Adoptierte Kinder groß ziehen... III

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Zusammenfassungen nach dem Buch „Raising Adopted Children“
von Lois Ruskai Melina

Teil 3: Sind Adoptierte eine Risikogruppe?

Wenn die Medien über Straftaten berichten, die von Adoptierten verübt worden sind, wird die Adoption gerne als Erklärung für das Vorgefallene benutzt. Und tatsächlich ist die Meinung auch in professionellen Kreisen weit verbreitet, dass Adoptierte eher zu psychologischen Störungen neigen. Dennoch ist das Risiko für Verhaltens- und emotionale Probleme bei weitem nicht so groß oder unvermeidbar, wie manchmal behauptet wird.
Niemanden wird es besonders überraschen, wenn ältere Adoptivkinder emotionale Probleme und Verhaltensauffälligkeiten zeigen, die auf ihrer Vorgeschichte beruhen. Vernachlässigung, Missbrauch, das Fehlen von Grenzen, häufige Ortswechsel und mangelnde Bindungsmöglichkeiten wirken sich auf Kinder aus und können auch nach der Aufnahme in eine Adoptivfamilie nicht ungeschehen gemacht werden. Unabhängig von derartigen Faktoren stellt sich aber die Frage, ob eine Adoption an sich so traumatisch ist, dass sie langfristigen psychologischen Schaden anrichten kann, selbst wenn das Kind als Baby unter günstigen Voraussetzungen adoptiert worden ist. Die Forschung ist in diesem Bereich zu widersprüchlichen Ansichten gelangt.

Psychologische Probleme
Der Psychiater Marshall Schechter veröffentlichte vor mehr als fünfunddreißig Jahren einen viel beachteten Artikel und legte dar, dass er im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung einen höheren Prozentsatz an Adoptierten in seiner Praxis behandle. Er erreichte damit mehr Publizität als seine Kritiker, die seine Statistiken in Frage stellten und unter anderem zu bedenken gaben, dass dieser Umstand auf die Spezialisierung Schechters auf Adoptionsfragen zurückzuführen sei.
In der Folge wurde eine Reihe von Studien erstellt, von denen manche zu dem Schluss kamen, dass Adoptierte nicht öfter psychologische Betreuung suchen als der Rest der Bevölkerung, während andere Studien gegenläufige Ergebnisse brachten. Doch auch in diesem Fall muss eine häufigere Inanspruchnahme psychologischer Dienste noch nicht eindeutig auf eine größere Häufigkeit von Problemen hinweisen. Denn Adoption ist ebenso wie die Praxis, psychologische Hilfe zu suchen, ein Mittelklassephänomen. Es ist wahrscheinlich, dass Adoptierte Hilfe öfter in Anspruch nehmen, weil sie in einer Klasse sozialisiert wurden, die diese schätzt. Außerdem sind Adoptiveltern gewohnt, mit Jugendämtern, Psychologen und Sozialarbeitern in Kontakt zu treten. Wahrscheinlich ist es daher auch später für sie einfacher, professionellen Rat einzuholen und auf ein Netzwerk zurück zu greifen, über das sie die geeigneten Hilfsangebote ausfindig machen können. Das Engagement, mit dem Adoptiveltern ihre Elternrolle wahrnehmen, kann ein weiterer Grund dafür sein, dass sie im Krisenfall schneller intervenieren als andere Eltern – manchmal sogar zu schnell, wenn sie unrealistische Erwartungen an die Entwicklung ihres Kindes haben.

