Ich überlege mir immer wieder, ob es gescheit ist, jetzt alles zu verdrängen

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Jean Bernthaler (14, geboren in Ruanda und adoptiert im Alter von 6 Jahren) im Gespräch. Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe, in der auch ein Interview mit Jean Bernthalers Mutter sowie sechs Fragen an die Psychologin und Psychotherapeutin Dr. Gundula Ebensperger-Schmidt erschienen sind (siehe Text).

 

 

Bei unseren Tätigkeiten geht es immer um Kinder, die nicht bei den leiblichen Eltern aufwachsen. Für uns ist interessant, welche Themen Eltern und Kinder beschäftigen, die in solchen Familien leben. Wir sind also auch besonders froh, wenn wir mit jemandem sprechen können, der persönlich betroffen ist.

Du hast eine sehr vielfältige und ungewöhnliche Geschichte. Du hast das Land gewechselt und dich mit einer völlig neuen Umgebung und Situation anfreunden müssen. Ich kann mir vorstellen, dass das eine Reihe von möglichen Fragen aufwirft. Es wäre jedenfalls nicht zu verwundern. Diesbezüglich wollten wir Deine Erfahrungen, Überlegungen und Wünsche kennen lernen.

Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch ein Bedürfnis nach einer abgeschlossenen Vorstellung davon hat, wer er ist und woher er kommt. So genau wissen das viele bis zum Lebensende nicht. In deinem Fall gibt es zwei Dinge, die dich von anderen Jugendlichen unterscheiden, die bei den leiblichen Eltern aufwachsen bzw. in der Kultur aufwachsen, in der sie geboren werden. Ist das für ich ein Thema?


So ist es einfach und es passt so, wie es ist. Als ich zu meiner Adoptivmutter kam, habe ich kein Deutsch gesprochen, sondern ausschließlich Französisch. Irgendwie ist mir das dann auf die Nerven gegangen und ich dachte mir: "Das kann nicht so weiter gehen, ich muss deutsch lernen, damit ich mich mit den anderen verständigen kann." Ein paar Monate später habe ich fließend Deutsch gesprochen. Dann habe ich leider das Französisch verdrängt, was mir heute sehr Leid tut.

Welche Sprache war deine erste Muttersprache?


Vor meiner Adoption haben wir französisch gesprochen und wie ich dann nach Österreich gekommen bin, habe ich auch noch eine Weile französisch gesprochen, weil der Lebensgefährte meiner Mutter gut französisch spricht. Meine Adoptivmutter kann die Sprache auch, aber nicht ganz so gut. Auf jeden Fall aber ausreichend für eine Verständigung.

Ist die französische Sprache noch vertraut und erinnert sie an die Kindheit?


Doch, schon. Wenn ich jemanden auf der Straße französisch sprechen höre, dann höre ich halt so hin, ob ich noch etwas verstehe und denke mir, das ist eine coole Sprache?

Vielleicht kommst Du auf diesen Teil Deiner Geschichte, der sich in der Sprache ausdrückt wieder einmal zurück. Es ist eine Möglichkeit, wieder an die eigene Geschichte anzuknüpfen. Würdest Du sagen, dass das wichtig ist?


Für mich ist es das im Moment nicht so wichtig. Ich kann mir vorstellen, dass es mich irgendwann einmal in zwanzig Jahren interessiert, was da gewesen ist. Es haben mich viele Leute gefragt, ob ich nicht irgendwie zurück schauen will, wie es dort ist und so?. Aber es ist so, wie wenn ich im Jahr 2000 in eine Stadt gehe und im Jahre 2010 wiederkomme. Da sieht es ganz anders aus und es ist nicht mehr so, wie es damals war.

Wir beobachten das auch bei anderen Adoptivkindern, die jetzt in Österreich sind. Ihr Herkunftsland spielt im Moment eigentlich keine Rolle. Es ist fast so, als wollten sie nicht mit Themen belästigt werden, die sich für sie derzeit gar nicht stellen.


Ja, so könnte man das durchaus sagen.

Du würdest Dich also als Österreicher bezeichnen?


Ja. Ich glaube, ich kann das auch so sagen, weil ich glaube, dass es nicht viele Adoptivkinder gibt, denen es so gut wie mir geht. Das muss ich schon sagen. Es ist immer jemand für mich da, es kümmert sich immer jemand um mich. Wenn ich mich halbwegs brav aufführe, dann kann ich alles bekommen. Ich kann zur Schule gehen, habe berufliche Perspektiven. Das haben viele nicht. Das sehe ich so, doch, auf jeden Fall.

