Christine Zalka: Mein Kind aus Haiti

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Eine kleine Geschichte von Gott.

Auszug aus dem gleichnamigen Buch von Christine Zalka

 

Haiti-Erdbeben und die Tage danach

„Erdbeben in Haiti!“ – diese drei Worte erreichten mich am 12.Januar 2010 per SMS über das Handy, als ich noch schlaftrunken in meinem Bett lag. Es war – ich blickte, nachdem ich den Text gelesen und als Absenderin meine Schwester realisiert hatte, auf die Uhrzeit – ungefähr 4 Uhr 30.

Zunächst löste die Botschaft in mir keine Panik aus – mein noch nicht vollkommen wacher Zustand ließ lediglich die Vermutung zu, daß es sich um ein kleines, unbedeutendes Beben handeln könne und bestimmt auch würde… Als meine Schlaftrunkenheit wich, hatte ich gleichzeitig jedoch das unbehagliche Gefühl, das uns in jenen Augenblicken im Leben beschleicht, wenn wir entgegen unserer ersten Gedanken immer deutlicher erkennen, dass sie uns wie ein Selbstschutz-Mechanismus zu beruhigen versuchen und in Wirklichkeit alles leider ganz anders ist.

Haiti nach dem ErdbebenIm Fall des Erdbebens in Haiti war es definitiv anders. Es handelte sich – das erfuhr ich wenig später auf dem Weg zur Arbeit aus den Nachrichten, die ich im Autoradio hörte,  „ …  um das größte Erdbeben in Haiti seit Menschengedenken. Auch der Präsidentenpalast ist schwer beschädigt worden. Es werden Tausende Todesopfer befürchtet. Sämtliche Verbindungen in das Land sind unterbrochen ….“

Ich blieb aufs Fahren konzentriert, denn es setzte sich in mir ein Mechanismus in Gang, der mir aus Ausnahmesituationen bereits bekannt war. Solange die Gefahr anhält, kann ich all das erledigen, was ich auch ansonsten zu tun habe – parallel dazu läuft ein Film ab, der mir in einzelnen Sequenzen vor gibt, was ich zu unternehmen habe, um mir einen Überblick zu verschaffen und Maßnahmen zu setzen. Bei alldem bleibe ich äußerlich völlig ruhig.

Ich kam im Büro an und wurde bereits von einigen Kolleginnen mit der Frage: „Weißt Du etwas?“ erwartet.

Wie konnte ich etwas über die Situation meines Kindes in Erfahrung bringen? So weit ich den Nachrichten entnommen hatte, waren sämtliche Verbindungen nach Haiti unterbrochen.

An meinem Arbeitsplatz angekommen, schickte ich als erstes eine e-mail Anfrage an Martine im Waisenhaus Foyer Coeur de Marie  – sie war es gewesen, die mir das erste Foto meiner Tochter geschickt hatte – wie lange war das her? Meine Gedanken schweiften ab, zurück zu dem Zeitpunkt vor mehr als einem Jahr, im September 2008, als ich – spätnachts unserer Zeit – noch vor dem PC gesessen und  e-mails gelesen hatte, als ich plötzlich „Martine Mancuso“ als Absenderin entdeckte. Ich öffnete die Datei und las: „I’m glad to tell you, that we have an attribution for you: Fadeline Destin, born on May 26th 2007. Enclosed you’ll find some pictures. Please answer, if you accept the attribution. Kindest regards …”

Als ich damals den Anhang öffnete, sah ich zum ersten Mal in die Augen meiner Tochter. Ich erinnerte mich sehr gut an den Moment, als ich bei meinem Adoptivsohn Simon Adonay, der in Äthiopien geboren ist, ebenfalls jenen bedeutungsvollen Schritt setzte: ich sah ihm in die Augen … wenn auch lediglich auf einem Foto.

