Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde

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Bruce D. Perry / Maia Szalavitz
Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde.
Was traumatisierte Kinder uns über Leid, Liebe und Heilung lehren können.
Aus der Praxis eines Kinderpsychiaters
Kösel Verlag, 2008
334 Seiten, ISBN 978-3-466-30768-5

 

 

Immer wieder fragen sich Adoptiveltern, ob ihre Kinder vor der Adoption traumatische Erfahrungen gemacht haben oder inwieweit die Trennung aus ihrem bisherigen Lebenszusammenhang traumatisch wirken kann. So wird das Wort "Trauma" oft in den Mund genommen, aber genauso oft bleiben die Vorstellungen dazu vage und unbestimmt. Wer sich in diesem Bereich weiter einlesen will, dem sei das 334-seitige Buch "Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde" sehr ans Herz gelegt, in dem unter anderem auch die Geschichte einer Auslandsadoption besprochen wird. Verfasser des Buches sind der Kinderpsychiater und Neurobiologe Bruce D. Perry und seine Co-Autorin Maia Szalavitz, eine preisgekrönte Journalistin, der es zu verdanken ist, dass sich das vorliegende Buch wie ein Roman "verschlingen" lässt und die Leser nur am Rande merken, wie viel Fachinformation sie dank der spannenden Darstellung nahezu mühelos erhalten haben.

Die leichte Lesbarkeit wird zum einen durch den Stil des Buches, zum anderen durch dessen Aufbau gewährleistet. Bruce D. Perry erzählt insgesamt 11 Fallgeschichten von traumatisierten Kindern, mit denen er im Zuge seiner klinischen Tätigkeit gearbeitet hat. Perry selbst formuliert es so: "Im Laufe der Jahre haben zahlreiche Forschungsarbeiten ein viel reichhaltigeres Verständnis dafür geschaffen, was ein Trauma bei Kindern bewirkt und wie man ihnen helfen kann, sich davon zu erholen. 1996 gründete ich die Child Trauma Academy, eine interdisziplinäre Gruppe von Fachleuten, die sich der Verbesserung des Lebens von stark gefährdeten Kindern und deren Familien widmet. (...) Dieses Buch ist ein Teil unserer Bemühungen. Sie werden darin einigen der Kinder begegnen, von denen ich am meisten darüber gelernt habe, wie sich ein Trauma auf junge Menschen auswirkt. Und sie werden erfahren, was diese Kinder von uns - ihren Eltern und Erziehungsberechtigten, ihren Ärzten, ihren Politikern - brauchen, wenn sie ein gesundes Leben aufbauen sollen." (Seite 15)

Ein Aspekt, der in diesem kurzen Absatz Perrys bereits anklingt, zieht sich durch das ganze Buch. Perry will von seinen Kindern lernen, wie Heilung gelingen kann. Jedes von ihnen ist Perry ein Anliegen und lehrt ihn neue Aspekte, um die Behandlung für traumatisierte Kinder und ihre Familien zu verbessern. Perry begegnet ihnen wertschätzend und feinfühlig, in seiner Behandlung kreativ und innovativ und dabei zutiefst menschlich. Und was am schönsten ist - Perrys Geschichten machen Mut, denn es handelt sich zu weiten Teilen um Erfolgsgeschichten. Es sind "Geschichten von Hoffnung, Überleben und Triumph", wie Perry feststellt: "Überraschenderweise begegnet uns gerade beim Umherirren in einem emotionalen Massaker, das vom Schlimmsten im Menschen angerichtet wurde, auch das Beste des Menschseins."(Seite 16) Doch dieses Menschsein muss erst erlernt werden. "Dieser Prozess - und wie er mitunter entsetzlich schief gehen kann - ist ein weiterer Aspekt, von dem dieses Buch handelt. Die enthaltenen Geschichten untersuchen die Bedingungen, die für die Entwicklung von Einfühlungsvermögen erforderlich sind - und diejenigen, die dagegen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Grausamkeit und Gleichgültigkeit führen. Sie verdeutlichen, wie sich das Gehirn von Kindern entwickelt und wie es durch die Menschen in ihrer Umgebung geformt wird. Sie stellen auch heraus, wie dabei durch Unkenntnis, Armut, Gewalt, sexuellen Missbrauch, Chaos und Vernachlässigung verheerender Schaden angerichtet werden kann." (Seite 16f.)

