Wenn Kleinkinder adoptiert werden III

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Mary Hopkins-Best, Toddler Adoption: The Weaver?s Craft
Perspectives Press, Indianapolis, 1997
270 Seiten
Hardcover: ISBN 0-944934-17-X
Paperback: ISBN 0-944934-21-8

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Zusammenfassung des Buches "Toddler Adoption"
von Mary Hopkins-Best

Teil 3: Trauer und Bindung

Viele Menschen vermuten, dass Kleinkinder Verluste noch nicht wirklich begreifen und keine akute Trauer verspüren. Leider ist das nicht der Fall. Menschen aller Altersstufen trauern über den Verlust von ihnen wichtigen Menschen. Verliert ein junges Kind seine Eltern/Bezugspersonen, so wird einer seiner schlimmsten Alpträume wahr (auch wenn die Beziehung zu diesen Eltern alles andere als optimal war). Zeichen von Trauer sind z.B. Veränderungen im Verhalten, in den Eßgewohnheiten, in den Schlafmustern oder Krankheiten. In manchen Fällen wollen Adoptiveltern nicht wahrhaben, dass ihr Kind um eine frühere Beziehung trauert.


Bleibt diese jedoch unerkannt und unbeachtet, kann sie die Bindung an die Adoptivfamilie und die Entwicklung des Kleinkindes negativ beeinflussen. Es ist Aufgabe der Adoptiveltern, ihre Kinder so gut wie möglich durch diese Phase zu begleiten und auch im Hinterkopf zu bewahren, dass Verluste und Trennungen Verletzbarkeiten hinterlassen können, die bei neuen Entwicklungsschritten, Beziehungen oder Veränderungen im Leben wieder aufleben können. Kinder, die die Möglichkeit hatten, zu trauern und dabei begleitet zu wurden, erleben jedoch weniger kurz- und längerfristige Konsequenzen und können sich besser an ihre neuen Bezugspersonen binden. Kinder, die keine enge Bindung an eine frühere Bezugsperson hatten und solche, die viele Unterbrechungen erlebt haben, zeigen demgegenüber weniger Trauerreaktionen. Allerdings sind diese Kinder auch zumeist resistenter gegenüber neuen Bindungen.

Die Trauererfahrung eines Kleinkindes wird von seiner Art zu denken geprägt. Ein älteres Kleinkind wird alles eher persönlich interpretieren und glauben, dass seine eigenen Gedanken, Wünsche oder Handlungen dafür verantwortlich sind, was ihm oder anderen passiert. Es wird daher eher vermuten, dass es selbst etwas getan hat, was den Verlust der früheren Bezugsperson bewirkt hat. Kleinkinder neigen auch dazu, alles wörtlich zu interpretieren und Fantasie und Realität zu vermischen. Nicht selten glauben Kleinkinder, sie hätten ihre Bezugsperson verloren, weil sie schlimm gewesen sind.

Während niemand auf Verluste genau auf dieselbe Weise reagiert, gibt es doch einige typische Reaktionen. Etwa die Hälfte der von Hopkins-Best befragten Adoptivfamilien berichteten, dass ihre Kleinkinder während der ersten Wochen und Monate zu Hause akutes Trauerverhalten zeigten, obwohl viele Familien nicht erkannten, warum ihr Kind sich so verhielt. Dazu gehören:

