DAS Praxisbuch für Pflegeeltern (und eine Empfehlung für Adoptiveltern)

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Alice Ebel: Praxisbuch Pflegekind.
Informationen und Tipps für Pflegeeltern und Fachkräfte.
Schulz-Kirchner Verlag, Idstein 2009
276 Seiten

 

 

Adoptivfamilien und Pflegefamilien haben einiges gemeinsam: Erwachsene werden zu Eltern für Kinder, mit denen sie keine leibliche Verwandtschaft verbindet und die sehr oft unter schwierigen Umständen geboren und ihre erste Lebenszeit verbracht haben. So kommt es nicht selten vor, dass Adoptivwerber und Adoptivfamilien wegen all der Ähnlichkeiten, aber auch wegen der langen Wartezeiten und Komplexitäten im Adoptionsprozess eine Pflegeelternschaft in Erwägung ziehen.
Manche stellen sich die Frage, ob Pflege oder Adoption bereits ganz am Anfang des Prozesses. Andere ziehen die Aufnahme eines Pflegekindes nach einer gelungenen Adoption in Betracht, wenn der Wunsch aufkommt, ein weiteres Kind in die Familie aufzunehmen. Wieder andere sind bereits leibliche Eltern und erfahren, dass sie kaum Chancen auf eine Inlandsadoption haben. Doch vielleicht wären Pflegeelternschaft oder eine internationale Adoption ein Weg?

Für all jene, die sich ein gutes Bild über das Pflegeelternwesen, das Leben in Pflegefamilien, den Weg dorthin und welche Herausforderunen Pflegeeltern erwarten, ist im Frühjahr 2009 das "Praxisbuch Pflegekind" von Alice Ebel erschienen. Das Buch hat eine Reihe von speziellen Eigenschaften, die es besonders wertvoll macht. Es beginnt damit, dass Alice Ebel ihre Leser/innen duzt und damit ein vertrautes Klima entsteht. Die Autorin spricht als erfahrene Pflegemutter zu anderen Pflegeeltern oder solchen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Pflegekind aufzunehmen. Sie gibt sowohl ihr Wissen als diplomierte Psychologin, als auch ihre praktische Erfahrung als vielfache Pflegemutter und Leiterin einer Familiengruppe in Deutschland weiter. Die daraus entstandene Kompetenz als "erfahrene Pflegemutter" und Beratende für (angehende) Pflegeeltern spürt man ebenso auf jeder Seite des Buches wie die große Zuneigung, die sie für das Leben als Pflegefamilie empfindet und die Sinnhaftigkeit, die sie in dieser Aufgabe sieht. Allerdings ist es empfehlenswert, das Leben als Pflegefamilie mit offenen Augen und gut vorbereitet zu beginnen. Hierfür kann das Buch ein guter Wegweiser sein.

Das Praxisbuch beginnt mit einem Kapitel, das österreichische Pflegeeltern nicht direkt betrifft und daher nicht bei allen Leser/innen gleichermaßen Interesse finden wird. Alice Ebel gibt einen Überblick über verschiedene Formen von Familienpflege von der Kurzzeitpflege über die Bereitschaftspflege, die "normale" Pflegefamilie bis zu sozial-, heil- und sonderpädagogischen Pflegefamilien und der Erziehungsstelle/dem Pflegenest... Dieser Überblick beschreibt die Situation in Deutschland, die - wie in Österreich - Unterschiede in den einzelnen Bundesländern aufweist. Ab dem nächsten Kapitel ist nun aber alles rundweg auch für österreichische Pflegefamilien von Interesse. In Kapitel 2 geht es um die Aufnahme eines Pflegekindes, den Ablauf und all die Dinge, die es vorher zu bedenken gilt. Alice Ebel führt Interessierte kompetent durch die ersten Schritte, "klopft" ihre Motivation anhand unterschiedlichster Fragestellungen ab und freut sich mit den angehenden Pflegeeltern über ihr Interesse an dieser Familienform ("?Ihr wollt viele Jahre Eures Lebens der Aufgabe widmen, fremden Kindern gute Eltern zu sein? Ihr wollt Eure Liebesfähigkeit und Eure Frustrationstoleranz erproben und erweitern, wollt lernen, auch für merkwürdiges Verhalten Verständnis aufzubringen, seid bereit, Euren Alltag und Euer Zuhause mit Kindergewusel zu füllen und Nerven aus Stahl zu entwickeln? (?) Und Ihr seid sicher, dass Ihr Euch das wirklich wünscht? Das ist toll!!" Seite51) Sie erklärt die Schritte vor und nach der Vermittlung eines Kindes und bereitet Pflegeeltern darauf vor, wie das Pflegekind die Trennung von seiner Herkunftsfamilie erleben wird und mit welchen Verhaltensweisen nach der Aufnahme zu rechnen ist.