So berichtet Perry in der einzigen Geschichte, die keine hoffnungsfrohe Perspektive bietet von einem sechzehnjährigen Jungen, zu dessen Begutachtung er in ein Hochsicherheitsgefängnis geladen wurde. Das Kapitel nennt sich "Das kälteste Herz" und erzählt von Leons Fall, der zwei junge Mädchen ermordet und danach vergewaltigt hatte. Dr. Perrys Aufgabe bestand darin, festzustellen, ob "strafmildernde" Umstände wie eine Vorgeschichte mit psychischen Problemen oder Missbrauch vorliegen. Im Gefängnis lernte er einen kindlich wirkenden jungen Mann kennen, "jemand den an anderen Menschen einzig und allein interessierte, was er von ihnen bekommen konnte, wozu er sie bringen konnte und wie sie seinen selbstsüchtigen Zielen von Nutzen waren." (Seite136). Leons Intelligenzquotient war uneinheitlich: der verbale IQ lag im unteren bis normalen Bereich, während er besonders gut abschnitt, wenn es darum ging, Bilderserien fortzusetzen oder Objekte im Raum zu manipulieren. Diese "Zweiteilung" - so Perry - findet man häufig bei missbrauchten oder traumatisierten Kindern. Sie kann darauf hinweisen, dass bestimmten entwicklungsgemäßen Bedürfnissen bestimmter Gehirnregionen nicht entsprochen worden ist. "Das spiegelt die Gebrauchsabhängige Entwicklung des Gehirns wider: Bei verstärktem Entwicklungschaos und Bedrohung wachsen die Stress-Reaktionssysteme des Gehirns sowie Bereiche, die für die Deutung von sozialen Hinweisen verantwortlich sind, die auf Bedrohung hindeuten. Gleichzeitig hat der Mangel an Zuneigung und Fürsorge eine Unterentwicklung derjenigen Systeme zur Folge, die Mitgefühl und Selbstkontrolle steuern." (Seite 137)

Im Zuge seiner Untersuchungen lernte Dr. Perry auch Leons Familie kennen und stieß dort auf die Wurzeln von Leons Problemen. Seine Eltern waren einfache und freundliche Menschen, seine Mutter allerdings geistig beeinträchtigt. Nach der Geburt des ersten Kindes -Leons älterer Bruder- stand ihr ein weiter Verwandtenkreis zur Verfügung, der immer dann einsprang, wenn die junge Mutter mit der Versorgung des Babys überfordert war. Beim zweiten Kind jedoch hatte die Familie wegen einer beruflichen Notlage den Wohnort wechseln müssen und die junge Mutter war mit der Situation mit zwei Kindern und der Bedürftigkeit eines Babys völlig überfordert. So führte sie nach der Geburt von Leon ihr Leben weiter wie zuvor und unternahm mit dem älteren Kind ausgedehnte Ausflüge, während Baby Leon täglich einige Stunden allein zu Hause gelassen wurde: "Leons frühe Lebenszeit prägte eine Unbeständigkeit, die zum Verrücktwerden war. Manchmal schenkte Maria ihm Aufmerksamkeit, dann wieder ließ sie ihn den ganzen Tag lang allein zu Hause. Gelegentlich war Alan da und spielte mit ihm, aber häufiger war er bei der Arbeit oder nach seinem langen Arbeitstag zu müde, um sich mit einem Baby zu beschäftigen. Ein Umfeld von so diskontinuierlicher Fürsorge, die noch zusätzlich von totalem Verlassensein unterbrochen wurde, dürfte die schlechteste aller Welten für ein Kind sein. Das Gehirn braucht musterartige, sich wiederholende Stimulation, um sich angemessen zu entwickeln. Sprunghafte, unvorhersagbare Linderung von Angst, Einsamkeit, Unbehagen und Hunger hält das Stresssystem eines Säuglings in erhöhter Alarmbereitschaft. Da er keine zuverlässige, liebevolle Reaktion auf seine Ängste und Bedürfnisse erhielt, entwickelte Leon nie eine normale Verknüpfung zwischen menschlichem Kontakt und der Linderung von Stress. Er lernte stattdessen, dass die einzige Person, auf die er sich stützen konnte, er selbst war." (Seite 146f.)

