Wenn Kleinkinder adoptiert werden II

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Mary Hopkins-Best, Toddler Adoption: The Weaver's Craft
Perspectives Press, Indianapolis, 1997
270 Seiten
Hardcover: ISBN 0-944934-17-X
Paperback: ISBN 0-944934-21-8

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Zusammenfassung des Buches "Toddler Adoption"
von Mary Hopkins-Best

Teil 2: Der erste Kontakt

"Laura's Leben veränderte sich in dem Zeitraum, in dem man "hallo" und "auf Wiedersehen" sagt. Auf dem Weg in eine neue Familie mit neuen Eltern verließ sie eine trauernde Pflegemutter. In den folgenden Monaten machten Lauras eigene Verwirrung und ihre Trauer es schwer, sie zu trösten. Und ihre neuen Adoptiveltern, die nur versucht hatten, den Wechsel für alle Parteien so kurz und schmerzlos wie möglich zu gestalten, fühlten sich hilflos und wussten nicht, wie sie ihrer Tochter unterstützen sollten.
Auch für Ben kam der Wechsel schnell. Mit zweieinhalb Jahren wurde er von seiner leiblichen Mutter, seiner Großmutter und zwei Onkeln zum Flughafen gebracht und einem amerikanischen Sozialarbeiter übergeben. Er wurde mit den anderen Passagieren durch den Boardinggang in den Körper eines Jumbojets gespült. Nichts war vertraut - nicht die Gesichter, nicht die Geräusche, die Gerüche oder Worte. Nach einem sechzehnstündigen Flug, in dem er gedrängelt wurde, merkwürdiges Essen bekam, von noch einem Fremden durch den Zoll gebracht wurde und wieder zum endgültigen Ziel eingecheckt wurde, landete Ben schließlich eine halbe Welt von zu Hause entfernt und wurde in die Arme seiner aufgeregten neuen Mutter geschoben. Für fast achtzehn Monate beobachtet er, wartete er, und sagte nichts."
(Hopkins-Best, Seite 83)

Mary Hopkins-Best Ausführungen über den Wechsel eines Kleinkindes in seine Adoptivfamilie beginnen mit den beiden obigen Geschichten und der Feststellung, dass es wohl nichts Schlimmeres für ein Kleinkind gibt, als aus dem Nichts völlig Fremden überlassen zu werden. Dennoch ist das bei Kleinkindadoptionen eher die Regel als die Ausnahme.


Die Autorin tritt daher dafür ein, wann immer es möglich ist, einen Schrittweisen Übergang in die Familie zu planen, sodass für das Kind eine Brücke zwischen seiner Vergangenheit und seiner Zukunft geschlagen wird. Andernfalls könnte das Kind folgern, dass Fremde immer wieder kommen können, um es mitzunehmen. Ein bewusster und überlegter Abschied lässt weniger Raum für Unaufgearbeitetes und unterstützt die Entwicklung einer gesunden Bindung zur neuen Familie.
Mary Hopkins-Best stellt hier sehr konkrete Vorgehensweisen zusammen, die bei der Platzierung eines Kindes wichtig sind:

Vorbereitung vor der Platzierung

Kleinkinder sollten genauso sorgfältig auf ihre Adoption vorbereitet werden, wie ihre zukünftigen Eltern. Sie verdienen zumindest die Möglichkeit, ihre neuen Eltern vor der eigentlichen Unterbringung kennen zu lernen. Im Idealfall passiert das mit Bildern, Briefen, Gesprächen und Besuchen.

Eine besonders wesentliche Rolle spielt hier die vorherige Bezugsperson, die das Kleinkind auf seine neue Familie vorbereiten kann. Hier kann ein Fotoalbum sehr wertvoll sein, das dem Kind seine neue Familie und zukünftige Umgebung vor Augen führt (und wenn es laminiert ist, auch für Kleinkinderhände gut geeignet ist). Wenn Adoptiveltern und Pflegeperson sich schon vor der Übergabe einmal treffen, sollten dem Kind auch von diesem Ereignis Fotos gezeigt werden. Abhängig von der verfügbaren Technik können hier auch Video oder Audioaufnahmen eingesetzt werden. Eine Adoptivmutter produzierte eine selbst besungene Kassette mit Kinderliedern, die dem Kind vor der Platzierung abends vorgespielt wurde. Umso verblüffter war es, als nach der Platzierung die neue Mutter eben diese Lieder zum Einschlafen singen hörte.