  • Verzweiflung in den frühen Stadien der Trauer, z.B. untröstbares Weinen oder nach einer früheren Bezugsperson rufen
  • Suchendes Verhalten: nach früheren Bezugspersonen suchen
  • Schlafschwierigkeiten: akut in den ersten Tagen, Wochen und Monaten; manche Kinder haben viele Jahre Alpträume und andere Schlafstörungen, z.B. in Stresssituationen; viele sind in der ersten Zeit nach dem Aufwachen am Morgen ebenfalls sehr verängstigt und traurig.
    Hopkins-Best fasst zusammen: "Vielleicht haben die Kinder einen ihrer Meinung nach so lebensbedrohlichen Verlust erlebt, dass sie ihre Wachsamkeit nicht soweit aufgeben können, um einzuschlafen. Andere Kinder wurden vielleicht durch ein Einschlafritual von einer früheren Bezugsperson beruhigt und sind durch das Ausbleiben des Rituals so desorientiert, dass sie sich nicht auf Schlaf einstellen können. Wieder andere weigern sich im Haus der neuen Bezugsperson einzuschlafen, weil sie erwarten, dass ihre Lieben wieder kommen werden und fürchten, sie zu versäumen, wenn sie schlafen." (Hopkins-Best, S. 166)Trennungsangst: die Hälfte der Eltern aus Hopkins-Best Untersuchung berichtet von akuter Trennungsangst nach der Ankunft, die als völlig normal bei trauernden Kindern und solchen mit ängstlicher Bindung angesehen werden kann. Diese Angst, wieder verlassen zu werden, geht oft weit über normale Trennungsängste in dieser Entwicklungsstufe hinaus und kann Terror und Verzweiflung bedeuten, wenn ein Elternteil nur aufs Klo geht.
  • Kinder mit extremer Trennungsangst zeigen oft auch Zorn und Aggression gegenüber den Eltern. Nicht selten verwandeln Kinder ihre Trauer in Wut und lassen ihren Kummer als Feindseligkeit, Reizbarkeit, Ärger oder Jammern heraus. Wieder andere haben gelernt, Wutanfälle zu nutzen, um Aufmerksamkeit zu bekommen oder eine Entschuldigung zu haben, ihre Tränen heraus zu lassen.
  • Entwicklungsrückschritte und Entwicklungsverzögerungen: Regression ist ebenfalls ein Ausdruck von Trauer, sodass Kinder nach ihrer Adoption Rückschritte auf frühere Entwicklungsniveaus machen. Wenn es Verluste gibt, mag das Kind zu alten, beruhigenden Verhaltensweisen zurückkehren. Häufig treten Regressionen bei der Sprache oder der Sauberkeit auf.
  • Zurückweisung: wenn Menschen sich hilf- und machtlos fühlen, reagieren sie oft mit Distanz und Unnahbarkeit. Etwa die Hälfte der von Hopkins-Best befragten Familien beschreiben zurückweisende Verhaltensweisen wie mangelnder Augenkontakt, fehlender Gesichtsausdruck, Rückkehr in die fetale Position (auch für Stunden)?


Den Trauerprozess unterstützen

Die Trauer, die mit der Trennung von einer geliebten Person verbunden ist, ist unvermeidbar und auch die liebevollsten Adoptiveltern können sie ihrem Kind nicht ersparen. Diese Trauer anzuerkennen und sie zu unterstützen ist einer der ersten Liebesdienste, den Eltern ihrem neuen Kind erweisen können. Wenn möglich, können sie dem Kind erklären, dass es für seinen Verlust nicht selbst verantwortlich ist, wie es sich in seiner magischen Denkphase vielleicht ausmalt ("Es war nicht dein Fehler, dass du umziehen musstest und es ist in Ordnung, wenn du deswegen weinst oder zornig bist. Aber ich bin jetzt für dich da und werde auf dich aufpassen."). Kinder sollten auch in ihrem Bedürfnis zu weinen unterstützt werden, auch wenn Eltern den Schmerz des Kindes als sehr belastend und stressig empfinden können.

Oft haben trauernde Kinder Schlafstörungen bzw. brauchen in der Regel mehr Schlaf als erwartet. Kinder in der Nacht zu trösten und ihnen Mut zuzusprechen ist dabei eine wunderbare Gelegenheit, eine Beziehung wachsen zu lassen. Während nächtliche Ängste bei Kleinkindern allgemein nicht unüblich sind, können Eltern erwarten, dass die Frequenz der Schlafunterbrechungen sich mit der Zeit verringern wird, wenn das Kind sich an die Familie angepasst hat und die Ängste gänzlich verschwinden, wenn es ins Schulalter kommt.
Auch eine zeitweilige Regression des Kindes ist nicht negativ zu bewerten, sondern sollte von den Eltern unterstützt werden. Kinder wie Babys zu füttern und zu trösten, ist eine wichtige Basis auf dem Weg, Bindung zu entwickeln. Ebenso wichtig für Kleinkinder ist ein vertrauter und immer wiederkehrender Tagesablauf, an dem sie sich orientieren können. Daher sollten weitere große Lebensumstellungen in der Zeit nach der Ankunft des Kindes so gut wie möglich vermieden werden (Übersiedelung, neue Familienmitglieder, Scheidung oder Heirat), bevor die neuen Routinen des Kindes nicht stark und sicher sind.

