Nicht eingebundene, frei flotierende Körper - fehl am Platz und außer Kontrolle

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Eine Untersuchung der Grenzexistenz von adoptierten KoreanerInnen
von Tobias Hübinette

 

 

Seit dem Ende des Koreakrieges wurden in einem Zeitraum von einem halben Jahrhundert 160.000 Koreaner in fünfzehn verschiedene westliche Staaten adoptiert. Bis in die jüngste Zeit waren Regierungen und Organisationen, Gruppen und Individuen, die auf verschiedene Weise vom Thema betroffen waren, die einzigen, die für adoptierte Koreaner sprachen und diese vertraten. Den Adoptierten selbst wurde eine Stimme und Vertretung mehr oder weniger vorenthalten. Auf diese Weise wurde die Gruppe unsichtbar gemacht und in Migration und Diaspora sowie in Studien über Ethnie und "Rasse" übersehen. Eine multikulturelle westliche Ideologie begriff internationale Adoption als linksliberalen progressiven Akt, als einen Weg zur Schaffung einer Regenbogenfamilie. Der koreanische Ethno-Nationalismus nutzte die Adoptierten unterdessen als lebende Verbindungsstücke zu seinen westlichen Verbündeten und beanspruchte sie als Teil seiner ethnisch-rassischen Diaspora-Politik. In den Vermittlungsstellen wurden Adoptionen aus Korea als das Flaggschiff internationaler Adoptionen gehandelt, während Adoptionsforscher die Gruppe als die perfektesten international Adoptierten im Hinblick auf Anpassung und Assimilierung darstellten.

Erst Ende der 1980er Jahre begannen adoptierte Koreaner, sich selbst zu organisieren. Die Gruppe war zum ersten Mal in der Lage, die eigenen Erfahrungen auszusprechen und sich in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. Ab der Mitte der 1990er Jahre gab es eine echte Explosion von autobiographischen Arbeiten, die ein eigenes kulturelles Feld schufen und so unterschiedliche Genres wie Novellen und Theaterstücke, Gedichte und Performances, Kunstwerke und Gemälde, Dokumentationen und Filme umfassten. Diese Selbst-Erzählungen machen es zum ersten Mal möglich, die Stimmen der adoptierten Koreaner selbst über das hinaus zu hören, was zuvor über die Gruppe geschrieben und gesagt worden war. Der Zweck dieser Arbeit ist es, die Existenz adoptierter Koreaner zu verstehen, indem eine Sammlung autobiographischer Texte vor dem Hintergrund eines sozial-konstruktivistischen Verständnisses von Identitätsentwicklung sowie postkolonialistischen, feministischen und Queer-Theorien von Mimikry, Kreuzungspunkten (intersectionality) und Performanz (performativity) untersucht wird. Abschließend führt die Arbeit aus, dass die Existenz adoptierter Koreaner durch schmerzhafte und sich widersprechende Subjektivitäten und Identifikationen sowie nicht stabile und wiederholte Durch- und Übergänge charakterisiert ist, die helfen können, die schweren psychosozialen Probleme und hohen Selbstmordraten unter erwachsenen international Adoptierten zu erklären.

Sowohl meine dänische, als auch meine amerikanische Familie ist weiß, alle meine Freunde hier in Dänemark sind weiß, mein Mann ist weiß und meine beiden Söhne werden oft fälschlich als weiß angesehen. Daher habe ich, ob ich es will oder nicht -und ich will es nicht- eine weiße Identität angenommen. Wenn ich in den Spiegel sehe, bin ich tatsächlich überrascht, eine asiatische Frau zu sehen und ich weiß ehrlich nicht, welche Gefühle ich gegenüber der Frau haben soll, die ich sehe. Ich erwarte wirklich, eine weiße Frau mit rosiger Haut, blonden Haaren und blauen Augen zu sehen.
(Dänische Asiatin, 2001)
S
ehen Sie, in einer völlig weißen Umgebung aufzuwachsen, hatte großen Einfluss auf meine Sicht, wer ich bin. Ich wurde konditioniert, zu glauben, dass ich weiß bin.
(David Scott Woods, 1996)
Das Aufwachsen in einer großen schwedischen Gemeinde im Mittelwesten machte mich mit dem ersten Kriterium bekannt, das als Norm angesehen wurde. Helle Haut und blondes Haar waren der Standard, mit dem ich mich maß. Ehrlich gesagt hatte ich keine Vorstellung, dass ich nicht in diese Beschreibung passte, bis ich mein Spiegelbild sah. Was für ein Schock, als ich herausfand, dass ich nicht so war.
(Rebecca Smith, 1997)
Ich pflegte zu glauben, dass ich weiß war. Zumindest war ich emotional völlig von diesem Glauben umgeben. Theoretisch war ich weiß, meine Familie ist weiß, die Gemeinde in der ich aufwuchs war weiß, und ich konnte Korea nicht auf einer Landkarte zeigen, noch kümmerte ich mich um einen solchen Ort. Das Einzige, was ich über Korea gehört hatte war, dass sie dort Hunde essen? Allerdings verriet das Bild, das mich aus dem Spiegel ansah, diesen Glauben? Ich hasste mich selbst, diesen Verrat, dieses Äußere ohne ein Wissen bekommen zu haben, woher es stammte.
(Young Hee, 1997)

