Adoptierte Kinder groß ziehen... I

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Zusammenfassungen nach dem Buch „Raising Adopted Children“
von Lois Ruskai Melina

Teil 1: Der Wechsel in die neue Familie: Einleben, Bindung und Zugehörigkeit

“Raising Adopted Children. Practical reassuring advice for every adoptive parent” ist der komplette Titel eines Buches, das 2002 im Harper Collins Verlag in zweiter Auflage erschienen ist. Das Buch, das zur Zeit nur in englischer Sprache verfügbar ist, ist ein typisch US-amerikanischer Adoptionsratgeber, wie sie dort in großer Fülle auf den Markt gebracht werden. Diesen allerdings kann man gerne weiter empfehlen. Auf mehr als 350 Seiten vermittelt die Autorin und zweifache Adoptivmutter Lois Ruskai Melina gut lesbar fundiertes und aktuelles Basiswissen über die vielen „großen Themen“ und Motive im Leben von Adoptivfamilien.

Da sich viele deutschsprachige Leser nicht über die Lektüre eines englischsprachigen Buches machen werden, sollen auf den folgenden Seiten einige wesentliche Schwerpunkte des Buches im Überblick zusammen gefasst werden:

  • Der Wechsel in die neue Familie

  • Bindung und Zugehörigkeit

  • Gespräche über Adoption innerhalb und außerhalb der Familie

  • Sind Adoptierte eine Risikogruppe?

  • Ethnische und kulturelle Identität


„Instant Families“ so wie „Instant Kaffee“ oder „Instant Menüs“ – so nennt Lois Melina plakativ die Gemeinschaft der Adoptivfamilien, die sich aufgrund der Unvorhersehbarkeiten jedes Adoptionsprozesses fast nie so auf ein Kind vorbereiten können, wie das leibliche Eltern tun. Aus Ungewissheit, wann es nun soweit sein wird und um kein schlechtes Omen heraufzubeschwören, richten sie das Kinderzimmer nur spärlich ein, informieren den Arbeitgeber erst in letzter Minute und versuchen sich nicht zu sehr an das erwartete Kind zu binden, um den Schmerz geringer zu halten, wenn die Adoption doch scheitern sollte. Die Geburt gleicht dann einer Sturzgeburt, von einem Moment auf den anderen, die Eltern wie Kinder fordert...

Manche Eltern erwarten sich, dass sie in dieser ersten Zeit vor allem überschäumende Freude empfinden werden. Oft werden sie von ambivalenteren Emotionen überrascht und die Freude kann sogar überlagert werden, beispielsweise wenn die leibliche Mutter noch eine Zeit lang entscheiden kann, ob sie das Kind wieder zu sich nehmen will. Auch „Nachadoptions-Depressionen“ kommen nicht selten vor, wenn die Eltern von den täglichen Anforderungen der Elternschaft überrollt werden, oder erst an ihren Erwartungen an ein „idealisiertes Adoptivkind“ arbeiten müssen, das vielleicht nicht mit der Realität übereinstimmt. Adoptiveltern können auch darüber trauern, dass sie selbst keinen genetischen Beitrag zu diesem wunderbaren Kind geleistet haben oder ihnen die Gelegenheit verwehrt blieb, vom ersten Moment seines Lebens für das Kind da zu sein.

Es kann ihnen schwer fallen, diese und ähnliche Gefühle jemandem anderen mitzuteilen, denn sie wollen nicht unzufrieden klingen. Ebenso schwierig ist es, zu akzeptieren, dass man über ein und dieselbe Sache so widersprüchliche Gefühle haben kann. Melina empfiehlt Adoptiveltern in dieser Situation, sich beispielsweise einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Wenn Adoptiveltern sich durch diese Gefühle arbeiten, können sie vielleicht besser nachvollziehen, welche Aufgaben ihren Kindern später einmal bevorstehen. Denn auch Adoptivkinder werden sehr wahrscheinlich widersprüchliche Gefühle ihnen selbst, ihrer Familie und ihrer Adoption gegenüber haben und diese nach und nach für sich klären müssen.