Dr. Perry war im Fall von Leon als Gutachter und nicht als Therapeut gerufen worden. In anderen Kapiteln berichtet er über Kinder, die er über längere Zeit begleitet hat, zum Beispiel über Justin - den Jungen, der wie ein Hund gehalten wurde. Auch seine Vorgeschichte ist äußerst problematisch. Justins 15jährige Mutter ließ das Baby bei ihrer eigenen Mutter zurück, die ihn 11 Monate lang liebevoll versorgte. Dann aber wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert und starb wenige Wochen danach. Der kleine Justin sollte bei ihrem Lebensgefährten Arthur bleiben, bis eine dauerhafte Unterbringung von Jugendamt gefunden worden war. Das Jugendamt allerdings ließ sich Zeit, während der Lebensgefährte nicht wusste, wie er mit dem Kind umgehen sollte. Als Hundezüchter wandte er dieses Wissen auch auf das Kind an. Er hielt Justin in einem Hundekäfig, sorgte dafür, dass er satt war und wechselte die Windeln. Allerdings sprach und spielte er kaum mit dem Jungen. Justin lebte fünf Jahre lang in diesem Käfig und die meiste Zeit waren Hunde seine einzige Gesellschaft. In den Jahren bei Arthur wurde der Junge immer wieder Ärzten wegen starker Entwicklungsverzögerungen vorgestellt. Es wurden schwere Hirnschäden diagnostiziert. Allerdings interessierte sich niemand für die Lebenssituation des Jungen, noch wurden seinem Betreuer irgendwelche Hilfen angeboten. Dr. Perry war der erste medizinische Experte, der sich nach den Erziehungspraktiken erkundigte und so das ganze Ausmaß von Justins bisherigen Erfahrungen ermessen konnte.

Perry beschreibt das erste Kennenlernen mit Justin: "Ich (?) studierte die Anschlagtafel, um den Jungen ausfindig zu machen, den ich mir ansehen sollte. Dann hörte ich ihn. Ein lautes merkwürdiges Kreischen ließ mich abrupt umdrehen und ein knöchernes kleines Kind erblicken, das in einer losen Windel in einem Käfig saß. Justin Gitterbett bestand aus Eisenstäben und einer Sperrholzplatte, die oben befestigt war. Es sah aus wie ein Hundekäfig, was sich als eine schreckliche Ironie herausstellen sollte.

Der kleine Junge schaukelte vor und zurück und wimmerte ein primitives Schlaflied vor sich hin, um sich selbst zu beruhigen. Er war mit seinem eigenen Kot beschmiert, in seinem ganzen Gesicht klebten Essensreste und seine Windel war von Urin durchtränkt. Er war wegen einer schweren Lungenentzündung in Behandlung und sträubte sich gegen jede Maßnahme (?)" (Seite 162).

