Handbuch Adoption. Der Wegweiser zur glücklichen Familie.

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Momo Evers, Ellen-Verena Friedemann: Handbuch Adoption
Der Wegweiser zur glücklichen Familie.
Südwest Verlag, München 2007
Paperback, 336 Seiten
€ 24,95 (Stand: Jänner 2008)

 

 

"Verantwortungsvolle Adoptiv- und Pflegeeltern gehen einen weiten Weg, ehe sie ein fremdes Kind bei sich aufnehmen", steht im Klappentext des deutschen "Handbuches Adoption". Und tatsächlich ist es eine mit vielen Überlegungen und Entscheidungen gepflasterte Reise, die die Journalistin und Adoptivmutter Momo Evers und ihre Co-Autorin, die Diplomsozialarbeiterin Ellen-Verena Friedemann gemeinsam mit ihren LeserInnen machen. Adoptivwerber, die sich erstmals mit der Problematik auseinander setzen, werden vermutlich einige Pausen einlegen müssen, um alle Gedanken für sich zu verarbeiten. Und dies ist wohl tatsächlich eine gute Voraussetzung für eine geglückte Adoption oder Dauerpflege?

Das "Handbuch Adoption" wirkt auf den ersten Blick sympathisch, bunt, und chronologisch gegliedert. Es erinnert damit an die Adoptionsführer, die vor allem im englischsprachigen Raum erscheinen und dort den Weg zur "erfolgreichen" Adoption beschreiben. In diesen Büchern geht es viel um das "Ermöglichen einer Adoption", die organisatorischen und bürokratischen Schritte die im Laufe eines Adoptionsprozesses abzuarbeiten sind, während "menschliche Untiefen" oft ausgespart bleiben. Wer einen solchen Führer von Momo Evers und Ellen-Verena Friedemann erwartet, wird enttäuscht. Denn obwohl das Verfahren aus deutscher Sicht minutiös beschrieben wird, sind es vor allem die vielen Lebensentscheidungen, die vor und im Zuge einer Adoption von allen Beteiligten getroffen werden müssen, die das Buch zu einem hilfreichen Begleiter für Familien machen.

Die vorliegenden Kapitel entsprechen dem Ablauf einer Adoption. Das erste Kapitel "Kinderlos sein - kinderlos bleiben?" widmet sich der Situation ungewollt kinderloser Paare in Deutschland von der Kinderwunschbehandlung über die damit verbundenen Gefühle bis zur ersten Auseinandersetzung mit dem Thema "Adoption". Dabei sieht man schon auf den ersten Seiten den Aufbau des Buches. Ergänzend zum Haupttext werden neben den "Informationskästchen" auch laufend Gedanken von Betroffenen im Originalton eingespielt, die einen Blick in das Leben und die Gefühle "hinter der Theorie" ermöglichen. Immer wieder wird dabei das Allgemeine auf einzelne Schicksale umgebrochen. Dies ist besonders dann hilfreich, wenn es um Situationen geht, die der/die LeserIn bisher selbst nicht erlebt bzw. mit denen der/die LeserIn sich bisher nicht konfrontiert hat. So kommen im ersten Kapitel nicht nur Menschen zur Sprache, deren Beziehung fast an der Kinderwunschbehandlung gescheitert ist, sondern auch jene "Schatteneltern", die aufgrund einer nicht bewältigbaren Situation ihr Kind zur Adoption frei geben. Eine zeitliche Schiene tut sich auf: "Während Adoptivwerber sich Gedanken machen, ob und was für ein Kind sie aufnehmen würden, während sie Bewerberseminare absolvieren, mit Adoptionsvermittlern sprechen und sich zaghaft und vorsichtig auf das Leben mit einem Kind vorbereiten, geht vielleicht eben jene Mutter oder jener Vater ihres zukünftigen leiblichen Kindes den umgekehrten Weg. Soll er sein Kind zur Adoption freigeben? Soll sie ihr Kind abtreiben oder austragen? Können beide es schaffen, ihre Ausbildung mit einem Kind zu beenden? Wird ihre Familie es ihr verzeihen, dass sie unverheiratet schwanger wurde? Wird ihr Mann es ihr verzeihen, dass sie das Kind eines One-Night-Stands unter dem Herzen trägt? Wird er nach dem Tod seiner Frau allein für seine vier Kinder sorgen können?..." (Evers/Friedemann, Seite 35).

Bereits diese erste Parallelschaltung deutet an, wie verstrickt die Geschichte eines "Wunschkindes durch Adoption" im Verhältnis zum "leiblichen Wunschkind" ist. In den folgenden Kapiteln behandeln Evers/Friedemann die "Adoption in Deutschland - gestern und heute", den "Weg zum Kind" im Vergleich zwischen Inlandsadoption, Auslandsadoption und Dauerpflege, den Umgang mit "Sorgenkindern", das "Warten auf den Tag X", den "Tag X und seine Folgen", "Unsere Familie", "Adoption - der Weg zur glücklichen Familie?" sowie einen umfangreichen Anhang mit Bewerberfragebögen, Checklisten, einem Lexikon und Adressregistern. Die Qualität des Buches, die sich im ersten Kapitel zeigt, setzt sich fort. Evers/Friedemann können auf ihre persönlichen Erfahrungen zurückgreifen, haben umfangreich recherchiert und wohl auch viele Gespräche geführt. So kann es gelingen, dass alle an einer Adoption Beteiligten - Adoptierte, Adoptiveltern, leibliche Eltern und Vermittler - mit ihren Anliegen und Gedanken zur Sprache kommen, dass Verfahrensschritte und die rechtliche Situation (für Deutschland) so detailliert wie möglich erklärt werden, dass die Unterschiede zwischen den verschiedenen Formen der sozialen Elternschaft herausgearbeitet und menschlich beleuchtet werden und auch das Leben nach dem "Tag X" sich vor den Augen des/der LeserIn entfaltet.

Evers/Friedemann ist es dabei gelungen, mit einer einfühlsamen Zusammenstellung zu vermitteln, welche Gedanken und Herausforderungen die einzelnen Schritte einer Adoption kennzeichnen und den Bogen auch weit in die Zeit zu spannen, in der die Adoptivfamilie längst Familie ist. Dass im Zuge des vorliegenden "Wegweisers zur glücklichen Familie" nicht nur ein Weg dargestellt wird, sondern viele, mag Adoptivwerber vielleicht auch verunsichern. Die Vielzahl der aufgezeigten Aspekte ist jedoch eine Grundlage der Familienform durch Adoption und verdient unsere Aufmerksamkeit. So gesehen ist das Buch nicht nur Adoptivwerbern ans Herz zu legen, sondern allen, die sich mit dem Thema (wieder) intensiv auseinander setzen wollen.

 (Jutta Eigner)

Veröffentlichungsdatum: 05.02.2008