Einleben


Vorerst aber geht es darum, zu einer Familie zusammen zu wachsen und dabei die Reaktionen des neuen Familienmitgliedes richtig einordnen zu können. Adoptivkinder sind beim Wechsel in die neue Familie immer gezwungen, Verbindungen zu Menschen und Umgebungen abzubrechen, die ihnen vertraut geworden sind. Die Länge der Zeit, die Kinder anderswo verbracht haben, die Qualität der Beziehung zu ihren dortigen Bezugspersonen, die Anzahl der Zuhause, an denen Kinder bisher gelebt haben und ihr eigenes Alter bzw. der Entwicklungsstand sind ausschlaggebend dafür, wie Kinder auf diesen Wechsel reagieren. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Kinder und auch Babys über den Verlust ihrer Bezugspersonen trauern, auch wenn der Grund für die Adoption darin liegt, dass diese ihrer Elternrolle nicht nachgekommen sind. Melina diskutiert diesen Prozess der Anpassung abhängig vom Alter der Kinder bei ihrer Ankunft: für Babys, Kleinkinder, Vorschüler und Schüler.

Babys und Kleinkinder: Obwohl viele Menschen annehmen, dass Säuglinge sich schnell ihren neuen Eltern anpassen, zeigen doch einige von ihnen offensichtliche Reaktionen auf den Wechsel, der sich in diesem Alter rein körperlich vor allem in Form von Schlaf- oder Essproblemen ausdrückt. Das Baby kann die Nahrung verweigern, wieder ausspucken, mit Magenverstimmung oder chronischem Durchfall reagieren. Es kann ihm schwer fallen, regelmäßig oder für längere Zeit zu schlafen. Es kann leicht irritierbar sein, sich schlecht entwickeln oder häufig krank sein. Wenn medizinische Ursachen ausgeschlossen werden können, reagiert der Säugling sehr wahrscheinlich auf den Wechsel in seiner Umgebung.

Ab einem Alter von sechs Monaten, wenn die Bindung an ihre wichtigste Bezugsperson ein vorrangiges Thema wird, können auch Babys jene Stadien von Trauer durchmachen, die von nun an typisch für Menschen jeden Alters sind. Dazu gehört „Verleugnung“ der geänderten Situation, in der das Kind noch immer nach seiner verlorenen Bezugsperson Ausschau hält und jeden Moment ihre Rückkehr erwartet, „Zorn und Wut“, die oft durch unkontrolliertes Schreien ausgedrückt wird, „Niedergeschlagenheit oder Rückzug“ verbunden mit mangelndem Interesse an Nahrung oder Spiel und „Neuorganisation und Akzeptanz“ der geänderten Lebensumstände. Diese Stufen müssen nicht unbedingt aufeinander folgen und können sich mehrfach wiederholen. Eltern die Kleinkinder adoptieren, werden diese Phasen ebenfalls – wenn auch heftiger – erleben. Allerdings können Kleinkinder ihre Bedürfnisse bereits besser ausdrücken, was das gegenseitige Verständnis erleichtert.

Das Beachten einiger Grundregeln kann dazu beitragen, dem Kind den Übergang so leicht wie möglich zu machen. Ist das Kind noch sehr klein, werden Besuche der Adoptiveltern in der vertrauten Umgebung des Babys empfohlen, wo diese die Gewohnheiten des Babys erlernen und weiter pflegen können. Im Idealfall können Eltern so weit mitleben, dass beispielsweise die Pflegeeltern das Baden des Kindes beginnen und die Adoptiveltern diese Aktivität mit dem Baby beenden. Dabei lernen die Eltern den Umgang mit dem Kind und das Baby spürt die Erlaubnis seiner Bezugsperson, sich von den Adoptiveltern pflegen zu lassen. Wenn solche Besuche nicht möglich sind, sollte dennoch versucht werden, die täglichen Routinen, die Art wie das Kind gepflegt und wie mit ihm umgegangen wurde so gut wie möglich zu übernehmen bis das gegenseitige Vertrauen gewachsen ist. Es ist wichtig, den Tagesablauf des Babys beizubehalten und die Art und Weise zu kopieren, wie das Kind gefüttert, angezogen, gebadet oder gewickelt wird. Bei Kindern über sechs Monate kann es auch helfen, vertraute Spielsachen oder andere Objekte mit in das neue Zuhause zu nehmen. Zweijährigen beginnen bereits, einen eignen Raum in Anspruch zu nehmen. Ein solcher sollte ihnen auch im neuen Zuhause durch die Anwesenheit von Spielsachen oder Kindermöbeln deutlich gemacht werden...

