Wichtig ist, dass Kinder sich immer ausdrücken können...

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. | Drucken |



Ein Interview mit Sonja Rabar über Zweisprachigkeit und Sprachentwicklung nach einer internationalen Adoption

 

 

Als wir unsere Tochter im Alter von knapp sieben Monaten adoptiert haben, hat sie eine Zeit lang wesentlich stärker auf ihre Herkunftssprache reagiert, als auf unser Deutsch. Der Wechsel von der einen Sprache zur anderen wird also auch von sehr kleinen Kindern deutlich wahrgenommen.

Was lernen Babys im ersten Lebensjahr und davor von ihrer Muttersprache und wie verändert sich die Sprachentwicklung, wenn sie diese verlieren und stattdessen eine andere Sprache zur Hauptsprache wird?

Das Abenteuer des Hörens und Zuhörens beginnt eigentlich schon drei Monate vor der Geburt. Durch die Stimme der Mutter, die dem Kind über den Rhythmus, die Frequenz, die Vibration und die Intonation schon im Uterus vertraut ist, bekommt es auch die Erregung oder Ruhe, Sanftmut, Liebe oder Anspannung der Mutter vermittelt. Das Kind wächst und entwickelt sich damit und hat bei der Geburt schon sehr lange mit diesem Rhythmus und dieser Intonation gelebt, die für den Embryo eine wichtige Informationsquelle und eine Basis für das Sprechen und das Verständnis überhaupt darstellen. Das Kind entziffert aber natürlich nicht nur den einzigartigen Klang der mütterlichen Stimme, sondern auch die Sprache, in der sie spricht. Deswegen können Babys nach der Geburt die Sprache ihrer Mutter auch am leichtesten verstehen.

Im ersten Lebensjahr entwickelt sich nun die für das Sprechen notwendige Anatomie des Babys, der kindliche Stimmtrakt. Zwischen dem zweiten und dem sechsten Monat sinkt der Kehlkopf ab und der obere Stimmtrakt wird so ausgestaltet, dass allmählich die nötigen Resonanzbedingungen für die Bildung von Vokalen und Konsonanten entstehen.
Gleichzeitig entwickelt sich die Kommunikation. Im zweiten Lebensmonat beginnt das Baby mit der Bildung von Kontaktlauten, wobei es schon weiß, was es mit einem Schrei erreichen kann. Ab dem dritten Monat macht es dem Baby Spaß, mit Lauten und der Zunge zu spielen und seinen Bewegungsapparat auszuprobieren. Das passiert nicht nur im Dialog mit vertrauten Personen, sondern auch bei Selbstgesprächen in entspannten Phasen, zum Beispiel vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen. Solche Selbstgespräche sind ein Zeichen dafür, dass das Baby zufrieden ist und sich wohlfühlt. Im vierten oder fünften Monat mischen sich erste Silben in das Geblabber. Wenn im sechsten Monat die Vokale Resonanz bekommen haben, wird es leichter, zu differenzieren, was das Baby mit seinen Lauten sagen will und auch das Kind bemerkt das durch die Rückmeldungen seiner Bezugspersonen.
Einer ganz neuen Untersuchung zufolge beginnen Babys mit ungefähr acht Monaten artikulatorisch auf den Klang der Muttersprache zu reagieren, d.h. sie versuchen bereits nachzusprechen und den Rhythmus und die Melodie der Muttersprache zu imitieren.

Wir sehen also, wie viel in den ersten Monaten der Sprachentwicklung bereits passiert. Aus dieser Zeit nimmt jedes Kind etwas mit, das sich beim Wechsel in die Welt der Adoptiveltern verändert, denn nun klingt plötzlich alles anders.
Ich würde aber nicht sagen, dass Babys weniger auf die neue Sprache reagieren, sondern dass sie wieder in eine "Phase des Zuhörens" eintreten.
Sie müssen sich von neuem daran gewöhnen, differenzieren und zuhören, ehe sie später reagieren können. Diese Phasen wiederholen sich übrigens bei zweisprachigen Kindern immer wieder, wenn sie etwas intensiv aufnehmen und das Bedürfnis haben, länger zu verarbeiten.