Der erste und wichtigste Ausgangspunkt bei der Untersuchung der Identitätsentwicklung von adoptierten Koreanern muss der Umstand sein, dass sie einer Selbst-Identifikation als Weiße ausgesetzt wurden, nachdem sie in einer weißen Familie aufgewachsen sind. Im Einklang damit könnte man sagen, dass adoptierte Koreaner diese weiße Identifikation aufrecht erhalten, indem sie ständig Weiße imitieren und davon ausgehen, dass sie in der Regel im Stande sind, als einheimische "Westler" durchzugehen, obwohl sie ein koreanisches Äußeres haben. Im Hinblick darauf können adoptierte Koreaner in Verbindung zu ethnischen "Drags" und "Cross-dressers" gebracht werden, zu Transvestiten und sogar Transsexuellen und "Transgenders", die scheinbar fixe rassische, ethnische und nationale Identitäten und Zugehörigkeiten stören und diesen spotten. Auf der anderen Seite macht diese weiße Identifikation adoptierte Koreaner zusammen mit anderen international Adoptierten absolut einzigartig in der Geschichte des Kolonialismus, da nie zuvor eine nicht-weiße Gruppe als weiß sozialisiert worden ist. Dieses bizarre und in jeder Hinsicht seltsame Phänomen, ein völlig verdrehtes körperliches Selbstbild zu haben, kann leicht zu Selbsthass und Selbstentfremdung führen und macht adoptierte Koreaner zu Fremden gegenüber ihrem eigenen Körper. Daher kann die Identitätsbildung adoptierter Koreaner nicht zu so etwas Einfachem und Unproblematischem reduziert werden, wie sich Weiß-Sein anzugewöhnen und zu praktizieren. Einen nicht weißen Körper zu haben, der in der von Kolonialismus und Rassismus geprägten westlichen Kultur und Gesellschaft durch eine lange Geschichte von Anderssein gekennzeichnet ist, die in ihn eingeschrieben ist, ist tatsächlich von Bedeutung. Wann gelingt es den Adoptierten also nicht, eine weiße Identifikation zu bewahren?

Ich war ein "gook", ein "chink", eine "boat person" und ein "V.C." (Viet Cong). Es war nicht wichtig genug, meine tatsächliche Abstammung zu kennen. Dazu im Widerspruch war ich für meine Lehrer, Geistlichen und meine eigene erweiterte Familie allerliebst, "eine kleine Chinapuppe". Im Schulhof wurde ich ausgelacht und gehänselt, ausgewählt und verprügelt. Ich lief einem Buben davon, der mir mit einem wahrnehmbar stereotypen asiatischen Akzent "pork fried rice" ins Ohr brüllte. Ich machte mir solche Gedanken über die Schande mit dem Reis und den Stäbchen, dass ich niemals so essend gesehen werden wollte. Ebenso war es mit Karate und Kung Fu. Ich stimmte keinem Karateunterricht zu, den meine Mutter zu meiner eigenen Verteidigung vorschlug.
(Christine Jones Regan, 1999)
Während ich aufwuchs, war ich die perfekte entführte Tochter. Gut, klug und aufmerksam. Ich hatte eine nahe Beziehung zu meinen Entführer-Eltern und empfand es, als würde ich sie wirklich lieben. Es ging mich daher wirklich an, wenn ich von ihnen Kommentare hörte wie "Unsere Tochter ist so gehorsam, das muss in ihren Genen liegen!" oder wenn meine Familie Worte wie "Orientale", "Chinese" oder "Chinapuppe" benutzte, um mich oder andere Asiaten zu beschreiben.
(Su Yung Kim, 2002)
Manchmal sieht meine Adoptivmutter eine asiatische Frau im Fernsehen und erklärt: "Oh, so wie du!". Oder wenn wir in einem Chinarestaurant essen, ist das erste, worüber sie einen Kommentar machen die "Ching Chong Chinamusik".
(Seoul One, 2003)