Neben den Studien, die sich auf Adoptierte in psychologischer Betreuung konzentrieren, gibt es auch eine Reihe anderer Forschungsansätze. Einige von ihnen verdienen nähere Beachtung. Beispielsweise wurde in Großbritannien eine große Studie durchgeführt, die Adoptivkinder von Geburt an begleitete und herausfand, dass Verhaltensprobleme im Alter von sieben bis elf Jahren ansteigen. Das ist genau jener Zeitraum, wenn Adoptierte zu verstehen beginnen, dass ihre Eltern sie zur Adoption freigegeben haben, aber noch nicht verstehen, das ihr Verbleib in der Adoptivfamilie rechtlich sichergestellt ist.
In einer anderen Studie fanden David Brodzinsky und seine Kollegen an der Rutgers University heraus, dass adoptierte Kinder zwischen sechs und elf Jahren von ihren Müttern und Lehrern im Verhältnis zu nicht-adoptierten Kindern mehr psychologische und schulische Verhaltensprobleme zugeschrieben wurden. Burschen und Mädchen hatten hierbei das gleiche Risiko.
Eine schwedische Studie von Michael Bohmann und Kollegen widmete sich ausschließlich Knaben, die zur Adoption freigegeben waren: ein Teil von ihnen war in Adoptivfamilien aufgewachsen, ein anderer Teil in Pflegefamilien und ein dritter Teil zu den Herkunftseltern zurück gekehrt. Die Studie fand in allen drei Gruppen mehr Verhaltensprobleme als bei Kindern, die in ihrer leiblichen Familie aufgewachsen waren. Allerdings verringerten sich die Probleme Adoptierter im Alter von 15 Jahren und im Alter von 18 Jahren gab es keine Unterschiede mehr zwischen den Adoptierten und der Kontrollgruppe.

William Feigelman analysierte Daten aus einer großen nationalen Erhebung in den Vereinigten Staaten und verglich das Verhalten adoptierter Kinder in Zwei-Eltern-Familien mit Kindern in biologischen Zwei-Eltern-Familien und solchen, die in anderen Konstellationen aufwuchsen (Alleinerzieher, Stieffamilien). Er fand mehr Jugendkriminalität, Drogen- und Alkoholprobleme unter jenen Kindern, die nicht in intakten biologischen Familien lebten. Bei Adoptivkindern fand er außerdem eine höhere Häufigkeit, von Zuhause fort zu laufen, aber keine höhere Rate an Teenager-Schwangerschaften. Dennoch waren die Probleme in Adoptivfamilien nicht so groß wie in Stieffamilien oder bei Alleinerziehenden. Wie in der schwedischen Studie fand auch Feigelman im Erwachsenenalter praktisch keine Unterschiede zwischen Adoptierten und Kindern aus intakten biologischen Familien, während es in der dritten Gruppe einen geringeren Bildungsstand, mehr Arbeitslosigkeit und mehr klinische Depression gab.
Eine weitere Studie scheint zu bestätigen, dass Adoption während der Jugendjahre beunruhigender ist, als im Erwachsenenalter. Diese Studie untersuchte alle Patienten bei der Erstaufnahme in eine psychiatrische Klinik und fand heraus, dass fünf Prozent der Kinder, aber nur zwei Prozent der Erwachsenen adoptiert worden waren.

Während viele Studien klären wollten, ob Adoptierte tatsächlich größere psychologische Probleme haben, fragen die wenigsten nach den Gründen dafür. Eine Ausnahme machen Ruth McRoy und Kollegen. Sie untersuchten adoptierte Jugendliche, die sich in einer so schwierigen Situation befanden, dass sie sich stationär behandeln ließen und fanden dabei keine gemeinsame Ursache für die Behandlung. Allerdings konnte erhoben werden, dass alle Eltern der behandelten Jugendlichen – auch die in der Kontrollgruppe nicht adoptierter Jugendlicher – über keine geeigneten Erziehungsmethoden verfügten und dass 40 Prozent aller Eltern entweder Alkoholiker waren oder ihre Kinder missbrauchten.

David Brodzinsky spekuliert, dass Adoptivkinder vor allem in den frühen Jugendjahren größere Schwierigkeiten haben könnten, weil ihre adoptionsspezifischen Probleme sie verwirren und auch Feigelman neigt dazu, dem zuzustimmen. Die zusätzlichen Fragestellungen, mich denen Adoptivkinder sich auseinander setzen müssen, mag sich in Gefühlen von Überlastung und Isolation ausdrücken. Der Umstand, dass die große Mehrheit der Erwachsenen ihr Verhalten ändert, lässt jedoch darauf schließen, dass adoptionsspezifische Probleme als Teil der normalen Entwicklung bearbeitet werden und sich so wie allgemeine Probleme der Jugendzeit mit dem Alter und der Reife lösen. Feigelman schlägt außerdem vor, dass Adoptivfamilien anders als AlleinerzieherInnen und andere nicht-traditionelle Familienformen die Mittel und Möglichkeiten haben, um Teenagern aus ihren Schwierigkeiten zu helfen.

