6 Fragen rund um die Pubertät

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Dr. Gundula Ebensperger-Schmidt beantwortet sechs Fragen rund um die Pubertät von adoptierten Jugendlichen. Die Fragen wurden auf der Basis von zwei Gesprächen gestellt, die mit einem Jugendlichen und seiner Adoptivmutter geführt wurden (siehe Text).



Wie können Adoptiveltern ihre Kinder/Jugendlichen in schwierigen Phasen, insbesondere in der Pubertät, unterstützen?


Wichtige Voraussetzung für eine Unterstützung in krisenhaften Zeiten ist eine durch Kontinuität gewachsene, sichere und vertrauensvolle Beziehung zwischen Kind und Eltern. Je besser Eltern ihre Kinder kennen und je einschätzbarer das Beziehungs- und Erziehungsverhalten der Eltern für das Kind ist, desto eher wird es beiden möglich sein, schwierige Zeiten zu bewältigen.
Außerdem können Adoptiveltern ihre Kinder dann gut unterstützen, wenn sie eine Altersentsprechende Distanz zum Kind und zum Thema des Konfliktes wahren können. Dieser Abstand wäre zum Beispiel durch übermäßige Fürsorge, Beunruhigung oder auch durch Selbstzweifel oder Schuldgefühle nicht gegeben, da Eltern zu sehr involviert und dadurch geschwächt sein würden.

Speziell die Phase der Pubertät, die durch den Prozess der Identitätsfindung und der Ablösung des Jugendlichen geprägt ist, stellt für jede Familie eine konfliktreiche Zeit dar. Es müssen Eltern und Jugendliche ihre Beziehung zueinander neu festlegen, d.h. sie müssen sich von alten Beziehungsmustern verabschieden. Eltern werden teilweise ihrer Aufgaben entbunden und der Jugendliche muss seine Identifikation mit den Eltern lockern. Das oft heftige und abwertende Verhalten dient der Distanzierung. Dadurch entsteht Entfremdung, Verunsicherung und teilweise auch eine Orientierungslosigkeit auf beiden Seiten, die Adoptiveltern und deren Jugendliche möglicherweise stärker erleben. Und zwar deshalb, weil sie die Ablösungsversuche des Jugendlichen als grundlegendes In Frage stellen ihrer bisherigen und gegenwärtigen Beziehung zum Kind erleben könnten und somit weniger Gelassenheit und Unterstützung aufbringen könnten.
Für den Jugendlichen wiederum bedeutet die Veränderung nicht nur eine Befreiung, sondern auch einen Verlust an Orientierung und es wird möglicherweise ein Thema aus der Vergangenheit, wie Beziehungsverlust oder Trennung wieder aktualisiert.

Stimmt es, dass sich Adoptivkinder von ihren Adoptiveltern in der Pubertät stärker oder anders abgrenzen müssen? Wenn ja, warum? Wie sollen Adoptiveltern auf Ablehnung durch die Kinder reagieren?


Diese Frage lässt sich aus meiner Sicht nicht mit "ja" beantworten, da die Verlaufsbeobachtungen vieler Adoptivfamilien sehr unterschiedliche Entwicklungsgeschichten und Problemstellungen zeigen.
Die Phase der Pubertät stellt an jeden Jugendlichen die Anforderung, seine Persönlichkeit bzw. seine Einstellung zu sich selbst neu zu definieren. Dies erfordert eine Distanzierung von den vertrauten Bezugspersonen und ist oft - wie schon gesagt - mit aggressiven Auseinandersetzungen und Abwertung verbunden.

Auch adoptierte Jugendliche müssen diesen Abstand finden, allerdings kann die Distanzierung das Thema der Fremdplatzierung wieder wachrufen. Der/die Jugendliche könnte die veränderten Beziehungen als Verunsicherung seiner/ihrer Existenz in der Adoptivfamilie und Infragestellung seines/ihres Wertes erleben. Es könnten Gefühle wie "Meine Eltern lieben mich nicht wie ich bin, weil ich nicht ganz zu ihnen gehöre" auftauchen, die der/die Jugendliche in Form von heftigen Auseinandersetzungen oder auch ambivalentem Verhalten zwischen kindlichem Anklammern und aggressivem Abwerten auslebt.

