Mit den Augen eines Kindes sehen lernen

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Dr. Bettina Bonus: Mit den Augen eines Kindes sehen lernen
Band I: Zur Entstehung einer Frühtraumatisierung bei Pflege- und Adoptivkindern und den möglichen Folgen
Verlag: Books on Demand GmbH, Norderstedt 2006
Paperback, 197 Seiten

 

 

Band I: Zur Entstehung einer Frühtraumatisierung bei Pflege- und Adoptivkindern und den möglichen Folgen
Eine Rezension von Eva Wolfart

Immer häufiger werden heute Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen beobachtet. Bei Adoptiv- und Pflegekindern kann es sich bei diesen Phänomenen jedoch um die Folgen einer Frühtraumatisierung handeln. Um diese zu erkennen, zu verstehen und einen Ausweg aus diesen extrem belastenden, teilweise die Kräfte der Eltern übersteigenden Situationen zu finden, darum geht es in dem vorliegenden Buch.

Dafür ist es erforderlich sich in das Kind einzufühlen um "mit den Augen des Kindes zu sehen, mit dem Verstand des Kindes zu denken, mit dem Gefühl des Kindes zu fühlen und mit den Händen des Kindes zu handeln." (Bonus, Seite 9)

Die Ärztin Dr. Bettina Bonus beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit der Problematik von Pflege- und Adoptivkindern. Seit 1999 hat sich Frau Dr. Bonus zusätzlich in ihrer Praxis auf die Begleitung von besonders problematischen Pflege- und Adoptivkindern und deren Familien spezialisiert. Frau Dr. Bonus betont in ihrem Buch jedoch ausdrücklich, dass die in ihrem Buch dargestellten Fallbeispiele von hochproblematischen und deutlich verhaltensauffälligen Kindern nur eine Teilgruppe der Adoptiv- und Pflegekinder darstellen.

Im Buch stellt die Autorin nach einer grundlegenden Einleitung Fallbeispiele vor und geht im Anschluss darauf ein, was ein Trauma wirklich ist und was nach einem Trauma mit den Betroffenen geschieht. Und dann befinden sich die LeserInnen schon mitten im Hauptthema des Buches - den Frühtraumatisierungen.

Die zentrale Frühtraumatisierung durch Trennung von der leiblichen Mutter erlebt jedes Kind, welches in einem sehr frühen Lebensalter von der leiblichen Mutter getrennt wird. Das Kind erlebt die leibliche Mutter und sich selbst durch die Schwangerschaft als eine untrennbare Einheit. Durch die Trennung von der leiblichen Mutter geht für das Kind ein Teil seiner selbst für immer verloren (vergleiche Bonus, Seite 54 ff). Auch die weiteren Stationen in welchen Frühtraumatisierungen passieren können, wie während der Schwangerschaft, vor der Trennung von der leiblichen Mutter, in den Zwischenstationen (Krankenhaus, Kurzzeitpflegeformen, Heim, verschiedene Pflegeplätze oder auch mehrere Stationen nacheinander) werden eingehend beleuchtet und auch Lösungswege zur Vermeidung von Traumatisierungen aufgezeigt.

Im Kapitel: "Die vier mögliche Folgen einer Frühtraumatisierung" wird detailliert beschrieben, welche Symptome die betroffenen Kinder zeigen (können). Gemeinsam ist allen Strategien der Kampf ums Überleben. Das frühtraumatisierte Kind tut alles - und sei es noch so abstrus und nicht nachvollziehbar - um nie wieder in eine Situation zu geraten, welche in ihm eine derartige Todesangst erweckt hat. Auslöser für diese Verhaltensweisen sind Situationen, in denen das Kind wieder an die traumatisierenden Erfahrungen erinnert wird. Diese sind oft nicht einmal für die Eltern oder nahe Bezugspersonen als solche erkennbar.

Bei der Überlebensstrategie als Angstbeseitigungsmethode provozieren Kinder beispielsweise gerne einen heftigen Streit aus einem völlig nichtigen Grund um sich diversen Pflichten entziehen zu können. Die ebenfalls sehr detailliert beschriebene Vermeidungsmethode zur besseren Verdrängung der Angst und die Kontroll- und Machtstrategie zur Beseitigung der Ohnmacht stellen eigentlich Unterpunkte der Überlebensstrategie dar, werden von der Autorin jedoch als eigene Punkte behandelt und erläutert.

Eine weitere Folge einer Frühtraumatisierung kann sich als Anstrengungsverweigerung darstellen. Bei der Geburt ist jedes gesunde Kind mit Neugier und dem Wunsch nach Lernerfahrungen ausgestattet. Wenn nun das Kind feststellt, dass sich Anstrengungen nicht lohnen, ja sogar noch in schmerzhafte und bedrohliche Erfahrungen münden, so wird es in Zukunft versuchen, solche Anstrengungen zu vermeiden. Eine Anstrengungsverweigerung bei frühtraumatisierten Kindern kann sich im schlimmsten Fall so äußern, dass alle täglichen Anstrengungen mit Ausnahme von Essen, Schlafen, Trinken und Ausscheiden als unüberwindbare Hürde angesehen und folglich vermieden werden. (vergleiche Bonus, Seite 150)

Frau Dr. Bonus gelingt mit dem vorliegenden Buch ein sehr umfassender und praktischer Blick auf das Verhalten von frühtraumatisierten Kindern. Welche Situationen Pflege- und Adoptiveltern unter Umständen erwarten können - wird in diesem Buch sehr anschaulich und durch zahlreiche Fallbeispiele unterlegt, dargestellt. Was es tatsächlich für die eigene Lebensplanung bedeuten kann, mit einem frühtraumatisierten Kind zu leben, kann man nach der Lektüre dieses Buches ansatzweise nachvollziehen. Der Frage, ob man diesen Belastungen im Ernstfall auch tatsächlich gewachsen ist, sollte man sich vor der Aufnahme eines Pflege- oder Adoptivkindes wirklich stellen. Das Buch regt sehr zum Nachdenken über die eigenen Ressourcen an, zeigt jedoch immer wieder die positiven Episoden und beglückenden Momente die man auch mit frühtraumatisierten Kindern im verständnisvollen Umgang erleben kann.

"Manchmal sind die Vorgeschichten dieser Kinder so unvorstellbar grausam, dass man es kaum ertragen kann, sie zu hören, zu lesen oder gar nachzuempfinden. Aber die Kinder haben dieses Leid real und in aller Härte durchleben müssen - so sind wir es ihnen eigentlich schuldig, ihr Schicksal in aller Tiefe und mit ihren Augen noch einmal nachzuempfinden, um sie wirklich zu verstehen und den für sie richtigen Weg zu finden." (Bonus, Seite 117)

Dem Band I "Zur Entstehung einer Frühtraumatisierung bei Pflege- und Adoptivkindern und den möglichen Folgen" sollen noch weitere Bücher folgen, welche sich der heilenden Pädagogik frühtraumatisierter, hochproblematischer Pflege- und Adoptivkinder widmen sollen - diese können mit Spannung erwartet werden.



Veröffentlichungsdatum: 08.02.2008