Monolog an mein Findelkind

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Damit ein Kind im Bauch einer Frau wachsen kann, braucht eine Frau einen Mann. Deine Mama hat einen Mann kennen gelernt, der sie möglicherweise sehr gern gehabt hat, oder sie hat ihn schon länger gekannt, das weiß ich nicht, jedenfalls haben sie Dich gezeugt. Das war etwas sehr Schönes.

Jede Mama trägt ihr Kind im Herzen, keine Mama gibt ihr Kind gerne her. Ich glaube daran, dass Deine äthiopische Mama lebt und Dich in ihrem Herzen trägt. Ich möchte ihr gerne sagen, dass es Dir gut geht.

Deine erste Mama hat Dir gemeinsam mit Deinem ersten Papa das Leben geschenkt. Wahrscheinlich ist es Deiner Mama sehr schwer gefallen, Dich wegzugeben. Deine Mama hat es nicht geschafft, ganz alleine in Äthiopien mit Dir zu leben. Es ist in Äthiopien für eine Frau alleine sehr schwer, eigentlich fast unmöglich, ein Kind groß zu ziehen. Sie kann ja nicht gleichzeitig arbeiten gehen und auf ein Baby aufpassen. Deine Mama hat keine andere Möglichkeit gesehen, für Dich Hilfe zu bekommen. Sonst wäre es Euch beiden schlecht gegangen, keine Mama gibt ihr Kind gerne her.

Damit Du so schnell als möglich gefunden wirst, hat sie Dich vor einen Kircheneingang gelegt. Sie hat darauf geschaut, dass Du in ein warmes Tuch eingewickelt bist, damit Dir nicht so kalt wird, bis Du gefunden wirst.

Für Dich war das sicher ganz schwer und bitter, weil Du hast an ihrer Brust getrunken, hast sie gefühlt und lieb gehabt, hast gespürt wenn sie sich bewegt hat, es hat Dir sicher sehr weh getan, dass sie Dich weglegen hat müssen. Dann war es sicher kalt, dort vor der Kirche, bis Du endlich gefunden worden bist, weil Du hast husten müssen und sicher hat Dir von dem Liegen dort alles weh getan. Vielleicht hat Deine Mama sogar gewartet und geschaut, dass Du gefunden wirst.

Deine Mama hat Dich an einen guten Ort gelegt und auch das Tuch hat ausgereicht, damit Du überlebt hast bis Du in die Polizeistation und von dort ins Waisenhaus gebracht worden bist. Der Mann auf der Polizeistation hat Dir Deinen Namen gegeben. Weil Du so krank warst, haben sie Dich gleich ins Waisenhaus gebracht, da hast Du es endlich warm gehabt und gegen den Husten hast Du eine Medizin gekriegt. Vom Waisenhaus hat Dich eine Nanny in ein Waisenhaus in Addis gebracht, damit Mama und Papa Dich holen kommen können.

Es ist nicht einfach, wenn man den Papa oder seine Mama gar nicht kennt, aber Du hast sicher ein paar Eigenschaften und Teile Deines Aussehens von ihnen. Vielleicht kannst Du so gut tanzen und singen, weil Deine Mama immer gerne getanzt und gesungen hat. Oder vielleicht ist Dein Papa viel und gerne gelaufen. Darum kannst Du auch so schnell laufen, darum bewegst Du Dich so schnell. Aber ganz sicher hast Du Deine Kraft und Lebensfreude von Deiner ersten Mama und Deinem ersten Papa mitbekommen, weil obwohl Du weggegeben worden bist, hast Du überlebt und bist heute bei uns. Das macht mich sehr froh. Ich bin Deiner Mama sehr dankbar, dass sie Dich an einen Platz gelegt hat, wo Du ganz sicher gefunden werden kannst.

Dein Papa und ich werden immer für Dich da sein. Wir gehören jetzt ganz genauso zu Deinem Leben, wie Deine äthiopische Mama und Dein äthiopischer Papa, die Dir das Leben und viele gute Eigenschaften mitgegeben haben. Du trägst Deine äthiopische Mama im Herzen, Du bist mit ihr verbunden, weil sie Dir das Leben gegeben hat. Du bist mit mir, Deiner Mama, verbunden, weil Du mein Kind bist. Du kannst mich nicht mehr verlieren, ich bin jetzt genauso Deine Mama, wie die äthiopische Mama, die Dir das Leben gegeben hat. Niemand kann die gelebten Jahre auslöschen, die wir gemeinsam verbracht haben und auch noch verbringen werden.

Du hast Deine eigene Geschichte. Du bist jetzt unsere tolle Tochter. Ich weiß, dass Du mit Deiner persönlichen Geschichte leben kannst. Ich denke Du bist so eine tolle Person geworden, weil Du genau Deine Geschichte erlebt hast. Vielleicht sitzt jetzt irgendwo in Äthiopien eine Frau, isst eine Kleinigkeit und denkt an Dich. Wo immer sie ist, sie trägt Dich auch in ihrem Herzen, genauso wie ich das tue.