Mit einem asiatischen Körper, der Orientalismus bedeutet, droht das plötzliche und mächtige Einschreiten von orientalistischen Bildern, die in den am wenigsten erwarteten Momenten und sogar innerhalb der Adoptivfamilie auftauchen und adoptierte Koreaner zu ethnischen Stereotypen fetischisieren. Daneben ist es auch wichtig, festzustellen, dass diese orientalistischen Bilder in der Praxis die einzigen verfügbaren Spiegelbilder sind, die für eine körperliche Selbst-Identifizierung zur Verfügung stehen. Das ist auch der Grund für eine ambivalente Antwort auf orientalistische Fantasien, da sie zumindest ein Spiegelbild des Körpers bieten. Daher ist es kein Zufall, dass viele adoptierte Koreaner auch unkritisch Orientalismus darstellen und fast vollständig und bis zur Perfektion orientalistische Stereotypen verkörpern.

Ich erinnere mich, dass ich mich als ich zum ersten Mal "Miss Saigon" sah, hin- und hergezogen zwischen meinem weiß- und meinem asiatisch-sein fühlte? Ich fühlte mich nicht asiatisch, sondern so weiß wie die Freunde, die neben mir saßen. Doch schon jetzt begannen die Aufrührungen der Identität, weil ich mich emotionell von den asiatisch-amerikanischen Schauspielern angezogen fühlte. Das Stück zu sehen war amüsant? Es war wie sich verlieben. Mir war schwindelig vom amerikanischen Traum, den es darstellte, voller Tränen über die Härten des Krieges und betört von der Beziehung zwischen Kim und Chris, die Liebenden, auf die die Geschichte sich bezog. Es war Liebe und ich fühlte stark für "Miss Saigon". Ich ließ mich werben von sanfter Musik, dramatischen und verschwenderischen Einstellungen und der Geschichte einer Prostituierten, die für eine Liebesnacht an einen amerikanischen Marinesoldaten verkauft worden war, sich verliebte, ihr Kind gebar und schließlich damit endete, sich in einem von Sternen umgebenen Glanz der Aufopferung zu töten.
(Holly Coughlin, 1999)


Zur selben Zeit riskieren adoptierte Koreaner immer die Bedrohung, für einen nicht-westlichen Immigranten asiatischer Abstammung gehalten zu werden, denn der Diskurs von Immigrantentum unterscheidet in nahezu jeder zeitgenössischen westlichen Gesellschaft scharf zwischen einheimischen Weißen und nicht-weißen Immigranten. Als Antwort darauf tragen sie Weiß-Sein oft noch intensiver zur Schau, oft kombiniert mit einer übertriebenen Mittel- oder Oberschichtenzugehörigkeit, mit dem Wunsch, für ein asiatisches Adoptivkind einer weißen Elitefamilie gehalten und nicht mit einem asiatischen Immigranten aus der Arbeiterschicht verwechselt zu werden.

Bei meiner täglichen Planung, Perfektion zu erreichen, stellte ich sicher, dass ich niemals mit einem der anderen adoptierten Koreaner in unserer Schule assoziiert werden konnte. Dies funktionierte großartig, denn sie versteckten sich ebenfalls in ihren anderen Identitäten. Was ich nicht vorhergesehen hatte, war die erste Hmong Familie, die in meine Schule kam. Ich fühlte ihre Blicke in der Halle. Sie waren sofort angezogen von der Eigenschaft, die ich am meisten an mir hasste: meinem asiatischen Äußeren. Ich mied sie wie die Pest. Ich stellte mir vor, dass sie meine Tarnung aufheben und dem Umstand Aufmerksamkeit zuweisen, dass ich wie sie aussehe.
(Sundraya Kase, 1997)
In dieser Zeit gab es keinen Ausweg ? in einer Gruppe von Asiaten hätte ich mir den Tod geholt. Meine Wahrnehmung von Asiaten war zu dieser Zeit negativ, wegen der Dinge, die meine Freunde über Asiaten sagten, von denen sie annahmen, dass sie Immigranten waren. "Oh, schau mal, die sind frisch vom Boot". Das bedeutete, wenn ich eventuell so aussah wie jemand, der nur eine fremde Gruppe von Silben und Konsonanten sprach, kam es auf das Gleiche hinaus: "Me how ping pong."
(Jamie Kemp, 2001)
Ich beobachtete, wie Amerikaner gehen, sprechen, ihre Hände benutzen und ich wurde zu einem Meister der Imitation. Ich hatte ein besseres Verständnis von der Sprache als die in Amerika geborenen Kinder, mit denen ich in die Schule ging.
(Elizabeth Kim, 2000)