Sich binden

Bindung - die liebevolle Beziehung zwischen Kind und Bezugsperson über die Zeit - ist kritisch für eine gesunde menschliche Entwicklung. Eine sichere Bindung schafft die Basis, auf der ein Kind frei ist, zu wachsen und sich zu entwickeln. Kinder, die in ihren ersten drei bis fünf Lebensjahren sichere Bindungen eingegangen sind, werden sich wahrscheinlicher zu vertrauensvollen, zuversichtlichen, kompetenten und findigen Menschen entwickeln. Eine sichere Bindung ist wesentlich für die Entwicklung von Gewissen, Selbstvertrauen, der Fähigkeit, mit Angst, Zorn und anderen stressigen Gefühlen umzugehen.

Bindungsangelegenheiten sind zentral für nahezu jede Kleinkindadoption: wenn das adoptierte Kind vorher eine sichere Bindung genossen hat, müssen die Eltern es durch die Trauer begleiten, die mit dem Verlust dieser Beziehung entsteht und durch die Aufgabe, diese Bindung auf die neuen Eltern zu übertragen. Hatte das Kind zuvor keine sichere Bindung, müssen die Eltern diese von Anfang an aufbauen.
Grundsätzlich entsteht Bindung im Babyalter, wenn das Kind ein Bedürfnis hat (Hunger, Unwohlsein, Schmerz), dieses ausdrückt und seine Bezugsperson ihm hilft, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Die Rolle der Bezugsperson besteht darin, das Unbehagen zu erkennen, das Bedürfnis zu identifizieren und zu befriedigen, damit das Baby sich entspannen kann. Nach vielen Zyklen von Bedürfnis und Befriedigung lernt das Kind, zu vertrauen, dass die Bezugsperson seine Wünsche auf konsistente, liebevolle Weise erfüllt und so entsteht Bindung. Dieses Vertrauen zu entwickeln ist die wichtigste Aufgabe der ersten zwölf Lebensmonate.

Ist der Bindungszyklus jedoch nicht konsistent oder wird er unterbrochen, lernt das Kind nicht, zu vertrauen und wird in weiterer Folge versuchen, sich vor weiterem Schmerz zu schützen. Beispielsweise passiert es in schlecht ausgestatteten Waisenhäusern, dass Nahrung ohne menschlichen Kontakt angeboten wird und nicht von Berührung, Lachen, Augenkontakt und Bewegung begleitet wird, sodass keine Bindung an eine Bezugsperson entstehen kann. Mary Hokins-Best formuliert das so: "Die Zahl von Abbrüchen, die ein Kind ausgehalten hat, und ihr Zeitpunkt haben eine Auswirkung auf sein folgendes Vertrauen und seine Bindung. Daher müssen Adoptiveltern besonders auf mögliche Bindungsschwierigkeiten achten und sich verpflichtet fühlen, Bindung zu pflegen. Ein zusätzlicher wichtiger Aspekt für Eltern ist die Zeit. Sie müssen erkennen, dass die Übertragung oder der Aufbau von Bindung nicht über Nacht passiert. Manche Kleinkinder mögen ihnen für Monate oder in manchen Fällen sogar Jahre nach der Adoption kein Bindungsverhalten entgegen bringen. Das kann sehr schmerzhaft für neue Eltern sein, die sofort erwiderte Liebe erwarten. Eltern empfinden, dass sie eine solche Situation besser unter Kontrolle haben, wenn sie sich auf die Rolle konzentrieren, Bindung zu pflegen, eine langfristige Perspektive was die Erwiderung ihrer Liebe betrifft entwickeln und Fortschritte in Richtung einer gesunden Bindung feiern, egal wie langsam sich diese zu entwickeln scheint." (S. 183)

