Adoptierte Kinder groß ziehen... IV

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Zusammenfassungen nach dem Buch "Raising Adopted Children"
von Lois Ruskai Melina

Teil 4: Ethnische und kulturelle Identität

Wenn Eltern Kinder einer anderen Ethnie adoptieren, hoffen sie, dass die äußeren Unterschiede keinen Einfluss auf das Gelingen des Familienlebens haben und behalten damit  - so Lois Melina in ihrem Buch "Raising Adopted Children" - zumeist auch recht. Tatsächliche Probleme seien eher auf das Alter des Kindes zum Zeitpunkt der Adoption, vorherige Unterbringungen oder auf Traumata zurück zu führen und nicht auf ethnische Unterschiede.
Dennoch gibt es eine Diskussion um internationale bzw. "transracial adoptions", die Lois Melina in ihrem Buch zusammen fasst. Es werden vor allem Probleme der "racial identity" und des "Rassismus" behandelt, da farbige Kinder bei Inlandsadoptionen zumeist von weißen Eltern adoptiert werden oder - im Fall der internationalen Adoption - ihr Geburtsland verlassen müssen, um in einem anderen Land und dessen kultureller Tradition aufzuwachsen. In dieser Konstellation könnten Kinder im Normalfall nicht das Maß an "Bewusstsein für die Herkunftskultur" und "racial identity" erwerben, das sie in ihrer leiblichen Familie mitbekommen hätten.

Einen Sinn für ethnische und kulturelle Identität entwickeln
Der Autorin zufolge sind sich Kinder im Alter von drei oder vier Jahren bewusst, dass sie sich durch physische Merkmale von ihren Eltern bzw. anderen Gruppen unterscheiden. Manche Eltern glauben, dass Kinder ihren Adoptivstatus verstehen, sobald sie diese äußeren Unterschiede bemerken. Doch es dauert viel länger, bis Kinder mit dem Konzept der Vererbung äußerlicher Merkmale vertraut sind. In der Zwischenzeit bemerken sie zwar die Unterschiede, verstehen aber nicht, dass diese Zeugnis für ihre Adoption sind.
Irgendwann zwischen vier und sieben Jahren bemerken Kinder außerdem, dass es noch andere Unterscheidungsmerkmale gibt, zum Beispiel sehen sie, welche Berufe von Menschen welcher Herkunft ausgeübt werden. Durch die Medien und Beobachtungen, wie Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe miteinander umgehen, lernen sie, dass es auch soziale Folgen für die Zugehörigkeit zu einer Ethnie gibt.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Kinder wünschen, sie hätten "dieselbe Farbe" wie ihre Eltern. Zumeist handelt es sich dabei um den Wunsch so zu sein, wie die Eltern. Wenn ein Kind daher meint, es möchte Mutters Haarfarbe, wenn es erwachsen ist, so bedeutet das nicht, dass es blonde Haare attraktiver findet, sondern dass es seine Mutter attraktiv findet.
Von Zeit zu Zeit bringen Kinder aber auch einen echten Widerwillen gegenüber ihrer Hautfarbe oder anderen ethnischen Merkmalen zum Ausdruck. Eltern können solche Gelegenheiten nützen und dem Kind zu sagen, dass sie diese Eigenschaften mögen. Das Kind braucht Bestätigung, dass es wertgeschätzt wird, wie es ist.

Ethnische und kulturelle Identität
Besonderen Wert misst die Autorin der Auseinandersetzung des Adoptivkindes mit seiner ethnischen oder kulturellen Identität zu, wenn diese sich von der der Eltern unterscheidet. Zuvor erklärt sie jedoch, was diese Begriffe überhaupt bedeuten und wie "Identität" entstehen kann.