Die andere Möglichkeit liegt darin, sich mit asiatischen Immigranten zu identifizieren, aber diese Option ist nicht so leicht, weil adoptierte Koreaner dann oft als Outsider in der weißen Mehrheit und den koreanischen Immigrantengemeinden enden.

Meine asiatischen Freunde sagen mir, dass andere koreanische Adoptierte zu weiß sind, wie Bananen. Sie sagen mir, es ist gut, dass ich lerne, wie es ist, ein Asienamerikaner zu sein. Wie es ist, eine farbige Person zu sein. Und wie weiße Menschen über mich denken. Ich habe weiße Eltern, Twinkie, Banane, Ausverkauf,  Ich habe all das gehört und hasse es ebenso.
Ich kann den Rassismus bei allen meinen weißen Freunden sehen, bei meinen Großeltern und Cousins? Sie sagen, dass mein Rassismus internalisiert ist und dass ich getäuscht wurde, die große weiße Lüge zu glauben. Vielleicht ist das so. Aber was sagen sie mir? Dass ich meinen Vater hassen soll? ... Weiße Menschen glauben, dass ich nur ein "Gook" (abwertender Begriff für Asiaten; aus der Koreanischen Umgangssprache für "Person") bin, weiße Menschen, die mich nicht kennen. Sprechen Sie Englisch? Oh, Ihr Englisch ist sehr gut. Woher kommen Sie? Wie lange leben Sie schon in Amerika? Ich wusste nicht, was ich drauf sagen soll. Wie soll ich sagen, dass ich mich amerikanischer fühle als Sie, Sie europäischer Immigrant in der dritten Generation. Meine Familie ist seit dem 18. Jahrhundert hier. Mein Ururgroßvater verdiente sein Geld in New York, während Ihrer noch in einem anderen Land am Feld arbeitete. Erzählen Sie mir nichts über die englische Sprache. Meine Mutter ist Professorin für Englisch. Das ist es, was ich denke, wenn Weiße mir gegenüber rassistisch sind. Was ist mit den Koreanern? Ich bin einer von ihnen, richtig? Falsch. Vielleicht liegt es nur an mir, aber ich fühle mich sehr deplatziert, wenn sie um mich sind. Ich fühle mich dann auch sehr gut. Ich bin einer von ihnen, aber da gibt es immer auch einen Schatten von Ausgeschlossen-Sein. Ich brauche ihre Akzeptanz. Aber ich würde lieber nicht ihre Ablehnung riskieren und habe einfach nichts mit ihnen zu tun.
(Arthur Hinds, 2000)


Unlängst hat der koreanische Nationalismus begonnen, adoptierte Koreaner anzurufen, "zurückzukommen" und "nach Hause zu kehren". Diese Verlockung des Essentialismus in Form von Koreanisch-Sein, indem man sich von der koreanischen Diaspora-Politik zurückfordern lässt und ein Möchtegern-Koreaner wird, bedroht natürlich auch die weiße Identifikation. Nochmals ? dies ist keine leichte Alternative vor dem Hintergrund der nahezu völligen Untrennbarkeit von Rasse, Sprache und Kultur im koreanischen Nationalismus.

Dieses Jahr in Korea war für mich vor allem eine Herausforderung, weil ich nicht gut koreanisch spreche? Grundsätzlich denken die Leute hier, dass ich eine Person bin, die sie ärgerlich machen will, weil sie bewusst nicht spricht was offensichtlich nach der äußeren Erscheinung ihre Muttersprache sein sollte. So reagieren die meisten Menschen, wenn sie mich zum ersten Mal treffen. Und das passiert immer so: Jemand auf der Straße bleibt stehen und fragt mich in schnellem Koreanisch nach der Richtung. Nachdem ich klar gesagt habe, dass ich kein Koreanisch spreche, beginnt das Fragen. Erste Frage: "Sind Sie kein Koreaner?" Zweite Frage: "Ja, sprechen Sie dann nicht koreanisch?" Dritte Frage: "Warum nicht? Hat Ihr Vater/ Ihre Mutter/ andere Koreanische Einflüsse während des Aufwachsens Ihnen nicht Koreanisch beigebracht?" Wie beantworten Sie Fragen dieser Gesinnung? Sie können es nicht. Sie werden ehrlich verrückt, wenn sie es versuchen.
(Sunny Diaz, 2000)