Dieser Augenblick bildet den ersten Höhepunkt nach einer Reihe von Schritten, die man als Adoptierende bereits hinter sich hat: Sammeln von Papieren, Besuch bei Ärzten zwecks Gutachten, Gespräche mit Jugendamt und so genannten Jugendwohlfahrtsträgern, Kurse und dergleichen mehr, Zusammenstellen des Dossiers. Die innerstaatlichen Zwischen- und Überbeglaubigungen, danach die Übersetzung des gesamten Dossiers in die Amtssprache des jeweiligen Landes - in Äthiopien: ins Englische, in Haiti: ins Französische -, alles durch einen gerichtlich beglaubigten Übersetzer. Die Überbeglaubigung durch die Botschaft des Herkunftslandes und – endlich – das Absenden des fertigen Dossiers in Richtung Kinderheim. All das klingt nach langwierigen Maßnahmen, die zu setzen sind – und zum Teil sind sie das auch.

Und doch: vom ersten Tag an denkt man bei allem, was zu tun ist, bereits an sein Kind. Es ist im Herzen bei einem, auch, wenn man es noch nicht persönlich oder durch ein Foto kennt.

Es verläuft vermutlich ähnlich wie bei einer Schwangerschaft, wenn die werdende Mutter sich vorzustellen versucht, wie ihr Kind aussehen könnte, welche Eigenschaften es wohl haben und wie es sein würde, wenn es erst da ist …

Der Unterschied besteht in meinem Augen nur in der körperlichen Wahrnehmung der Veränderungen, welche eine schwangere Frau ebenfalls durchläuft. Alles Übrige ist bei Adoptivmüttern völlig gleich. Bestätigungen meiner Annahme habe ich von mir bekannten Adoptivmüttern erhalten, die auch leibliche Mütter sind. Fest steht, dass man tut, „was zu tun ist“, damit ein Kind zur Welt – oder nach Hause – kommen kann.

Miriams Weg nach Hause war ein langer und beschwerlicher, und nach dem Bekanntwerden des Ausmaßes an Zerstörung durch das Erdbeben am 12.Jänner kam, nachdem ich vom Büro wieder zu Hause angekommen war, eine erste Panik in mir hoch. Bilder, wie mein Kind mit blutigem Kopf unter einem Berg von Steinen lag, traten vor mein inneres Auge.

Ich setzte mich sofort an den PC und versuchte, im Internet Informationen zu erhalten.

In einer Zeit, in der es eine überbordende Datenfülle gibt und die Welt durch kommunikationstechnische Möglichkeiten immer „kleiner“ wird, trat für mich umso deutlicher hervor, dass sich die Natur von unseren menschlichen Errungenschaften nicht immer beeindrucken lässt und wir in gewissen Augenblicken völlig machtlos bleiben.

Die einzige Möglichkeit, auf irgendeine Weise an Informationen zu kommen, war das Internet. Das Internationale Rote Kreuz hatte in der Zwischenzeit eine Art Registriersystem installiert: Menschen in Port-au-Prince konnten ihre Daten eintragen, um Verwandten zu zeigen, dass sie überlebt hatten. Im TV zeigte CNN erschütternde Bilder. Noch war es den Rettungsmannschaften unmöglich, überhaupt zur Bevölkerung in die Hauptstadt vorzudringen.

Für mich ist es normal, mit Gott zu sprechen, und ich bete, auch, wenn es mir gut geht. In einer Ausnahmesituation wie dieser lag es daher für mich nahe, im Tagesverlauf immer wieder an Gott mit der Bitte heranzutreten, meine Tochter möge wohlauf sein.

Als ich in mich hineinhörte, kam ganz klar der Gedanke: „Deine Tochter lebt.“ Ab diesem Zeitpunkt erschienen mir zwar trotzdem ab und zu Bilder meines möglicherweise verletzten Kindes, doch ich war ohne Zweifel, dass Miriam überlebt hatte. Ab und zu sah ich sie geistig vor mir, wie sie inmitten vieler anderer Kinder herumwuselte … für mich gleichzeitig beruhigend, aber aufgrund der Umstände ein wenig befremdend, empfand ich in diesen Momenten eine kurze, friedliche Ruhe in meinem Innersten.

