Reinhold Hammer: Die Frage mit dem Warum?

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Es gibt Antworten, die wir nicht hören wollen. Weil sie neue Fragen aufwerfen. Weil wir sie nicht einmal unserer besten Freundin weiter erzählen wollten. Weil wir sie nicht ertragen könnten.

Und dann bleiben die Fragen ungestellt.

Warum? Warum bist Du bei uns gelandet, Töchterchen mit der Schokoladenhaut? Wie konnten sie Dich weg geben? Ausgerechnet Dich! Schon in der ersten Sekunde, als ich Dich mit  meinen großen ungelenken Weiße-Schokoladen-Händen aufheben durfte, versprach ich Dir, dass ich Dich schützen werde, wenn Du klein bist. Dass ich Dir vertrauen werde, wenn Du nicht mehr klein und noch nicht groß sein wirst. Dass ich Dich mit Freiheit ausstatten werde, wenn Du groß bist, dieser Freiheit, die das einzige Luxusgut ist, das wir unseren Kindern vererben können. Diese Freiheit, die nur die bedingungslose Liebe schafft. Und Du brauchst viel davon, geknicktes neunmonatiges Blümchen mit fünfeinhalb Kilo: viel Schutz, viel Vertrauen, viel Freiheit.

Aber noch ist sie nicht gestellt, die Frage. Lauert nur irgendwo da hinten. Hinter meinem Interesse für dieses bittersüße Land. Hinter meiner Reiselust, zu der die ganze Familie verdonnert wird. Hinter unserer Schnapsidee, mit Leelee (viereinhalb) und Mathilda (anderthalb) für beinahe vier Monate in Leelees Heimat eintauchen zu wollen.

Gerade noch macht mich unser Kinderarzt zur Schnecke: „Das ist wirklich völlig unverantwortlich, mit zwei kleinen Kindern nach Kambodscha zu reisen!“ Ja wie unverantwortlich ist es eigentlich, Millionen von Kindern hier leben zu lassen?

Und schon steige ich in Phnom Penh aus dem Flugzeug: die Kinder todmüde aber aufgekratzt, Karla wird gerade vom Einwanderungsbeamten mit den Visagebühren übers Ohr gehauen und ich mühe mich mit unserem Reisegepäck ab – mehr als die meisten kambodschanischen Familien in einem ganzen Leben besitzen... Die Glastüren des klimatisierten Bereichs öffnen sich, über, neben, mitten unter uns fuchteln, kreischen und lamentieren sechzig Taxifahrer, die uns in die Stadt bringen wollen. Narkotisiert von der unglaublichen Hitze entscheiden wir uns seelenruhig für einen und verlieren uns stumm in den Lichtern der Stadt, den fremden Geräuschen, dem unendlichen Strom der langsam dahin rollenden Fahrzeuge und der Erinnerung an unsere Ankunft hier vor knapp 4 Jahren, als wir unsere Tochter Leelee kennen lernen und abholen durften. Kambodscha – ein Land voller Gerüche und Gerüchte, stehender Hitze, fließender Wassermassen, Königreich des sanften Lächelns...

Der Wagen biegt in eine geschotterte Nebenstraße, die spärliche Beleuchtung und die schäbigen Mauern die wir sehen erinnern an schlechte Filme ohne Jugendfreigabe, gleich wird der Taxifahrer ein langes Messer herausholen – Blödsinn: wir sind angekommen, Hotel Bamboo Boom, 158. Straße. Vom Rand gegenüber mustern uns mit lauerndem Blick ein paar düstere Gestalten – Tuktukfahrer. In ein paar Wochen werden wir ihre Namen kennen: z.B. Djurrel oder Pheap. Pheap wird Mathilda stundenlang am Arm tragen, während wir mit dem Bürgermeister eines Dorfes diskutieren. In dreieinhalb Monaten wird Pheap uns ca. 600km sicher mit seiner 125er-Honda und deren 6-sitzigen Anhänger durch Stadt und Dörfer gefahren haben, unzählige Stunden bei ca. 40 Grad im Schatten, bei strömendem Regen, auf verrosteten Fähren über den Mekong. Er wird das Grundstück, das wir gekauft haben werden mit dem 50-Meter-Maßband vermessen, wird im Rathaus von Boeung Ka-Ek mit dem Bezirkshauptmann diskutieren...