Im Fall einer Auslandsadoption ist durch die kulturellen Unterschiede auch mit unvertrauten Gewohnheiten zu rechnen. Abgesehen von den unterschiedlichen Eßgewohnheiten gibt es auch häufig unterschiedliche Schlafgewohnheiten, zum Beispiel könnte das Kind bisher auf einer Matratze am Boden geschlafen oder mit vielen Leuten ein Zimmer geteilt haben.

Die Adoption von Vorschul- und Schulkindern vergleicht Molina mit einer Hochzeit, in der die Familienmitglieder viel übereinander zu lernen und sich an die unterschiedlichen Persönlichkeiten anzupassen haben. Kurz nach der Aufnahme in die Adoptivfamilie zeigen ältere Kinder oft ein nahezu perfektes Verhalten („honeymoon“). Auf diese Periode folgt ein Austesten des neuen Zuhause, wobei beide Phasen von der Trauer um den Verlust ihrer bisherigen Bezugspersonen gekennzeichnet sind. Auch ältere Kinder durchlaufen die bereits genannten Trauerphasen: wird den Kindern der Verlust bewusst, negieren sie ihn vorerst, indem sie beispielsweise annehmen, dass sie gestohlen wurden oder die Bedeutung vorheriger Bezugspersonen verleugnen. In dieser Zeit sollten die Adoptiveltern die Kinder wissen lassen, dass sie ihre Gefühle achten, dass diese Gefühle dazugehören und dass sie diese auch ausdrücken dürfen.

Manchmal glauben Kinder auch, dass sie, wenn sie sich nur perfekt genug benehmen, wieder in ihre alte (Pflege)Familie zurück dürfen. Sobald sie bemerken, dass sich ihre Situation trotz all ihrer Bemühungen nicht verändert, setzen die nächsten Stufen des Trauerprozesses ein: Niedergeschlagenheit gefolgt von Akzeptanz. Das Kind schreit nun nicht mehr, es klagt oder verhält sich apathisch und empfindet das Leben oft als hoffnungslos. Vielleicht hat es aufgehört zu essen oder versucht sich im Gegenteil mit Essen zu beruhigen. In dieser Zeit fällt es Adoptiveltern oft schwer, zu akzeptieren, dass sie die Trauer ihres Kindes nicht lindern können. Doch eben diese Trauer muss ausgedrückt werden, um die nächste Stufe zu erreichen: Verständnis und Akzeptanz des Verlustes und die Fähigkeit, das eigene Leben weiterzuführen... In dieser Zeit ist es für die Kinder wichtig, jemanden zu haben, auf dessen Trost und Beistand sie sich verlassen können. Sie haben erlebt, dass Beziehungen enden, die sie für bleibend hielten und fragen sich deswegen, welche anderen scheinbar dauerhaften Situationen ebenfalls zu Ende gehen könnten. Diese Gefühle können von der Angst begleitet werden, dass auch ihre Adoption nichts Bleibendes ist.
Obwohl Kinder das Bedürfnis haben, diese Befürchtungen auszudrücken, wollen sie nicht immer mit ihren neuen Eltern darüber sprechen, die sie erst so kurze Zeit kennen. In diesem Fall müssen die Eltern initiativ werden und versuchen, mehr über die Gefühle des Kindes zu erfahren, indem sie laut darüber nachdenken, was das Kind wohl empfinden mag.