Unter "Ethnie" werden laut Melina Gruppen verstanden, die gemeinsame Charakteristika teilen wie zum Beispiel Herkunftsland, Sprache, Religion, Abstammung und Kultur. Weil ethnische Gruppen oft nicht innerhalb politischer Grenzen leben oder Gruppen mit demselben Namen verschiedene Religionen ausüben bzw. eine unterschiedliche Geschichte haben, sollten wir diese Gruppen möglichst eng fassen, zum Beispiel irisch-katholische Immigranten in den USA und nicht einfach "Iren". Die "Ethnie" sei eine Folge biologischer und historischer Fakten und werde nicht von der Kultur verändert, in der eine Person aufwächst. Ein Kind aus der Ukraine wird demzufolge immer Teil seiner ukrainischen Ethnie sein. Wenn das Kind aber in einer internationalen Adoptivfamilie und deren Kultur aufwächst, mag es sein, dass es sich nicht mit den Ukrainern identifiziert. Er kann seine ethnische Zugehörigkeit dann zwar als ukrainisch verstehen, aber keine ukrainische "ethnische Identität" haben.

Die "ethnische Identität" einer Person drücke sich durch das Zugehörigkeitsgefühl zu einer ethnischen Gruppe aus. Sie wird gewonnen aus der Erkenntnis, dass ein Teil des eigenen Denkens, der eigenen Wahrnehmung, der Gefühle und Verhaltensweisen mit denen von anderen Mitgliedern der ethnischen Gruppe übereinstimmt. Laut Melina ist das die Erkenntnis, dass man zu einer bestimmten Gruppe gehört, die nicht nur die "Ethnie" teilt, sondern gleiche kulturelle Praktiken wie Sprache und Gesten, Gebräuche und Traditionen, religiöse Vorstellungen und Riten, Kleidung, Kunst und Musik et cetera

Wenn ein in der Ukraine geborenes Kind etwas über die ukrainische Kultur weiß - seine Sprache, Gewohnheiten und Rituale, Kleidung und Musik - und diese nicht regelmäßig nutzt oder als Basis für sein Weltbild verwendet, wird seine "ethnische Identität" nicht ukrainisch sein, obwohl seine "Ethnie" das ist. Wenn er/sie in einer weißen katholischen Mittelklassefamilie im Westen unseres Landes aufwächst, wird seine/ihre kulturelle Identität so wie die der anderen Leute aus weißen Mittelklassefamilien in dieser Gegend sein, während seine/ihre "ethnische Identität" der von anderen ukrainischen Adoptivkindern entspricht, die von Eltern aus demselben Land adoptiert worden sind.

Diese Realität empfindet Melina immer als einen Verlust für den Adoptierten. Er/sie verliere wichtige Wege, sich mit seinen/ihren Vorfahren und Zeitgenossen in Beziehung zu setzen, mit denen er/sie eine "Ethnie" teilt, auch wenn er/sie stattdessen Traditionen und Praktiken der Adoptivfamilie erwirbt. Auch Eltern, die die Wichtigkeit dieser Verbindungen anerkennen und versuchen würden, sie für das Adoptivkind zu bewahren, würden dabei auf Schwierigkeiten stoßen. Selbst wenn sie sich Mühe gäben, ihr Kind mit den Gebräuchen, der Musik und der Kleidung des Herkunftslandes vertraut zu machen, sei es doch wesentlich schwieriger, die dahinter stehenden Werte und Anschauungen zu vermitteln. Melina bringt Beispiele: Wenn Eltern nicht als Buddhisten aufgewachsen sind, wie können sie die subtilen Wege vermitteln, durch die die Religion das Denken und Handeln in buddhistischen Ländern geprägt hat? Wenn sie mit dem linearen Zeitkonzept der Europäer aufgewachsen sind, wie können sie das zirkuläre Zeitsystem mancher kulturellen Gruppen weitergeben? Dazu kommt, dass Menschen kulturelle Anschauungen und Praktiken auf sehr subtile Weise übermitteln. Warum kümmern sich afroamerikanische Mädchen beispielsweise weniger um ihre "schlanke Linie" als europäisch-amerikanische Mädchen?