 

Von: Christine Zalka

Gesendet: Mittwoch, 13.Jänner 2010, 9:05

An: Martine Mancuso, Haiti

Dear Martine,

knowing, that the situation in Haiti must be terrible at the moment, I’d like to ask, if you and the children are allright … if possible, write me a short message, please. Also, if you need some things urgently. Kindest regards, Christine

 

Von: Zalka Christine

Gesendet: Mittwoch, 13.Jänner 2010, 9:07

An: Consulat d’Haiti

Liebe Frau Dreihahnn-Holenia,

sollten Sie im Laufe des Tages erfahren, wie es dem Kinderheim nach dem Erdbeben geht, wäre ich für eine kurze Nachricht dankbar. Ich habe Martine soeben auch eine Anfrage geschickt, weiß natürlich nicht, ob e-mails derzeit überhaupt möglich sind.

Lieben Gruß,

Christine Zalka

 

Von: Consulat d’Haiti

Gesendet: Mittwoch, 13.Jänner 2010, 9:50

Unmöglich zu wissen. Die Leitungen funktionieren nicht. Ich habe Nachrichten nur über amerkanischen Handys oder internet solange die Batterie Vorräte reichen.

Die Gegend ist sehr sehr getroffen …

 

Von: Zalka Christine

Gesendet: Mittwoch, 13.Jänner 2010, 9:55

An: Hadamovxky Gabriele

L((

 

Von: Hadamovsky Gabriele

Gesendet: Mittwoch, 13.Jänner 2010, 9:56

An: Zalka Christine

Ich hab’s befürchtet. Scheiße.

 

Von: Zalka Christine

Gesendet: Mittwoch, 13.Jänner 2010, 10:00

An: Hadamovxky Gabriele

Trotzdem, ihr ist nichts passiert, bin sicher.

 

Von: Hadamovxky Gabriele

Gesendet: Mittwoch, 13.Jänner 2010, 10:05

An. Zalka Christine

J)))

 

Von: Zalka Chrisitne

Gesendet: Mittwoch, 13.Jänner 2010, 10:21

An: Beatrix Garnier-Merz (help a child)

Sehr geehrte Frau Garnier-Merz,

mir ist klar, dass die Lage nach dem Erdbeben in Haiti verheerend ist, aber manchmal kommen doch Nachrichten durch. Sollten Sie Infos haben, wie es den Kinderheimen geht (auch jenem, in dem Arianne Rubino die Leiterin ist, denn dort befindet sich mein Kind …), wäre ich für eine kurze Information sehr dankbar.

Lieben Gruss,

Christine Zalka

 

Von: Beatrix Garnier-Merz

Gesendet: Mittwoch, 13.Jänner 2010, 10:42

An: Christine Zalka

Liebe Frau Zalka,

ich konnte gestern nacht mit Martine sprechen, es ist verheerend … Sie hatte bis gestern abend keinen Kontakt  zu Arianne, sollte ich etwas hören, melde ich mich bei Ihnen. Wir haben zu drei Kinderheimen gar keinen Kontakt, alle Leitungen sind tot. Viele Grüße,

Barbara Garnier-Merz

 

Die beiden nächsten Tage und zum Großteil auch die Nächte waren ausgefüllt mit dauernden, intensiven Bemühungen, auf irgendeine Weise zu Nachrichten über das Waisenhaus und damit über mein Kind zu bekommen. Gleichzeitig musste ich meinem Sohn Simon Erklärungen geben – im TV lief CNN, ich saß stundenlang vor dem PC. Nach Überlegungen in viele Richtungen entschloss ich mich, ihm in geeigneter Weise die Tatsachen zu erklären – letztlich hatte ich außer meiner inneren Überzeugung noch keinen Beweis für das tatsächliche Überleben meiner Tochter, und so hielt ich es für besser, Simon, der schon seit mehr als einem Jahr auf seine Schwester wartete,  schonend beizubringen, dass diese möglicherweise nicht mehr zu uns kommen könnte. Ich beendete meine Ausführungen trotzdem mit dem Satz: „Wir wissen es zwar nicht, aber ich bin sicher, dass es ihr gut geht. Trotzdem müssen wir abwarten, bis wir das auch wirklich erfahren.“

