblichen Eltern gegenüber den Adoptiveltern praktisch aussehen? Was können sich unsere LeserInnen darunter vorstellen?


Die Adoptivkinder schildern ihre leiblichen Eltern, die sie meist nie kennengelernt haben, als besonders ideal. Mein eigener Adoptivsohn sagte so zum Beispiel einmal, seine Eltern in Chile hätten ein herrschaftliches Haus mit vielen Angestellten, während er hier in Deutschland bei uns in einem ganz gewöhnlichen Reihenhaus wohnen müsse.

Gibt es Ihrer Erfahrung nach Unterschiede in der Identitätsentwicklung zwischen aus dem Ausland und aus dem Inland adoptierten Kindern und wenn ja, welche?


Kinder haben die Tendenz, sich den Verhaltensweisen anderer gleichaltriger Kinder anzugleichen. So ist es verständlich, dass ein im Ausland adoptiertes Kind wegen seines anderen Aussehens mehr Schwierigkeiten hat, sich in eine Gruppe zu integrieren.

Geht es bei aus dem Ausland adoptierten Kindern nur darum wegen des fremdartigen Aussehens Probleme bei der Identitätsentwicklung zu zeigen, oder spielen hier auch andere Faktoren wie zum Beispiel die fehlende kulturelle Identität des Herkunftslandes eine Rolle?


Kinder, die in den ersten Monaten ihres Lebens adoptiert werden, verinnerlichen die kulturelle Identität ihrer Adoptiveltern. Kommt das Kind aber erst mit vier oder fünf Jahren in das Land der neuen Eltern, so ergeht es diesen Kindern ähnlich wie den "Deutschländern", d.h. Kindern, die zum Beispiel die Vorschulzeit in der Türkei bei den Großeltern wohnten und dann zu den in Deutschland lebenden und arbeitenden Eltern kommen.

 

Welche Aufgaben haben adoptierte Kinder und Jugendliche in Bezug auf ihre Identitätsbildung zu bewältigen? Welche Rolle spielen hier die unterschiedlichen Biographien zum Beispiel das Adoptionsalter, verschiedene Bezugspersonen vor der Adoption, längere Heimaufenthalte oder die Familiensituation in der Adoptivfamilie?


Je älter ein Kind zum Zeitpunkt der Adoption ist, je mehr wechselnde Bezugspersonen vor der Adoption im Leben des Kindes eine Rolle spielten, je traumatischer die Erlebnisse in der frühen Kindheit waren, desto intensiver treten beim Kind folgende Ängste auf:

a) Verlassenheitsangst

b) Gefühle der Wertlosigkeit

c) Gefühl des Ausgestoßenseins

Viele Erfahrungen vor der Adoption wurden in einer Zeit gemacht, wo den Kindern noch keine Sprache zur Verfügung steht, sodass es zu "Reinszenierungen" kommen kann. Was kann man sich darunter vorstellen?


In der Psychoanalyse gehen wir davon aus, dass wir frühe nicht erinnerbare Erfahrungen in unserem späteren Leben immer wieder inszenieren. Wenn Eltern bei ihren Kindern bemerken, dass diese wiederholt ein bestimmtes auffälliges Verhalten zeigen, können sie annehmen, dass ihre Kinder mit ihrem Verhalten ein bestimmtes im frühen Alter erlittenes und nicht verarbeitetes Trauma reinszenieren.

Woran erkennt man Reinszenierungen?


Wurde zum Beispiel ein Kind in den ersten Lebensjahren von der Mutter tagsüber einer anderen Bezugsperson (zum Beispiel Tante) anvertraut, so wird sich dieses Kind später u.U. zwei Freundinnen gleichzeitig nehmen, zwischen denen es hin- und herpendeln kann.

Oder wird ein Jugendlicher von einem pavor nocturnus (nächtliches Aufschrecken bzw. Aufschreien) aus dem Schlaf gerissen, so ist zu vermuten, dass er in der frühen Kindheit von entsetzlichen Ängsten gepeinigt wurde, weil er zum Beispiel nicht hinreichend gut betreut worden ist.

