Adoptierte Kinder groß ziehen... II

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Zusammenfassungen nach dem Buch „Raising Adopted Children“
von Lois Ruskai Melina

Teil 2: Gespräche über Adoption

Vor gar nicht allzu langer Zeit waren Gespräche über das Thema Adoption verpönt und der Umstand, dass eine Familie durch Adoption begründet worden war, war nicht selten nur dem engsten Familienkreis bekannt. Lois Melina weiß sogar über Frauen zu berichten, die vor einer Adoption mit gepolstertem Bauch in Umstandskleidern herumliefen, damit ja niemand ihr Geheimnis erraten könnte. Diese Zeiten gehören inzwischen der Vergangenheit an und Adoptivfamilien sind um einiges selbstbewusster geworden. Dennoch stellt sich die Frage, wann man damit beginnen soll, mit dem Kind über Adoption zu sprechen, wie man den Umstand am besten vermittelt, wieweit man Familienfremden Einblick in die Struktur der eigenen Familie gewährt und wie man mit allzu intimen Fragen und offenem Unverständnis umgeht.

Gerade bei multikulturellen Familien sind die optischen Unterschiede zwischen Eltern und Kindern so groß, dass die Familie nicht selten von außen auf das Thema gestoßen wird, zum Beispiel wenn nur ein Elternteil mit dem Kind unterwegs ist. Häufig taucht dann die Frage auf, ob das denn die Tochter oder der Sohn sei und auf die logische Antwort „ja“ folgt die nächste Frage: „Ist der Vater/die Mutter schwarz (Ist der Vater/die Mutter chinesisch et cetera)? Woher kommt er/sie denn?“ Spätestens dann muss der Elternteil sich entscheiden, was ihm wichtiger ist: entweder er will seine Privatsphäre wahren und ist der Meinung, dass wildfremde Menschen keinen Einblick in die Entstehungsgeschichte und Zusammensetzung der Familie haben sollten oder er entscheidet sich, jedem über den Adoptivstatus Auskunft zu geben und ist bereit, sich auch auf längere und möglicherweise recht persönliche Diskussionen zum Thema „Adoption“ einzulassen. Allerdings, so Molina, lässt sich diese Konversation auch jederzeit unterbrechen, wenn die Familie nicht mehr gewillt ist, weitere Auskünfte zu geben.
Geeignet dafür sind höfliche Gegenfragen wie „Warum fragen Sie?“, die reine Neugierde von konkretem Interesse unterscheiden helfen, oder die Feststellung, dass das die Geschichte des Adoptivkindes ist und dieses selbst später einmal entscheiden kann, mit wem es sie teilen will („Das müssen sie meine Tochter fragen, wenn sie älter ist“ oder „Sie werden verstehen, dass wir diese Informationen zuerst mit unserer Tochter besprechen wollen, wenn sie alt genug ist. Sie kann dann selbst entscheiden, wem sie darüber erzählt“).

Manchmal werden aber auch äußerst unsensible Kommentare abgegeben („Du wirst sehen, jetzt wirst Du sicher schwanger!“ oder „Gibt es bei uns nicht genug Kinder, dass sie ins Ausland fahren mussten?“) und im ersten Moment fällt es schwer, schlagfertig zu sein, während man dann ewig darüber nachdenkt, was man darauf hätte sagen sollen. Nach Molina kann man dabei durchaus auf die Unsensibilität hinweisen. Die Autorin gibt aber auch zu bedenken, dass rüde Bemerkungen oft nicht verletzend gemeint waren und sich daran zu erinnern, dass auch wir selbst beizeiten gedankenlose Bemerkungen machen – wenn man an seine eigene Unvollkommenheit denkt, fällt es leichter, die der anderen zu akzeptieren.