Lois Melina fasst die Ergebnisse der genannten Studien zusammen:

  • Die große Mehrheit der Adoptierten hat keine gravierenden Probleme.
  • Adoptierte als Gruppe haben ein etwas höheres Risiko in Bezug auf psychologische, Verhaltens- oder Schulprobleme, wenn man sie mit Kindern vergleicht, die mit beiden leiblichen Eltern zusammen leben. Ihr Verhalten liegt aber für gewöhnlich im Rahmen des Normalen. Wenn Probleme gravierend sind und es in der Vergangenheit keinen Missbrauch und keine Vernachlässigung gab, können zusätzliche Faktoren als Ursache in Frage kommen, die nicht mit der Adoption zusammen hängen, zum Beispiel ungeeignete Erziehungsmethoden.
  • Adoptierte als Gruppe haben weniger Verhaltens- und psychologische Probleme, weniger Teenager-Schwangerschaften, klinische Depression, mehr beruflichen Erfolg und eine höhere Bildung als jene Kinder, die bei der Geburt in einer ähnlichen Situation waren, welche sich nicht verändert hat. So gesehen hat die Umgebung der Adoptivfamilie einen positiven Einfluss.
  • Wenn Adoptierte Probleme haben, kann es daran liegen, dass sie für sich einen Sinn aus den Fragen gewinnen müssen, die ihre Adoption ihnen aufgibt, und nicht daran, dass die Adoption selbst psychologisch schädigend wäre. Der Umstand, dass die meisten Probleme im Erwachsenenalter verschwinden legt nahe, dass die Verwundbarkeiten von Adoptierten handhabbar sind, was natürlich nicht bedeutet, dass diese Probleme ignoriert oder Adoptierte damit allein gelassen werden sollten.



Unabhängig von den Studien ist für Adoptivfamilien aber vor allem wichtig, wie Kinder ihre speziellen Herausforderungen anpacken. Lois Melina empfiehlt daher, weniger Zeit damit zu verbringen, Erklärungen für das Verhalten eines Kindes zu suchen, als vielmehr zu intervenieren. Eltern sollten darauf achten, keine adoptionsspezifischen Gründe vorzuschieben, um sich selbst aus der Verantwortung für die emotionalen Leiden oder das schwierige Verhalten ihres Kindes zu ziehen. Eine Suche nach dem Grund kann die Familie davon ablenken, ihrem Kind ganz einfach zu helfen und stattdessen ein neues Problemfeld für das Kind schaffen. Er/sie muss am eigenen Verhalten arbeiten und gleichzeitig darüber nachdenken, in welchem Zusammenhang dieses Verhalten zu seiner biologischen Herkunft stehen könnte...

Das „Adoptivkind-Syndrom“
Die Idee, dass eine Adoption traumatisch ist, wurde in den letzten Jahren durch die Diskussion um das „Adoptivkind-Syndrom“ noch bestärkt. Dieser Begriff wurde von dem New Yorker Psychologen David Kirschner geprägt, bisher aber nicht als psychiatrische Erkrankung anerkannt. Dennoch erfuhr der Ausdruck weite Verbreitung und wurde 1984 von Kirschner bei der Verteidigung eines jungen Mannes herangezogen, der wegen Mordes an seinen Adoptiveltern angeklagt war. Seit dieser Zeit fand der Terminus Anwendung, um abweichendes Verhalten bei Adoptierten zu erklären und die Vorstellung zu nähren, dass alle Adoptierten allein aufgrund ihrer Adoption psychischen Schaden genommen hätten.
Lois Melina bemühte sich daher um ein Interview mit Kirschner, in dem dieser klar stellte, dass er sich nicht auf Adoptierte beziehe, deren leibliche Eltern keine offensichtlichen pathologischen Abweichungen hätten und die als Babys von emotional gesunden Adoptiveltern aufgenommen worden waren. Kirschner zufolge umfasst das „Adoptivkind-Syndrom“ eine Reihe von Verhaltensweisen wie antisoziales Verhalten, Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten, Lügen, Stehlen, Fortlaufen, Lernstörungen und Bindungsprobleme. Er schließt, dass Adoptierte mit diesem Syndrom im Normalfall spät adoptiert worden waren, zuvor traumatische Platzierungen erlebt hatten und pathologische Beziehungen zu ihren Adoptiveltern pflegten, die ihrerseits mit eigenen Problemen zu kämpfen hätten. Obwohl das Gefühl zurückgewiesen worden zu sein und die Identitätsverwirrung, wie sie unter allen Adoptierten mehr oder weniger verbreitet ist, zum „Adoptivkind-Syndrom“ beitragen kann, ist dieses Syndrom nicht einfach eine natürliche Folge daraus und trifft auch nicht auf die meisten oder alle Adoptierten zu.