Wenn internationale adoptierte Kinder daher mit einem Bewusstsein ihrer ethnischen Gruppe aufwachsen sollen, müssten sie Lois Melina zufolge Teil einer Gemeinschaft werden, in der diese kulturellen Werte vermittelt werden. Sie müssten an Orten leben, Schulen besuchen oder in einer Gruppe aktiv sein, wo deren kulturelle Werte den Alltag beeinflussen und wo sie Mentoren finden, die diese Werte und Gewohnheiten an sie weitergeben. Die Adoptiveltern müssten im Gegenzug offen für die Idee sein, dass ihr Kind Werten ausgesetzt wird, die sich von denen in der Familie unterscheiden und darauf vorbereitet sein, dem Kind dabei zu helfen, die unterschiedlichen Botschaften zu ordnen und anderen kulturellen Ansichten gegenüber respektvoll zu sein, ohne die eigenen zu gefährden. In manchen Kulturen lernen Kinder beispielsweise, dass ihr Verhalten den Eltern Schande bringen kann, während bei uns die Ansicht herrscht, dass jeder selbst für sein Handeln verantwortlich ist.
Im Idealfall würden Eltern und Kind lernen, dass keine Kultur die "richtigen" Antworten hat, wie wir uns der Welt nähern sollen. Besser als zwischen kulturellen Werten, die sich widersprechen, zerrissen zu sein, sollten adoptierte Kinder zusätzliche Gesichtspunkte haben, um ihre eigene Weltsicht zu entwickeln.

Ein solches Leben mit den kulturellen Ursprüngen stellt aber auch Melina zufolge ein Ideal dar, das nicht für alle Familien möglich ist. Das hindert die Familien aber nicht, ihren kulturellen Horizont zu erweitern und vom Wert anderer Kulturen überzeugt zu sein. Kinder können Puppen haben, die eine Vielfalt ethnischer Gruppen verkörpern, nicht nur ihre eigene; sie können Märchen aus vielen Ländern lesen - nicht nur aus ihrem eigenen Land; sie können etwas über unterschiedliche Religionen, unterschiedliches Essen und unterschiedliche historische Perspektiven lernen. Diese Bemühungen sollten zur täglichen Routine einer Familie gehören und keine speziellen Ereignisse sein.

Melina weißt aber auch darauf hin, dass Kinder trotz der elterlichen Versuche oftmals alles zurück weisen, was in Verbindung zu ihrer ethnischen Abstammung steht. Auch Immigranteneltern hätten häufig dieses Problem. Wenn die dominante Kultur nicht nur überall vorhanden ist, sondern mit finanziellem Erfolg und sozialem Status gleichgestellt wird, ist es für Kinder nur natürlich, sie über andere Kulturen zu stellen. Trotzdem sollten sich die Eltern nicht entmutigen lassen. Laut Joseph Crumbley, einem Adoptionstherapeuten, ist es Ziel, dass das Kind sich mit Menschen seiner eigenen ethnischen Gruppe identifizieren und mit ihnen umgehen kann, ohne peinlich berührt zu sein, von weißen Eltern großgezogen worden zu sein. Das Kind sollte sein ethnisches und kulturelles Erbe soweit schätzen, dass es sich nicht von anderen aus dieser Gruppe entfremdet fühlt, sondern diese erforschen will und darauf zurück greifen kann.
William Cross, Jr., Autor von "Shades of Black" betont außerdem, dass eine "ethnische Identität" allen Menschen hilft, die wahrscheinlich Rassismus und Diskriminierung erleben werden. Sie vermittelt das Gefühl, von anderen Menschen akzeptiert und geschätzt zu werden, die eine spezielle Geschichte und Kultur teilen.