Im Fall von Auslandsadoptionen empfiehlt Melina zusätzlich eine Reihe von Maßnahmen zur Erleichterung des Überganges:

  • Wenn die Adoptiveltern die Muttersprache des Kindes nicht gut beherrschen, sollten sie jemanden als Übersetzer bereit haben, den sie auch zu ungünstigen Tageszeiten anrufen können, wenn Zeichensprache und Wörterbuch nicht ausreichen. Dem Kind muss aber zuvor erklärt werden, wofür der Übersetzer da ist, denn manchmal bekommen Kinder Angst, wenn sie jemandem aus ihrem Herkunftsland begegnen und fürchten, dass diese Person sie wieder zurück bringt.

  • Auch wenn viele Eltern glauben, dass ein Kind sich umso leichter an die Umgebung anpassen wird, je schneller es die Sprache lernt, besteht kein Grund zur Eile. Während es sich in unsere Kultur einlebt, wird es gleichzeitig die Sprache dieser Kultur aufnehmen und beherrschen lernen. In der Zwischenzeit sollten die Eltern darauf achten, dass das Kind sich auf eine Weise ausdrücken kann, mit der es sich wohl fühlt.

  • Verlangen Sie nicht, dass Ihr Kind über Nacht seine bisherigen Gewohnheiten aufgibt. Das passiert ohnehin sehr schnell, denn das Kind will „dazu gehören“. Wenn es vorerst lieber am Boden schläft, die eigene Sprache spricht oder vertrautes Essen bevorzugt, so behindert das den Anpassungsprozess in keiner Weise. Im Gegenteil sollten die Eltern wissen, woran ihr Kind bisher gewöhnt war.

  • Machen Sie sich daher mit den Gebräuchen im Herkunftsland vertraut. Wenn Sie in das Land reisen, um das Kind zu adoptieren, besteht eine gute Gelegenheit dazu. Adoptionsvermittlungsstellen können Ihnen diesbezüglich schon vorweg oft wichtige Auskünfte geben.

  • Manchmal laden Eltern jemanden aus dem Herkunftsland des Kindes ein, um dem Kind eine Freude zu machen. Hier gilt dasselbe wie bei Übersetzern. In manchen Fällen wird das Kind den Klang seiner Sprache und andere Vertrautheiten schätzen. In anderen Fällen kann diese Situation Erinnerungen an schlechte Zeiten oder sogar die Angst hervorrufen, wieder zurück zu müssen. Eltern sollten daher schnell handeln wenn das Kind beunruhigt ist und es seines neuen Zuhauses versichern.

  • Geben Sie Ihrem Kind außerdem etwas mit, das es identifiziert, zum Beispiel ein Armband mit Name und Adresse. Ältere Kinder laufen in der ersten Zeit manchmal fort und können dann nicht sagen, wo sie leben.

Bindung und Zuneigung

Anders als Tierkinder, die sehr rasch Unabhängigkeit erreichen, müssen kleine Menschen enge Beziehungen entwickeln, damit über lange Zeit sicher für sie gesorgt wird. Um sich zu binden, müssen sie lernen, dass sie einer Person vertrauen können. Dieses Vertrauen ist weder bei leiblichen Eltern noch bei Adoptiveltern von Anfang an da. Für beide braucht es oft etwas Zeit, bevor die Eltern ihr Kind als unverzichtbaren Teil ihres Lebens sehen. Und es braucht Zeit für das Kind, die Eltern als besondere Menschen zu begreifen, die nicht durch andere ersetzt werden können.

Die Bindung zwischen Eltern und Säugling entwickelt sich, indem das Kind lernt, dass es auf seine Eltern vertrauen kann und diese seine körperlichen und emotionalen Bedürfnisse stillen. Das erste, was ein Säugling braucht ist Nahrung und Trost. Erst wenn er die Sicherheit hat, dass diese Bedürfnisse auch gestillt werden, kann er beginnen, Beziehungen aufzubauen. Mit etwa drei Monaten lernt das Kind, dass seine Mutter ebenfalls lächelt, wenn es sie anlacht und der Vater merkwürdige Geräusche macht, wenn es selbst solche ausstößt. So entwickelt sich eine wechselseitige Beziehung und das Baby lernt nach und nach, dass es beeinflussen kann, was Erwachsene für ihn tun und beginnt, bewusste Handlungen zu setzen.