Zum Abschluss ist es meine Überzeugung, dass diese bedrängte Identifikation als Weiß durch den nicht-weißen Körper zerbrechlich gemacht wird, der ständig Gefahr läuft, fetischisiert, rassifiziert und essentialisiert zu werden und dass dies zu einem permanenten Zustand von enormem Stress führt, von Wut, Agonie und Melancholie ebenso wie von Entfremdung und Einsamkeit, niemals dazu zu passen und sich immer wie ein sozial unpassendes Stück und ein ethnisches Chamäleon zu fühlen.

Während die meisten Menschen wegen übergebliebener Mohnsamen zwischen den Zähnen in den Spiegel schauen, sehe ich nach, ob ich weiß bin: haben meine Augen wundervolle hängende Lider geformt, um eine blaue Iris zu bedecken? Hat meine verlorene Nasenbrücke wieder ihre wahre nordische Schönheit bekommen? Ich überprüfe zugegebenermaßen meine Zähne, aber mehr um meine Enttäuschung zu verbergen dass diese so erwartete Transformation noch nicht passiert ist. Ich sage "noch", denn obwohl ich vierundzwanzig bin, hege ich noch immer Fantasien, nicht adoptiert worden zu sein und außerdem weiß zu sein wie meine Adoptivfamilie. Als international Adoptierte weiß ich nicht, was mich mehr aus der Fassung bringt: dass ich tatsächlich adoptiert worden bin oder dass ich mich nie einer Kultur zugehörig fühlen werde? Mein koreanisches Gesicht gegen ein deutsches zu tauschen ist offensichtlich eine kindliche Lösung für einen viel komplexeren Umstand? Als ich einmal im Alter von fünf Jahren von einem Fremden auf Koreanisch angesprochen wurde, fragte ich meinen Vater, warum die Person glaubte, ich wäre Koreanisch. Meine Frage bleibt für mich eine traurige Startlinie für eine verwirrende Geschichte und ich kann mir nicht helfen, dass ich mich irgendwie wie das Opfer eines grausamen Spaßes fühle. Es ist schwierig zu wissen, wohin ich meinen Schmerz lenken soll. Wenn ich in der Schule ermutigt wurde, mich bei Projekten auf Korea zu konzentrieren, heuchelte ich Desinteresse, während ich ein andermal die Schande über diese unangenehme Assoziation zwischen mir und diesem Land versteckte. Niemand wusste von meiner Ambivalenz. Niemand kam über meine Bastion des Schweigens. Ich war allein und wurde zu einem sich selbst hassenden introvertierten Teenager, der sich nicht vorstellen konnte, was ihr Ebenbild ihr sagen wollte. Es hat mich viele schmerzhafte Jahre gekostet, meine vielfältigen Anpassungsmethoden zu überwinden und ich bin noch lange nicht damit durch Vielleicht muss der Prozess des Verzeihens bei mir selbst beginnen. Ich bin nicht weiß, aber ich habe niemanden außer mich selbst zum Narren gehalten Mein Spiegelbild wird sich nie ändern, aber meine Sicht wird klarer.
(Anonym)
Viele waren von Rassenhänseleien und Diskriminierung betroffen, weil sie anders aussahen und von ihren Freunden anders behandelt wurden, verhöhnt, als Kinder sie "Chinks", "Japs", "Flachgesichter" oder "Schlitzaugen" nannten? Das Leid wird durch die Unwissenheit des Adoptierten über seine Kultur und Herkunft und das Fehlen von vielen -wenn überhaupt irgendwelchen- Vorbildern doppelt verstärkt. Wenn man erklären muss "Nein, ich bin kein Chinese oder Japaner - ich bin Koreaner" und nicht wirklich weiß, was das bedeutet. Die Schwierigkeiten, die alle Jugendlichen erleben, nämlich zu ihren AltersgenossInnen zu gehören, werden durch den Versuch intensiviert, weiß auszusehen, weiß zu handeln und nicht auszusehen wie die Menschen, die man am wahrscheinlichsten nachahmt ? die eigenen Eltern.
(Kunya Des Jardins, 1999)
Ich gehe in dieser Haut. Und in dieser Haut bin ich wie irgendein Amerikaner. Ein einzelnes Bild ist in mich geätzt worden? Aber meine Haut steht in Konflikt zu mir. Die Welt sieht mich als Farbige. Während ich mit anderen Pionieren, die den Elementen ihrer eignen Vorurteile mutig begegnen die Schlucht zwischen den Kulturen überschreite, bemerke ich, wie viel Energie es braucht, das Herz zu öffnen, wie willig der Geist auch sei. Und ich knalle gegen das undurchdringliche Tor. Es schmerzt so sehr, noch immer draußen zu sein. Es ist insgesamt ein lieblicher Schmerz, einer, mit dem ich vertraut bin.
(Su Niles, 1997)