Aufmerksamkeitsdefizit, Hyperaktivität und Lernschwierigkeiten
Adoptierte haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, an ADHS („Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung“) zu erkranken. Studien zufolge leiden drei bis fünf Prozent der Gesamtbevölkerung an ADHS, während der Prozentsatz bei Adoptierten höher liegt. Die Ursachen dafür sind noch nicht vollständig geklärt.
Die meisten Wissenschaftler vermuten, dass ADHS durch eine Funktionsstörung in Gehirnteilen verursacht wird, die auf die Erbmasse, die prä- oder perinatale Umgebung bzw. eine Verletzung des Gehirns durch Krankheiten, Trauma oder Giftstoffe verursacht werden kann. Es ist daher unwahrscheinlich, dass die Adoption selbst Ursache für ADHS ist. Vielmehr können eine schlechte Gesundheitsversorgung der werdenden Mutter, Alkohol- oder Tabakkonsum während der Schwangerschaft oder genetische Faktoren als Ursachen angenommen werden. Nicht auszuschließen ist außerdem, dass ADHS bei Adoptierten falsch diagnostiziert wird, weil die zusätzlichen psychologischen Aufgaben, mit denen Adoptierte beschäftigt sind, so verwirrend sein können, dass Kinder und Jugendliche sich aus diesen Gründen wie ADHS-Kinder verhalten.

Es wird außerdem vermutet, dass Adoptierte mehr Lernprobleme hätten als nicht-adoptierte Kinder. Dabei handelt es sich „technisch“ gesehen um Störungen grundlegender psychologischer Prozesse, die am Verständnis, der Wahrnehmung, dem Ausdruck von Sprache und Konzepten beteiligt sind oder die sich aus der visuellen Verarbeitung ergeben, wie zum Beispiel Dyslexie.
Die Ursachen für Lernstörungen sind nach wie vor nicht ausreichend geklärt und können auf Faktoren wie Chromosomenanomalien, Stoffwechselabnormitäten, neurologische Störungen, Entwicklungsverzögerungen des neurologischen Systems, Ernährungsdefizite, Empfindlichkeit gegenüber Umweltgiften et cetera zurück geführt werden. Wiederum könnte das höhere Risiko bei Adoptierten eine Folge von schlechter Versorgung vor der Geburt oder einem Geburtstrauma sein. Sind Kinder während der Schwangerschaft Tabak oder anderen Drogen ausgesetzt, führt dies oft zu einem niederen Geburtsgewicht oder einer Frühgeburt, was wiederum Lern-, Aufmerksamkeits-, oder Verhaltensprobleme wahrscheinlicher macht. Lernprobleme können aber auch ein Zeichen für die Trauer von Adoptierten sein.

Allzu große Sorgen müssen sich Adoptiveltern nach Lois Melina nicht machen, dass ihr Kind Hyperaktivität oder Lernschwierigkeiten entwickeln wird. Sollten sie allerdings vermuten, dass ihr Kind betroffen ist, empfiehlt die Autorin, es regelmäßig daraufhin testen zu lassen. Eine frühe Diagnose und Intervention macht es dem Kind nämlich leichter, mit Lernschwierigkeiten fertig zu werden und Wege zu finden, diese zu kompensieren. Oft brauchen dann auch die Eltern Hilfe, um die Grenzen und die Prognose des Kindes besser verstehen zu können.
Wenn ein Elternteil in seiner Kindheit und Jugend ebenfalls von Lernschwierigkeiten betroffen war, kann er sich besser in die Probleme des Kindes einfühlen und diesem zeigen, wie er damit umgegangen ist und wie er als Erwachsener dennoch erfolgreich war. Ist ein Adoptivkind allerdings das erste Familienmitglied, das mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, können die Eltern die Frustration ihres Kindes nicht voll verstehen und sind in der Regel besorgter über die Langzeiteffekte einer Lernschwäche. Adoptiveltern glauben auch häufig an den großen Einfluss der „richtigen Umgebung“ auf ihr Kind und setzen jede Menge Nachhilfe und „Paukstunden“ ein. Sie sollten dabei auch darauf achten, dem Kind mitzuteilen, dass sie mit seinem Erfolg zufrieden sind!