Hier helfen Eltern am ehesten durch Geduld im Ertragen der widersprüchlichen Gefühle und durch das unbeirrbare Anbieten ihrer Beziehung als Ausdruck der gewachsenen Beziehung und ihrer Liebe.
Auch die Tatsache, dass adoptierte Jugendliche zusätzliche Themen in der Pubertät aufrollen, nämlich die Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft bzw. ihrer frühen Lebensgeschichte, kann eine konfliktreichere Zeit für Adoptiveltern und Jugendliche darstellen. Oft äußern Jugendliche gerade in aggressiven Streitgesprächen den Wunsch nach Kontakt zu ihren Herkunftseltern. Dies kann durchaus dem Ziel der Distanzierung und Ablösung dienen, denn welches Thema trifft bzw. verunsichert Adoptiveltern mehr als die Idealisierung dieser Personen, da dadurch ja auch bestehende Beziehungen in Frage gestellt werden.

Wie wichtig ist es für ein Kind, dass es eine Lebensgeschichte ohne Lücken hat?


Beziehungsabbrüche stellen immer eine Belastung für die kindliche Entwicklung dar. Einerseits aufgrund der damit verbundenen, meist negativen Ursachen und Ereignisse, andererseits, weil dem Kind die Möglichkeit eines kontinuierlichen Bewusstseins seiner Geschichte in geringerem Maße gegeben ist. Üblicherweise wissen wir über unsere frühe Kindheit von den Menschen, die uns in jener Zeit betreut haben. So können wir einen "roten Faden durch unser Leben spinnen", wobei Erinnerung und Erzählungen verschwimmen und ein subjektives Gefühl einer "abgerundeten" Geschichte ergeben.

Kinder mit einem oder mehreren Abbrüchen ist das Entwickeln einer kontinuierlichen Lebensgeschichte schwer oder gar nicht möglich. Die späteren Beziehungspersonen können wenig helfen, da viele Details in der Vergangenheit unklar oder unbekannt sind. Dadurch ist ein Kind, später ein Jugendlicher in der Auseinandersetzung mit seiner Lebensgeschichte und Herkunftsfamilie weitgehend allein. Man kann davon ausgehen, dass eine "fragmentierte" Lebensgeschichte eine Belastung für die Persönlichkeitsentwicklung des angenommenen Kindes und damit auch eine besondere Herausforderung für Adoptiveltern darstellt.

Wie ist das Interesse an beziehungsweise die Suche nach Kontakt zu der Herkunftsfamilie zu verstehen? Wie ist es zu verstehen, wenn Jugendliche sich nicht mit ihrer Herkunftsfamilie auseinandersetzen wollen?


Die Tatsache einer zweifachen Familiengeschichte stellt nicht notwendigerweise ein Problem für Jugendliche dar. Entscheidend ist, wie der/die Jugendliche darüber fühlt und denkt. Dies wiederum hängt unter anderem davon ab, welchen Zugang ein/e Jugendliche/r zu seiner/ihrer Herkunftsgeschichte hat.
Wenn ein Kind in einer Adoptivfamilie mit einem selbstverständlichen Bewusstsein aufwächst und ihm geholfen wurde, eine Erklärung über Grund und Ursachen der Adoption zu finden, ist eine wichtige Basis für eine positive Verarbeitung geschaffen.

Im Jugendalter wird das Interesse an den Herkunftseltern konkreter bzw. der Wunsch nach direktem Kontakt geäußert, da die Jugendlichen auf der Suche nach Tatsachen und realen Ereignissen ihrer Lebensgeschichte sind. Die biologischen Eltern, die Schwangerschaft, die Geburt und alles, was damit im Zusammenhang steht, sind zwar nicht Bestandteil der gemeinsamen Geschichte mit den Adoptiveltern, aber dennoch benötigen sie Unterstützung von ihnen. Sind diese dazu bereit, bedeutet dies für den Jugendlichen ein tiefes Gefühl des Angenommenwerdens, das für die Entwicklung von Selbstachtung und Selbstwertgefühl wesentlich ist.
Gibt es für adoptierte Jugendliche einen Teil ihrer Geschichte, mit dem sie allein gelassen werden bzw. der mit schmerzlichen, vielleicht traumatischen Erinnerungen verbunden ist, wird eine positive Auseinandersetzung ungleich schwieriger. Oft versuchen Jugendliche diese zu vermeiden, indem sie keinerlei Interesse an ihrer Vorgeschichte zeigen. Sie schützen sich dadurch vor verdrängten Gefühlen der Trauer, Angst oder Enttäuschung. Manchmal versuchen Jugendliche der Auseinandersetzung mit ihrer unbewältigten Vergangenheit auszuweichen, in dem sie vermeintliche Verhaltensweisen ihrer Herkunftseltern übernehmen (zum Beispiel ein antisoziales Verhalten) oder früh erlebte Erfahrungen, wie "auf der Flucht sein" oder Weglaufen wiederholen.

