Adoption und Identität

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Adoption und Identität
Autorin: Birgit Brand
Broschiert: 140 Seiten
ISBN-10: 3836412411
ISBN-13: 978-3836412414

 

 

Das zentrale Thema des vorliegenden Buches (Diplomarbeit) ist die Identitätsentwicklung. Durch die empirische Untersuchung möchte die Autorin herausfinden welche günstigen Bedingungen für eine gelingende Identitätsentwicklung nötig sind bzw. wie sich unterschiedliche Vermittlungs-, Aufklärungs- und Unterstützungsstrategien auf die Identitätsentwicklung der Betroffenen auswirken.

Frau Brand ist selbst Adoptivmutter.

Zum Aufbau des Buches:

Die Autorin definiert zuerst den Begriff Adoption und gibt dann einen kurzen geschichtlichen Überblick über Adoption von Moses bis heute, sowie einen Überblick über das gegenwärtige deutsche Adoptionsrecht.

Ausführlicher werden die Institutionellen Rahmenbedingungen für Adoptionen behandelt: Wie wird bei einem Auswahlverfahren vorgegangen, welche Formen der Adoption gibt es und wie sieht die heutige Situation der am Adoptionsprozess beteiligten Personen (Kinder, abgebende Eltern, aufnehmende Eltern) aus.

Anschließend wird Identität unter psychologischer, soziologischer, konstruktivistischer und psychoanalytischer Sichtweise begrifflich geklärt und auf die Schwerpunkte der Identitätsentwicklung in Kindheit und Adoleszenz eingegangen.

Ein adoptiertes Kind welches nicht über seine Adoption aufgeklärt wächst in dem Glauben auf, dass die Eltern bei welchen es lebt auch seine biologischen Eltern sind. Erfährt das Kind nun von der Adoption widerspricht dies seinem Bild von der Wirklichkeit und es hat Schwierigkeiten die Adoption in sein Selbstbild zu integrieren.

"Jugendliche setzen sich zwangsläufig mit ihrer Vergangenheit und ihrer Familiengeschichte auseinander, um zu erfahren wer sie sind. Die meisten Heranwachsenden interessieren sich vom Beginn der Adoleszenz an für Geschichten aus ihrer Babyzeit und Kinderfotos um möglichst viel über sich zu erfahren. "(...?) sie wollen ihr Leben als Einheit erleben, als zusammenhängendes Ganzes. Denn ein stabiles Gefühl für die eigene Identität kann nur entstehen wenn frühere Lebenserfahrungen in die eigene Persönlichkeit integriert werden." Dies gelingt dem Adoptierten jedoch nur, wenn er in seinem Bewusstsein einen Zusammenhang zwischen Gegenwart und Vergangenheit herstellen kann. Um die Vergangenheit kennenzulernen, muss er ein möglichst umfassendes Wissen über seine Ursprungsfamilie erwerben. Das Wissen vor allem um die leiblichen Eltern trägt zum Aufbau eines sicheren Identitätsgefühls des Adoptierten bei." (Brand, Seite 64).

Klären die Adoptiveltern das Kind frühzeitig über die Adoption auf und verleugnen ihre besondere Elternschaft nicht, so wird sich dies günstig auf die Identitätsbildung des Kindes auswirken. Tiefenpsychologisch betrachtet kommt es oftmals auch zu einer Ambivalenz - auf der einen Seite möchten die Kinder ihre leiblichen Eltern kennen lernen und auf der anderen Seite werden diese verleugnet. Schwierigkeiten in der Identitätsfindung können sich auch im völlig fehlenden Interesse an den leiblichen Eltern und der Adoption im Allgemeinen äußern.



Die Trennung von der Herkunftsfamilie, die Bindung an die neue Familie, die Aufklärung über die Adoption und die Suche nach den leiblichen Eltern werden als wesentliche Phasen für die Identitätsentwicklung des Kindes gesehen. Die Frage nach dem "Wer bin ich?" dauert ein Leben lang an.

Der zweite Teil des Buches befasst sich mit der empirischen Untersuchung. Im Rahmen der qualitativen Sozialforschung entschied sich Frau Brand für ihre Arbeit für eine Einzelfallanalyse und wählte als Methode das Problemzentrierte Interview. Als Untersuchungsteilnehmer kamen adoptierte Jugendliche, welche innerhalb Deutschlands neue Eltern gefunden hatten, in der Altersgruppe von 12 bis 18 Jahren in Betracht. Ebenso mussten diese Jugendlichen über Ihre Adoption aufgeklärt worden sein, die Bereitschaft auch der Adoptiveltern und der zuständigen Sozialarbeiter der Adoptionsvermittlungsstelle bestehen, an der Untersuchung teilzunehmen. Leider gelang es der Autorin nur eine Familie zur Mitarbeit an ihrem Forschungsvorhaben zu gewinnen.

Frau und Herr Beethke mit ihrem Adoptivsohn Kevin (zum Zeitpunkt der Adoption 10 Monate und nun zwölf Jahre alt) sowie die zuständige Sozialarbeiterin nahmen an der Befragung teil. Die Autorin führte mit diesem Personenkreis Interviews durch (Anmerkung: Die Interviews wurden vollständig im Buch wiedergegeben) und wertete diese aus, wodurch sich folgende wichtige Punkte für eine gelingende Identitätsentwicklung ergaben (Brand, Seite 90 und 91):


  • halboffene Formen der Adoption

  • frühe, altersentsprechende Aufklärung des Adoptivkindes durch die Adoptiveltern

  • offene Gesprächsatmosphäre in der Adoptivfamilie

  • selbstverständliche Integration der Adoptivsituation in den Alltag

  • die Aufarbeitung eventueller traumatischer Erlebnisse des Adoptivkindes

  • Akzeptanz der Adoptiveltern gegenüber den leiblichen Eltern

  • Annahme und Akzeptanz der Adoptiveltern gegenüber dem Adoptivkind

  • Kommunikation mit und emotionale Anbindung des Adoptivkindes auch während der Pubertät an die Adoptiveltern

  • Vorbereitung der Adoptionsbewerber vor der Vermittlung

  • Nachbetreuung der Adoptiveltern nach erfolgter Vermittlung

  • bei Bedarf Biografiearbeit mit Adoptivkindern

  • bei Bedarf Supervision für die Adoptiveltern

  • Verarbeitung ungewollter Kinderlosigkeit bei den Adoptiveltern

  • Bewusstsein der Motive der Adoptiveltern zur Aufnahme eines Kindes



Das Buch befasst sich Rahmen seiner Fragestellung mit Inlandsadoptionen in Deutschland. Wie schwierig es oft ist Untersuchungsteilnehmer an einem Forschungsvorhaben in diesem Bereich zu gewinnen, geht aus dieser Diplomarbeit klar hervor. Insgesamt bietet dieses Buch einen Überblick über verschiedene Theorien zur Identitätsentwicklung und stellt im Praxisteil detailliert ein Beispiel der qualitativen Sozialforschung vor.

Das Buch wurde rezensiert von Eva Wolfart

Veröffentlichungsdatum: 08.02.2008