Mary Hopkins-Best beschreibt eine Reihe von Charakteristika für Bindungsschwierigkeiten:

  • Entwicklungsverzögerungen: es ist oft schwierig, die Auswirkungen von Bindungsschwierigkeiten von anderen möglichen Ursachen für Entwicklungsverzögerungen zu unterscheiden und daher ist es schwierig, vorherzusagen, ob eine Entwicklungsverzögerung langfristige Auswirkungen haben wird. Fast alle Kleinkinder, deren Adoption von Mary Hopkins-Best erfasst wurde, hatten Entwicklungsverzögerungen.
  • Schlafstörungen: die Mehrheit der Familien berichtet von Schlafstörungen, welche sowohl mit Trauer als auch mit Bindung in Zusammenhang gebracht werden. Dazu gehören v.a. Verweigerung ins Bett zu gehen und sehr schlechte Laune bis zu aggressivem Verhaltene beim Aufwachen.
  • Verweigerung von Getröstet-Werden oder Körperkontakt: sicher gebundene Kinder suchen regelmäßig ihre Eltern, v. a. wenn sie müde sind, Angst haben oder etwas weh tut. Gerade adoptierte Kleinkinder wollen häufig nicht von ihren Eltern gehalten werden und weisen Nähe zurück auch wenn sie sich fürchten oder sich verletzt haben. Fast alle Kleinkinder genießen aber Körperkontakt zu Tieren bzw. dem Haustier der Familie.
  • Ambivalentes Verhalten: nicht selten suchen adoptierte Kleinkinder ihre neuen Eltern und weisen sie abwechselnd oder gleichzeitig zurück, d.h. beispielsweise streck das Kind die Arme nach der Mutter aus und tritt gleichzeitig nach ihr. Dieses Verhalten zeigt sich vor allem dann, wenn Kinder beginnen, sich an ihre neuen Eltern zu binden.
  • Selektive Ablehnung eines Elternteils: die Mehrheit der Eltern berichtet, dass ihr Kind anfangs sehr unterschiedlich auf die beiden Elternteile reagiert hat, wobei entweder die Mutter oder der Vater abgelehnt wurden. Dies zeigt sich in Verhaltensweisen wie körperlichen Angriffen, schreien oder auch ignorieren und ängstlichem ausweichen. Auch kommt es immer wieder vor, dass sich adoptierte Kleinkinder eher an ein Geschwisterkind binden, als an die neuen Eltern.
  • Unpassend herzliches und liebevolles Verhalten gegenüber Fremden: diese Kinder waren vor der Adoption ohne Bindung oder unsicher gebunden.
  • Wut, Toben und Aggression: Kinder mit Bindungsschwierigkeiten leben ihre Wut oft weit über das hinaus aus, was bei Kleinkindern ohnehin üblich ist. Eltern berichten von bis zu zehn Wutanfällen pro Tag, die bis zu eine Stunde dauerten.
  • Extrem negatives und kontrollierendes Verhalten: während alle Kleinkinder die Autorität ihrer Eltern immer wieder anzweifeln, können die meisten ihren Eltern jedoch Kontrolle übergeben. Kleinkinder mit Bindungsproblemen haben große Angst, die Kontrolle zu verlieren und reagieren dann sehr feindlich, z.B. Kind hat nicht "seinen" Löffel bekommen, weil dieser gerade im Geschirrspüler ist oder Kind darf sich im Auto nicht selbst anschnallen, weil die Zeit drängt etc. Durch Nichtigkeiten können binnen weniger Sekunden schwere Wutanfälle und Aggressionen ausgelöst werden. Diese Kinder wirken auf ihre Eltern extrem launisch. Hopkins-Best erklärt das so: "Die Trennung von früheren Bezugspersonen zu erleben muss einen starken Sinn für Kontrollverlust mit sich bringen. Kein Wunder, dass die Kinder oft versuchen, jede irgendwie mögliche Kontrolle über ihr Leben zu erlangen" (S. 193)
  • Unorganisiertes Verhalten und schlechte Impulskontrolle: dies ist typisch für alle Kleinkinder, aber intensiver bei adoptierten Kleinkindern, z.B. Anfälle, wenn Spielsachen oder Süßigkeiten nicht sofort auf Befehl gegeben werden, zielloses Umherschweifen, eine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne, Unfähigkeit auf ein gewünschtes Essen oder Objekt zu warten, Unfähigkeit zu verhindern, dass spielerisches Verhalten zu toll wird und außer Kontrolle gerätKeine oder extreme Trennungsangst: Kinder mit starker Trennungsangst werden von den Eltern als Kinder beschrieben, die stark an eine frühere Bezugsperson gebunden waren, z.B. unkontrolliertes Schluchzen, sobald die Adoptivmutter auch nur die Hand des Kindes loslässt, um jemanden zu begrüßen. Kinder ohne sichere Bindung vor der Platzierung zeigten jedoch ein Fehlen von Trennungsangst. Sie blicken sich nicht um, wenn sie von ihren Eltern fort gehen.
  • Verfrühte Unabhängigkeit: manche Kleinkinder lehnen in den ersten Monaten zu Hause jede Art von Unterstützung und Trost ab, was wiederum vor allem bei Kindern ohne vorherige sichere Bindung passiert.
  • Ungewöhnlich gutes Benehmen: gutes Benehmen ist vor allem bei größeren Kindern (über 3 Jahre) in der ersten Zeit nach der Adoption üblich und wird als "honeymoon-period" ("Flitterwochen") bezeichnet. Dies kann eine Wiederholung der strikten Waisenhausregeln sein, aber auch ein Charakteristikum für Bindungsschwierigkeiten und Kontrollmechanismus. Sobald die Kinder in der Adoptivfamilie sicherer geworden sind, endet diese Zeit der "Flitterwochen". Ein Kennzeichen von Kleinkind-Adoptionen ist, dass es diese Periode nicht gibt.