Identitätsentwicklung im Erwachsenenalter
"Ethnische Identität" ist nur ein Teil der Gesamtidentität eines Menschen neben Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung, körperlichen Charakteristika, Fähigkeiten, Talenten und Persönlichkeit. Lois Melina erzählt, dass die meisten (adoptierten) Menschen keinen besonderen Sinn für ihre "ethnische Identität" haben, bis sie als junge Erwachsene auf der Universität oder bei der Arbeit ein Erlebnis haben, das sie daran erinnert. Ein Asiate könnte erleben, dass jemand langsam mit ihm spricht, als verstünde er seine Muttersprache nicht. Ein Afrikaner könnte vermuten, dass er einen Job oder eine Wohnung nur wegen seiner Hautfarbe nicht bekommen hat. Ein Latino könnte das erste mal die reiche Tradition lateinamerikanischer Literatur erleben. Was immer es ist, es erwischt den jungen Menschen zumeist überraschend und schockiert ihn mit der Erkenntnis, dass er sich selbst nicht so wahrnimmt wie andere das tun und noch nicht völlig ergründet hat, wer er ist.

Junge Erwachsene, die eine solche Begegnung haben, sind oft motiviert, sich mehr in ihre "Ethnie" zu vertiefen. Eine Weile können sie davon komplett absorbiert werden und alles als überlegen ansehen, was dieser Kultur angehört. Der Adoptierte könnte zum Beispiel sein Herkunftsland besuchen wollen, die dortige Sprache erlernen oder an der Universität eine Studienrichtung einschlagen, die in Beziehung zu seiner ethnischen Gruppe steht. Schließlich wird er im Stande sein, zu einem tieferen Verständnis seiner Herkunft zu kommen und wird, wenn er das getan hat, mit einer neuen ethnischen Identität wieder auftauchen.

Mit Vorurteilen und Rassismus umgehen
Viele Eltern, die "transracial" adoptieren starten dem Buch von Lois Melina zufolge "farbenblind" und neigen dazu, Unterschiede zu ignorieren. Obwohl das gut gemeint ist, negiert es die tatsächlichen Erfahrungen von Farbigen. "Race" sei vorrangig für jene Menschen bedeutungslos, die vom Rassismus begünstigt werden. Doch sobald jemand wegen seiner Hautfarbe schlechter behandelt wird, bekommt sie große Bedeutung. Wenn ihre Kinder mit solchen Verhaltensweisen konfrontiert werden, bemerken Adoptiveltern jedoch, dass die Welt nicht farbenblind ist und dass sie ihr Kind nicht vor offenen und subtilen Formen des Rassismus schützen können.

Der Eintritt in die Schule stellt hier nach Melina einen wichtigen Markierungspunkt dar. Bevor Kinder in die Schule kommen, können Eltern ihre Umgebung zu einem gewissen Teil so strukturieren, dass das Kind möglichst wenige Vorurteile erlebt. Sobald es aber in der Schule ist, können sie es nicht mehr umfassend vor Hänseleien, unangenehmen Kommentaren und Beleidigungen schützen. Diese Hänseleien und Beleidigungen können dabei von weißen Kindern kommen, die Minoritäten als geringwertiger erleben oder von Mitgliedern der eigenen ethnischen Gruppe, die es als unloyal empfindet, dass das Kind in einer weißen Familie aufwächst. Ein Junge entschied sich beispielsweise in eine ethnisch gemischte höhere Schule zu gehen, weil er zuvor in der Grundschule als einziger Afroamerikaner gehänselt worden war. Nachdem er aber in einer weißen Umgebung bei weißen Eltern aufgewachsen war, wurde er nun verspottet, weil er sich zu wenig schwarz kleidete oder verhielt. Er begann sich zu schämen, wenn er mit seinen Eltern gesehen wurde und fühlte sich erst von seinen Altersgenossen akzeptiert, als er erfolgreich im Fußballteam spielte...
Ein Latinomädchen bemerkte stattdessen, dass immer wenn Zentralamerika im Geschichtsunterricht diskutiert wurde, von ihr mehr Wissen erwartet wurde, als von den anderen. Obwohl sie nicht beleidigt worden war, dachte sie, dass sie wegen ihres ethnischen Hintergrundes herausgehoben worden war. Sie fühlte sich nicht nur zur Schau gestellt, sondern auch unloyal, weil sie nicht mehr über ihr Geburtsland wusste.