Mit etwa sechs Monaten kann sich der Säugling etwas unter einer „Person“ vorstellen. Davor hatte er zwar vielleicht das Gesicht der Mutter erkannt, aber nicht verstanden, dass dieses Gesicht zu einem bestimmten Menschen gehört. Nun kann er beginnen, zwischen Personen zu unterscheiden und seine wichtigsten Bezugspersonen zu bevorzugen. Er wendet sich von da an direkt an diese Personen und erwartet von ihnen eine Reaktion. Andere Menschen können ihn nicht mehr so gut zufrieden stellen. Diese Trennungsangst ist abhängig vom vorhergehenden Bindungsprozess und nicht vom Alter des Kindes. Wenn ein Kind in diesem Alter in eine Adoptivfamilie kommt, kann es einige Monate dauern, bis es Trennungsängste zeigt. Sie treten erst dann auf, wenn die Bindung so weit gediehen ist, dass die neuen Eltern für das Kind wichtiger geworden sind als jede andere Person.

Ein Baby, das sich von Geburt an bei denselben Elternpersonen befunden hat, wird sich nach den ersten sechs Monaten schon sehr sicher im Kontakt mit den Eltern fühlen und nun ausprobieren, inwieweit auch andere auf seine Wünsche reagieren. Wenn ihm das gelingt, fühlt es sich mächtig und die Abhängigkeit von den Eltern wird geringer. Dennoch wird das Kind sobald es in eine Stresssituation gerät, den Schutz seiner Eltern suchen. Diese sollten ihre Kinder dabei unterstützen und Bindungen zu anderen Menschen in- und außerhalb der Familie ermöglichen die zeigen, dass das Kind sich sicher genug fühlt, den Rest der Welt zu ergründen.

Ist ein Kind erst vor kurzem in die Adoptivfamilie gekommen, wird es in Stresssituationen nach seinen ersten Pflegepersonen Ausschau halten. Das bedeutet nicht, dass es die Adoptiveltern zurückweisen will, sondern kann als ein Zeichen dafür gewertet werden, dass das Kind bereits enge Beziehungen gekannt hat und es ihm daher auch leichter fallen wird, die neuen Eltern nach und nach als wich igste Bezugspersonen anzuerkennen.
Wie lange es dauert, bis Eltern und Kind füreinander unersetzlich geworden sind, kann aber vorher nicht gesagt werden. Das können Wochen sein, Monate, ein Jahr und darüber hinaus, wobei der Prozess für einen Elternteil länger dauern kann und für den anderen kürzer. Hier lässt sich nichts beschleunigen und man sollte es auch nicht als Scheitern auslegen, wenn mehr Zeit von Nöten ist, als erwartet. Wenn das Kind gut auf den Elternteil anspricht und die Eltern das Gefühl haben, die Bedürfnisse des Kindes gut zu erkennen, sind das Maßstäbe für eine gelungene Bindung. Ein anderes Zeichen ist die Bereitschaft des Kindes, sich vom Elternteil zu entfernen und zurückzukehren, sobald sich Schwierigkeiten in den Weg stellen, um wieder das nötige Vertrauen für weitere Entdeckungen zu finden.

Man könnte meinen, dass Kinder die bisher wenig Zuwendung erfahren haben, diese besonders suchen, sobald sie endlich Gelegenheit dazu haben. Ihr Verhalten ist aber eher von fehlendem Vertrauen geprägt. Solche Kinder glauben nicht mehr an ihre Fähigkeit, andere Menschen dazu zu bringen, auf ihre Bedürfnisse zu reagieren und diese zu erfüllen. Wenn das Baby im Extremfall niemals konstante Fürsorge erlebt hat, erwartet es sich keine Nähe mehr, reagiert argwöhnisch auf Zuneigung oder weist diese sogar zurück. Es vermeidet, seine Bindungsbedürfnisse zu aktivieren, damit es in der Nähe von Menschen bleiben kann, ohne zurückgewiesen zu werden, weil es etwas von ihnen will. Manche dieser Kinder zeigen „unterschiedsloser Freundlichkeit“, die oft auftritt, wenn Kinder viele Jahre in schlecht besetzten Waisenhäusern verbracht haben. Sie scheinen besonders liebevoll zu sein, sind das aber eher zu Fremden als zu Familienmitgliedern, denn ihr Verhalten hat keine Gefühlsbasis. Das Kind hat nie gelernt, mehr von jemandem in seiner Nähe zu erwarten als von einem Fremden.