Vorschule

Wenn Kinder ihre Eltern über die Adoption sprechen hören, wird das Thema von Anfang an nicht ausgeblendet. Dennoch stellt sich den meisten Adoptivfamilien die Frage, wann und wie sie ihrem Kind sagen sollen, dass es adoptiert worden ist oder besser: in welchem Alter sie den Dialog darüber beginnen sollen. Eine wichtige Grundvoraussetzung für das Gespräch ist das Wohlbefinden der Eltern – erst wenn dieses gegeben ist, können sie auch dem Kind vermitteln, dass das Thema jederzeit in der Familie besprochen werden kann. Treten nämlich Spannungen auf, könnte das Kind daraus schließen, dass Adoption etwas Schlechtes ist.

Gehört das Kind einer anderen Ethnie an wie die Eltern, sollte es in jedem Fall vor dem Kindergarten informiert werden, damit es nicht unwissend von anderen Leuten auf den Umstand seiner Adoption angesprochen wird. Für eine frühe Aufklärung spricht auch die Erfahrung, dass es umso schwieriger wird, über die Adoption zu sprechen, je länger die Eltern damit warten und dass man bei einem kleinen Kind sehr schnell bemerkt, wo man selbst ins Stocken gerät und die eigenen „Ungereimtheiten“ noch reflektieren kann, ehe sie dem Kind auffallen... Gleichzeitig sollte das Thema nicht zu dominant werden. Zu viele Diskussionen beweisen dem Kind, dass seine Eltern andauernd an sein Anderssein denken. Melina bringt das Beispiel eines Buben, der von seinen Eltern immer folgendermaßen vorgestellt wurde: „Das ist David. Er ist adoptiert.“ Wie es dem Jungen dabei gegangen ist, lässt sich erahnen...

Manche Eltern basteln ihren Kindern schon vor der Ankunft ein kindgerechtes Buch mit ihrer eigenen Geschichte und schaffen damit eine Atmosphäre, in der über Adoption offen gesprochen werden kann. Dieses Ziel gilt es im Vorschulalter zu erreichen. So können Vorschüler oft noch nicht zwischen „adoptiert sein“ und „in eine Familie geboren sein“ unterscheiden. Trotzdem können die Eltern in dieser Zeit die Grundlage für spätere Gespräche schaffen und eigene Irrtümer noch ausbessern. Beispielsweise hatte eine Familie ein „Willkommen Zuhause“-Buch für ihr Kind gebastelt in dem auf einer Seite zu lesen war: „Kristy und Dan hörten von einem Baby, das keine Eltern hatte.“ Später korrigierten sie die Seite auf „Kristy und Dan hörten von einem Baby, dessen Mutter und Vater für kein Baby sorgen konnten.“ Das Kleinkind bemerkte diese Veränderung nicht, die etwas später wahrscheinlich schon aufgefallen wäre.
Eine erste Adoptionsgeschichte könnte sich dabei wie folgt anhören: „Mama und Papa haben sich sehr ein Baby gewünscht, aber sie konnten keines machen, das in Mamas Bauch gewachsen ist. Deine leiblichen Eltern konnten damals für kein Baby sorgen. Vielleicht waren sie traurig darüber, aber sie haben sich sicher auch gefreut, dass wir gut auf dich aufpassen werden und wir freuen uns soooo sehr, dass wir deine Eltern sein dürfen.“

Unabhängig davon, wie oft das Kind seine Adoptionsgeschichte schon gehört hat und wie offen mit diesem Thema umgegangen worden ist, darf es niemanden verwundern, wenn Kinder aus dem Gehörten für sich noch nicht die richtigen Schlüsse gezogen haben. Wenn ein Fünfjähriger daher seine Mutter fragt, ob er auch in ihrem Bauch gewachsen ist, kann es sein, dass er das erste Mal bewusst über dieses Phänomen nachdenkt. Wenn die Mutter darauf „Aber Schatz, du weißt doch, dass wir dich adoptiert haben“ antwortet, verkennt sie die Situation. Vielmehr ist jetzt ein guter Zeitpunkt, den Sohn zur Seite zu nehmen und ihm nochmals wichtige Dinge über seine persönliche Geschichte zu erzählen.