Langzeiteffekte von Drogen- und Alkoholeinfluss
Manche Kinder, bei denen Lernprobleme bzw. ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) mit oder ohne Hyperaktivität diagnostiziert wurden, leiden an den Langzeiteffekten von Drogenkonsum während der Schwangerschaft. Ira Chasnoff und Kollegen studierten mehr als zwanzig Jahre Kinder, die im Mutterleib Drogen ausgesetzt waren. Über fünfunddreißig Prozent der Kinder, deren Eltern stark drogensüchtig waren, hatten zu einem gewissen Grad Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, bei der Sache zu bleiben und sich nicht ablenken zu lassen. Manche von ihnen zeigten auch aggressives oder impulsives Verhalten. Bei diesen Kindern wird zuweilen ADS diagnostiziert.

Obwohl die Wissenschaft noch nicht ausreichend geklärt hat, wie Drogen und Alkohol ungeborene Kinder beeinflussen, nimmt Chasnoff an, dass die neurologische Fäh gkeit, Botschaften zu senden und zu empfangen beim sich entwickelnden Fötus betroffen ist. In der Folge haben Kinder Schwierigkeiten, ihr Verhalten oder ihren Zustand bei der Antwort auf Botschaften zu regulieren. Schulkinder können beispielsweise Schwierigkeiten haben, sich vor Ablenkungen abzuschirmen oder nach einer Pause wieder zur Ruhe zu kommen.
Trotz dieser Ergebnisse ist die Langzeitperspektive für „Drogenkinder“ nicht so entsetzlich, wie viele Voraussagen nahe legen - vor allem wenn die Kinder in einer gesunden, anregenden Umgebung aufwachsen.
Während kaum vorausgesagt werden kann, welche Kinder am meisten unter dem Drogeneinfluss leiden, scheinen solche Kinder die besten Prognosen zu haben, die voll ausgetragen wurden, ein normales Geburtsgewicht und einen normalen Kopfumfang hatten bzw. Rückstände innerhalb der ersten sechs Lebensmonate aufgeholt haben. Jedes Kind, dass aufgrund von Drogeneinfluss gefährdet ist, sollte regelmäßig auf Entwicklungs- und Lernprobleme untersucht werden, um so früh wie möglich eingreifen und die Effekte des Drogeneinflusses auch wirkungsvoll mildern zu können.

Kinder, die im Mutterleib Alkohol ausgesetzt waren, haben nicht nur das Risiko, ein niederes Geburtsgewicht und Lernprobleme zu haben, sondern auch mit FAS (Fetales Alkoholsyndrom) oder FAE (Fetale Alkoholexposition) geboren zu werden. Dabei können neurologische Funktionsstörungen zu Verhaltens- und Lernproblemen oder Konzentrations- und Verständnisschwierigkeiten führen, wobei im schwersten Fall mit einer geistigen Entwicklungshemmung zu rechnen ist. FAS ist schwerer als FAE und beinhaltet auch körperliche Abnormitäten. Auch wenn FAE weniger starke Symptome zeigt, kann es doch zu wesentlichen Problemen führen, die auf Grund des Fehlens von äußerlichen Anzeichen oft nicht mit dem Alkoholkonsum der Mutter in Verbindung gebracht werden.

Akademische Erfolge
Obwohl Adoptivkinder in den genannten Bereichen größere Risken haben, zeigen Untersuchungen, dass ihre Schulerfolge als Gruppe durchaus gut sind. Studien haben gezeigt, dass die schulischen Leistungen von Adoptivkindern leicht unter denen von nicht-adoptierten Kindern aus vergleichbaren Milieus liegen, dass Adoptierte aber gleich gut oder besser als der Bevölkerungsdurchschnitt abschneiden.

