...die, die auszogen sich selbst zu finden

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Barbara Ade:
...die, die auszogen sich selbst zu finden
Biographien erwachsener Adoptierter asiatischer Herkunft
Familiale und soziale Integration, Herkunftssuche und Identitätsfindung
Schulz-Kirchner Verlag, Idstein 2000
284 Seiten
ISBN 3-8248-0407-7

 

 

Ehe sie eine internationale Adoption beginnen, fragen sich viele Adoptivwerber, ob und wie sie ihre Adoptivkinder so stark machen können, dass sie mit ihrem fremdländischen Aussehen, der Tatsache ihrer Adoption und einer oft unbekannten Herkunft gut umgehen können. In Deutschland, wo es seit nunmehr 30 Jahren internationale Adoptionen gibt, ist inzwischen die erste Generation ausländischer Adoptivkinder erwachsen geworden und kann selbst als Experten über ihre Lebenserfahrungen Auskunft geben. In ihrem Buch "...die, die auszogen sich selbst zu finden" untersucht Barbara Ade die Lebensgeschichten von sieben erwachsenen Adoptierten aus Vietnam und Korea im Alter von 23 bis 33 Jahren, die natürlich nur einen kleinen Teil möglicher Adoptionsverläufe wiedergeben können. Doch gerade der detaillierte und persönliche Einblick, den die erwachsenen Adoptierten in ausführlichen Interviews geben, macht das Buch interessant für Adoptiveltern, die zumindest eine Idee vom möglichen Lebensweg ihrer Kinder und den Themen bekommen wollen, mit denen sich international Adoptierte in der Regel auf ihre ganz persönliche Art auseinander setzen.

Barbara Ade hat sich für wenige, aber sehr ausführliche Interviews entschieden und an den Beginn ihrer Arbeit Fragen gestellt, denen sie anhand der Interviews in Form einer "qualitativen Sozialforschung" näher kommen will. Beispielsweise interessiert sie sich dafür, wie es den in Deutschland aufgewachsenen Adoptierten mit ihren Adoptiveltern und Geschwistern geht und ob die Familienbindungen denen biologisch gegründeter Familien entsprechen. Die Ergebnisse ihrer Studie widersprechen dem alltäglichen Verständnis vieler Außenstehender, die in Adoptivfamilien eine weniger intensive, nahe oder intime Eltern-Kind-Bindung vermuten. Stattdessen erzählten alle Interviewten mit einer Ausnahme von einer guten gefühlsmäßigen oder normalen Bindung an ihre Adoptiveltern und -geschwister. In einigen Berichten wurde die Familie eher idealisiert, in anderen wird sie als normal, mit streckenweise schwierigen Phasen und unterschiedlichen Bindungen zu Elternteilen oder Geschwistern beschrieben. Einzig die 32?jährigen Yossuk, die über Jahre von ihrem Adoptivvater sexuell missbraucht wurde und bei ihrer Mutter keine Unterstützung fand, hat nun keinerlei Kontakt mehr zu ihrer Adoptivfamilie. Ihre Geschichte, die äußerst betroffen macht, führt deutlich vor Augen, auf welche verheerende Weise Adoptionen scheitern können.

Einen Schwerpunkt im Interview nahm für die Hälfte der Adoptierten die Reise in ihr Herkunftsland ein, die regelmäßig von der Vermittlungsstelle "terre des hommes" für erwachsene Adoptierte organisiert wird. Die Reisen werden auch von Fachkräften betreut, wobei es den Adoptierten möglich ist, bekannte Stätten ihrer Kindheit wie etwa Heime zu besuchen. Die Entscheidung für die Reise reifte bei vielen über mehrere Jahre und ihre Auswirkungen konnten nur schwer in Worte gefasst werden. Viele Adoptierte berichten von einer langen Phase der Sprachlosigkeit nach der Reise, die für die Aufarbeitung des Erlebten nötig war. Allerdings waren sich alle darüber einig, wie wichtig die Reise für sie gewesen war und dass sie ihnen bei der Annahme ihrer Herkunft geholfen habe.
Auch Quam-Am konnte ihre Herkunft durch die Beschäftigung mit ihrem Geburtsland besser annehmen. Sie hat dabei Leute kennen gelernt, die in ihrer Kindheit in Vietnam waren und das auch filmisch dokumentiert haben:
"Also bei Adoptierten stellt sich wohl oft so das Problem, warum wollten mich meine Eltern nicht, das so im Inneren sitzt, nicht mal (...) vorwurfsvoll, sondern eher so, aber warum denn nicht? Also jetzt, in meinem Alter, also ich bin ja 27 und so sämtliche Leute fangen an sich zu verloben, zu heiraten und über Kinder zu reden. Da sieht man ja, wie Kinder geliebt werden. Warum wollt meine Mutter mich nicht? Na gut, da findet man so Ausreden, ja, es war ja Krieg, und die Leute waren ja arm. So, ach, wenn dann ein Dorf bombardiert wurde und die Eltern ums Leben kamen..., aber gut- es ist logisch, ne logische Erklärung, aber es war so dahergeredet, was einem jeder sagen kann, wie im Erdkundeunterricht eigentlich, und es war nicht so befriedigend. Dadurch, dass ich jetzt die Bilder wirklich gesehen hab?, die Situation dort, also sie hat dort auch Filme gedreht ? das hat mir sehr viel gebracht, so an innerer Ruhe, so an, ja, Ausgeglichenheit, ja, Zufriedenheit einfach über das, dass es so ist." (Ade, Seite 245)