Noch ist alles fremd. Aber auch irgendwie anziehend: Der hübsche Innenhof mit den wuchernden Pflanzen, dem blauen Pool, wo nachts die Fledermäuse über unsere Köpfe gleiten und die riesigen Palmen. Die schönen Menschen mit ihrem Lächeln, die Bäckerei mit dem französischen Brot, die Wäscherei, wo unsere Hemden auf der Straße trocknen und wo die ganze Familie tagsüber bei geschätzten 50 Grad bügelt und nachtsüber die Mopeds parkt, isst und schläft. Die alte Frau, die nichts besitzt, als eine alte schäbige Personenwaage, auf der wir für ein paar Riehl unser Gewicht kontrollieren dürfen oder die blinde Masseurin Sophea, die mit ihren „seeing hands“ erkennt, wo der Schmerz lauert.

Vor uns liegen Tage verschiedenster Erlebnisse oder Nicht-Erlebnisse: Der durchschnittliche Reisende erlebt Kambodscha zweieinhalb Tage lang, irgendwann zwischen Thailand, Laos oder Vietnam, sieht 95% aller Sehenswürdigkeiten, so man beim Foltergefängnis oder den „killing fields“ überhaupt von Würde reden kann. Wir werden auch nach 100 Tagen nur einen Bruchteil davon gesehen haben – etwa das Weltwunder der mächtigen Tempelanlagen von Angkor Wat – aber die meisten Kilometer rennen wir hinter Mathilda her oder tragen Leelee (Kein Kambodschaner geht zu Fuß!) auf der Schulter durchs Land.

Wir werden lernen zu akzeptieren, wenn es uns langweilig ist, wir werden die kommenden 2400 Stunden ununterbrochen zusammen sein – das größte Abenteuer überhaupt. Dagegen sind die kleineren Abenteuer schnell erzählt: Etwa der mächtige Baumriese, der bei den Tempelanlagen von Ta Prohm 30 Sekunden, bevor wir die Stelle passieren aus regnerischem Himmel über die Straße fällt.

Oder beim Abendessen vor unserem kleinen vorzüglichen Restaurant in der 158-er-Straße: Plötzlich tscheppert unüblich schnell ein Moped vorbei, Leute schreien, einer kickt eine Flasche nach dem Moped, das in gekonnten Schlangenlinien ausweicht. Der Polizist, der am Nebentisch zufälligerweise isst, zückt seine Pistole und feuert dem Moped einen Schuss in die Dunkelheit nach. Mathilda schreit, Leelee kreischt, wir ducken uns unter unseren Tisch und ich frage den Wirt, ob wir nach drinnen flüchten sollen. Der lächelt: „No, no, only a thief!“ Ein Dieb, der im übrigen üchten kann.

Wir werden drei Wochen lang zu viert mit einem Motorrad (geborgt, nicht gestohlen!) herumfahren, um die Strände von Sihanoukville zu erkunden. Leelee wird schwimmen lernen und Mathilda der blonde Star auf unzähligen Handykameras.

Und uns werden Menschen begegnen, die unseren Horizont erweitern, vielleicht unser Leben verändern: Zum Beispiel die französische Familie Ferry, die gerade dabei ist, nach Kambodscha auszuwandern. Oder Karin, die viele Jahre beim deutschen auswärtigen Amt in ganz Südostasien gearbeitet hat und nun in ihrer Pension gar nicht mehr nach Hause nach Hamburg will – dadurch findet Leelee eine Ersatzoma in Sihanoukville. Oder Ulrich, der Psychoanalytiker aus Frankfurt, mit dem wir uns unterhalten, als ob wir uns seit Jahren kennen.

Auch Thea, die von sieben bis elf völlig isoliert von ihrer Familie im Lager der roten Khmer aufwuchs, später mit ihrem Mann ein Stipendium für Deutschland bekam und uns als perfekte Deutsch-Khmer-Dolmetscherin hilft, nach Leelees Familie zu forschen:

Es ist soweit. Wir sind bereit, unsere Frage zu stellen. Einziger Anhaltspunkt ist die Geburtsurkunde unserer Tochter Leelee. Boeung Ka-Ek steht da als Geburtsort, ein kleiner Distrikt 30 km südlich von Phnom Penh.

