Wenn Kleinkinder adoptiert werden IV

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. | Drucken |



Mary Hopkins-Best, Toddler Adoption: The Weaver's Craft
Perspectives Press, Indianapolis, 1997
270 Seiten
Hardcover: ISBN 0-944934-17-X
Paperback: ISBN 0-944934-21-8

Dieses Buch bei Amazon.de bestellen

Zusammenfassung des Buches "Toddler Adoption"
von Mary Hopkins-Best


Teil 4: Erziehung und Bedürfnisse der Eltern

Ein Kind gebären oder eines aufnehmen sind dieselben Meilensteine in einem Familienleben. Oft konzentrieren sich Eltern so sehr auf diese Augenblicke, dass sie vergessen, sich auf die Tage, Wochen, Monate und Jahre der Elternschaft danach vorzubereiten. Mary Hopkins-Best hält es daher für wichtig, in ihrem Buch auch über Erziehungsfragen zu sprechen. Auch wenn frisch adoptierte Kinder die Führung ihrer Eltern oft nicht annehmen, brauchen sie diese und es ist notwendig, den Kindern adäquate Richtlinien und Strukturen und damit Sicherheit zu geben.


Wo aber sollen neue Eltern beginnen, die mit einer Fülle von Verhaltensweisen konfrontiert sind, die einer Korrektur bedürfen? Welcher Erziehungsstil funktioniert am besten bei Kleinkindern und warum sind Strategien, die bei anderen Kleinkindern gut wirken, auf frisch adoptierte Kleinkinder nicht immer übertragbar?

Kleinkinder kommen oft mit einer Reihe von Verhaltensweisen nach Hause, die ihre Eltern gerne verändert sehen würden. Wenn Eltern versuchen, all das sofort zu korrigieren, werden sie fast nur disziplinieren müssen und wenig Zeit haben, sich an ihrem Kind zu freuen. Daher ist es sinnvoll, Prioritäten zu setzen. Auch sehr erfahrene Eltern müssen hierbei auf Versuch- und Irrtum zurückgreifen, wenn es um die Wahl einer wirksamen Erziehungsstrategie geht.
Hopkins-Best bringt ein Beispiel ihres Sohnes Gustavo. Nach der Ankunft hatte dieser die Angewohntheit, wenn er wütend war oder sich fürchtete, den Eltern in die Augen zu fahren. Dieses schmerzhafte Verhalten zu ändern wurde rasch zu einer Priorität in der Familie. Erst versuchten die Eltern es mit Empathie für seine Wut. Als das nicht funktionierte, sagten sie ihm, dass sie nicht mehr mit ihm spielen könnten, wenn er sie verletzt. Als auch das nicht funktionierte, entschlossen sie sich, seine Hand freundlich aber bestimmt zurück zu halten und so hörte sein Verhalten nach und nach auf.

Machtkämpfe vermeiden
Viele Adoptiveltern berichten davon, dass ihre Kinder einen sehr ausgeprägten Willen zeigen. Willensstarke Kinder, die außerdem noch mit Bindungsschwierigkeiten kämpfen, können leicht die geringsten Anlässe zu Machtkämpfen werden lassen. So wie ungebundene Kinder Schwierigkeiten haben, ihren neuen Eltern zu trauen, so gestehen sie ihnen auch keine Autorität über sie zu.
Eine Mutter berichtete in einem typischen Beispiel, dass ihr zweijähriger Sohn an einem extrem kalten Wintertag nach dem Einkauf vom Auto ins Haus getragen werden wollte. Nachdem die Mutter zwei Taschen mit den Einkäufen zu tragen hatte, bat sie ihn, selbst zu gehen und vermutete, er würde das wegen der extremen Kälte auch tun. Sie sah an der Türschwelle zehn Minuten zu, wie ihr Sohn brüllte ohne sich von der Stelle zu rühren und erkannte dabei drei Dinge: 1.) ihr Sohn würde so lange stehen bleiben, bis er Frostbeulen hätte, 2.) wenn sie das nicht bald beendete, würde sie ein Passant wegen Kindesmissbrauchs anzeigen und 3.) sie hatte eine Anforderung gestellt, die sie nicht erzwingen konnte. Sobald Konflikte zu einem Machtkampf eskalieren, gewinnt niemand mehr.