Somit hoffte ich, dass er ein kleines Türchen der Bereitschaft, sich mit einem solchen Gedanken zu befassen, in sich öffnen könnte und von einer möglichen Schreckensbotschaft nicht vollkommen aus der Bahn geworfen würde.Miriam

Fast den gesamten Tag über lief das Fernsehgerät. Ein Reporter von CNN war vor Ort, als Retter, die mittlerweile teilweise zu den Betroffenen vorgedrungen waren, versuchten, ein Mädchen, dessen Beine bis zur Hüfte von Betonblöcken bedeckt waren, aus den Trümmern zu befreien. Der Anblick dieses verschütteten Kindes, das ernst, geduldig und aufmerksam darauf wartete, wie seine Bergung vor sich gehen sollte, machte mich ebenso tief betroffen wie der Anblick aufgedunsener Menschenkörper, die bergeweise an den noch verbliebenen Strassenrändern gestapelt wurden … mir ging der Gedanke durch den Kopf, dass Menschen in Haiti im Tod so behandelt wurden wie davor im Leben: wie Müll.

 

Von: Zalka Christine

Gesendet: Donnerstag, 14.Jänner 2010, 9:44

An: GLA Haiti

Whoever may read it

I am an adoptive mother, living in Europe, Austria, and my child, Fadeline, is still at the orphanage in Port-au-Prince. Because of the terrible situation I cannot get any information if the orphanage ist damaged or not and if the children (and my child …) and other persons have been surviving. So please, if you have any information about the Foyer Coeur de Marie, Arianne Rubino, 24 delmas 91, Port-au-Prince, please let me know.

Receive my kindest regards. The whole country is in my prayers.

Christine Zalka


Bemühungen

So sehr ich mich Monate zuvor geweigert hatte, eine Reise nach Haiti anzutreten (- eine solche „Begegnungsreise“ war innerhalb des bereits 2 Jahre andauernden Adoptionsprozesses plötzlich gefordert worden, ich hätte meine Tochter zwar kennen lernen dürfen, jedoch ohne sie wieder heimreisen müssen), ging mir in den Tagen der Ungewissheit immer wieder durch den Kopf, dass ich eine Möglichkeit finden müsse, um nach Port-au-Prince zu reisen und meine Tochter zu suchen, wenn mir sonst niemand auf der Welt sagen könne, ob sie noch lebt, vielleicht verletzt ist und dringende Hilfe braucht …

Wie sich eine solche Reise gestalten sollte, war mir konkret nicht klar, aber der Wunsch, in die Nähe meines Kindes zu gelangen, wurde immer drängender.

Eine weitere Idee war, einen Kollegen im Büro zu ersuchen, seine Kontakte einzusetzen. Er ist in dem Unternehmen, in dem wir beschäftigt sind, als Pressesprecher tätig und kennt demgemäß viele Personen im Journalistenbereich. Da seine Frau Ärztin ist, ersuchte ich ihn, auch Möglichkeiten in dieser Richtung in Erwägung zu ziehen.

Er sagte mir zu, sich bei sich bietender Gelegenheit für mein Anliegen einzusetzen.