Von Kindern, die zweisprachig aufwachsen hört man, dass sie oft später zu sprechen beginnen. Können Sie uns erklären, warum das so ist? Wo liegen die Unterschiede zwischen Sprachwechsel durch Adoption und Zweisprachigkeit?

Zweisprachige Kinder haben meines Erachtens etwas andere Bedürfnisse als Kinder, die mit einer einzigen Sprache aufwachsen. Sie können laut jüngsten amerikanischen Studien weniger intelligent wirken oder ein etwas anderes emotionelles Bild zeigen, weil sie für die Verarbeitung der beiden Sprachwelten immer etwas mehr Zeit und Energie brauchen. Schließlich müssen die Kinder laufend etwas vergleichen, in jeder Sprachwelt neu entdecken und dabei mehr denken und verarbeiten. Dafür bekommen sie im Gegenzug natürlich auch mehr Ausdrucksmöglichkeiten und mehrere Welten, in denen sie sich bewegen können...

Wenn in einer Familie die Mutter in der einen und der Vater in der anderen Sprache spricht, so sind das gute Bedingungen für eine zweisprachige Entwicklung der Kinder. Das Allerwichtigste ist, dass die Mutter mit dem Kind in ihrer Muttersprache spricht. Dann ist das Kind ganz aufgeschlossen, um auch andere Sprachen aufzunehmen.

Im Fall der internationalen Adoption erlebt das Kind keine Muttersprache in diesem Sinn, d.h. es kann sich nicht mehr mit der leiblichen Mutter in einer gemeinsamen Sprache unterhalten. Das bedeutet aber noch nicht, dass das Kind darunter leiden muss. Kinder sind im ersten Lebensjahr gut dazu fähig, eine zweite Sprache aufzunehmen, ohne ein Trauma dabei zu erleben. Es ist dann natürlich sehr wichtig, wie man mit dem Kind umgeht, wie die Kommunikation stattfindet, wie die emotionellen Beziehungen in der Familie sind und alles, was noch dazu gehört, um sich normal entwickeln zu können. Das ist die Vorbedingung.

Was die Adoption älterer Kinder betrifft, so schätze ich die Möglichkeiten auch für sie sehr gut ein, denn bis zum 14. Lebensjahr sind unsere Sprachprozesse noch im Werden und wir sind in diesem Bereich sehr aufnahmefähig.
Um das Kind nach der Adoption zu unterstützen, würde ich immer von der Ausdrucksweise und den Bedürfnissen des jeweiligen Kindes ausgehen und überlegen, was diesem Kind am besten liegt. Ist es überhaupt kommunikativ oder bevorzugt es andere Ausdrucksformen?
Diese Ausdrucksformen sollten dann gefördert werden, sodass das Kind sich immer musikalisch, motorisch, spielerisch, künstlerisch et cetera ausdrücken kann. Wenn sich das Familienleben eingespielt hat und man spürt, dass das Kind hierher gehört, kommt es sicher auch zu einer sprachlichen Kommunikation. Das muss nicht mit Stress verbunden sein.

Besonders bei der Adoption von Kindern im Kindergartenalter oder vor der Einschulung, fragen sich viele Adoptivwerber, wie gut die Kinder - zusätzlich zu allen anderen Veränderungen - einen Sprachwechsel verkraften und in der neuen Sprache tatsächlich "schulreif" sind...

Hier müssen wir mehrere Dinge in Erwägung ziehen... Kinder entwickeln sich im Vorschulalter sehr intensiv und sehr unterschiedlich. Eine Sprache zu beherrschen heißt noch lange nicht, schulreif zu sein. Emotionelle Reife ist hier sicher viel wichtiger, denn dann kommt es auch leichter zu einem verbalen Ausdruck, der in der Schule auch mit dem Lesen und Schreiben in Verbindung steht.