Langsam und vorsichtig gelingt es Dr. Perry, Kontakt zu dem Jungen aufzunehmen. Nun ging es darum, herauszufinden, ob Justin über Potenzial für eine weitere Entwicklung verfügte oder keinerlei Kapazitäten mehr hatte - "Es galt zu überprüfen, ob seine Hirnstrukturen durch musterartige, sich wiederholende Erfahrungen in einer sicheren und vorhersehbaren Umgebung geprägt werden konnten." (Seite170). Dazu mussten zu allererst Chaos und Reizüberflutung eingedämmt werden. Der Junge wurde in ein einzelnes Zimmer verlegt und die Anzahl der Mitarbeiter, die mit ihm umgingen wurde verringert. Außerdem wurde eine Physio-, Beschäftigungs-, Sprech- und Sprachtherapie begonnen. Auch Dr. Perry und ein Mitarbeiter aus der Psychiatrie besuchten den Jungen täglich. Und tatsächlich begann sich sein Zustand sehr rasch zu verbessern. Justin hörte auf, mit Lebensmitteln zu werfen und Kot zu verschmieren. Er erkannte vertraute Personen wieder, begann zu lächeln und verbale Anweisungen zu verstehen. Auch die Physiotherapie begann zu greifen: innerhalb einer Woche lernte Justin, auf einem Stuhl zu sitzen und mit Hilfe zu stehen, nach drei Wochen lernte er gehen. Die Beschäftigungstherapie unterstütze ihn in der Feinmotorik und er lernte, sich anzuziehen, einen Löffel zu benutzen und die Zähne zu putzen. Sprech- und Sprachtherapeuten schufen für ihn das verbale Umfeld, das er bisher vermisst hatte und halfen ihm, sprechen zu lernen. Außerdem musste Justin beigebracht werden, dass sein übermäßiges Schnuppern, das möglicherweise mit seinem Leben unter Hunden zu tun hatte, nicht immer angemessen war.

Nach zwei Wochen konnte Justin das Spital verlassen und in einer Pflegefamilie untergebracht werden, wo er weiterhin bemerkenswerte Fortschritte machte: "Es war die schnellste Genesung von schwerer Vernachlässigung, die wir bislang gesehen hatten. Sie veränderte meine Sichtweise hinsichtlich des Veränderungspotentials nach früher Vernachlässigung. Meine Prognose für vernachlässigte Kinder wurde viel hoffnungsvoller" (Seite 172) resümiert Bruce Perry, der den Jungen aus den Augen verlor, als er in einer weiter entfernten Pflegefamilie ein neues Zuhause fand. Noch einmal hörte er von Justin: "Ungefähr zwei Jahre nach Justins Krankenhausaufenthalt kam in der Klinik ein Brief aus einer kleinen Stadt an - eine kurze Notiz der Pflegefamilie, die uns über den aktuellen Stand des kleinen Jungen informierte. Er machte sich weiterhin gut und erreichte schnell Meilensteine der Entwicklung, von denen niemand erwartet hätte, dass er sie erreichen könnte. Mittlerweile acht Jahre alt, war er jetzt soweit, mit der Vorschule zu beginnen. Dem Brief war ein Foto von Justin beigelegt, auf dem er adrett angezogen neben dem Schulbus stand, mit einer Brotdose in der Hand und einem Rucksack auf dem Rücken. Auf der Rückseite der Mitteilung stand von Justin selbst mit Buntstift geschrieben: "Danke, Dr. Perry. Justin." " (Seite 172)

Auch wenn die Fallgeschichten von Leon und Justin hier stark gekürzt wurden, so können sie doch einen kleinen Eindruck von der Welt der Kinder verschaffen, mit denen Dr. Perry arbeitet. In seinem Buch begegnen wir außerdem seiner ersten Patientin Tina, die vom Sohn ihrer Babysitterin misshandelt und sexuell missbraucht wurde und Perry unter anderem wegen ihres stark sexualisierten Verhaltens vorgestellt wurde. In einem anderen Fall bereitet er die kleine Sandy auf ihre Zeugenaussage vor, die als dreijährige die Ermordung ihrer Mutter miterlebt hat und fast selbst dem Täter zum Opfer gefallen wäre. Ein weiteres Kapitel widmet sich der Arbeit mit einer Gruppe von Kindern aus der Davidianer-Sekte, deren Eltern im Zuge einer Belagerung des Sektengeländes mit "apokalyptischem" Ausgang getötet wurden.