Das muss man nicht so empfinden. Man könnte es auch so empfinden, dass man nie das bekommt, was man will und die Leute ständig etwas von einem wollen, was den eigenen Bedürfnissen widerspricht. Dieses Empfinden hast Du nicht?


Nein.

Du kannst es also durchaus als etwas sehen, worüber du froh bist, dass es so ist.


Ja.

Das Thema "geschlossene Geschichte" beginnt schon bei den Vorfahren, dass man eine Idee hat, wer die waren und was sie gemacht haben. In Familien spricht man darüber und erzählt davon. Wäre es für dich im Moment interessant, hier mehr zu wissen.


Das ist für mich eigentlich kein Thema. Es hat aber schon Tage gegeben, zum Beispiel bei Schularbeiten, da sind mir plötzlich nach 25 Minuten auf einmal die Tränen gekommen. Ich wusste nicht warum und habe geweint und habe irgendwie ohne das zu wollen an meine leibliche Mutter gedacht. Ich überlege mir immer wieder, ob es gescheit ist, jetzt alles zu verdrängen und an nichts mehr zu denken oder ob ich vielleicht nur mehr ein bisschen abwarten soll und mir dann relativ bald Gedanken darüber machen. Da habe ich mich aber noch nicht entschieden.

Ich kann mir gut vorstellen, dass man nicht weiß, wie man damit umgehen soll. Einerseits ist das ein wichtiger Teil der eigenen Geschichte, mit dem man aber nicht ständig in Berührung kommen will, weil andere Dinge doch wichtiger sind und man sich dann zu einem geeigneten Zeitpunkt intensiver damit befassen möchte. Im Moment hättest du eben lieber Ruhe davon.


Du warst mit Deiner leiblichen Mutter zusammen, bis du wie alt warst?


Ich bin den Papieren nach 1993 in Ruanda geboren und 1996 für zwei Jahre nach Belgien zu einem Onkel gekommen und von dort nach Österreich. Das heißt, mit drei Jahren bin ich von meiner leiblichen Mutter weggekommen.

Gibt es noch Kontakt zu dem Onkel?


Nein, gar keinen. Das ist irgendwie furchtbar, denn ich weiß zwar ungefähr, wer mich betreut hat, als ich klein war, aber ich habe keine Ahnung, welche Menschen das waren. Ich kann mich nur mehr dunkel erinnern. Aus der Zeit in Belgien kann ich mich erinnern, wie ich mit Murmeln gespielt habe und ähnliche Dinge. Ich kann mich auch erinnern, dass da noch einige andere Kinder waren und ich nicht das einzige Kind war.

Das heißt, wahrscheinlich hast du auch keine genaue Erinnerung mehr an deine Mutter?


Ich habe ganz wenige Erinnerungen an meine Mutter. Ahnungen vielleicht?

War für dich die dunkle Hautfarbe im Zusammenhang damit, dass die Adoptivmutter weiß ist, ein Thema?


Ich bin schon öfter gefragt worden, ob ich rassistische Anfeindungen erlebt habe. Eigentlich habe ich das noch nicht. Vielleicht bin ich bisher zweimal blöd angesprochen worden. Das heißt einmal bin ich von einem Neonazi böse angesehen worden. Das wundert mich sehr, denn es gibt andere Schwarze, denen es anders geht und die mich fragen, warum ich nie angemault werde. Ich muss sagen, dass ich eigentlich nur weiße Freunde habe, davon aber sehr viele. Viele Leute haben vor mir Respekt und die meisten akzeptieren mich wie ich bin und das finde ich sehr schätzenswert.

Wir machen immer wieder Seminare für Personen, die Kinder aus dem Ausland adoptieren wollen. Da ist es immer wieder ein Thema, ob man das überhaupt tun bzw. den Kindern im Hinblick auf zukünftigen Rassismus zumuten soll.


Das kann man schwer beantworten, weil es auch sehr stark vom Kind abhängt. Wenn das Kind alt genug ist, selbst zu entscheiden und weg will, dann natürlich. Ich denke mir aber jedenfalls, wenn es dem Kind offensichtlich dort besser gehen wird, wo es hingebracht wird, dann ist das okay. Es gibt Kinder, die haben kein festes Dach über dem Kopf, keine Menschen, die sich um das Kind kümmern, für das Kind sorgen, mit ihm Sachen unternehmen. Wenn sie dann ein festes Dach haben, dann spricht das dafür.