Hier kommen wir zum Thema "Semantik"/"Bedeutungen", das sehr empfindlich ist, weil es bei Sprache immer auch um Emotionen geht. Wenn ein Kind beispielsweise mit sechs Jahren adoptiert wird, hat es schon eigene Begriffe und eigene Bilder, Bedeutungen und Tiefgänge in seiner Muttersprache entwickelt, die nun auf einmal anders sind und neu erlebt und zugeordnet werden müssen. "Mal sehen, was das bedeutet, was es früher für mich bedeutet hat und was es jetzt bedeutet?"; "Vielleicht muss ich auf das was früher war verzichten, damit ich in diesem Kreis überhaupt mitspielen kann oder auch nicht?"... Da entstehen auch beim besten Willen kleine Abgrenzungen und man fühlt sich nicht so angenommen, weil die Bedeutungen anders sind. Man reagiert anders, man fühlt sich anders und man merkt es...

Es kommt auf ein Kind also sehr viel zu, egal ob die neue Sprache nun als Folge einer Adoption oder wegen eines Landeswechsels aus anderen Gründen erworben werden muss. Deswegen finde ich die Rolle der Adoptiveltern an dieser Stelle besonders wichtig, die hinhören, dem Kind sehr viel ihrer Zeit schenken, viele Möglichkeiten eröffnen und seine Ausdrucksweisen immer unterstützen sollten. Das kann meines Erachtens wesentlich mehr leisten und ist in dieser Situation angebrachter, als eine professionelle Sprachförderung.

Im Zusammenhang mit Sprachentwicklung und Zweisprachigkeit bin ich auf einen sehr einprägsame Analogie zwischen unserer Wahrnehmung von Sprache und von Wasserlilien gestoßen. Wenn wir ein Kind sprechen hören, erkennen wir zwar die blühende Wasserlilie über Wasser, können ihre Wurzeln aber nicht sehen. Ein Kind, das gut mit einer Sprache aufwächst, verfügt demzufolge über eine einzige blühende Wasserlilie, die gut verwurzelt ist. Kinder mit einer gut entwickelten Zweisprachigkeit verfügen über zwei Wasserlilien, die aus denselben Wurzeln emporwachsen.

Wenn Kinder aber erst später eine zweite Sprache erwerben, beherrschen sie schnell Alltagssprache und Aussprache, sodass auch hier von außen eine blühende Wasserlilie zu sehen ist, die aber - für uns unsichtbar - noch lange Zeit keine Wurzeln treibt.

Können Sie uns diesen Vergleich noch etwas genauer erklären? Was kann man sich unter den "Wurzeln" vorstellen? Bis zu welchem Alter ist es möglich, sich in einer Sprache zu "verwurzeln" und wie lange dauert das?

Diese Analogie erklärt uns, was passiert, wenn wir ein zehn- oder zwölfjähriges Kind vor uns haben, das sich im Alltag schon ganz gut in einer fremden Sprache verständigen kann. Die Frage ist, wo sind die Wurzeln dieser Sprache? Es gibt sie - aber wie? - Wenn ich in einer Sprache verwurzeln will, so muss der verbale Ausdruck in mich hinein und ich muss meine Emotionen spielen lassen, bis ich für diesen Ausdruck die beste Bedeutung für mich gefunden habe. Das sind die Wurzeln, die jeder von uns in sich spürt, wenn er am Ende des Spracherwerbs steht und nun sagen kann, er beherrscht eine Sprache, denn er weiß, was das und das bedeutet...
Um eine Sprache zu erlernen muss man zuerst einmal empfangsbereit sein, um diese aufzunehmen, zu verarbeiten und sich in der neuen Sprache wieder sozial integrieren zu können. Dieser Prozess vollzieht sich in Phasen und ist immer auch mit anderen psychodynamischen Prozessen verbunden.