Da Kinder spüren, dass es ihre Eltern schmerzt, wenn sie wegen ihres ethnischen Hintergrundes gehänselt werden, erzählen sie nicht immer davon. Umso wichtiger ist es laut Melina für alle Eltern, ihr Kind jung darauf vorzubereiten, mit Vorurteilen umzugehen. Das bedeute, ihnen eine gesunde "ethnische Identität" und Überlebenswerkzeuge mitzugeben. Margaret Beale Spencer, eine Autorität im Bereich Identitätsentwicklung von afroamerikanischen Jugendlichen sagt, dass Teenager ohne "ethnische Identität" und Sinn, zu einer ethnischen Gruppe zu gehören, Rassismus als etwas erleben, dass auf sie persönlich zielt und nicht auf die ethnische Gruppe, zu der sie gehören. Der Therapeut Joseph Crumbley weist darauf hin, dass Kinder, die "farbenblind" erzogen worden waren, schlechte Gefühle über sich selbst hatten, wenn sie mit negativen Stereotypen konfrontiert wurden. Sie fühlen sich von der Kultur, in der sie aufgezogen werden entfremdet, weil andere nicht sehen, dass sie dazu gehören und ebenso entfremdet von der Kultur ihrer eigenen ethnischen Gruppe, weil sie nicht glauben, dazuzupassen oder auf Grund negativer Stereotypen nicht dazupassen wollen. Daraus folgt ein Risiko, sich isoliert zu fühlen, ein geringes Selbstwertgefühl, Selbsthass oder Depression zu entwickeln. Die Eltern sollten ihre Kinder daher mit genug Wissen über ihre ethnischen Ursprünge versorgen, sodass diese nicht von Stereotypen abhängen. Crumbley meint außerdem, Eltern müssten Kinder mit einem Repertoire von Antworten auf Rassismus und Vorurteile ausstatten. Die unangenehmen Erfahrungen, die farbige Kinder sehr wahrscheinlich machen würden, müssten offen mit den Kindern besprochen werden, damit sie nicht nur mit dem Erlebnis, sondern auch mit ihren Gefühlen dafür umgehen können.

Es ist nicht ungewöhnlich für Kinder im Volksschulalter, sich besonders auf Unterscheidungen zu konzentrieren, was manchmal zu schmerzhaften Kommentaren und Hänseleien führt. Oft wird das Kind seinen Eltern darüber erzählen und diese werden versucht sein, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um mit solchen Ungerechtigkeiten Schluss zu machen. Dabei laufen sie nach Melina aber Gefahr, an den Gefühlen des Kindes vorbei zu handeln und in Hinkunft gar nichts mehr von derartigen Vorfällen zu erfahren, weil sie ja dermaßen bestürzt waren. Eine bessere Strategie ist es, die Vorfälle zu nutzen, um dem Kind z helfen, Grenzen zu entwickeln. Wenn ein Kind beispielsweise nach Hause kommt und seiner Mutter erzählt, ein anderes Kind habe behauptet, es sehe "dreckig" mit seiner braunen Haut aus, kann die Mutter fragen: "Ist deine Haut braun, weil sie schmutzig ist?" Wenn das Kind darauf mit "nein" antwortet, kann die Mutter ihm erklären, dass sich das andere Kind dann wohl geirrt haben muss. Ziel ist es, dass es bemerkt, dass manche Menschen falsche Aussagen treffen und dass man diese nicht akzeptieren muss.