Fünf bis sieben Jahre

Kinder in dieser Altersgruppe interessieren sich für das Leben und den Tod und dafür, wie Menschen und Tiere auf die Welt kommen. Im Alter von ca. sechs Jahren können die meisten Kinder zwischen Geburt und Adoption unterscheiden – das bedeutet, dass die Konversation über das Thema eine neue Stufe erreicht hat und hier von Neuem beginnt, weil die Kinder nun erstmals verstehen, was Adoption bedeutet. In diesem Alter muss ihnen nochmals versichert werden, dass auch adoptierte Kinder geboren werden, wie alle Babys unter Beteiligung eines Mannes und einer Frau gezeugt werden und im Bauch der leiblichen Mutter heranwachsen.

Viele Adoptionsgeschichten berichten nicht von der Geburt des Adoptivkindes. Sie hören sich ungefähr so an: „Du weißt ja, dass dein Freund Ben im Bauch seiner Mama gewachsen ist. Du aber bist nicht in meinem Bauch gewachsen. Mama und Papa konnten kein Baby bekommen und so haben wir eine Adoptionsvermittlungsstelle angerufen, die ein Baby für uns gefunden hat. Dieses Baby bist du.“ Obwohl diese Geschichte stimmt, berichtet sie nicht über die Geburt des Kindes. Viele Adoptivkinder vermuten daher, dass Adoptiert-Sein bedeutet, sie wären auf irgendeine abnormale Weise auf die Welt gekommen. In diesem Zusammenhang beschreibt Melina den Fall einer 38-jährigen Adoptierten, deren (Adoptiv-) Mutter ihr nie von ihrer Geburt erzählt hatte und die sich deshalb nicht vorstellen konnte, dass auch sie von einer Frau geboren worden war. Sie meint heute, dass sie deswegen besonders bescheiden und sexuell zurückhaltend wurde, weil sie nie daran dachte, dass sie nackt auf die Welt gekommen war und diese Nacktheit ein natürlicher Zustand sei. Erst seit sie ihre leibliche Mutter getroffen hat, hat sie eine gesündere Einstellung zu ihrem Körper.

Es ist daher sinnvoll, dem Kind über seine Geburt zu erzählen, falls es Informationen darüber gibt. Daraus kann das Kind schließen, dass es wie alle anderen auch auf die Welt gekommen ist und seine Geburt nichts damit zu tun hat, dass es später einmal adoptiert worden ist.
Wenn man über die Geburt des Kindes spricht, führt das automatisch zum Thema, warum das Kind zur Adoption freigegeben wurde. Außerdem wird auf diese Weise anerkannt, dass es schon eine Geschichte hat, bevor es in die Adoptivfamilie kam und dass über diese Zeit auch gesprochen werden kann.
Auch der leibliche Vater sollte nicht unerwähnt bleiben, denn auch hier kann eine Quelle von Missverständnissen liegen. Um eine Adoptionsgeschichte zu erzählen, muss viel über die leibliche Mutter gesprochen werden: die leibliche Mutter wurde schwanger, sie konnte nicht für das Baby sorgen, sie machte einen Adoptionsplan... Der leibliche Vater ist nicht notwendiger Teil dieser Geschichte und vielleicht hat auch die Mutter seine Identität bei der Geburt nicht preisgegeben. Das Weglassen des leiblichen Vaters in der Geschichte des Kindes kann das Adoptivkind leicht dazu veranlassen, sich selbst eine eigene Geschichte zusammen zu spinnen. Manche Kinder vermuten beispielsweise, dass ihr Adoptivvater auch ihr leiblicher Vater sei, der mit der leiblichen Mutter ein Kind gezeugt habe.