Wie viel Zeit und Energie dafür nötig ist, ist individuell. Ein Verwurzeln passiert natürlich umso leichter, je jünger ein Kind ist, kann aber auch von Erwachsenen bis zu einem gewissen Grad erreicht werden. Für Kinder im Vorschulalter kann man davon ausgehen, dass das reibungslos verläuft, auch wenn es immer an den gesamten Entwicklungsprozess gebunden ist und man nie sagen kann, dass der Prozess zu einem bestimmten Zeitpunkt begonnen hat oder abgeschlossen war.

Wenn Adoptiveltern sich nach der Adoption eines Babys entscheiden, dessen Herkunftssprache aufrecht zu erhalten und dem Kind regelmäßigen Kontakt zu Personen ermöglichen, die sich auf polnisch, äthiopisch, portugiesisch oder vietnamesisch mit ihm unterhalten, wird das Kind die Herkunftssprache zumindest passiv erlernen.

Wie kann man sich die passive Beherrschung einer Sprache vorstellen und wie leicht ist es, diese bei Bedarf zu "aktivieren"?


Zuerst einmal würde ich die Einteilung in "aktiv" und "passiv" nicht treffen. Für Kinder in einer solchen Situation ist eine Sprachproduktion in der Herkunftssprache nicht ganz so einfach, während das Sprachverständnis da ist. Kinder sind da besonders klug: es ist anstrengender, die Sprache zu produzieren und wieso soll man sich das antun, wenn es ohnehin wunderbar funktioniert. Das bedeutet aber nicht, dass das Kind die Sprache nicht kann, es ist nur einfacher, sie nicht zu nutzen.
Ein Wechsel ist dennoch möglich, man muss nur in einer Situation sein, wo alle Beteiligten die Herkunftssprache gebrauchen und wird dann erleben können, wie das eigene Kind auch polnisch, äthiopisch oder portugiesisch spricht und wie viel es davon aufgenommen hat.

Ich finde dieses Beibehalten der Herkunftssprache eigentlich sehr begrüßenswert, weil die Wurzeln und der Kulturkreis des Kindes immer aktiv bleiben, im Unterbewusstsein immer da sind und nie aufgehört haben. Das Kind hat auf diese Weise immer einen Zugang zu seinen Ursprüngen: das prägt und ist wunderschön.

Manche Adoptiveltern erlernen zumindest in Grundzügen die Muttersprache ihrer zukünftigen Adoptivkinder und versuchen, diese wenigstens in den ersten gemeinsamen Wochen auch zu sprechen, um das Verständnis und Zusammenwachsen zu erleichtern.


Das ist sicher gut gemeint und auch eine schöne Geste, aber in dieser Situation nicht so entscheidend. Zuerst einmal sind nicht alle Eltern überhaupt fähig, so schnell eine fremde Sprache zu erwerben. Bis sie dann ein wenig Ahnung davon haben, kann viel Zeit vergehen und das Kind bleibt bis dahin im Ungewissen und in Zwischenräumen, wo es nicht weiß, was der Elternteil von ihm will. Das ist gerade dann, wenn man ganz am Anfang steht und mit allen Sinnen arbeitet, ein zu großer Kompromiss. Ich würde viel eher versuchen, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, damit hier alles gründlich stimmt. Dann kann man immer noch die Sprache erlernen und das Kind wird dann vielleicht auch besser verstehen können, wenn die Eltern sie nicht immer richtig einsetzen. Ich würde dem also in dieser Situation nie Priorität geben.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Sonja Rabar ( Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ) ist Diplom-Phonetikerin. Sie studierte theoretische und angewandte Phonetik an der Universität Zagreb und arbeitet zur Zeit als Sprachtherapeutin im Neurologischen Therapiezentrum NTK in Kapfenberg.
Das Gespräch führte Jutta Eigner.