Studien in Großbritannien und den Vereinigten Staaten untersuchten Tausende von Kindern zum Zeitpunkt der Geburt und in den folgenden Jahren. Sie fanden heraus, dass Adoptivkinder in den Bereichen Lesen oder Sprachgebrauch genauso gut oder besser wie Nicht-Adoptierte waren, dass ihre mathematischen Fähigkeiten aber variierten.
Wenn Adoptierte zu Kindern aus demselben Milieu in Verbindung gesetzt wurden, schienen sie akademisch etwas weniger erfolgreich zu sein. Beispielsweise hatten in einer britischen Studie adoptierte Buben in Mathematik schlechter abgeschnitten und die Gruppe als Ganze war etwas unter dem Niveau der Kinder aus ähnlichen Milieus. An der Rutgers University wurden 260 adoptierte und nicht-adoptierte Kinder untersucht, wobei die adoptierten etwas geringere Leistungen erbrachten als die ansonsten vergleichbaren nicht-adoptierten Kinder. Dieses Ergebnis könnte auf genetische Unterschiede in der Intelligenz zurück zu führen sein oder die in diesem Alter typische Auseinandersetzung der Kinder mit Adoptionsthemen widerspiegeln. Trotz dieser leichten statistischen Unterschiede, scheinen sie in den einzelnen Familien aber nicht von Bedeutung zu sein.
In der von William Feigelman geleiteten Analyse, waren adoptierte Männer zum selben Prozentsatz aufs College gegangen wie Männer aus intakten biologischen Familien, auch wenn diese eine höhere Abschlussrate erzielten. Unter den adoptierten Frauen gab es gar keine Unterschiede.

Resilienz
Obwohl Kinder, die am Beginn ihres Lebens Vernachlässigung, Missbrauch oder andere Entbehrungen erlitten haben, ein höheres Risiko für psychologische oder Verhaltensprobleme haben, gibt es immer wieder Kinder, die diese widrigen Umstände überwinden können. Es stellt sich die Frage, warum manche Menschen ein Leben lang unter diesen Erfahrungen leiden, während andere mit ihnen umgehen können?

Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass es sowohl organische als auch Umgebungsfaktoren gibt, die manche Kinder vor den widrigen Effekten von frühem Stress bewahren. Kinder, die resilient sind, haben eine durchschnittlich oder darüber hinausgehende Intelligenz. Sie können für sich einen Sinn aus chaotischen Familienverhältnissen machen und sind zu dem Schluss gekommen, dass sie selbst nicht der Grund der Probleme sind. Intellektuelle Fähigkeiten helfen Kindern außerdem, Geschicklichkeit darin zu entwickeln, auf sich selbst aufzupassen und wenn nötig Hilfe zu suchen. In der Regel haben sie ein gutmütiges und unbeschwertes Temperament und zumindest einen Erwachsenen – Elternteil, Nachbarn, älteres Geschwisterkind oder regelmäßigen Babysitter – dem sie vertrauen können und der während der ersten zwei Lebensjahre konstant verfügbar war. Resiliente Kinder sind unabhängig, aber suchen Hilfe wo es notwendig ist. Sie engagieren sich in Hobbys oder Tätigkeiten, die ihnen ermöglichen, von Zuhause fort zu kommen und gehören oft einer Glaubensgemeinschaft an, die ihnen einen Sinn für Gemeinschaft, Ziele und ein gutes Selbstwertgefühl vermittelt. Manche Kinder, die im Jugendalter Probleme hatten, überwinden diese, wenn sie informelle Unterstützung in kritischen Zeiten von interessierten Lehrern oder einer spirituellen Gemeinschaft erhalten.
Die Wissenschaft hat außerdem herausgefunden, dass resiliente Kinder auch als Erwachsene resilient bleiben.

Forschung aus der richtigen Perspektive ansehen

Wenn man die Forschungsergebnisse zu Adoptionsthemen betrachtet, sollte man diesen auch die richtige Perspektive zuweisen.
Selbst wenn Forscher Recht haben, denen zufolge zehn Prozent der Adoptierten mehr Probleme haben als Nicht-Adoptierte, bleiben aber immer noch neunzig Prozent, bei denen das nicht so ist. Weil leibliche Eltern sich entschlossen haben, ein Kind nicht aufzuziehen, muss dessen Leben nicht vom Gefühl dominiert werden, zurückgewiesen worden zu sein. Die Art, wie einem Kind Adoption erklärt worden ist, das Ausmaß mit dem es seine Gefühle über die eigene Adoption besprechen kann, und die Summe an Informationen, die es über seine leiblichen Eltern hat, können ihm helfen zu verstehen und die Entscheidung zu akzeptieren. Inzwischen haben viele erwachsene Adoptierte über ihre Gefühle gesprochen, als Adoptierte aufzuwachsen und den Adoptiveltern eine viel bessere Vorstellung davon vermittelt, wie Kinder auf diesen Umstand reagieren und welche Informationen und Unterstützung sie brauchen.