Andere Adoptivmütter, die im Jahr 2005 ihre Kinder ebenfalls aus Äthiopien adoptiert hatten, riefen an und gaben mir in diesen Stunden viel Mut und Halt. Jede konnte mir auf ihre Art Kraft geben, Ideen liefern oder ganz konkret Unterstützung anbieten, wie Bärbel, die im Zuge eines Gespräches die Daten eines ihr bekannten Journalisten nannte. Ich wollte nach Haiti. Da nach dem Beben hauptsächlich Hilfsorganisationen, Ärzte und Reporter dorthin unterwegs waren, sah ich meine beste Möglichkeit darin, mich einem(r) von ihnen anzuschließen. Ich schickte dem mir persönlich völlig unbekannten Journalisten per e-mail eine entsprechende Anfrage, durfte auf meine Bekanntschaft zu Bärbel verweisen und wartete auf eine Reaktion. Schon dieser erste Schritt verhalf mir zu dem Gefühl, endlich etwas tun zu können, um Informationen über mein Kind zu erhalten.

Dazu wurde mir ein neuer Gedanke geschenkt: „Gott hat Dich nicht an der Hand genommen und durch diese verlängerte Wartezeit geführt, als die Regeln geändert wurden, um jetzt Dein Kind bei einem Erdbeben sterben zu lassen.“ Das erschien mir so logisch, dass es mich ebenso etwas beruhigte.


Von: Hofstetter Heidrun

Gesendet: Mittwoch, 13.Jänner 2010, 13:18

An: Zalka Christine

Liebe Christine, lieber Simon,

ich habe gerade in den Nachrichten von dem furchtbaren Erdbeben auf Haiti gehört – ist mit Miriam alles in Ordnung? Ich denke fest an euch und hoffe, dass es eurer Kleinen gut geht!

Alles Liebe, Heidrun

 

Von: Zalka Christine

Gesendet: Mittwoch, 13.Jänner 2010, 13:22

An: Hofstetter Heidrun

Liebe Heidrun,

danke für Deine Anteilnahme! Bis jetzt weiss ich nichts, da die Leitungen nach Haiti tot sind. Die Konsulin hat teilweise Verbindung zu Amerikanern, deren Handys irgendwie funktionieren. Auch beim deutschen Adoptionsverein „help a child“ habe ich nachgefragt, da deren Kinderheim „verwandt“ mit jenem ist, wo Miriam sich aufhält. Martine, eine Mitarbeiterin jenes Heimes, ist wohlauf, mit ihr konnte gestern nach dem Beben noch gesprochen werden. Auch sie hat jedoch noch keinen Kontakt zum Kinderheim (sie war beim Beben nicht vor Ort).

Meinem Gefühl nach ist Miriam nichts passiert. Was das tatsächlich bedeutet, werde ich hoffentlich demnächst erfahren.

Lieben Gruss, Christine

 

Von: Hofstetter Heidrun

Gesendet: Mittwoch, 13.Jänner 2010, 13:38

An: Zalka Christine

Ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr ich euch die Daumen halte, dass es der Kleinen gut geht. Mir ist ganz schlecht grad. Ich denke halt,wenn kleine Waisenhäuser wackeln, ist es bei weitem nicht so gefährlich, als wenn Hochhäuser in sich zusamnmenfallen. Ich hoffe jedenfalls, dass Du sehr bald Infos bekommst. Alles Liebe! Heidrun

 

Von: Eveline Lüngen-Amschl (gerichtl.geeidete Dolmetscherin)

Gesendet: Donnerstag, 14.Jänner 2010 20:27

An: Zalka Christine

Liebe Frau Zalka,

ich muss immer an Sie denken, wenn ich die schrecklichen Bilder aus Haiti sehe! Haben Sie schon Nachricht, wie es um Miriams Kinderheim steht?

 

Von: Zalka Christine

Gesendet: Donnerstag, 14.Jänner 2010, 21:03

An: Eveline Lüngen-Amschl

Liebe Frau Lüngen-Amschl,

leider gibt es derzeit keine Möglichkeit, etwas über Miriams Situation in Erfahrung zu bringen.Ich danke Ihnen für Ihre Anteilnahme und melde mich, so bald ich etwas weiss.