Wenn die bisherige Pflege des Kindes keine Kontinuität hatte, lernt das Kind, dass seine Bedürfnisse einmal erfüllt werden und dann wieder nicht, weiß aber nicht wann und wie. Diese Kinder fürchten, abhängig zu erscheinen und können gegenüber Zuneigung ebenfalls sehr misstrauisch sein. Die Bindungsforschung ist sich nahezu einig, dass Babys die in ihren ersten sechs Monaten ohne regelmäßige vertrauenswürdige Pflege von wenigen bekannten Bezugspersonen leben mussten, stärker gefährdet sind, später Bindungs- und Verhaltensprobleme zu entwickeln, auch wenn einige von ihnen mit viel Mühe und professioneller Unterstützung nachträglich Vertrauen erlernen können. Bessere Aussichten haben Kinder, die in ihren ersten Monaten sichere Bindungen eingehen konnten, auch wenn diese zerbrochen sind. Sie werden den Verlust zwar betrauern, aber in absehbarer Zeit lernen, dass sie nun auf ihre Adoptiveltern so zählen können, wie zuvor auf die leiblichen oder Pflegeeltern. Weil sie früh gelernt haben, zu vertrauen, dass ihre Bedürfnisse erfüllt werden, können sie dieses Vertrauen von einer Person auf eine andere übertragen.

Je älter Kinder bei der Adoption sind, umso größer sind die Bedenken der Adoptiveltern, ob und in welchem Zeitrahmen eine Bindung möglich sein wird. Mit zunehmendem Alter werden auch ihre Persönlichkeit, ihre Gewohnheiten, ihre Vorlieben und ihre Abneigungen ausgeprägter. Verständlicher Weise haben zukünftige Adoptiveltern Bedenken, ob sie das Kind mögen oder gar lieben werden. Gerade älterer Kinder waren in ihrem bisherigen Leben möglicherweise bereits Vernachlässigung oder Missbrauch ausgesetzt, sodass sie argwöhnisch auf körperlichem Kontakt oder neue Bindungen reagieren.

Der Prozess der Bindung zwischen einem Elternteil und einem ältern Kind kann dennoch mit dem eines Säuglings verglichen werden. Zuerst lernt der Säugling, dass er sich darauf verlassen kann, dass ein Erwachsener seine körperlichen Bedürfnisse stillt, dann, dass er einen Erwachsenen lächeln lassen und dazu bringen kann, mit ihm zu spielen. Ab diesem Punkt wird die Bindung gegenseitig. Wenn Adoptiveltern ein älteres Kind aufnehmen, vermuten sie häufig, dass sich das Kind bei der Ankunft schon in einem späteren Stadium des Bindungsprozesses befindet. Dennoch müssen sie zuerst beweisen, dass es zur rechten Zeit immer genug zu essen gibt...

In der Regel erwarten Adoptiveltern von einem älteren Kind, dass es mehr Geduld bei seinen Ansprüchen hat und nicht wie ein Zweijähriges vor seiner Mutter steht und „hoch, hoch, hoch“ ruft, bis die Mutter nachgibt. Viele Eltern meinen auch, dass dieselben Aktivitäten die Bindung zu einem siebenjährigen Adoptivkind entwickeln helfen, die man auch mit einem leiblichen Kind dieses Alters unternehmen würde. Gleich nach der Aufnahme in die Familie scheint das auch so zu sein – die Kinder verhalten sich richtig und akzeptieren ihre Adoptiveltern und Geschwister. Sie sind zugänglich und verantwortungsbewusst – Melina nennt das die „honeymoon period“. Erst wenn sich in der Familie Bindungen zu entwickeln beginnen, werden diese Flitterwochen durch eine Testphase abgelöst, in der das Kind sich so verhält, dass es die entstehende Beziehung scheinbar gefährdet.