Alle diese Maßnahmen beschreibt Hopkins-Best als sinnvoll, auch wenn sie persönlichen Kontakt nicht ersetzen können. Noch viel wichtiger ist es, die Pflege des Kindes nach und nach von einer Bezugsperson zur anderen übergehen zu lassen und das Trauma von Trennung und Verlust wesentlich zu verringern. Idealerweise beginnen die Kontakte von einer Woche bis zu vier Wochen vor der Platzierung Vor allem wenn es eine enge Bindung zur Pflegeperson gegeben hat, ist es für das Kind besonders hilfreich, einen direkten Kontakt zwischen alten und neuen Eltern mit zu erleben. Vor allem junge Kinder profitieren sehr davon, wenn die neuen Eltern von den alten Eltern Schritt für Schritt in ihre Rolle als Bezugsperson eingeführt werden: sie können dann Rituale übernehmen und diese nach und nach an die neuen Gegebenheiten anpassen. Beim ersten Besuch haben die zukünftigen Adoptiveltern den Status von Gästen, die die Interaktion zwischen Kind und Bezugsperson beobachten können, während sie bei den weiteren Besuchen nach und nach Verantwortung für das Kind übernehmen. Sobald das Kind sich in seinem bisherigen Zuhause mit den Adoptiveltern wohl fühlt, können Ausflüge eingeplant werden, die vor der eigentlichen Übersiedelung evtl. auch eine Übernachtung in der Adoptivfamilie vorsehen.

Folgende Informationen sollten Adoptiveltern zur Verfügung stehen:

- Temperament und Persönlichkeit des Kindes
(Abend- oder Morgenmensch? Wird das Kind bei Müdigkeit aktiver oder passiver? Gibt es "Vorboten" von Wutausbrüchen? Mag das Kind sanfte Berührungen oder nicht? Ist es introvertiert oder extrovertiert? Wie reagiert es auf Lärm? Wie reagiert es auf Stress wie Frustration, Hunger, Müdigkeit, Aggression von anderen Kindern, Fremde, neue Situationen? ...)
- Schlafgewohnheiten (Welche Schlafenszeiten hat das Kind? Schläft es alleine oder mit jemandem anderen? Schläft es im Bett oder am Boden? ?)
- Essensmuster und Vorlieben (Auch vertraute Speisen und Getränke in den Speiseplan einbauen)
- Sprache (Jedes Kind hat seine eigenen Worte, Phrasen und Betonungen, die oft nur von einem engen Kreis verstanden werden)
- Erziehung (Um das Verhalten eines Kindes und seine Reaktion auf eine Autorität zu verstehen, ist es wichtig, zu wissen, welche Verhaltensweisen von ihm erwartet wurden und welche Erziehungsmethoden angewandt wurden. Hier variieren die Erwartungen an Kinder stark von Kultur zu Kultur, wobei in vielen Institutionen rigide Regeln vorherrschen)
- Toilettenroutinen (Geht das Kind schon allein aufs Töpfchen/WC und wenn ja unter welchen Umständen? Wenn Windeln verwendet werden, welche sind das? Trägt es immer Windeln oder nur zum Mittagsschlaf bzw. in der Nacht? Welche Worte wurden in diesem Zusammenhang gebraucht, z.B. "A-A"?)

Platzierung und danach

Die erste Begegnung zwischen Adoptiveltern und Kind ist oft weniger idyllisch, als manche Familie es sich vorstellt. Das hat viel damit zu tun, dass zumeist keine langsame Annäherung möglich ist. Eltern und Kleinkind verlieben sich in den seltensten Fällen auf den ersten Blick. Bei den von Mary Hopkins-Best befragten Familien reagierten die meisten Kinder bei der ersten Begegnung von sehr distanziert bis offensichtlich feindlich und viele vermieden sowohl Augen- als auch Körperkontakt. Allerdings konnte Hopkins-Best keinerlei Verbindung zwischen dieser Reaktion und der langfristigen Bindung an die Familie feststellen. Unabhängig vom ersten Eindruck entwickelten die große Mehrheit der Kinder und ihre Eltern mit zunehmender Zeit und Integration in die Familie eine starke Bindung.