Lieben Gruss,

Christine Zalka

 

Der dritte Tag nach dem Beben ging ins Land, und ich hatte immer noch keinerlei Hinweis, ob Miriam lebte, sie verletzt oder gesund war und wie ich ihr konkret helfen könnte.

In all der Zeit war mein Sohn Simon ein für ein knapp fünfjähriges Kind sehr verständnisvoller Junge und half mir auf seine Weise, indem er mir die Zeit ließ, im internet nach neuen Meldungen zu suchen, Anfragen zu starten und dergleichen mehr.

Wenige Stunden nach meiner e-mail-Nachricht erhielt ich einen Anruf des Journalisten. Er erklärte mir, dass sein Format für diese „Geschichte“ nicht geeignet sei, er aber gern meine Angelegenheit an das Büro von Barbara Stöckl *) (*Anm.: Barbara Stöckl; österreichische TV-Journalistin, Redaktionsleiterin, Moderatorin und Produzentin, Gastautorin für diverse Zeitungen. Bekannte und große Produktionen: „help TV“, „Bei Stöckl“ u.a. Aktuelles Format: „Stöckl am Samstag“ – Talkmagazin für Frauenthemen, Generationskonflikte, Gesundheit und Soziales.) weiterleiten würde.  Ich nahm dieses Angebot an. Mir war wichtig, jemandes Interesse zu haben, von dem ich annahm, er würde mir helfen können, zu meiner Tochter zu gelangen oder in Erfahrung zu bringen, wie es ihr geht.

Ich schöpfte erneut Hoffnung. Es war mein erster konkreter Schritt, den ich seit drei Tagen gesetzt hatte.

In diesem Jahr bestanden in Österreich, meine Person eingerechnet, drei laufende Adoptionsverfahren für Kinder aus Haiti. Beide andere Betroffenen, Singlemütter wie ich, waren mir aus e-mail-Korrespondenz bekannt. Mit beiden hatte ich, da ich als erste Singlemutter in Österreich mit der Abwicklung der Haiti-Adoption begonnen hatte, bereits ausführliche Telefonate über Dossier, Vorschriften, Abläufe etc. geführt, als diese sich ebenfalls zu einer Adoption aus Haiti entschlossen.

In der Zeit der Ungewissheit wanderten meine Gedanken immer wieder auch zu ihnen und ich stellte mir die Frage, ob sie von ihren Kindern wohl mehr wüssten. Die Betriebsamkeit der Stunden ließ ein Telefonat mit Johanna, einer der beiden Frauen, erst drei Tage nach dem Erdbeben zu.

Sie wirkte bei diesem Gespräch gefasst und konnte mir mitteilen, dass ihr Sohn und die Tochter der dritten Adoptivmutter am Leben und den Umständen entsprechend gut untergebracht seien. Wie sie ihre Kinder aus dieser Hölle herausholen konnten, wüssten auch sie noch nicht.

Der Umstand, dass die beiden Mütter wenigstens die Gewissheit hatten, dass ihre Kinder am Leben seien, ließ meine eigene Situation kurz nach dem Telefonat noch quälender erscheinen. Ich war also die Einzige, die keinerlei Information über das Befinden ihres Kindes hatte.

Im Internet hatte Wycliff Yean, der Monate nach dem Beben für die im November 2010 anstehende Präsidentenwahl kandidieren wollte und offenbar in Haiti einen eigenen Radiosender betrieb, eine Informations- und Help-Hotline eingerichtet. Ich mailte auch ihm kurz meine Situation, den Namen des betroffenen Waisenhauses und alles, von dem ich annahm, es könnte im Falle des Falles Licht ins Dunkel bringen.