Das ältere Kind hat in dieser Testphase ambivalente Gefühle gegenüber der Nähe, die es selbst spürt. Alle vorherigen Beziehungen zu Erwachsenen führten zu einer Trennung, sodass das Kind derartiges wieder erwartet und die Verbindung zu beenden sucht, bevor es sich zu sehr an die neuen Eltern annähert. Man spricht auch davon, dass das Kind testet, ob es nur bei angenehmem Verhalten als Familienmitglied anerkannt wird. Das ändert nichts daran, dass es ein Familienmitglied sein will, auch wenn es herausfinden muss, wie weit es gehen kann. Beispielsweise kann das Kind Entfernung zwischen sich und den Eltern herstellen, indem es Schimpfworte gebraucht, lügt, sich schlägt, keinen Augenkontakt hält und sich viel zu erwachsen für sein Alter gibt. Gleichzeitig kann es klammern, winseln, Schwierigkeiten beim Essen und Schlafen haben und ins Bett nässen. Die einen wie die anderen Verhaltensweisen sind für die Eltern frustrierend, aber erstere diesen dazu, die Eltern auf Distanz zu halten, während letztere sie näher bringen sollen.

Melina zitiert hier den Psychologen Terrence Koller, der meint, dass auch ältere Kinder sich sehr häufig wie kleine Kinder in den frühen Phasen der Bindung verhalten. Klammern, winseln und babyähnliches Verhalten sind für einen Säugling akzeptable Wege, die Mutter näher zu bringen. Bei Siebenjährigen haben sie einen umgekehrten Effekt, vor allem wenn sie mit Verhaltensweisen gekoppelt sind, die ausdrücken, dass das Kind sich nicht annähern will, zum Beispiel das Fehlen von Augenkontakt. Doch gerade Kinder im Schulalter können sich nach einer Adoption physisch, emotional und moralisch zurück entwickeln. Wir erwarten von einem Kleinkind nicht, dass es immer sauber ist, ohne Widerspruch ins Bett geht und weiß, dass es nichts aus Mamas Kleiderschrank nehmen soll. Genau so können sich auch ältere Kinder verhalten, wenn sie gerade in die Familie gekommen sind. Sie sind zwar vom Alter her keine Babys mehr, wohl aber Babys in der Familie.

Melina empfiehlt den Eltern in dieser Situation, zwischen Verhaltensweisen zu unterscheiden, die die Eltern wegstoßen und solchen, die sie näher bringen sollen und auf diese Verhaltensweisen zu antworten, als wäre das Kind viel jünger. Dabei ist es nicht immer leicht zwischen „komm her“ und „geh fort“ zu unterscheiden und Eltern müssen manchmal sehr kreativ werden, um die Bedürfnisse des Kindes zum Beispiel nach körperlicher Nähe zu stillen. Ein Zwölfjähriger, der sich weigert ins Bett zu gehen möchte vielleicht von den Eltern in den Schlaf gewiegt werden und wird seinen Eltern vielleicht erlauben, das zu tun. Oder aber er weigert sich, „wie ein Baby“ behandelt zu werden und es müssen andere Wege gefunden werden, ihm den Trost und die körperliche Nähe zu geben, die er benötigt.

Allerdings – so Melina – sollten Bindungen nicht überstürzt eingefordert werden. Besser ist es, den Prozess zu genießen, Spaß mit dem Kind zu haben und ein Reservoir von angenehmen Erinnerungen anzulegen, auf die man zurückgreifen kann, wenn es Reibereien in der Familie gibt. Aufgabe der Eltern ist es, die Bedürfnisse der Kinder zu erkennen und zu erfüllen. Vor allem bei einem älteren Kind, bei dem schwierige Verhaltensweisen die wachsende Nähe begleiten, müssen Adoptiveltern lernen, Zeichen der Bindung zu erkennen und Kraft daraus zu schöpfen.

Lesen Sie auch den zweiten Teil der Zusammenfassung von "Raising Adopted Children" mit dem Schwerpunktthema "Gespräche über Adoption"

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(Jutta Eigner)

Veröffentlichungsdatum: 14.07.2003