Die Folgen von Vernachlässigung für rumänische Adoptivkinder

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Rene Hoksbergen und die Mitarbeiter des Rumänien-Projektes:
Die Folgen von Vernachlässigung
Erfahrungen mit Adoptivkindern aus Rumänien
Aus dem Niederländischen von Heike Angele

Herausgegeben von Inge Elsässer für den Evangelischen Verein für Adoptions- und Pflegekindervermittlung Rheinland e.V. in der Wittlaerer Reihe, Band 7
Schulz Kirchner Verlag, Idstein 2003
200 Seiten, kartoniert
ISBN 3-8248-0307-0


Anfang dieses Jahres erschien im Schulz-Kirchner Verlag ein neues Buch der "Wittlaerer Reihe", die sich vorrangig dem Themenkreis Adoption und Pflegschaft verschrieben hat, in der bereits mehrere Publikationen über Aspekte internationaler Adoptionen erschienen sind. Diesmal handelt es sich um die Übersetzung einer niederländischen Untersuchung über Adoptivkinder aus Rumänien, die nun auch deutschsprachigen Adoptionsfachkräften, -bewerbern und -familien zur Verfügung gestellt werden soll.

Bereits der Blick auf den Autor lässt eine qualitätvolle Studie erwarten: Rene Hoksbergen, der die Untersuchung gemeinsam mit 15 Studenten durchgeführt hat, ist Leiter des Adoptionszentrums der Universität Utrecht und Inhaber einer ordentlichen Professur für Adoption - einem weltweit einzigartigen Lehrstuhl, der geschaffen wurde, als internationale Adoptionen in den Niederlanden in den 70er und 80er Jahren einen Höhepunkt erreichten. In dieser Funktion wandten sich Ende 1996 einige Adoptiveltern an Hoksbergen, die ihre tiefe Sorge über die Zukunftsmöglichkeiten ihrer rumänischen Kinder ausdrückten, über teils äußerst gravierenden Entwicklungsrückstände und Verhaltensauffälligkeiten berichteten und erfahren wollten, ob auch andere Adoptivfamilien mit vergleichbaren Problemen umzugehen hätten. Dies waren die Auslöser zum "Rumänien-Projekt", das sich als erste niederländische Studie mit der Problematik von Adoptivfamilien mit rumänischen Kindern beschäftigt.

Die Arbeit an der Studie begann im Jahr 1997. Ziel war es, einen präziseren Einblick in die Situation dieser Familien und die psycho-soziale Problematik der Kinder zu erhalten, sowie die besonderen Belastungen der Adoptiveltern bei der Erziehung und den daraus abzuleitenden Bedarf an psycho-sozial orientierten Hilfen zu erkennen.

Doch bevor Hoksbergen uns mit den Teilbereichen seiner Studie, den dahinter stehenden Überlegungen, Parametern und Ergebnissen vertraut macht, versucht das Buch, einen pointierten Einblick in die historische Situation Rumäniens sowie die Ursachen der zahlreichen Adoptionsfreigaben zu geben. 1984 war eine Verordnung erlassen worden, dass jede Familie mindestens fünf Kinder haben muss, wobei der Gebrauch von Verhütungsmitteln und der Schwangerschaftsabbruch verboten wurden. Allerdings war es in Rumänien, das lange Zeit das ärmste Land des Ostblocks war, für viele Eltern - vor allem für Zigeuner - nahezu unmöglich, für den täglichen Unterhalt zu sorgen, oder gar Reserven für die Geburt eines weiteren Kindes anzulegen. Zusätzliche Aktivitäten der "Securitate" sowie die Auflösung von Dorfgemeinschaften und deren Umsiedlung in Plattenbauten hatten den Einfluss alter Familiennetzwerke stark eingedämmt. All diese Gründe führten dazu, dass viele Eltern nicht mehr in der Lage waren, gut für ihre Kinder zu sorgen und ihnen oft nichts anderes übrig blieb, als sie der staatlichen Fürsorge zu überlassen. Das entsprach der Politik Ceaucescus, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, möglichst viele Kinder in staatlichen Kinderheimen unterzubringen. Ceaucescu selbst sah in diesen Heimkindern seine künftigen Untertanen, die dafür bestimmt waren, für die "Securitate" zu arbeiten. In dieser Zeit wurden 600-800 Kinderheim gegründet, von deren Bewohnern nur 4 Prozent tatsächlich Waisenkinder waren. Nach Angaben der UNICEF befindet sich zur Zeit eines von 60 Kindern in einem Kinderheim, was einen weltweiten Höchstwert darstellt.
Die personelle Unterbesetzung in den Heimen, der Mangel an Ausstattung und Fachwissen sowie das niedere gesellschaftliche Ansehen und die schlechte Bezahlung der im Kinderheim Beschäftigten haben zu einer ausgesprochen schlechten Situation in fast allen Heimen geführt, sodass für viele Kinder, so Hoksbergen, "eine normale Erziehung keine ausreichende Möglichkeit mehr bieten kann, ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu werden".
Nach der Öffnung Rumäniens wurden die beklagenswerten Zustände in den Kinderheimen weltweit über die Medien bekannt und führten dazu, dass sich Paare und Alleinstehende zur Adoption eines rumänischen Kindes entschlossen, darunter auch eine kleinere Anzahl von Adoptivwerbern aus den Niederlanden.