Das mag auch das hohe Übergewicht bei den Selbstmordraten und psychosozialen Problemen bei erwachsenen Adoptierten erklären. Wenn man keinen Ort hat, um sich zu verstecken und auszuruhen, keine Wohlfühlzone und keinen sicheren Platz, wird der Tod in Form von Selbstmord zu einem letzten Weg für adoptierte Koreaner, dem endlosen Kampf zu entfliehen, zwischen all den falschen Übersetzungen, falschen Erkenntnissen, falschen Darstellungen und falschen Aneignungen am Ende alleine dazustehen. Mit dieser Interpretation verlasse ich bewusst die gängige Adoptionsforschung, die solche "abweichenden" Resultate wie Selbstmord unter international Adoptierten nur mit Faktoren vor der Adoption, Trennungstraumata und Bindungsstörungen erklären will. Meine Interpretation kann auch als Kritik an den postmodernen Konzepten des Nomaden- und Kosmopolitentums gesehen werden, die Grenzexistenzen und Grenzüberschreitende wie adoptierte Koreaner idealisieren. Stattdessen argumentiere ich dafür, dass es notwendig ist, möglicherweise unangenehme und unerfreuliche Sachverhalte wie Kolonialismus und Rassismus einzuführen, um das tägliche Leben von erwachsenen international Adoptierten in heutigen westlichen Gesellschaften zu verstehen.

Tobias Hübinette ( Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ),
Multicultural Centre, SE-147 85 Tumba, Sweden


Literatur

Anonymous. Unter anderem "Thoughts of a Korean Adoptee":
http://www.adoption.on.ca/koreanadopt.html (2004-07-02)

Danish Asian. 2001. "Adoptees struggle between finding herself and fitting in":
http://www.goldsea.com/Air/True/ILF/adoptee.html (2004-06-20)

Holly Coughlin. 1999. "My breakup with Miss Saigon", Minnesota Women's Press 7/7 1999.

Kunya Des Jardins. 1999. "Finding Seoul". Hongik Tidings 3/1999.

Sunny Diaz. 2000. "'Korean? American?! Hispanic???!!!. An Adoptee in Korea": http://www.fulbright.or.kr/eta/english/eta-perspectivs.html (2004-07-02)

Arthur Hinds. 2000. "Asian, Korean, Adopted, American". Paradox 1/2000.

Christine Jones Regan. 1999. "Carefully taught". Bamboo Girl 8/1999.

Sundraya Kase. 1997. "Mentoring". Korean Quarterly 4/1997.

Jamie Kemp. 2001. "The seeds of racial disparity". Korean Quarterly 3/2001.

Elizabeth Kim. 2000. "Ten thousand sorrows. The extraordinary journey of a Korean War orphan". New York: Doubleday.

So Yung Kim. 2002. "I was abducted by White people". Portland: Confluere Publications.

Su Niles. 1997. "Obstacles and challanges". We Magazine 5/1997.

David Scott Woods. 1996. "A Korean with a white heart?:
http://www.dpg.devry.edu/~akim/sck/adopt.html (2004-07-02)

Seoul One. 2003. "A Korean adoptees search for her identity":
http://www.modelminority.com/article600.html (2004-05-26)

Rebecca Smith. 1997. "Unconventional Seoul" in "Seeds from a silent tree. An anthology by Korean adoptees" edited by Tonya Bishoff and Jo Rankin, Glendale: Pandale Press.

Young Hee. 1997. "Laurel" in "Seeds from a silent tree. An anthology by Korean adoptees" edited by Tonya Bishoff and Jo Rankin, Glendale: Pandale Press.