Viele Pflegefamilien haben bereits leibliche, manche auch adoptierte Kinder und die Frage, ob und wie diese mit dem/den neuen Geschwistern umgehen können werden, sind für viele Familien zentral. Kapitel 3 widmet sich daher dem Thema der Geschwister. Im Anschluss folgen vier Kapitel, die sich direkt auf das Pflegekind beziehen. Bezeichnender Weise sind die ersten beiden "Kinder ohne Beeinträchtigungen und Verhaltensauffälligkeiten" sowie "Ausländische Kinder, ausländische Eltern" mit 5 und 3 Seiten sehr kurz, während das dritte Kapitel sich auf 54 Seiten mit "traumatisierten Kindern erziehungsunfähiger Eltern" beschäftigt und das vierte Kapitel auf 24 Seiten "Bindungs- und beziehungsgestörte Kinder" ins Zentrum rückt.

"Traumatisierte Kinder erziehungsunfähiger Eltern" sind ein Spezialbereich von Alice Ebel wohl auch deshalb, weil ein großer Teil der in Pflegefamilien untergebrachten Kinder in der Herkunftsfamilie traumatisierenden Lebensumständen ausgesetzt war. Ebel beginnt damit, Grundsätzliches zu klären (Was ist Erziehungsunfähigkeit? Was ist ein Trauma? Was sind die Folgen einer Traumatisierung?) und damit eine Basis zu legen, wie das Zusammenleben mit einem traumatisierten Kind aussehen kann. Nach einer Anpassungsphase folge eine zweite Phase, in der das Kind seine alten traumatischen Erfahrungen auf die neuen Bezugspersonen überträgt: "Übertragung bedeutet, dass es die neuen Eltern mit den alten "verwechselt" und sich so benimmt, als ob es auch in der Pflegestelle mit Bedrohung, Misshandlung, Missbrauch, Mangelversorgung et cetera rechnen muss. (?) Die Verwechslung mit den leiblichen Eltern kann so total sein, dass dem Kind (in seiner Wahrnehmung) tatsächlich nicht die neuen, sondern die leiblichen Eltern gegenüberstehen. Das Verhalten des Kindes scheint darauf abzuzielen, die alten Erfahrungen zu wiederholen, d.h. die Pflegeeltern dazu zu bringen, sich wie die alten Eltern zu verhalten" (Seite 126)

Warum Kinder das tun, was dieses Verhalten mit den Pflegeeltern macht, welche Reaktionen von Seiten der Eltern am hilfreichsten für das Kind sind und wie man immer wieder um die nötige Distanz ringen muss, um sich durch diese sehr anspruchsvolle Zeit zu bewegen, davon handeln die kommenden Seiten, die durchaus auch für die einen oder anderen Adoptiveltern von großem Interesse sein werden.

Alice Ebel macht uns auch mit dem "Konzept des guten Grundes" vertraut, nämlich dass jedes auffällige Verhalten - besonders das von traumatisierten Kindern - einen guten Grund hat und sich kein Kind unangepasst verhält, um beispielsweise die Pflegeeltern zu ärgern. Vielmehr will es mit seinem Verhalten etwas über die eigene Geschichte mitteilen, wenn beispielsweise ein früher verwahrlostes und oft mangelernährtes Kind zum Beispiel das Essen der Pflegemutter zurückweist, heimlich hortet oder überall herumerzählt, dass es bei den Pflegeeltern nichts zu essen bekommen habe oder ein misshandeltes Kind auf schnelle Handbewegungen mit Schreianfällen reagiert, den Hund quält, andere Kinder verprügelt oder herumerzählt, es würde von den Pflegeeltern geschlagen ?(Seite 132).

Um den Kindern zu helfen, ihr eigenes Verhalten zu verstehen und einen Zusammenhang zwischen dem Hier und Jetzt und seinen traumatischen Erfahrungen herzustellen, empfiehlt Alice Ebel das Führen eines "verständnisvollen Dialogs": "Wenn das Kind Zugang zu seinen Ängsten und Emotionen findet, darüber sprechen bzw. diese spielen kann, bekommt es quasi "Zugriff" auf sein (bisher ja unbewusst gelenktes Fehl-) Verhalten und es wird ihm leichter gelingen, seine Abwehrmechanismen und damit sein auffälliges Verhalten aufzugeben."

Wichtig für den Dialog ist es, dem Kind mitzuteilen, dass es einen guten Grund für sein Verhalten hat und man nicht böse auf das Kind ist, sondern Verständnis aufbringt. Alice Ebel bringt hierzu ebenso ein Beispiel im Buch, wie zu Kampf- und Rollenspielen, in denen sich Kinder gerne in die Rolle des Täters begeben, um spielerisch ihre Aggressionen auszuagieren. Auch Selbstgespräche oder Gespräche unter den Eltern, die das Kind evtl. scheinbar "heimlich" mithört, können hierfür genutzt werden.