Wenn die Adoptiveltern etwas über die leiblichen Eltern wissen, Fotografien oder einen Brief haben, können diese Dinge Teile der Adoptionsgeschichte werden. Sind die Vornamen der leiblichen Eltern bekannt und spricht man sie dem Kind gegenüber mit diesem Namen an, wird man jedes Mal aufs Neue versichern müssen, dass nicht jede „Andrea“ die man trifft die leibliche Mutter ist... Ist nichts über die Geburt des Kindes bekannt, können die wahrscheinlichen Umstände der Geburt und der Zeit bis zur Adoption besprochen werden („Wahrscheinlich bist du in einem Spital auf die Welt gekommen...“). Die Eltern können das Kind auch fragen, warum es vermutet, dass leibliche Eltern nicht für ein Baby sorgen können. Einer Studie zufolge hatten Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren drei hauptsächliche Erklärungen dafür: weil das Kind negative Eigenschaften hatte; weil die Eltern finanzielle Schwierigkeiten hatten; weil die Eltern keine Zeit hatten, für ein Baby zu sorgen.
Es ist nun der richtige Zeitpunkt, falsche Vermutungen über die Gründe zur eigenen Adoption richtig zu stellen. Wenn ein Kind vermutet, dass es adoptiert worden ist, weil seine leiblichen Eltern nicht mehr leben, könnte ihm gesagt werden: „Weißt du, deine leiblichen Eltern leben noch. Sie sind bei deiner Geburt noch in die Schule gegangen und wussten nicht, wie sie für dich sorgen sollten.“ Ist nichts über die Herkunftsgeschichte bekannt, kann man dem Kind sagen: „Wir wissen nicht, ob deine leiblichen Eltern noch leben, aber das ist gut möglich. Vielleicht waren sie sehr jung, als du auf die Welt kamst und wussten noch nicht, wie man für ein Baby sorgt.“
Ziel in diesem Alter ist es, Kindern den Adoptionsprozess verständlich zu machen – wie Kinder in eine Familie kommen. Später werden sie danach fragen, warum das passiert ist, ob es für immer ist und was es für das Kind selbst und für andere bedeutet.

Acht bis elf Jahre

Im Alter von acht bis neun Jahren beginnen Kinder zu verstehen, was Blutsverwandtschaft bedeutet und wie diese sich von anderen Beziehungen unterscheidet. Gleichzeitig können sich die meisten Kinder nicht vor dem elften Lebensjahr ein Bild vom dahinter stehenden Rechtssystem machen. Diese beiden Komponenten können dazu führen, dass sich Kinder im Alter von acht bis neun Jahren ihres Platzes in der Adoptivfamilie nicht ganz sicher sind. Es ist nicht ungewöhnlich, wenn sie vermuten, ihre leiblichen Eltern könnten sie unter Umständen zurück fordern.

Kinder in diesem Alter fürchten im allgemeinen häufig, ihre Eltern zu verlieren und Adoptivkinder haben eben diesen Verlust schon einmal erlebt. Sie wollen wissen, warum er passiert ist, um eine Wiederholung zu verhindern und versuchen herauszufinden, warum sie adoptiert worden sind, wo doch fast alle anderen Kinder zumindest mit einem Elternteil zusammen leben. Diese Unsicherheit kann dazu führen, dass Adoptivkinder lieber nicht bei Freunden übernachten oder Mama ganz und gar nicht auf Geschäftsreise gehen lassen wollen....
Andererseits wollen die Kinder ihre Probleme alleine lösen und entwickeln zunehmend die Fähigkeit, das auch zu tun. Eltern sollten ihnen daher die Möglichkeit geben, sich selbständig durch ihre Fragen über ihre Adoption zu arbeiten und ihnen dabei nahe genug bleiben, um sie leiten zu können, falls sie vom Weg abkommen.