Aus Deutschland meldete sich Beatrix Garnier-Merz, die Obfrau des Vereins „help a child“, welche ebenfalls schon seit längerem und in großen Abständen mit mir in e-mail Verkehr gestanden hatte. Sie wickelte ebenfalls Haiti-Adoptionen ab, hatte mit Martine, jener Frau, mit der auch ich alle bisherigen Kontakte im Waisenhaus gehabt hatte, kurz nach dem Beben telefonieren, aber nichts über den Zustand des Foyer Coeur de Marie in Erfahrung bringen können. Die Verbindung war kurz danach abgebrochen und seither bestand keine Möglichkeit einer neuerlichen Kontaktaufnahme.

Ich las bei den aktuellen „“Gods littlest angels“-Berichten, daß Rock Cadet, jener Richter, der im Herbst des Vorjahres die Adoptionsregeln geändert und damit letzten Endes bewirkt hatte, dass mein Kind noch nicht bei mir sein konnte, bei dem Erdbeben ums Leben gekommen war. Den ersten Gedanken, der mir dazu in den Sinn kam, verwarf  ich sofort wieder, denn auch für ihn hatte die Vermutung zu gelten, dass er seine Entscheidungen zu Lebzeiten nach bestem Wissen getroffen hatte.

Ich musste zur Post, dringend. Unser Postamt befand sich seit kurzem im Gemischtwarenladen des Dorfes. Besagter Journalist wollte ein Foto meiner Tochter und die genauen Daten: Adresse des Waisenhauses, Geburtsdatum meines Kindes usw..

Der Reporter vom Team Barbara Stöckl hatte sich gemeldet – er wollte mit zwei Helfern der Caritas nach Port-au-Prince fliegen und diese bei ihrem Einsatz begleiten. Bei dieser Gelegenheit bot er an, die Adresse des Waisenhauses anzusteuern und mein Kind zu suchen. Ich erklärte kurz meinem Sohn, dass er sein Spiel mit der Autobahn unterbrechen und mich zum Postamt begleiten müsse … einmal mehr in diesen Tagen reagierte Simon sofort, schnappte seine Jacke und ließs sich von mir in seinen Kindersitz verfrachten. Ich beeilte mich, denn der Reporter hatte es eilig.

Im Lebensmittelgeschäft erklärte ich dem Verkäufer rasch die Situation und ersuchte ihn, sofort ein Fax mit den Unterlagen abzuschicken. Er kam meiner Bitte nach, und ich konnte ein wenig aufatmen – der Reporter hatte die wichtigsten Informationen erhalten. Er rief kurz darauf nochmals bei mir an und teilte mir mit, die Caritas-Mitarbeiter und er würden am Freitag abend nach Haiti aufbrechen. Er würde sich melden, so bald er vor Ort wäre und mir auch dann Bescheid geben, wenn er keine Möglichkeit fände, zu der von mir angegebenen Adresse des Kinderheimes zu gelangen.

 

Aus der Sicht des Retters (seine Erzählung)

Ich wollte zuerst nach Miriam suchen, weil über sie als einziges der drei im Adoptionsprozess stehenden Kinder nicht bekannt war, ob sie noch am Leben ist. Einheimische kämpften sich mit mir durch die zerstörten Straßen in Port-au-Prince, bis wir an der mir bekannt gegebenen Adresse des Waisenhauses, 24 Delmas 91, angekommen waren. Der Anblick war verheerend. Hier war kein Stein mehr auf dem anderen geblieben. Ein Mann stand direkt neben dem Schutthaufen und sah zu uns herüber – als Weißer fiel ich ihm sehr auf. Auf die Trümmer des Gebäudes deutend, fragte ich ihn: „Alle tot?“

Er nickte und bestätigte mir: „Alle tot!“

Die drückende Hitze, der beißende, über der ganzen Stadt liegende Geruch und die niederschmetternde Auskunft ließen meine Schultern nach unten sinken. Ich versuchte, mich zu sammeln und den nächsten Schritt zu planen. Von mir völlig unbemerkt stand auf einmal ein weiterer Einheimischer neben mir und fragte, ob er mir helfen könne. Ich erklärte ihm, dass augenscheinlich alle Bewohner des Hauses mit der Adresse 24 Delmas 91 bei dem Beben umgekommen seien.