Welche Wirkungen die Reise für die von ihr interviewten Adoptieren hat, fasst Barbara Ade so zusammen: "Die hier Interviewten nehmen sich und ihre Herkunft nach der Reise anders wahr. Dies ist nicht immer leicht und mit großen Unsicherheiten verbunden. Ob die Erarbeitung einer doppelten Identität "Ich bin Deutsche/r und ich bin Koraner/in" die Lösung sein kann, das wird für jede/n Adoptierte/n eine eigene Aufgabe. Nur sie selbst können einen Weg finden, der ihnen als annehmbar erscheint. Die ethnokulturelle Identität wird aus einem Mischungsverhältnis bestehen, das sich jede/r Adoptierte erarbeiten muss. Einige der hier Interviewten wollen keine doppelte Identität. Sie sind hier sozialisiert und Deutsche, trotzdem ist ihnen eine Auseinandersetzung mit "ihrem" Land wichtig. Die Begegnung mit dem Herkunftsland ist Anlass für eine Reflexion und wird gleichzeitig auch eine Überprüfung der hier verinnerlichten Werte und Normen beinhalten." (Ade, Seite 246f.)

Das gleichzeitige Koreaner/in-und-Deutsche/r-Sein ist für alle Adoptierten auch in ihrem Alltag bedingt durch ihr Aussehen ein Thema. Adoptierte mit fremdländischem Aussehen sind zwar zu deutschen Staatsbürgern geworden, die einen deutschen Lebensstil pflegen, werden aber durch ihr Äußeres immer daran erinnert, dass sie "anders" sind, wenn sie ihr vertrautes Umfeld (Familie, Freunden und Kollegen) verlassen. Von Vorfällen, die diese Ausgrenzung deutlich machen, können alle Adoptierten berichten. Zwei Interviewte, die als erste fremdländische Kinder in kleinen Dörfern lebten, berichten von einer harten Grundschulzeit. Auch alle anderen Adoptierten mussten in ihrer Kindheit mit kleineren Hänseleien oder Schwierigkeiten fertig werden. Auf persönliche Fragen und bestimmte Situationen, die Adoptierte aus einem anderen Kulturkreis mit Regelmäßigkeit erwarten, hatten sich alle mit der Zeit Standardantworten zurecht gelegt, wobei sie "je nach Laune oder Fragesteller höflich, salopp, wahrheitsgemäß, mit Lügengeschichten oder gar nicht antworteten."
In den Interviews - so Barbara Ade - fiel es den Adoptierten oft schwer, über die vielfältigen Formen von Diskriminierung zu berichten. Ta-hong, die am massivsten betroffen war, konnte erst im Anschluss an das Interview, nachdem das Band nicht mehr mitlief, von einem Erlebnis in Ostdeutschland berichten, wo sie mit einem Messer bedroht und aufgefordert wurde, zu verschwinden. Auch Mee Joo berichtet von einem Studienplatz in Ostdeutschland, den sie nicht annehmen konnte, weil es trotz hervorragender Bedingungen an der Universität zu gefährlich für sie gewesen wäre. Daneben kamen in den Interviews auch andere Formen der Diskriminierung zur Sprache, wie sexistische Anfeindungen, von denen Qam-Am berichtet: "...dann kommen halt noch so die Erfahrungen dazu, dass man irgendwo rumläuft und dumm angemacht wird, also ich hab's auch schon in einer Kneipe erlebt, dass da einer kam, ach, wie wär's denn heut Nacht, 150 DM, 'ne Thai macht's doch mit jedem." (Ade, Seite 258)

Obwohl es für international Adoptierte also ganz offensichtlich Aufgaben gibt, die sich ihnen in besonderer Weise stellen, empfanden doch alle Interviewpartner ihre Adoption und die damit verbundenen Veränderungen in ihrem Leben als Chance. Sollte sich aber einmal im Rahmen einer breiter angelegten wissenschaftlichen Untersuchung herausstellen, dass international Adoptierte einen grundlegend kritischen Standpunkt einnehmen, so plädiert Barbara Ade dafür, die Institution der Auslandsadoption neu zu überdenken. In jedem Fall sei es wichtig, den Erfahrungen und Gedanken erwachsener Adoptierter als Experten ihrer Lebenswelt einen breiten Raum zu geben.

(Jutta Eigner)

 

Veröffentlichungsdatum: 22.03.2004