Weil Kinder erst im späten Volksschulalter wirklich verstehen, dass sie zur Adoption freigegeben wurden, können sie in dieser Zeit mit Trauer reagieren. Eltern, die nicht vermuten, dass ihr Kind nach acht oder neun Jahren um seine leiblichen Eltern trauert, erkennen oft nicht, dass diese Gefühle Reaktionen auf das zunehmende Verständnis von Adoption sind. Es liegt an den Eltern, ihr Kind zu ermutigen, seine Gefühle auszudrücken und es wissen lassen, dass es nicht nur in Ordnung ist, sich traurig zu fühlen, sondern ganz normal ist, dass diese Trauer auch wieder vergehen wird und dass sie jederzeit über ihre leiblichen Eltern sprechen können.

Im Alter von zehn oder elf Jahren verstehen Kinder ansatzweise das Rechtssystem, das ihre Adoption dauerhaft macht. In dieser Zeit ist es Kindern wichtig, mit Gleichaltrigen mithalten zu können. Sie vergleichen Besitztümer, Regeln und Aktivitäten ihrer Freunde und wollen wissen, ob sie sich auf Grund ihrer Adoption von diesen unterscheiden. Dabei kann ihnen das Wissen helfen, dass es abgesehen von ihnen noch sehr viele Adoptierte gibt und dass sie obwohl adoptiert, genau wie andere Kinder sind. Auf Grund ihres zunehmenden Verständnisses von Beziehungen interessieren sich die Kinder nun oft dafür, wie ihre leiblichen Eltern zueinander gestanden sind und ob sie verheiratet waren. Ebenso denken sie über Geschwisterbeziehungen innerhalb der Adoptivfamilie bzw. zu leiblichen Geschwistern nach. Adoptiveltern befürchten oft, dass Kinder sich doppelt zurückgewiesen fühlen könnten, wenn sie erfahren, dass alle oder einzelne leibliche Geschwister bei den Eltern bleiben konnten. Sie können in diesem Zusammenhang erklären, dass die Situation der Eltern zum Zeitpunkt der Geburt bzw. der Adoptionsfreigabe ausschlaggebend für die Entscheidung war und das Kind an Zeiten in seinem eigenen Leben erinnern, als es selbst mehr Verantwortung hatte als es tragen konnte.

Mit etwa zehn Jahren versuchen Kinder auch herauszufinden, was ihr Adoptivstatus über sie selbst aussagt. Bedeutet es, dass sie weniger geliebt werden? Bedeutet es, dass ihre Geschwister mehr geschätzt werden, die in die Familie geboren wurden? Sind sie wirklich Teil der Großfamilie? Denken Menschen schlecht über sie, weil sie adoptiert worden sind?
So wie Adoptiveltern mit den vorgefassten Meinungen von Außenstehenden konfrontiert werden, die ihre Familie zuweilen in Frage stellen, so passiert das auch den adoptierten Kindern selbst. Aber anstatt Kinder davor abzuschirmen, können Eltern solche Vorfälle nutzen, um gemeinsam das komplexe Thema „Adoption& 8220; zu besprechen: wie Beziehung, die auf gesetzlichem Weg geschlossen werden sich zu denen verhalten, die auf biologischem Weg geschlossen werden. Weil die Fragen, die Adoptionen aufwerfen kompliziert und oft paradox sind, helfen wir unseren Kindern mehr, wenn wir Komplexitäten erforschen und manchmal zu dem Schluss kommen, dass es keine einfachen Antworten gibt. Es mag verführerisch sein, Kindern einfache und beruhigende Antworten zu geben, aber sie werden auf Dauer nicht zufriedenstellend sein. Indem wir anerkennen, dass Adoption ein schwer verständliches Thema ist und selbst auf Widersprüche hinweisen, helfen wir unseren Kindern, ihre eigenen Antworten zu finden, was langfristig zufriedenstellender ist, auch wenn es Frustration nicht ausschließt.