Ein Kleinkind kann nicht über den Wechsel in die Adoptivfamilie "diskutieren". Es kann nur erleben, wie die Verantwortung übergeben wird und wird dabei auch sehr genau auf die nonverbalen Signale seiner bisherigen Bezugsperson achten. Für ein Kind ist es sehr wichtig, die Erlaubnis der Bezugsperson zu erhalten, die neuen Eltern anzunehmen. Die Bezugsperson darf dabei ruhig Trauer über die Trennung zeigen, sodass das Kind erlebt, wie wichtig es ihr war und ist. Wenn es spürt, dass seine Bezugsperson es vermissen wird, ihm aber die besten Wünsche für die Zukunft mitgibt, kann es am sichersten in ein neues Leben starten. Auch können jene Bezugspersonen am leichtesten ihre Rolle an die neuen Adoptiveltern übergeben, die auf die eine oder andere Art mit einem fortdauernden Kontakt zum Kind rechnen können. Sind auch in Zukunft Besuche möglich, helfen diese auch dem Kind, zu erleben, dass es einem in seinem "alten" Leben wichtigen Menschen gut geht und nicht zu viel Energie zu verbrauchen, um sich um diesen Menschen zu sorgen.

Auch wenn regelmäßiger Kontakt in vielen (den meisten) Fällen nicht möglich sein wird, ist in jedem Fall Aufgabe der Adoptiveltern, die wichtige Rolle der früheren Bezugsperson des Kindes anzunehmen und respektieren. Wird darüber negativ gesprochen, bekommt das Kind den Eindruck, dass etwas mit seinen früheren Gefühlen nicht in Ordnung wäre.

Der Übergang in eine neue Familie wird auch leichter, wenn das Kind einige Dinge aus seinem früheren Leben in die neue Familie mitnehmen kann, die es trösten und ein Gefühl von Kontinuität entstehen lassen. Dazu können Kuscheltiere oder decken (nicht waschen, denn auch der Geruch ist wichtig!) ebenso wie eine Tasse oder eine Zahnbürste gehören.
Sieht man sich jene Kinder an, die den leichtesten Übergang in die Familie hatten, so finden sich einige Gemeinsamkeiten:

- Kinder mit den wenigsten unterbrochenen Platzierungen und Wechseln von Bezugspersonen im ersten Jahr/den ersten Jahren passten sich am leichtesten ihren neuen Familien an (Ausnahme: Kinder aus Heimen, die stark vernachlässigt wurden).
- Kinder mit einer sicheren Bindung zu einer früheren Bezugsperson
- gut vorbereitete Kinder und solche, die schrittweise in die neue Familie kamen (z.B. Eltern verbringen vorher zwei Wochen in einem nahen Hotel, besuchen das Kind häufig, machen gemeinsam längere Ausgänge, nach der Platzierung besteht weiter telefonischer Kontakt, Beibehaltung der täglichen Routinen, häufiges Sprechen über die frühere Familie)

Die Kleinkinder mit dem geringsten Trauma bauten auch am schnellsten und stärksten eine Bindung zu ihren Adoptivfamilien auf. Auch andere Faktoren scheinen hier eine Rolle zu spielen:
- realistische Erwartungshaltungen der Eltern begünstigen die Integration in die Familie
- Geschwister können in manchen Belangen hilfreich sein, in anderen aber nicht
- Die Adoption eines Kleinkindes braucht viel Energie und Ressourcen vor, während und nach der Unterbringung, sodass andere Stressfaktoren in der Familie (Eheschwierigkeiten, Krankheit, finanzielle Probleme, Umzug, Berufswechsel etc.) das Gleichgewicht noch stärker beeinflussen.

Wesentlich ist außerdem, so viel wie möglich über die Entwicklung von Kleinkindern zu lernen, sodass die Eltern ihren Entwicklungsstand besser verstehen und angemessen auf ihr Verhalten reagieren können. Auch wenn viele adoptierte Kinder mit körperlichen, geistigen und sprachlichen Rückständen eintreffen, gibt es viele Möglichkeiten, wie Eltern die Entwicklung ihres Kindes fördern können. Mit einem grundlegenden Verständnis des Kleinkindalters gelingt das besser (Mary Hopkins-Best, Kapitel "Die Entwicklung von Kleinkindern verstehen", S. 111-161)

(Jutta Eigner)


Veröffentlichungsdatum: 09.03.2006