Um beim Ihrem ersten Beispiel der Reinszenierung zu bleiben: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, kann bereits durch eine Fremdbetreuung in den ersten Lebensjahren ein Trauma ausgelöst werden welches durch Reinszenierung vom Kind bearbeitet werden kann. Nachdem heutzutage Fremdbetreuungen von Kleinkindern generell üblich sind: Was können Eltern nun tun um eine Traumatisierung ihrer Kinder zu vermeiden?


Das ist eine interessante und im Moment sehr aktuelle Frage. Berufstätige Eltern sollten versuchen, daß ein Elternteil wenigstens im ersten Lebensjahr des Kindes, in dem es die Mutter als Teil seines eigenen Selbst erlebt, als konstante Beziehungsperson zur Verfügung steht. Kommt das Kind danach in eine Fremdbetreuung, so sollte dieser Übergang behutsam und nie abrupt erfolgen, damit das Kind die Sicherheit gewinnt, dass es immer wieder von den Eltern abgeholt wird.


Wirkt sich die - vorübergehende, aber doch regelmäßige - Trennung von der Mutter bei adoptierten Kindern anders aus als bei leiblichen Kindern? Wie kann man als Adoptivelternteil mit Reinszenierungen umgehen?


Zwischen Adoptiveltern und leiblichen Kindern würde ich da grundsätzlich keinen Unterschied machen. Allerdings reagieren durch die frühe Trennung von den leiblichen Eltern traumatisierte Kinder häufig empfindlicher auf Beziehungsunterbrechungen als Kinder, die dieses Trauma nicht erleiden mussten. Unsere Adoptivtochter, die wegen eines tödlichen Unfalls ihrer leiblichen Mutter längere Zeit allein in der Wohnung gelegen hatte, hat bis ins Schulalter hinein ängstlich darauf geachtet, dass ihre Adoptivmutter sich nicht von ihr entfernt. Adoptiveltern können mit solchen und ähnlichen Ängsten besser umgehen, wenn sie sich immer wieder vor Augen halten, was das Kind im frühen Alter, bevor es adoptiert worden ist, erlitten und an Ängsten ausgestanden hat. Dann können die Reinszenierungen empathisch nachgefühlt, ertragen und zur Sprache gebracht werden.


Welchen Rat würden Sie Adoptiveltern geben, wie sie ihre Kinder/Jugendlichen am besten unterstützen bzw. in schwierigen Phasen reagieren können?


Da wir nie einen Menschen mit einem anderen gleichsetzen dürfen, ist es immer wieder notwendig sich in die jeweilige seelische Verfassung des betreffenden Kindes/Jugendlichen einzufühlen. Wenn wir große Konflikte oder Schwierigkeiten mit unseren Kindern erleben, sollten wir uns immer deren auch positive, d.h. liebenswerte Charakterzüge vor Augen halten. Die Betonung der jeweils positiven Eigenschaften und Fähigkeiten, d.h. eine positive narzisstische Bestätigung sollten in der Erziehung im Vordergrund stehen.

Zu welchem Zeitpunkt und bei welchen Schwierigkeiten würden Sie Adoptivfamilien in problematischen Situationen empfehlen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen?


Adoptiveltern sollten immer dann Rat oder professionelle Hilfe suchen, wenn sie sich mit der familiären Situation überfordert fühlen. Wenn die Frage auftaucht, warum verhält sich mein Kind so auffällig, kann es schon sehr hilfreich sein, wenn jemand Außenstehender und somit emotional Unbeteiligter über seine Wahrnehmung spricht, wie er die Eltern und das Kind erlebt.

Vielen Dank für das Gespräch!


Dr. Gerhard Nieder ist als Psychotherapeut in freier Praxis in Frankfurt am Main tätig und veranstaltet auch Seminare für Adoptivfamilien.
Das Gespräch führte Eva Wolfart.