Strategien, um die Bindung zu fördern

Während alle Kleinkinder ihre Eltern testen, sollten die Eltern eines gerade adoptierten Kleinkindes damit rechnen, besonders stark und immer wieder getestet zu werden, z.B. durch physische und verbale Zurückweisung, durch heftiges Verhalten oder das Vorenthalten von Liebe. Bindung neu zu schaffen, ist ein anstrengender Prozess für alle Beteiligten und bedeutet, die Rolle der Bezugsperson für ein widerspenstiges Kind zu übernehmen. Dabei dürfen Eltern unpassendes Verhalten ihrer Kinder weder ignorieren, noch die Kinder deswegen absondern.

Als ersten Schritt empfiehlt Hopkins-Best, unterscheiden zu lernen, was ein Kleinkind braucht und was es will. Um den Bindungskreis neu zu beginnen, sollten Adoptiveltern sich anfangs sofort um die Bedürfnisse ihres Kindes kümmern, wie sie das auch bei einem Baby täten. Ein Bedürfnisaufschub ist erst dann möglich, wenn das Kind bereits Bindungsverhalten zeigt. Kinder brauchen Nahrung, Schutz, Berührung, Lächeln, Augenkontakt und die Gelegenheit, zu spielen und gesund und stark aufzuwachsen. Wenn Eltern diese Bedürfnisse ihres neu angekommenen Kleinkindes erfüllen, wird es nach und nach lernen, die Befriedigung zu verzögern und mehr und mehr in der Lage sein, seine eigenen Bedürfnisse selbst zu erfüllen, während es heranwächst und sich entwickelt.