Diese Verhaltensweisen bewirken eine tiefe Krise in einer Adoptivfamilie, da auch gefestigte Beziehungen auf die Probe gestellt werden und eine tatsächliche Auseinandersetzung ausbleibt. Diese ist nur durch eine bewusste Konfrontation mit der Lebensgeschichte möglich, für die aber Jugendliche aus den erwähnten Gründen oft nicht bereit sind und dann auch professionelle Hilfe benötigen.
Wir müssen auch damit rechnen, dass Jugendliche aufgrund von Loyalitätsgefühlen gegenüber den Adoptiveltern das Interesse an ihrer Herkunftsgeschichte leugnen. Sie könnten befürchten, dass sie ihre Eltern damit kränken bzw. in eine emotional schwierige Situation bringen.

Was genau ist ein Trauma? Kann man davon ausgehen, dass die Folgen früher Traumatisierung immer in der Jugend negativ zum Ausdruck kommen? Wie zeigt sich dies?


Situationen sind für einen Menschen, insbesondere ein Kind dann traumatisch, wenn er/sie sich einer bedrohlich ängstigenden Situation ausgeliefert fühlt, auf die er/sie sich nicht einstellen oder anpassen und ihr auch nicht entkommen kann, sondern überrollt wird und in einen Art Schockzustand gerät.
Diese Ereignisse können nicht psychisch bewältigt werden und bewirken eine dauerhafte Beeinträchtigung der Persönlichkeit.

Zwei Aspekte verschärfen das Erleben eines Traumas:
1. wenn die überwältigenden Ereignisse durch jene Personen erfolgen, von denen das Kind abhängig ist und eigentlich Schutz erwartet.
2. wenn die gegenwärtigen oder zukünftigen Beziehungspersonen des Kindes die Tatsache des Traumas nicht anerkennen, leugnen oder dessen Bedeutung abwerten.

Ein Kind "überlebt" traumatische Ereignisse, wie Gewalt oder Vernachlässigung nur dadurch, dass es diese sofort aus dem Erleben abspaltet und versucht, dauerhaft zu verdrängen. Dies macht es späteren Bezugspersonen so schwer, einen Zugang zum Erleben des Kindes zu finden, der ihm ja selbst verwehrt ist.
Traumatische Erlebnisse verhindern bzw. verzögern bei Kindern meist die Entwicklung wichtiger, die Persönlichkeit stabilisierender Fähigkeiten, nämlich der "Ich-Funktionen". Damit sind Fähigkeiten des Selbstbewusstseins, der Selbstkontrolle und Selbstbestimmung, aber auch die Fähigkeit mit Belastungen, Frustration oder Angst umzugehen, gemeint.

Im Kindesalter übernehmen Adoptiveltern viele dieser stabilisierenden Funktionen stellvertretend für das Kind, so dass Defizite nicht so merkbar werden. Im Jugendalter treten unreife Ich-Funktionen durch die Lockerung der Beziehungen zu den Eltern deutlicher hervor. Wir erleben dann Jugendliche, die emotional und in ihren Fähigkeiten instabil und unberechenbar sind und eben kaum Frustrationstoleranz, Kritikfähigkeit und ein geringes Selbstwertgefühl aufweisen. Diese Jugendlichen haben somit weniger Halt oder weniger Ich-Stärke und sind dadurch auch gefährdeter.

Kann eine Adoptivfamilie eine so schwierige Geschichte eines Kindes "wieder gut machen"?


Adoptiveltern können nicht die Tatsache einer Trennung von den Herkunftseltern und die damit verbundenen Umstände, die auch traumatisierende Erlebnisse beinhalten können, ungeschehen machen. Es bedeutet jedoch für Kinder eine große Chance über ihre Erfahrungen "hinwegzukommen", wenn sie auf Menschen treffen, die die erlebte Realität des Kindes mit allen Gefühlsqualitäten annehmen und anerkennen. Diese "Rückenstärkung" schafft für Kinder eine notwendige Vertrauensbasis und gibt ihnen Mut, sich mit ihren Erfahrungen auseinanderzusetzen. Und dadurch können sich trotz schwieriger Lebensumstände alle jene psychischen Funktionen entwickeln, die letztlich eine gesunde und stabile Persönlichkeit ausmachen.

Dr. Gundula Ebensperger-Schmidt ist Klinische Psychologin und Psychotherapeutin in freier Praxis in Graz.
Die Fragen wurden auf der Basis von zwei Gesprächen gestellt, die mit einem Jugendlichen und seiner Adoptivmutter geführt wurden. Alle drei Beiträge wurden erstmals 2007 im Elternheft des Steirischen Pflegeelternvereins veröffentlicht.

 

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