Das heißt es geht um Absicherung der wichtigen Lebensbedingungen. Wenn das dort besser möglich ist als anderswo würdest du sagen, es ist verantwortbar.


Auf jeden Fall! Als ich persönlich hierher gekommen bin, habe ich davor viel einfacher gelebt. Da war alles neu für mich - so ein großer Fernseher und vieles mehr. Das alles ist am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig, da muss man aufpassen, dass man das dem Kind langsam beibringt. Andernfalls denkt sich das Kind vielleicht, es ist ohnehin alles da und will später immer mehr als nötig ist?

Ich habe mir heute Vormittag eine Website einer Adoptierten angesehen, die nennt sich "doppelt belichtet". Fängst Du mit einer solchen Analogie etwas an.


Nicht so direkt. Es ist bei uns so, dass ich mich mit meiner Mutter schon sehr zusammen gelebt habe. Ich kann es mir gar nicht mehr anders vorstellen. Es war am Anfang wirklich schlimm und dann hat es Phasen mit meiner Mutter gegeben, da ist es lange sehr gut gegangen und dann wieder Zeiten, da ist es bei uns drei Monate komplett zugegangen. Das heißt, da bin ich wieder schlimm gewesen. Ich habe mich dann bei anderen Leuten umgehört, ob die zu Hause auch Streit haben und sie haben gemeint, "ja, schon". Ich habe immer wieder Stress gehabt mit meiner Mutter. Am Anfang war es aber so, dass ich wirklich Angst hatte, dass sie mich wieder weggibt und sagt "Ich will dich nicht mehr:". Das habe ich jetzt auch noch manchmal. Wenn es aber wirklich eine Garantie dafür gibt und man weiß, dass man nicht mehr wegkommen kann, dann fühlt man sich einfach sicherer. Nicht dass man das dann einfach ausnutzt und von nun an ganz gemein zur Mutter ist, aber das gibt eben eine gewisse Sicherheit.

Ab wann stellt sich die Sicherheit ein?


Vor zwei Wochen habe ich Stress mit meiner Mutter gehabt, weil sie mir mit dem LSF gedroht hat, weil ich mich etwas aufgeführt habe. Da hat es bei mir Dreizehn geschlagen. Es muss schon eine gewisse Sicherheit da sein, dass man weiß, dass man da aus zwei Gründen nicht mehr wegkommen kann: weil die Mutter dich eigentlich wirklich da haben will, weil sie dich sonst nicht genommen hätte und einfach auch dass du weißt, dass du da bleibst und ein fixes zu Hause hast.

Wenn ich dann älter bin - so zwanzig - und mein eigenes Geld verdiene und meine eigene Wohnung habe, dann werde ich wirklich nachdenken und werde darauf kommen, wie dankbar ich meiner Mutter eigentlich sein kann und was sie alles für mich getan hat.

Aber vorher denkt man sich immer, hoffentlich kommt man nicht da weg.

Weißt du etwas über das Schicksal deiner leiblicher Mutter?


Ich vermute, dass meine Mutter verstorben ist, weiß es aber nicht genau. Als wir von Ruanda nach Belgien gegangen sind, keine Ahnung wie das genau war, sind wir zuerst ein Stück gewandert. Kurz vor dem Ziel - ich weiß nicht ob das Absicht war oder jemand meine Mutter gezwungen hat - hat meine Mutter, die mich huckepack getragen hat, mich ihrem Freund übergeben und gesagt, dass sie kurz aufs WC muss und ist in den Wald verschwunden. Der Freund war ganz nett zu mir und hat immer gelächelt. Ich habe mir gedacht, sie kommt dann eben wieder. Sie kam nicht und kam nicht.

Meine Geschwister, ich war das zweitjüngste Kind von vieren, habe ich auch nie mehr gesehen. Ich habe keine Ahnung. Ich weiß, die gibt es irgendwo, habe aber null Kontakt. Es ist wie bei Verwandten, wo man weiß, die gibt es irgendwo?.

Ich kann nicht sicher sein, was meine Mutter betrifft, denn ich habe sie nicht vor meinen Augen sterben sehen. Aber der Kontakt ist komplett abgebrochen. Selbst wenn sie mir hier in Graz zehnmal begegnen würde, würde ich sie nicht erkennen.

Das Gespräch führten Friedrich Ebensperger und Jutta Eigner.


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