Er antwortete: „Nein, nicht alle!“

Er zeigte die große, staubige Landstraße hinunter und erklärte, die Kinder, die ursprünglich im zerstörten Heim gelebt hätten, seien nach dem Beben woanders hin gebracht worden.

Er bot an, mich dorthin zu führen. Ich sagte ihm zu, obwohl ich das unter anderen Umständen in einem derartig instabilen Land nicht gemacht hätte. Er stieg zu uns ins Auto und erklärte den Weg.

Nachdem wir schon einige Zeit unterwegs waren, hatte ich kurz den Verdacht, der Mann habe wohl nur eine gute Gelegenheit gesucht, mit dem Auto zu fahren.

Aber plötzlich deutete er auf einen wenige Meter vor uns liegenden, von einem niedrigen Zaun umgebenen Bereich von etwa 20 m². Wir hielten. Ich stieg aus, ging zum Zaun und machte mich bemerkbar. Auf mein Rufen kam eine junge Frau, es waren noch zwei weitere junge Frauen auf dem kleinen Gelände, und man konnte ein paar Kinder sehen. Ich stellte mich vor: „Guten Tag, ich bin der österreichische Botschafter für Haiti und suche Miriam Fadeline Zalka …“

Die Frau zeigte auf ein kleines Mädchen, wenige Meter von mir entfernt.

„Das ist sie …“ – …

*****

So wie mir erging es vermutlich sehr vielen der betroffenen Adoptiveltern, welche nach dem Erdbeben in Haiti darauf warteten, dass ihre Kinder evakuiert und ihnen in den neuen Heimatländern in die Arme gelegt werden konnten – allein in Frankreich waren es über 300, in Deutschland 52. In dieser Hinsicht ist meine Geschichte also „nichts Besonderes“, eben eine kleine Geschichte.

Der gesamte Adoptionsverlauf bei meiner Tochter war von Anfang an eine Parallelität wie die Kindererziehung selbst, ein Gemisch von Anstrengung und Freude, deren Höhepunkt das Erdbeben in Haiti mit seinen Folgewirkungen bildete.

Nie hätte ich zunächst vermutet, dass Männer und Frauen in meinem Heimatland sich auf offiziellem Wege darum kümmern würden, mein Kind aus dem Chaos zu retten und sicher nach Hause zu bringen – ich stand diesem Vorgang bis zuletzt in ungläubigem Staunen gegenüber. Bei aller Kritik, die man über mein Land ab und zu rechtens äußern mag: Ich war selten so stolz, Österreicherin  zu sein, wie in den Tagen der Rettung meines Kindes.

Miriams Retter suchte unter Bedingungen, die man vielleicht erahnen, aber nur verstehen kann, wenn man sie persönlich erlebt hat, in einer Weise nach meiner Tochter, als wäre sie sein eigenes Kind. Mitarbeiter/innen an höchster Stelle nahmen zeitgleich dazu in Österreich in unzähligen Telefonaten Feinabstimmungen vor, tauschten Informationen aus und wählten die letztlich sicherste Variante der Heimreise.

Für Gott ist keine unserer aller Lebensgeschichten „klein“. Für Ihn sind wir alle etwas Besonderes – ähnlich vielleicht, wie wir Eltern unsere Kinder empfinden.

 

Das Erdbeben in Haiti am 12.Jänner 2010 forderte geschätzte 300.000 Todesopfer. Die Hälfte der Gebäude in der Hauptstadt Port-au-Prince wurde zerstört. Die Hilfsmaßnahmen griffen nur langsam. Die Lebensumstände der meisten Menschen in Haiti waren bereits vor dem Erdbeben katastrophal gewesen. Auch danach hat sich für kaum jemanden vor Ort die Situation verbessert. Zur Zeit kämpfen die Einwohner Haitis gegen die Cholera.