Lois Melina erinnert sich diesbezüglich an Abendgespräche mit ihren beiden Kindern, ob Adoptivgeschwister heiraten könnten, wenn sie erwachsen sind. Während einer dieser Diskussionen als die Kinder noch recht jung waren, schloss der Sohn, dass eine Geschwisterhochzeit zu viel Streit bringen würde, während die Tochter besorgt war, dass Kinder aus einer solchen Verbindung keine Onkel und Tanten hätten. Ihre Kinder hatten den schwierigen aber notwendigen Prozess begonnen, ihre Beziehungen als Adoptierte zu ergründen...

Jugendalter

Im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren verstehen Kinder, dass bei einer Adoption alle elterlichen Rechte und Verantwortungen von den leiblichen auf Adoptiveltern übergehen. Sie haben inzwischen auch einen besseren Einblick in die Gründe, warum Kinder zur Adoption freigegeben werden. Als Jugendliche haben sie nun erstmals die Fähigkeit, in abstrakten Begriffen zu denken und müssen sich mit ihrer eigenen Identität und Unabhängigkeit auseinander setzen. Alle Jugendlichen kämpfen damit, sich als einzigartige Individuen zu definieren und experimentieren mit Möglichkeiten, ihre Unabhängigkeit zu behaupten, während sie nach wie vor das Band zu ihrer Familie halten. Für Adoptierte ist der Kampf um ihre Identität komplizierter, weil sie von ihrer leiblichen Familie getrennt und – ihrem Empfinden nach – willkürlich in eine andere Familie gebracht wurden. Auf Grund der Entwicklung abstrakten Denkens können sich Jugendliche nun auch vorstellen, was hätte sein können.

Teenager entwickeln ihre Identität, indem sie sich mit Menschen vergleichen, denen sie am ähnlichsten sind - mit ihren Eltern und ihren Geschwistern. Adoptierte Jugendliche müssen diese Aufgabe zweimal erfüllen und zwar in Beziehung zu ihrer Adoptivfamilie (die Einflüsse ihrer Umgebung, die sie geformt haben) und in Beziehung zu ihrer leiblichen Familie (die genetischen Einflüsse, die sie geformt haben). Dieser Prozess findet nicht unbedingt bewusst statt oder wird immer ausgesprochen. Die Vergleiche können auch angestellt werden, ohne sie in Worte zu fassen. Wenn es die Aufgabe des Vorschülers ist, zu verstehen wie Adoption vor sich geht und Aufgabe in der mittleren Kindheit, herauszufinden warum das passierte und was es über das Kind sagt, dass es adoptiert worden ist, ist es Aufgabe des Jugendlichen zu bestimmen, wie die Adoption ihn geprägt hat.
Für Teenager, die aus dem Ausland oder aus einer anderen Ethnie adoptiert worden sind, haben diese Fragen noch zusätzliche Aspekte: Was bedeutet es, in dieser Kultur aufgewachsen zu sein? Welche Beziehung habe ich zu anderen Menschen meiner Herkunft oder Ethnie? Welche Ansichten, Gewohnheiten oder Haltungen sind anders als die von Menschen aus meinem Herkunftsland? Welche Erfahrungen mache ich, die mit meiner Herkunft zusammen hängen, die aber von meiner Adoptivfamilie nicht verstanden werden?

Weil die Teenagerjahre oft sehr verwirrend und chaotisch sind, suchen Jugendliche und Eltern oft nach einfachen Erklärungen, die Probleme beleuchten oder lösen können. Für manche scheint die Adoption der Grund all ihrer Probleme zu sein und ein Wiedersehen mit den leiblichen Eltern eine Lösung darzustellen. Für andere ist Adoption nicht einmal ein Thema im Verhältnis zu all den anderen Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben. Die Lösung der jugendlichen Seelenängste ist aber nie so einfach. Teenager müssen ihr kritisches Denken soweit entwickeln, dass sie sich durch alle möglichen Komplexitäten arbeiten können, die sich ihnen entgegen stellen, einschließlich der Entwicklung einer Identität. Wir können ihnen keine Antworten geben, denn sie müssen ihre eigenen Lösungen finden. Was ist eine Familie? Warum soll ich auf Personen hören, die mich nicht geboren haben? Welche Beziehung habe ich zu meiner leiblichen Familie?