Eltern werden bei Konflikten oft sehr defensiv, vor allem wenn sie merken, dass ihre Autorität angezweifelt wird. Neue Eltern fühlen sich oft unsicher und stellen ihr Recht in Zweifel, zu erziehen oder fürchten, dass ihre Kinder ihnen "über den Kopf wachsen", wenn sie zu nachsichtig sind. Hopkins-Best gibt hier folgenden Rat: Als erstes sollten Eltern versuchen, Machtkämpfe bestmöglich zu vermeiden. Viele Kinder neigen zu Machtkämpfen, wenn sie müde oder hungrig sind bzw. sich anderwärtig nicht wohl fühlen. Gibt es Warnsignale von Seiten des Kindes, kann ein Ablenkungsmanöver Hilfe bringen, indem die Eltern die Aufmerksamkeit des Kindes auf etwas anderes Interessantes lenken. Eltern können Machtkämpfe aber auch vermeiden, indem sie auf ihre Wortwahl achten. Es ist sinnvoller zu sagen: "Es ist Zeit für uns alle, unseren Mantel anzuziehen, damit wir zu Oma fahren können." und nicht "Zieh dir jetzt sofort deinen Mantel an, junger Mann."
Sinnvoll ist es auch, Entscheidungsfragen zu vermeiden, wenn man kein "nein" als Antwort akzeptieren kann. Wenn ich also frage: "Bist du bereit, deinen Mantel anzuziehen?" muss ich mit einem "nein" als Antwort rechnen.

Weiters empfiehlt Hopkins-Best, den Kindern jenen Raum zuzugestehen, den sie brauchen, um den Vorstellungen der Erwachsenen gerecht zu werden. Manche Kinder halten es nicht aus, dass ihnen jemand zusieht, wenn sie eine Anweisung befolgen. Hier hilft es, z.B. zu sagen: "Du musst das Durcheinander wieder aufräumen, das du gerade gemacht hast. Ich gehe hinaus und du kannst nachkommen, wenn du aufgeräumt hast." "Vorwarnungen" sind ebenfalls hilfreich. Statt zu sagen: "Räum deine Spielsachen jetzt auf!" macht es mehr Sinn, das Kind vorzubereiten und zu sagen: "In fünf Minuten ist es Zeit, die Spielsachen wegzuräumen." Oder "Sobald die Spielsachen weggeräumt sind, gibt es Abendessen."

Mit Aggressionen und Konflikten umgehen
Positive Konfliktlösung ist eine Fähigkeit, die Kinder erst lernen müssen. Dazu gehören beispielsweise die Anerkennung anderer Meinungen, das Sehen von Dingen aus der Perspektive einer anderen Person, das Akzeptieren des Rechtes anderer Personen, eine eigene Sichtweise zu haben, das Suchen von Alternativen und das Schließen von Kompromissen.
Schon Kleinkinder können ermutigt werden, nach alternativen Verhaltensweisen zu suchen. Wenn das Kind nach dem Vater tritt, weil er ihm die "falsche" Haube aufsetzen will, kann es gefragt werden, was es stattdessen hätte tun können, z.B. den Vater um eine andere Haube bitten.
Kleinkinder können auch lernen, die Perspektive von anderen einzunehmen, wenn man sie fragt: "Wie glaubst du, fühlt sich Jamie jetzt? Wie würdest du dich fühlen, wenn jemand deinen Lastwagen wegnimmt?"
Wenn ein Kind aggressiv wird, kann das Spiel unterbrochen werden: "Ich höre jetzt zu spielen auf, denn schlagen ist nicht lustig. Wenn du dich wieder beruhigt hast, können wir weiter spielen."
Beim Finden von Alternativen im Konfliktfall brauchen Kleinkinder aber noch Hilfe. Beispielsweise kann zwei Dreijährigen, die um ein Dreirad streiten, gesagt werden: "Entweder ihr wechselt euch ab und jeder fährt für fünf Minuten oder wir können das Dreirad wegräumen und etwas anderes spielen. Jedenfalls dürft ihr euch nicht schlagen."
Ab dem Alter von vier Jahren ist es auch möglich, Kompromisse zu suchen.