Vor Jahren wurden Adoptionen oft versteckt und Kinder daran gehindert, über dieses Thema zu sprechen. Es ist nur zu verständlich, das ein Kind, dass nie Fragen über seine leiblichen Eltern stellen konnte, ohne dass die Adoptiveltern an seiner Liebe zweifelten, mehr Schwierigkeiten haben wird, sich mit seinem Adoptivstatus auszusöhnen, als ein Kind, dessen Eltern offen auf Diskussionen über Adoption und leibliche Eltern reagiert haben. Vor Jahren ist ein solches Verhalten den Eltern auch von professioneller Seite empfohlen worden. Inzwischen gibt es andere Theorien über Adoption, die auf Forschung und Erfahrung gründen in gesündere Familien münden. Je sorgenfreier Eltern mit der eigenen Unfruchtbarkeit (wenn eine solche vorliegt), mit Adoption und Elternschaft im allgemeinen umgehen, je mehr Unterstützung sie bei ihrer Adoption erhalten, je offener und klarer sie Adoption mit ihren Kindern diskutieren, umso besser werden diese sich einfügen können. Darüber hinaus meinen manche Menschen, dass der Prozess, sich durch alle Problemstellungen des Adoptiertseins zu arbeiten, die Persönlichkeit wachsen lassen kann.

Stärken, die aus einer Adoption gewonnen werden können

Obwohl es keine Studien über den förderlichen Einfluss von Adoptionen gibt, gibt es auch Vermutungen, dass Adoptierte nicht nur Not überwinden, sondern daraus auch wachsen können. Nachdem sie gelernt haben, sich in einer Familie wohl zu fühlen, mit der sie keine genetische Übereinstimmung, Ähnlichkeiten im Aussehen oder im Temperament haben, die vielleicht einer anderen Etnie und Kultur angehört, berichten Adoptierte von ihrem Anpassungsvermögen gegenüber neuen Situationen und der Fähigkeit, sich in einem breiten Spektrum von Situationen und einer großen Vielzahl unterschiedlicher Menschen wohl zu fühlen.

Joyce Maguire Pavao, eine Therapeutin, die auf Adoptionsbelange spezialisiert ist und selbst Adoptierte, war fasziniert von der großen Anzahl Adoptierter, die Individualsportarten wie Schwimmen, Tauchen, Eislaufen oder Laufen ausüben, darunter auch einige Olympiasieger. Obwohl spekuliert wurde, dass Adoptierte es unbedingt zu etwas bringen wollen, um sich ihrer Adoption als würdig zu erweisen, meint Pavao, dass sich einige Adoptierte Aktivitäten wie Sport oder Musik zuwenden, die einen hohen Grad an Konzentration oder Disziplin bzw. meditative Qualitäten haben, um mit der Verwirrung umzugehen, die Adoption mit sich bringen kann. Wenn Adoptierte außerdem hohe Fertigkeiten in einer bestimmten Disziplin aufweisen, können sie einen Identitätssinn entwickeln, der darauf gründet, dass sie ihre angeborenen Fähigkeiten fördern, was wichtig für das Ringen um ein Selbstkonzept sein kann.
Es ist darüber hinaus denkbar, dass Adoptierte, die gelernt haben mit den Ungewissheiten ihres eigenen Ursprungs umzugehen, besser mit anderen Unklarheiten und Vieldeutigkeiten umgehen können. Menschen, die mit dem Gefühl Frieden geschlossen haben, dass ihr Leben nicht ihrer Kontrolle unterliegt, können daraus lernen, auf das Bedürfnis nach Kontrolle zu verzichten. Die Suche nach Antworten, wie Adoptierte durch Abstammung und Umgebung geprägt sind, mag eine Vieldimensionalität bei der Betrachtung von Problemen fördern und die Frage nach den gründen für die Adoptionsfreigabe mag dabei helfen, sich in Menschen einzufühlen, auch wenn diese sie verletzt haben.

(Jutta Eigner)

Veröffentlichungsdatum: 29.09.2003