Im nächsten Fall geht es um die kleine Laura, deren unter schwierigen Bedingungen aufgewachsene Mutter nicht in der Lage war, ihr liebevolle Fürsorge zu geben und die stark untergewichtig ins Spital gebracht wurde. Dort nahm sie trotz Sondenernährung nicht zu. Erst als Mutter und Kind durch eine Intervention Perrys in einer Pflegefamilie Warmherzigkeit erleben, können beide sich erholen und Laura auch ohne Magensonde in kürzester Zeit deutlich an Gewicht zulegen?

Eines der folgenden Kapitel ist besonders interessant für Auslandsadoptivfamilien, nimmt es doch direkt Bezug auf eine internationale Adoption. Peter war von seinen Eltern mit drei Jahren aus einem russischen Waisenhaus adoptiert worden, aus dem er sauber und gut genährt, aber auch vollkommen vernachlässigt in seine neue Familie kam. Die ersten drei Jahre seines Lebens hatte Peter in einem großen hellen Raum für 60 Kinder verbracht, in dem sich ein keimfreies Gitterbett an das andere reihte. Die Betreuungspersonen arbeiteten im Schichtdienst und konnten nicht mehr leisten, als die Kinder zu füttern und Windeln zu wechseln. So kam jedes Kind auf etwa 15 Minuten Aufmerksamkeit in 8 Stunden.

Als Peter sieben Jahre alt war, nahm seine Adoptivfamilie eine 800 km-Reise auf sich, um den Jungen Dr. Perry vorzustellen. Peter brachte eine lange Vorgeschichte mit: Sprech- und Sprachprobleme, Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und Impulsivität und damit verbunden soziale Probleme und Schwierigkeiten, dem Unterrichtsstoff zu folgen. Hinzu kamen immer wieder Wutausbrüche, bei denen er vollständig die Kontrolle verlor und die stundenlang andauern konnten.

Dr. Perry erklärt: "Unsere Untersuchungsdaten haben gezeigt, dass eine erhebliche Vernachlässigung in einem frühen Lebensabschnitt , wie wir sie bei vormals institutionalisierten Kindern wie Peter gesehen haben, die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigt: Das Gehirn ist insgesamt kleiner, in bestimmten Bereichen erfolgt eine Gehirnschrumpfung, und es kommt zu einer ganzen Reihe von hirnbezogenen funktionalen Problemen. Wir wollten die Hirnareale ausfindig machen, die bei Peter am stärksten in Mitleidenschaft gezogen wurden, damit wir die Behandlungsweise so ausrichten konnten, dass maximale Heilungschancen bestanden." (Seite 272).

Perry beschreibt auch den damaligen Kenntnisstand seines Teams: "Als wir mit Peter und seiner Familie zu arbeiten begannen, hatten wir bei unserem neurosequentiellen Ansatz für misshandelte Kinder bereits gute Fortschritte gemacht. Wir hatten erkannt, dass Opfer eines frühen Traumas und früher Vernachlässigung Erfahrungen - wie geschaukelt und gehalten zu werden - brauchen, die zu dem Alter passen, in dem sie eine Schädigung oder Entbehrung erlitten haben, und nicht zu ihrem chronologischen Alter. Wir hatten herausgefunden, dass diese entwicklungsgemäße Unterstützung und diese therapeutischen Erfahrungen immer wiede und auf eine respektvolle und liebevolle Art und Weise gewährleistet sein müssen. (?) Wir begannen auch, Musik, Tanz und Massage einzubauen, um die tiefer liegenden Hirnstrukturen zu stimulieren und zu organisieren, die die wesentlichen regulatorischen Neurotransmitter-Systeme enthalten, die an der Stressreaktion beteiligt sind. Wie wir gesehen haben, werden diese Regionen mit höherer Wahrscheinlichkeit durch ein frühes Trauma beeinträchtigt, weil sie in der frühen Lebenszeit eine wichtige und rasante Entwicklung durchmachen. Und schließlich hatten wir begonnen, Medikamente einzusetzen, um Kinder mit problematischen dissoziativen oder Übererregungssymptomen zu unterstützen." (Seite 273)