Kinder für eine Zeit zu isolieren ist eine beliebte Erziehungsstrategie geworden, die für frisch adoptierte Kinder ungeeignet ist. Auszeiten sollen die Möglichkeit für Eltern und Kinder bieten, sich zu beruhigen und ihr Verhalten zu ändern. Für Kinder, die mit ihrer Trauer und Bindung kämpfen, kann Isolation aber traumatisch sein und eine Auszeit kann als weitere Zurückweisung wahrgenommen werden. Als Alternative kann dem Kind in Anwesenheit die elterliche Aufmerksamkeit entzogen werden. Es ist auch möglich, die Kinder aussuchen zu lassen, an welchen Ort sie gehen wollen, um sich zu beruhigen.

Verstehen, woher Verhaltensweisen kommen
Viele der so genannten "unangepassten" Kinder zeigen Verhaltensweisen, die im Hinblick auf ihre Vergangenheit durchaus passend sind: "Saras Eltern waren beispielsweise über ihre Tischmanieren schockiert. Sie nahm Essen von den Tellern anderer Leute und blieb nie sitzen - Verhaltensweisen, die sie sich bei ihrem Leben auf der Straße angewöhnt hatte. Jim beobachtete angstvoll, dass ein frisch adoptierter dreijähriger Sohn das Spielzeug des fünfjährigen Nachbarn packte und ihn damit schlug. Der Kampf um Aufmerksamkeit und Spielsachen war in dem Waisenhaus die Norm, in dem sein Sohn gelebt hat. Jamie, der als Kind missbraucht wurde, schreckte vor körperlicher Berührung zurück und vermied Augenkontakt. Er vermied liebevolle Berührungen nicht, die ihm nicht vertraut waren, sondern aktivierte einfach früher Überlebenstechniken, die er erlernt hatte, um weiteren Missbrauch zu vermeiden." (Seite 235)

Es braucht verständnisvolle Eltern, Zeit und Hilfe, um alte Verhaltensmuster abzubauen und neue zu lernen. Außerdem kann es eine ganze Weile dauern, bis ein Kleinkind vertraut und vertrauensvoll genug ist, die Verhaltensweisen seiner Adoptiveltern nachzuahmen. Dennoch sollten Eltern von Anfang an ihre Vorbildfunktion wahrnehmen.

Positive Erziehung
Kleinkinder brauchen und verdienen mehr "jas" als "neins". Sie neigen dazu, das zu tun, wofür sie mehr Aufmerksamkeit bekommen. Indem Eltern positives Verhalten mehr beachten, verstärken sie die Wahrscheinlichkeit, dass sich dieses fortsetzt ("danke, dass du so eine tolle Hilfe bist" oder ein dicker Kuss für Kooperation beim Anziehen). Wenn es notwendig ist, ein Kleinkind zu korrigieren, sagen sie ihm, was es tun soll. "Gib deinen Fuß auf den Sessel" ist besser als "Nimm den Fuß vom Tisch".
"Ich habe dir schon hundertmal gesagt, dass du das nicht tun sollst" oder "Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du damit aufhören sollst!" sind Kritiken, die Ängste und Verwirrung eher fördern, als Vertrauen und Selbstbewusstsein. Stattdessen kann man sagen: "Hör auf mit den Karotten zu werfen. Gib sie auf den Teller." Diese Nachricht ist klar und einfach und hilft dem Kind zu lernen, wie es etwas besser machen kann.
In der Nähe von Kindern positiv über sie zu sprechen, ist vor allem bei Kindern hilfreich, die ein eingeschränktes Selbstwertgefühl haben oder direktes Lob nicht annehmen können. Hört ein Kind seinen Namen in einem Gespräch, wendet es automatisch seine Aufmerksamkeit zu: "Hast du gesehen, wie nett Susi und Marie heute gespielt haben?"