Mit der Zeit wird das Kind lernen, selbst solche Beurteilungen vorzunehmen. Ebenso wichtig ist es, die Gefühle des Kindes über den Vorfall zu ergründen. Manche Kinder unterdrücken diese, damit niemand merkt, wie verletzt sie sind und brauchen eine Möglichkeit, sie auszudrücken. Die Eltern könnten zum Beispiel fragen, wie ihr Kind in dieser Situation reagiert hat und ob es glaubt, dass diese Antwort wirkungsvoll war, oder ob es beim nächsten Mal eine andere Strategie anwenden möchte. Wenn das Kind nicht weiß, wie es hätte antworten sollen, können Eltern und Kind gemeinsam ein "Brainstorming" machen, um mögliche Zugangsweisen herauszufinden. Indem sich Eltern und Kind der Situation auf diese Weise nähern, schaffen sie Möglichkeiten, zu antworten und sich nicht als passives Opfer zu fühlen. So kann das Kind lernen, welche Strategien in welcher Situation angemessen sind.

Adoptiveltern sprechen oft nur ungern über solche Themen, so Melina. Dem Therapeuten Joseph Crumbley zufolge tun sie das, um die Unschuld ihrer Kinder nicht zu zerstören. Dasselbe Dilemma begegnet uns überall dort, wo Eltern ihre Kinder auf unschöne Realitäten vorbereiten müssen, zum Beispiel auf den sexuellen Missbrauch von Kindern. Eltern wollen, dass ihre Kinder frei von solchen Sorgen bleiben und Erwachsene nicht als potenzielle Übeltäter erleben, aber sie wollen auch, dass ihre Kinder ausreichend vorbereitet sind, um sich vor solchen Vorfällen zu schützen. Eltern würden gerne glauben, dass ihre Kinder an ihren Verdiensten und nicht an ihrer Hautfarbe gemessen werden. Aber sie müssen auch verstehen, dass diese Hoffnung für weiße Menschen mehr Wahrheit in sich birgt, als für Farbige und daher ihren Kindern nicht als alleinige Richtlinie dienen kann.
Nach Crumbley sollten farbige Kinder stattdessen Situationen erkennen lernen, in denen sie mit Rassismus und Vorurteilen konfrontiert werden können. Dann ist es wichtig, entscheiden zu können, wann man sich zurück zieht oder eine Situation direkt in Angriff nimmt und welche Wege für eine Konfrontation angemessen sind. Wahrscheinlich der beste Weg für "transracial" adoptierte Kinder mit Rassismus umzugehen ist es, so zu lernen wie andere farbige Kinder ? durch Kontakt mit der älteren Generation, die weitergeben kann, was sie gelernt haben.

Wenn das eigene Kind ein Rassist ist
In einem Jahr während Lois Melinas Tochter die Volksschule besuchte, wurde sie häufig von einem bestimmten Buben wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit verspottet. Der schwierigste Teil dieser Erfahrung war, zu verstehen, warum diese Beleidigungen von jemandem kamen, der asiatisch war wie Melinas Tochter. Manchmal sind Hänseleien der Versuch von Kindern, die Verwundbarkeiten anderer Kinder herauszufinden und diese auszunutzen, um sich selbst mächtig zu fühlen. Ein Kind, das das erlebt hat weiß, dass es sich um eine verwundbare Stelle für seinesgleichen handelt. Manchmal stehen sich farbige Kinder auch gegenseitig feindlich gegenüber, sagt Joseph Crumbley, wenn sie keine positive "racial identity" entwickelt haben und spüren Selbsthass, weil sie zu einer Gruppe gehören, die in unserer Gesellschaft nicht ausreichend geschätzt wird. "Transracial" adoptierte Kinder können auch Rassismus zeigen, weil sie gespaltene Loyalitäten verspüren. Sie wollen Teil ihrer weißen Familie sein und vermuten, dass sie auch ihrer Herkunft gegenüber loyal sein müssen.
Wenn ein Kind rassistisch handelt, sollten Eltern sicher stellen, dass es sich mit seiner Herkunft wohlfühlt. Sie müssen das Kind auch wissen lassen, dass es sich selbst lieben kann, ohne seinen Eltern gegenüber unloyal zu sein und dass es seine Eltern lieben kann, ohne seiner Herkunft gegenüber unloyal zu sein.

 

Veröffentlichungsdatum: 29.09.2003