Jugendliche müssen diese Fragen für sich klären, genau wie Adoptiveltern das gemacht haben, als sie sich zur Adoption entschlossen. Die Eltern können diese und andere Fragen mit ihnen ausloten, wenn ihre Kinder es riskieren, uns an ihren Gedanken teilhaben zu lassen und glauben, dass diese respektiert werden. Manchmal wollen Teenager aber auch nicht, dass ihre Familie weiß, was sie in so persönlichen Dingen denken. Dann können Eltern die Diskussion auf andere Leute lenken, wie eine Adoptivmutter es in einem Beispiel von Lois Melina getan hat. Die Adoptivmutter wollte mit ihrem Sohn über ein baldiges Treffen mit seinen leiblichen Eltern zu reden und begann: „Vielleicht fühlst du dich ein wenig unbehaglich...“ doch ihr Sohn stoppte sie sofort: „Versuche nicht, mir zu sagen, wie ich mich fühlen werde! Wenn du darüber sprechen willst, wie sich andere Adoptierte fühlen, ist das in Ordnung, aber glaub ja nicht, dass du weißt, wie ich mich fühle.“ Die Mutter nahm den Ball auf und verbesserte sich: „Manche Adoptierte, die ihre leiblichen Eltern das erste Mal als Jugendliche treffen fühlen sich unbehaglich...“ Diese subtile Differenz machte es dem Sohn möglich, zuzuhören was seine Mutter ihm sagen wollte.

Mit ihrer einzigartigen Identität gewinnen Jugendliche auch die Kraft, ihr zu Hause zu verlassen. Wie schon dem Kleinkind wird auch dem Teenager ein starkes Bindungsgefühl ermöglichen, unabhängiger zu werden und gleichzeitig zu wissen, dass es eine sichere Basis für Krisenzeiten gibt. Teenager wechseln in dieser Zeit oftmals zwischen dem Bedürfnis nach Unabhängigkeit und dem nach Sicherheit. Besonders in Adoptivfamilien kann es dabei vorkommen, dass das rasche Erwachsenwerden und die damit verbundene Unabhängigkeit alte Adoptionsprobleme für Kinder und Eltern wieder aufwirft. Wenn ich auf meine Unabhängigkeit bestehe, werden meine Eltern noch da sein, wenn ich sie brauche? Ist die Unabhängigkeit meines Sohnes ein Zurückweisen von mir als Mutter? Wenn wir nicht biologisch verbunden sind und eine Familie wurden, weil ein Kind Eltern brauchte, werden wir das auch bleiben, wenn es uns nicht mehr braucht?

Adoptiveltern, die sich mit diesen Fragen noch nie auseinander gesetzt haben, reagieren auf die Unabhängigkeitsbestrebungen ihrer Kinder oft mit Widerstand, was das Freiheitsbedürfnis verstärkt und zu einem stärkeren Eltern-Kind-Konflikt führen kann. Adoptiveltern können sich jedoch sicher sein, dass die Qualität ihrer Beziehung, die sie die ganze Zeit über eine Familie hat sein lassen, auch die Trennung überdauern wird. Wenn das Baby sich an den Erwachsenen bindet, weil es gelernt hat, dass er seine Bedürfnisse erfüllt, so bleibt auch der Jugendliche und junge Erwachsene seinen Eltern verbunden, weil sie wiederum seinem Bedürfnis nachgekommen sind, sich alleine einen Platz im Leben zu schaffen.