Auch hatte Perrys Team bereits erkannt, wie entscheidend dauerhafte Beziehungen für den Genesungsprozess sind. Was bei Peter aber neu dazukam, war die Bedeutung, die Gleichaltrige für ältere Kinder haben. Zuerst aber mussten Peters Eltern entlastet werden, die seit Peters Ankunft Dutzende von Spezialisten und Therapeuten aufgesucht hatten, um Peter beim Aufholen zu helfen. Peters Entwicklung war aufgrund der frühen Schädigung nicht einheitlich: " Von außen betrachtet sah Peter wie ein siebenjähriger Junge aus, aber in mancher Hinsicht war er nur ein dreijähriger. In Bezug auf seine Fertigkeiten und Fähigkeiten war er 18 Monate alt und in noch anderer Hinsicht war er acht oder neun Jahre alt." (Seite280) Diese Diskrepanz wurde von seiner Mutter wahrgenommen und sie reagierte intuitiv auf seine Bedürfnisse in der jeweiligen Altersstufe. Sein Vater stellte dieses "Verzärteln" jedoch in Frage. Mit Perrys Hilfe konnte das Paar bestärkt und ermutigt werden, dass es für den Jungen notwendig war, ihm in der Entwicklungsstufe zu begegnen, in der er jeweils stand.

Perry diesbezügliche Erklärungen halfen, innerfamiliäre Spannungen abzubauen. Hinzu kam, dass in Peters Umgebung gute Fachleute mit ihm arbeiteten: ein Sprachtherapeut, ein Beschäftigungstherapeut, ein Psychotherapeut und ein Kindarzt. Dies wurde nun durch therapeutische Massage und eine Musik- und Bewegungsgruppe ergänzt. Ein weiterer Puzzlestein erwies sich jedoch als besonders wichtig: Peters Klasse. Aus der Durchsicht von Peters Akten hatte Dr. Perry erkannt, dass seine Fortschritte nachgelassen und seine Verhaltensprobleme sich verstärkt hatten, sobald Peter in den Kindergarten kam: "Seine Mutter hatte intuitiv verstanden, dass er chronologisch sechs, von seinem Verhalten aber erst zwei Jahre alt war; seine Mitschüler begriffen jedoch nicht, weshalb er sich so komisch benahm. Selbst sein Lehrer wusste nicht, wie er mit ihm umgehen sollte, obwohl er über seinen Hintergrund informiert worden war. Peter nahm ohne zu fragen die Spielsachen anderer Kinder. Während den anderen Kinder die sozialen Signale geläufig waren, die ausdrückten, wann es in Ordnung ist, etwas zu nehmen und wann nicht, hatte Peter keinen Zugang dazu. Er verstand nicht, wann er seine Sachen teilen und wann er sie für sich behalten sollte. Beim Stuhlkreis stand er plötzlich auf und setzte sich dem Lehrer auf den Schoß oder fing an, umherzulaufen, ohne zu begreifen, dass er das nicht sollte. Und manchmal schrie er gellend auf und hatte seine erschreckenden Wutanfälle." (Seite 282) Die Kinder begannen, sich vor Peter zu fürchten und ihn auszugrenzen, der von der komplexen sozialen Welt mit Gleichaltrigen und Lehrern einfach überfordert war. Da Peter intellektuell absolut mithalten konnte, empfahl Perry in dieser Situation, Peter durchaus mit der ersten Klasse beginnen zu lassen.