Auch Eltern haben Bedürfnisse
All diese Aufgaben wahrzunehmen, kann Eltern gerade in der ersten Zeit nach der Adoption nahe an ihre Grenzen führen, wie das eine Mutter beschreibt: "Ich war zumindest drei Monate völlig erschöpft. Sie war sehr aktiv und hinter allem her und ihre Wutanfälle und Kämpfe beim Schlafengehen forderten ihren Preis. Zusätzlich wollte mein Arbeitgeber, dass ich zurück zur Arbeit komme. Ich wusste absolut nicht, was ich tun sollte." (S. 241)

Manche fragen sich, ob sich das Leben nach der Adoption eines Kleinkindes je wieder normal anfühlen wird. Die Antwort ist "ja", aber dorthin zu kommen ist eine Reise für sich und in dieser Zeit sollten auch die Eltern Acht auf sich geben. Es sind nur wenige Eltern, für die die Herausforderungen größer sind, als der Lohn und die Freuden der Adoption. Die Elternschaft für Kinder mit Bindungsschwierigkeiten oder anderen schweren speziellen Bedürfnissen kann aber manchmal frustrierend, einsam und sehr demoralisierend sein. Darüber sprechen nur wenige Eltern in der Öffentlichkeit und manche nicht einmal in ihrem privaten Umfeld.

Um vorbereitet zu sein, gilt es, die Stressfaktoren zu erkennen, die mit der Adoption eines Kleinkindes verbunden sind und Strategien zu entwickeln, mit diesen umzugehen. Zu den Stressfaktoren gehören beispielsweise:

  • Biochemische Reaktionen, die mit denen bei einer Geburt vergleichbar sind und durch Vorfreude, Angst und Erleichterung hervorgerufen werden ? auch Adoptiveltern können nach der "Geburt" mit Depression reagieren
  • keine "große Liebe" bei der ersten Begegnung mit dem Kind, sondern stattdessen nicht selten ein Schockerlebnis: sieht nicht mehr wie ein Baby aus; sieht "verwahrlost" aus; hat körperliche Einschränkungen; reagiert abweisend auf die Eltern?
  • Schlafentzug und "täglicher Kampf" mit Wutanfällen, "unpassenden Verhaltensweisen" etc.
  • abrupter Lebensstilwechsel auch bei den Eltern
  • Stress, früher zur Arbeit zurück zu müssen, als man sich dazu bereit fühlt
  • Druck aus der Umgebung, die aufgrund des Kindesalters erwartet, dass die Eltern schon erfahren sind und das Verhalten ihres Kindes managen können bzw. das Verhalten der Kinder auf die Fähigkeiten der Eltern zurück führen
  • unangenehme Fragen ("Waren denn keine Babys verfügbar?") und unpassende Einmischungen von außen ("Meine Freunde und Familie sagten immer wieder, dass ihre Wurtanfälle und ihr feindliches Verhalten normal für Kleinkinder sind, aber sie verstanden nicht, dass ich sie nicht kannte, dass ich nicht wusste, was normal ist und dass ich einfach spürte, dass mehr dahinter war. Ich empfand, als würden andere meinen Gefühlen keinen Glauben schenken.")


In diesen schwierigen Zeiten kommt es immer noch häufig vor, dass Familien sich isolieren, weil sie nicht als "Problemfamilie" gesehen werden wollen.
Ihnen empfiehlt Mary Hopkins-Best wann immer sie es für nötig halten, Hilfe in Anspruch zu nehmen und trotz aller Fürsorge für das Kind nicht zu vergessen, auf sich selbst zu achten.
"Versuchen Sie, Unvollkommenheit bei ihnen selbst zu akzeptieren und sie werden sich selbst (und vielleicht ihr Kind) nicht mit unrealistischen Erwartungen belasten. Kein Elternteil ist perfekt und ihr Bestes sollte gut genug sein." (Seite 247)

(Jutta Eigner)


Veröffentlichungsdatum: 09.03.2006