Die unangenehme Vergangenheit

Adoptiveltern wird oft geraten, ehrlich, offen und vollständig Auskunft über die Vergangenheit ihrer Kinder zu geben. Das ist nicht immer einfach, vor allem wenn die Mutter des Kindes Alkoholikerin war, das Kind körperlich oder sexuell missbraucht wurde oder das Kind von Familie zu Familie geschoben wurde, ehe es in eine bleibende Adoptivfamilie kam. Diese Vergangenheit kann nicht mehr verändert werden. Auch wenn Adoptiveltern wünschen, sie hätten ihrem Kind vieles ersparen können, können sie die Ereignisse doch nicht ungeschehen machen, indem sie sie verschweigen. Allerdings ist es nicht sinnvoll, einem Kind unangenehme Informationen mitzuteilen, bevor es imstande ist, diese auch zu verarbeiten und sich nicht selbst schuldig zu fühlen. Wird einem Kind zu früh zu viel erzählt, kann es ein negatives Bild seiner leiblichen Eltern und damit ein negatives Selbstbild entwickeln, zum Beispiel wenn sich ein Kind die Vernachlässigung seiner Mutter nur damit erklären kann, dass es selbst es nicht wert war, versorgt zu werden.

Es gibt kein magisches Alter, an dem Eltern unangenehme Informationen am besten mit ihren Kindern besprechen sollten. Wenn das Kind noch sehr klein ist, wird den Adoptiveltern empfohlen, positiv über die leiblichen Eltern und ihre Entscheidung zu sprechen, das Kind zur Adoption frei zu geben. Allerdings sollten sie nichts sagen, was später korrigiert werden müsste und der Geschichte des Kindes widerspricht. Irgendwann bemerken Kinder von selbst, dass es Leerstellen in der Information gibt, die sie bisher über ihr Leben erhalten haben. Melina zitiert die Therapeutin Claudia Jewett Jarratt, die die Meinung vertritt, dass viele unangenehme oder tabuisierte Informationen für die Kinder wichtige Steinchen zum Verständnis ihrer eigenen Vergangenheit sind. Beispielsweise will eine adoptiertes Mädchen eines Tages wissen, warum ihre Mutter nicht für sie sorgen konnte und vermutet vielleicht, dass sie ein zu schwieriges Baby gewesen ist. In Wirklichkeit war ihre leibliche Mutter psychisch krank und die Adoptiveltern zögerten, ihrem Kind diese „traurige Mitteilung“ zu machen. Das Mädchen aber war über die Information nicht erschüttert, sondern erleichtert. Es war ihr damit völlig klar, dass sie keine Schuld an der Adoption trug, sondern die Krankheit der Mutter zur Abgabe geführt hatte.

Obwohl solche Gespräche mit einem Kind schwer sein können, sind doch die Eltern die geeignetsten Personen, um über unangenehme Dinge aus der Vergangenheit zu erzählen und dem Kind den nötigen Rückhalt zu geben. Die Eltern können ihm versichern, dass vergangene Dinge nicht geschehen sind, weil das Kind böse war und dass niemand böse ist, nur weil ihm Böses widerfährt.
Natürlich kommt es auch vor, dass Adoptiveltern zwischen Wut und Verachtung auf die leiblichen Eltern schwanken, wenn diese ihren Kindern etwas angetan haben. Dennoch ist das Adoptivkind mit diesen Menschen biologisch, historisch und psychologisch verbunden. Wenn Adoptiveltern die leiblichen Eltern attackieren, attackieren sie damit auch das Kind. Vielmehr sollte die Vergangenheit des Kindes freundlich besprochen werden und dem Kind die Trennung von seinen Eltern auf der Basis eigener Erfahrungen erklärt werden. Beispielweise kann ein Kind besser verstehen, wie überfordert eine Mutter durch die Verantwortung für ein Baby war, wenn sie sich an eine Begebenheit erinnert, als auch von ihm zu viel verlangt wurde. Das hilft dem Kind zu verstehen, ohne sich selbst verantwortlich zu fühlen.

Die Teile 3: "Sind Adoptierte eine Risikogruppe" und 4: "Etnische und kulturelle Identität" nach dem Buch "Raising Adopted Children" werden beim nächsten Update veröffentlicht.

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(Jutta Eigner)

Veröffentlichungsdatum: 14.07.2003