Hoksbergens Studie unter 80 Familien (das sind 83 Prozent aller niederländischen Familien, die aus Rumänien adoptiert hatten) wurde mit Hilfe der "Child Behavior Checklist" (CBCL) durchgeführt, mit der ein möglichst exaktes Bild der Verhaltensprobleme von Kindern zwischen 4 und 16 Jahren erreicht werden kann. Im Verhältnis zur Normgruppe wiesen die rumänischen Kinder bei einer Reihe von Symptomen deutlich höhere Werte auf, und zwar bei Aufmerksamkeitsproblemen (Konzentrationsstörungen, impulsives Verhalten, Unruhe, Tagträume unter anderem); aggressivem Verhalten (Streit anfangen, viel Aufmerksamkeit fordern, zerstörungswütig, ungehorsam, widerspenstig, schreit oder kreischt oft, Wutanfälle unter anderem) und Problemen im Denkvermögen (Zwangsvorstellungen, Zwangshandlungen, merkwürdige und seltene Gedanken, sieht Dinge, die es nicht gibt), wobei mehr als ein Drittel der gesamten Gruppe klinische Werte erreicht.
Während die rumänischen Kinder beim Breitband-Syndrom "Internalisieren" (Zurückgezogenheit, körperliche Beschwerden, Ängstlich/Depressiv) im Rahmen der Normgruppe liegen, schneiden sie beim "Externalisieren" (aggressives und delinquentes Verhalten) entscheidend höher ab. Vermutlich bot dieses aggressive nach außen tretende Verhalten den Kindern in einem Kinderheim höhere Überlebenschancen als anderen, die zu Ängstlichkeit und Depression neigen.

Einige Störungen bei den Adoptivkindern können klar diagnostiziert werden, darunter "posttraumatische Stressreaktionen" (PTSR), "Institutional Autistic Syndrome" (IAS) und das "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom" (ADHS), die Hoksbergen in einem zweiten Teil der Studie untersucht und die Ergebnisse detailliert in jeweils einem Kapitel des Buches erklärt. Von den achtzig Kindern wiesen sechzehn Kinder PTSR-Symptome auf (20 %); sechs Kinder (7,5 %) waren dem autistischen Bereich zuzuordnen, sieben Kinder zeigten autistische Symptome (9 %) und zwölf Kinder konnten dem klinischen Bereich oder Grenzbereich für ADHS zugeordnet werden (15 %).
Ohne auf Details der Untersuchungen eingehen zu können, zieht sich jedoch eine Empfehlung von Hoksbergen durch alle Kapitel: Zum einen plädiert der Autor für eine standardisierte psycho-soziale Untersuchung nach Ankunft jedes einzelnen Kindes, wodurch die zu erwartende Familienbelastung und der Bedarf an Unterstützung deutlicher wird. Zum anderen empfindet er es als absolut notwendig, Adoptivkinder mit einer langen, negativen Heimerfahrung nur an Adoptiveltern zu vermitteln, wenn gleichzeitig und unmittelbar nach der Aufnahme professionelle Hilfe angeboten werden könne.

Mehrere Ergebnisse der Studie machen aber auch Mut, wobei sich eines auf die Verweildauer der Kinder bezieht. Es konnte nämlich festgestellt werden, dass die Verhaltensprobleme an Intensität verlieren, wenn Kinder mindestens fünf Jahre in einer Adoptivfamilie sind. Dass auch diese Zeit der Erholung für eine Familie sehr lang werden kann und eventuell eine Verkürzung bei zielgerichteter Betreuung möglich ist, spricht eindeutig für die geforderte professionelle Begleitung der Familien.
Weiters ergab die Studie, dass - anders als zumeist vermutet - das Alter zum Zeitpunkt der Adoption eine weniger große Rolle bei der Ausbildung von Verhaltensproblemen spielt, als der Gesundheitszustand bei der Aufnahme in die Familie, sodass vor allem die Erfahrungen im Herkunftsland als für die Entwicklung von Verhaltensproblemen maßgeblich betrachtet werden können. (vergleiche Seite158f.)
Trotz der zum Teil gravierenden psycho-sozialen Probleme, mit denen Adoptiveltern bei der Erziehung ihres rumänischen Kindes konfrontiert werden, schließt Hoksbergen, dass sie ihrer Aufgabe nicht nur gut gewachsen sind, sondern zuweilen mit der Erziehungssituation sogar zufriedener als andere Eltern. Das mag an ihrem großen Engagement oder ihrer überdurchschnittlichen Belastbarkeit liegen, die möglicherweise eine Folge des langen Adoptionsverfahrens ist. In jedem Fall bleiben rumänische Adoptivkinder die Wunschkinder ihrer Eltern, für deren Zukunft sie sich einsetzen.


Das Buch ist über den Buchhandel oder direkt beim Verlag erhältlich:
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(Jutta Eigner)

Veröffentlichungsdatum: 07.04.2003