Gleichzeitig versuchte er etwas, was er bereits bei Jugendlichen erfolgreich angewandt hatte. Er hatte begriffen, dass Peter die Hilfe Gleichaltriger brauchte, um aufholen zu können. Und so entschied er sich, mit Peters Zustimmung mit dessen Mitschülern zu sprechen: "Ich sprach seine erste Klasse zu Beginn des Schuljahres an. "Ich bin Peters Freund", sagte ich. "Ich bin Hirnforscher und Peter hat mich eingeladen, von Houston hierher zu kommen, um euch einige Dinge über das Gehirn zu erzählen, die ich ihm beigebracht habe." Ich ließ Peter nach vorne kommen und mein Assistent sein." (Seite 285). Perry erzählte nun in einfachen Worten all das, was er auch sonst Eltern, Richtern und Kinderärzten über das Gehirn mitteilt und beantwortete die Fragen der Kinder. Dann sprach er darüber, dass Kinder in unterschiedlichen Zuhausen aufwachsen und letztlich auch über Peter: "Wir haben Peter gebeten, in unsere Klinik in Houston zu kommen, weil wir von seinem eindrucksvollen Gehirn lernen wollen." Die Kinder verstanden, dass Peter einen schweren Start ins Leben gehabt hatte, dass er drei Jahre lang nicht hochgenommen und herumgetragen worden war, nicht krabbeln oder gehen lernen und auch nicht mit Freunden spielen konnte. Als er jedoch zu seinen neuen Eltern in die USA kam, begann "Peters erstaunliches Gehirn" viele neue Dinge zu lernen: gehen, laufen, hüpfen, die englische Sprache? Perrys Vortrag endete mit den Worten: "Ein Teil von dem, was wir herausgefunden haben, ist, dass Peter an jedem Schultag von Euch allen lernt. Er beobachtet, wie ihr Dinge macht, er lernt vom gemeinsamen Spielen und er lernt davon, einfach euer Freund zu sein. Also danke, dass ihr Peter helft. Und danke, dass ich kommen und über das Gehirn reden durfte." (Seite 287)

Perry erklärt sein Bemühen: "Ich versuchte, einen Unbekannten - Peter - weniger Furcht erregend für diese Kinder zu machen. Und mit der Zeit kam ihre natürliche Freundlichkeit zum Vorschein. Peter war kein seltsamer und erschreckender Junge mehr, er wurde beliebt (?) Sie nahmen ihn auf, beschützten ihn und ermöglichten Peter letztlich therapeutische Erfahrungen, die ihm halfen aufzuholen. Sie waren tolerant mit seinen Entwicklungsproblemen, geduldig beim Verbessern seiner sozialen Fehler und unterstützend in ihren Interaktionen. Die Kinder stellten Peter weit mehr positive therapeutische Erfahrung zur Verfügung, als wir ihm je hätten geben können." (Seite 287) Weil die Frustration der Zurückweisung ausblieb, hörten Peters Wutanfälle nahezu umgehend auf. Die anderen Kinder wurden versöhnlicher, sodass Peter sich besser eingliedern konnte und langsam die Lücken zwischen seinen "Entwicklungsaltern" füllen konnte. Bei Eintritt in die Highschool war dies soweit geschehen, dass Peter nicht mehr auffiel und seine Sache weiterhin gut machte?

Nach der Lektüre von Perrys Buch fällt es nicht schwer, einem Rezensenten auf der Rückseite des Buches zuzustimmen. Hier schreibt Dr. Peter A. Levine: "Dieses Buch ist ein Muss für Therapeuten, Eltern, Lehrer, Sozialarbeiter, Krankenschwestern, Ärzte und für jeden, dem das Wohlergehen von Kindern am Herzen liegt." So plakativ das klingt, die Empfehlung kann wiederholt und noch ergänzt werden. Es handelt sich nämlich auch um ein ganz und gar lesenswertes Buch für alle, die sich mit Adoptiv- und Pflegekindern beschäftigen. Gerade hier finden sich immer wieder Kinder mit schwierigen Vorgeschichten und leider auch mit solchen, wie Perry sie beschreibt. Und gerade in diesen Fällen sind es immer wieder ihre sozialen Eltern und Familien, die Kindern das anbieten können, was Perry als so hilfreich für ihre Heilung beschreibt: Sicherheit, Liebe, Regelmäßigkeit und sich wiederholende Erfahrungen, die helfen, das innere Gleichgewicht wieder zu finden.

(Jutta Eigner)


Veröffentlichungsdatum: 11.12.2008