Nach zwei Tagen des Nachfragens und angestarrt Werdens plötzlich eine heiße Spur: Ein Bürgermeister eines kleinen Dorfes ist überzeugt: Das kann nur die Familie Sung sein. Die Mutter starb bei der Geburt ihrer kleinen Tochter und die Oma lebt mit anderer Verwandtschaft am Dorfrand in einer Hütte. Wir treffen Leelees Oma vor ihrem Haus, bei uns daheim sind Werkzeughütten luxuriöser, als die Hütte in der sie mit Sohn, Tochter, Schwiegerkindern und 6 Enkelkindern lebt. Oma Mihm ist gezeichnet von Kriegen, Hunger und Sorgen aber ihr Blick ist warmherzig, ihre Stimme tut gut. Gleich erzählt sie uns von dem fürchterlichen Tag vor gut vier Jahren, als ihre zweitälteste Tochter – Leelees Mama – direkt nach der Geburt von Leelee starb, weil der Arzt sie ohne Geld nicht behandeln wollte.

Sie entschuldigt sich mehrmals, das Baby ins Waisenhaus gegeben zu haben aber das Kind war so schwach und sie hatten kein Geld für die Ernährung. Und schließlich seien beide älteren Geschwister von Leelee auch bald nach der Geburt gestorben. Deshalb habe sich auch der Vater noch während der letzten Schwangerschaft von der Mutter abgewandt und sei eine neue Beziehung eingegangen.

Hier sitzen wir, am Ende der Welt und schauen uns an und fassen noch kaum das Wunder, das gerade passiert. Die Kinder, von denen ein Mädchen Leelee unheimlich ähnlich sieht, schauen uns schüchtern an, Mathilda kugelt schon irgendwo unter der Hütte und spielt im Staub, Leelee fragt mich: „Papa, warum ist denn die Oma so schiach? Ist das eine Hexe?“ Onkel Tschak macht seine

ersten Späße mit Leelee, sie wird ihn später nur mehr Spaßonkel nennen. Bis vor kurzem wussten wir noch nichts voneinander und jetzt beim Abschied haben wir alle Tränen in den Augen, ist doch die Frage wann und ob wir uns überhaupt wieder sehen in der Luft.

In den nächsten Tagen des Nachdenkens und der Freude finden wir die Antwort ganz schnell im Wort Verantwortung. Wir starten auf unserem Internet-Reisetagebuch bei Freunden und Verwandten einen kleinen Spendenaufruf. Ein paar Wochen später ist so unglaublich viel

Geld am Konto (gut 3000$), dass wir ein kleines Grundstück kaufen und ein neues Bambushaus bauen können. Somit ist die Gefahr gebannt, dass Oma Mihm vom Grundstück auf dem sie lebt aber das ihr nicht gehört vertrieben werden kann. Bei den folgenden fünf Besuchen wird uns Bunthol begleiten. Er arbeitet in unserem Hotel in Phnom Penh, hört zufällig die Geschichte unserer Familienzusammenführung und erklärt sich spontan bereit, uns zukünftig als Dolmetsch, Preisverhandler, Bauleiter und Freund zu helfen. „Ich komme selbst aus einer armen Familie.“, meint er einfach und opfert beinahe jedes Wochenende dafür. Von Woche zu Woche scheint uns Oma Mihm mehr aufzublühen, die Erfahrung, dass sie irgendwem auf der Welt wichtig ist, ist  neu für sie und wirkt wie Medizin. Auch wir stecken die vielen Stunden in der Hitze locker weg, weil wir einfach gerne da sind.

Da sein. In der Gegenwart. Das ist anscheinend die Lektion, die wir lernen sollen, während wir weg sind von daheim. Nicht gleich von vornherein wissen, was gut ist und was nicht. Ja sagen zur Situation oder zum Menschen, der einem gerade über den Weg rennt. Und sich trauen, die Frage mit dem Warum? zu stellen, unsere Adoptivkinder stellen sie sowieso irgendwann.

 

Über Reinhold Hammer: Erstaunt über die Welt kam ich am 31.03.1966 auf selbige und staune bis heute: Gerade noch beim Baumhausbau in den Wäldern der Grazer Platte, finde ich mich plötzlich als vierfacher (Pflege- und Adoptiv-)Papa inmitten einer Familie mit holländischen, weststeirischen, kambodschanischen und philippinischen Wurzeln wieder. Ich verliere oft meine Schlüssel aber selten meinen Humor und wie gut, dass ich in einer oststeirischen Behinderteneinrichtung arbeiten darf, wo man mich trotz meiner Eigenheiten akzeptiert...
Ich liebe meine Frau, meine Kinder, meine Freunde, gutes Essen und meine Beiwagenmaschine.