1. Nahrung
Das erste und wichtigste Element des Bindungskreises ist die Nahrung. Für Kinder ist es wichtig, zu erleben, dass sie immer gesundes Essen und Trinken zur Verfügung haben, wenn sie hungrig oder durstig sind. Auch wenn das Kind im Waisenhaus schon selbständig gegessen hat, macht es Sinn, zumindest teilweise wieder zum Füttern zurück zu kehren. So kann eine direkte Beziehung zwischen der Nahrung und den neuen Eltern hergestellt werden. Manche Eltern jüngerer Kleinkinder führen aus diesem Grund auch das Milchfläschchen wieder ein. Während das Kind trinkt, können die Eltern Augenkontakt halten, das Kind anlächeln und mit ihm sprechen. Eine Mutter berichtet: "Ich bin überzeugt, dass unser nächtliches Fläschchen und wiegen während wir uns in die Augen sahen mehr als alles andere für unsere Bindung getan hat, ihre zu mir und meine zu ihr."

Manche Kinder haben vor der Adoption Unterernährung oder einen missbräuchlichen Einsatz von Nahrung erlebt. Solche Kinder können Nahrung verschlingen, bis sie sich übergeben müssen. In diesem Fall muss die Nahrungsaufnahme reguliert werden. Allerdings sollten Kinder, die sich besonders davor fürchten, dass es kein Essen mehr gibt, immer kleine Mengen von gesunder Nahrung zur Verfügung haben. Hopkins-Best berichtet von einer 18-jährigen jungen Frau, die mit zweieinhalb adoptiert worden ist und nach wie vor Cracker am Bett stehen haben muss, falls sie in der Nacht hungrig aufwacht.
Auch ein Mangel an Zuwendung kann über Nahrung ausgetragen werden. Hier kann körperlicher Kontakt helfen ("Lass uns sehen, ob einmal Umarmen dich satt machen kann?").

2. Kontakt und Trost
Der Wunsch nach elterlichem Kontakt und Trost ist ebenfalls ein Bedürfnis für ein Kleinkind, das erst eine Bindung entwickeln muss und sollte Tag und Nacht gestillt werden. Es ist daher nicht sinnvoll, ein adoptiertes Kleinkind nachts allein zu lassen, wenn es weint. Zeitweise Trennungen eignen sich für Kinder, die sicher gebunden sind, nicht aber für Kleinkinder, die erst lernen müssen, dass die neuen Eltern ihre Bedürfnisse in liebevoller und konstanter Weise erfüllen.
Andererseits ist das einfordern von ständiger ungeteilter Aufmerksamkeit ein Wunsch, der Entwicklung auch behindern kann. Das ängstlich klammernde Kind muss nach und nach lernen, dass es nicht verstoßen wird, auch wenn die Eltern einmal etwas anderes tun. Diesen Kindern kann geholfen werden, nach und nach mit Trennungen umzugehen, indem die Eltern in Rufweite bleiben oder es vorinformieren, wenn sie den Raum für kurze Zeit verlassen. Dann können die Eltern dem Berührungsbedürfnis des Kindes wieder nachkommen und während des Spiels oder ihrer Arbeit nahe bei sich haben und immer wieder berühren.
Auch das ängstliche Vermeiden von Berührung ist ein Wunsch, dem Eltern ihrem Kind gegenüber nicht nachkommen dürfen. Vielmehr müssen sie das unerkannte Bedürfnis des Kindes nach Berührung erfüllen.

3. Routinen und Rituale
Alle Kleinkinder mögen Routinen und Rituale. Für frisch adoptierte Kleinkinder sind Struktur und Konsistenz absolut notwendig. Kinder entwickeln ein Konzept ihrer Welt durch die Muster ihres Lebens und versuchen, frühere Muster im neuen Zuhause wieder zu inszenieren: Kinder, die Chaos und Unberechenbarkeit erlebt haben, müssen erst lernen, dass es von nun an stetige Abläufe gibt. Die wichtigsten Routinen betreffen das Essen und das Schlafen. Ein festgelegter Tagesablauf erlaubt das Gefühl von Kontrolle. Außerdem hilft es Kindern, positive Erwartungen zu entwickeln, wenn über kommende Ereignisse vorweg gesprochen wird.

(Jutta Eigner)

Veröffentlichungsdatum: 09.03.2006