Viele Pflegekinder sind jedoch nicht nur traumatisiert, sie zeigen auch Störungen in ihrer Bindungs- und Beziehungsfähigkeit. Und so widmet Alice Ebel das Kapitel 7 ihres Buches "Bindungs- und beziehungsgestörten Kindern." Nach einer Einführung, was unter "Bindung" zu verstehen ist, wie diese entsteht und welche Formen der Störung auftreten können, geht es um die Auswirkung auf die Beziehungsgestaltung in der Pflegefamilie, die Unterscheidung zwischen Beziehungs- und Bindungsangebot und die Frage, was wann angemessen ist. Weiters stellt Ebel die Frage, woran Fortschritte in der Bindungs- und Beziehungsfähigkeit eines Pflegekindes zu erkennen sind aber auch was zu tun ist, wenn es nicht gelingt, eine positive Beziehung zum Kind aufzubauen. Auch dieses Kapitel kann Adoptivfamilien empfohlen werden, wenn es beispielsweise nach einem Leben im Kinderheim zu Problemen bei der Bindungsanbahnung in der neuen Familie kommt.

Pflegeeltern sind jedoch nicht nur Elternpersonen für die ihnen anvertrauten Kinder, sie haben auch andere Aufgaben zu erfüllen. Hierzu zählen die Kontakte zur Herkunftsfamilie und die Kontakte zum Jugendamt, denen Alice Ebel die beiden letzten Kapitel ihres Praxisbuches widmet. Geht es um den Kontakt zur Herkunftsfamilie, so beschreibt sie sowohl eine sinnvolle Gestaltung der Kontakte wie normale Reaktionen von Seiten des Pflegekindes. Bei der Frage, ob Besuchskontakte nun eigentlich "gut oder schlecht" für Pflegekinder sind, gibt sie einen Fragenkatalog vor, der eine Entscheidung erleichtert: denn es gibt Kinder, denen regelmäßige Kontakte gut tun, andere, denen sie zumindest nicht schaden und wieder andere, die dringend vor Kontakten geschützt werden müssen. Was die Kontakte zum Jugendamt betrifft, so zeigt die Erfahrung, dass diese einmal als konstruktiv und hilfreich, immer wieder aber auch als konflikthaft und kräftezehrend erlebt werden. Alice Ebel bemüht sich hier um ein möglichst gutes Verständnis für die Aufgaben, die Jugendämter wahrnehmen müssen und die sich immer wieder auch widersprechen, was zu paradoxen Verhaltensweisen führen kann. Beispielsweise sollen die Mitarbeiter/innen hilfebedürftige Familien vertrauensvoll beraten, verlassen diese Position aber, wenn sie die Herausnahme eines Kindes aus der Familie anweisen, um danach die gleiche Familie wieder zu unterstützen, damit eine Rückführung möglich wird? Dieses Spannungsfeld macht sich auch in der Kooperation zu den Pflegeeltern bemerkbar. Alice Ebel wendet sich daher in ihren abschließenden Gedanken auf fünf Seiten direkt an die Mitarbeiter/innen des Jugendamtes und deponiert hier ihre Anliegen und Vorschläge.

Damit schließt ihre Praxiseinführung bei den Jugendämtern, der "Schaltzentrale" im Pflegeelternwesen, sodass die Leser/innen tatsächlich einen weitreichenden und nuancierten Einblick gewinnen konnten. Angehende Pflegeeltern bzw. in der Entscheidung Stehende haben mit dem "Praxisbuch Pflegekind" eine fundierte Grundlage für ihren Weg Richtung Pflegeelternschaft und einen guten Einblick erhalten, worauf sie sich einlassen, worauf sie achten müssen und wie Problemstellungen im Alltag gemeistert werden können. Erfahrene Pflege- (und Adoptiv)eltern werden sich selbst und ihre Familie das eine oder andere Mal wiedererkennen und mögen sich durch die klare, freundliche und unterstützende Art des Praxisbuches in ihrer Familienform verstanden, wertgeschätzt und bei kritischen Punkten gut beraten fühlen. Für sie, aber auch für alle Fachkräfte, ist das "Praxisbuch Pflegekind" ein Buchtipp, der ein dichtes Netz an Inhalten klar, sympathisch und hilfreich präsentiert, nicht vor einer kritischen Sicht zurück schreckt und immer im Sinne der Kinder argumentiert, deren Lebensverlauf von den Entscheidungen und der Empathie der für sie Sorge tragenden Erwachsenen abhängt.

(Jutta Eigner)

Veröffentlichungsdatum: 16.12.2009