Luka Lydmers: Die Oma und das Trollkind

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Es war einmal - nein, seien wir ehrlich, wir wollen doch unsere treuen Leser nicht anschwindeln: es ist. Nicht in einem anderen, fernen Land, sondern hier, bei uns. Das macht es ohnehin interessanter, nicht wahr? Also - sehen wir uns mal an, was sich da abspielt: Frida hockt zufrieden zwischen den bunten Blumen im Gartenbeet.

Frida, so heißt das Kind tatsächlich. Ihre Eltern haben sie nach der verstorbenen Großmutter mütterlicherseits benannt.

Die Mutter hat das Schimpfen längst aufgegeben: "Raus aus den Blumen! Du zerdrückst sie doch alle!" Wenn die Mama das sagte, ist Frida immer folgsam aufgestanden und auf den Rasen gekommen, aber kaum drehte sich die Mutter um, ist Frida wieder in ihre bunte Blumenwelt verschwunden. Sie tut sowieso keinem Blümchen etwas zuleide. Sie blühen in ihrem Beet, das ein professioneller Gärtner angelegt hat, genauso schön, gar noch schöner als zuvor.

Frida ist ein Einzelkind, sie ist am liebsten mit sich allein. Wenn die Eltern, wie so oft, Besuch haben mit anderen Kindern, oder wenn extra welche zum Spielen eingeladen werden, verdrückt sich Frida in eine stille Ecke, oder sie schleicht sich hinaus in den Garten, wo es Winkel gibt, die kein Erwachsener je betreten hat.

Raffael findet sie dort trotzdem. Er ist der Sohn eines Tischlermeisters mit gutgehendem Betrieb, und er macht sich einen Spaß daraus, Frida aufzuspüren und sie an den Haaren zu ziehen. "Lass mich!", fleht Frida. Warum bloß muss sie diesen Jungen erdulden? "Ich sag das meinen Eltern!"
Raffael baut sich vor ihr auf, stemmt die Hände in die Hüften und lacht ein gemeines Lachen. "Das sind gar nicht deine Eltern!", trumpft er auf. "Du bist abo... ado... adoptiert!"
Frida sieht ihn mit großen Augen an, zuckt mit den Schultern. "Aber das weiß ich doch."

Fridas Mutter, die dem frechen Raffael gefolgt war, sobald dieser in den Garten hinausgeschlüpft ist, hört das und ihr bleibt in Verwunderung der Mund offen stehen. Frida weiß das? Woher wusste Frida das? Die Eltern hatten es ihr nicht gesagt, sie wollten warten, bis das Kind alt genug wäre, und auch die Freunde und Bekannten waren in diese Planung eingeweiht. Woher nur konnte das Kind dann davon wissen?

Die Oma väterlicherseits kommt zum Babysitten. Frida hat Angst vor ihr. Die Oma ist so groß und stämmig wie ein alter Baumriese. Ihre Stimme knarzt, wenn sie spricht, wie morsche Balken, die sich im Sturm aneinander reiben. Und ihre Augen sind so dunkel und unheimlich wie die Abgründe, in die man in Alpträumen hineinfällt und fällt und fällt.

Kein Wunder, dass Frida Angst hat.

Die Oma macht sich einen Tee und beginnt, Kekse zu backen. Sie hat Frida gebeten, ihr dabei zu helfen, sie dürfe auch die Teigschüssel auslecken, doch das Kind ist in den Garten zu den Blumen geflohen. Dort sitzt sie und träumt und lässt sich mittragen vom Frieden und der Schönheit um sie herum.

"La-le-la-le-lila,

pa-le-ma-le-dida,

di-del-di-del-dumm,

di-del-di-del-dumm ..."

"Singst du mit den Elfen?", knarzt es von oben herab.

Frida zuckt heftig erschrocken zusammen. Sie hat die Oma nicht kommen bemerkt. Sie hat sie nicht gesehen, auch nicht aus dem äußersten Augenwinkel, nicht gehört, nicht gespürt. Sie starrt die Oma an, ohne Antwort zu geben.

"Das ist ein sehr schönes Lied", meint die Oma, und eigentlich knarzt ihre Stimme gar nicht so sehr. Sie klingt eher, als würde der Wind die Bäume wiegen.

"Mhm-m", macht Frida, mehr weiß sie nicht zu sagen. Sie ist verwirrt. Was ist mit der furchterregenden Oma passiert?

"Blumenelfen sind sehr scheu", sagt die Oma weiter. "Aber dich scheinen sie zu mögen. Sie vertrauen dir."
Was wusste die alte, knorrige Oma denn von Elfen? Wie konnte sie etwas von diesen kleinen, feinen, scheuen Geschöpfen wissen? Sie ist doch eine Erwachsene, sie ist doch - wie alle.

"Und wusstest du, dass deine kleinen Blumenelfen gerne Kekse futtern?"
"Wirklich?", bringt Frida heraus.

"Wenn eine ihrer Menschenfreundinnen noch zauberhaften Zuckerguss und kunterbunte Konfettistreusel darüber verteilt, sogar besonders gerne."
Frida starrt ihre Oma an. Sie ist so - anders. Wie kann das ...? Frida weiß nicht, was sie denken soll.

Die Oma nimmt sie an der Hand und Frida folgt in die Küche. Die Kekse duften herrlich lecker. Überwältigend. Unwiderstehlich.

"Du wunderst dich sicher", sagt die Oma, während sie die Kekse aus dem Ofen holt.

Frida nickt. Ihr Blick schweift von den Keksen zum Fenster hinaus.

"Deine Mama und dein Papa wissen nichts davon, oder?", meint die Oma.

Frida sieht zurück zu ihr. "A-aber du", stottert sie. "Wieso?"

Die Oma lächelt ein breites Lächeln. Aus ihren dunklen Augen strahlt es. "Es ist ein Geheimnis", antwortet sie. "Ich verrate es nur dir allein."
Frida nickt ernst. Sie wird das Geheimnis bewahren, kein Schwur ist nötig.

Die Oma setzt sich. "Ich bin ein Trollkind, genau wie du. Naja, inzwischen bin ich eine Trolloma. Aber du und ich, wir haben dieselbe Herkunft. Trolle sind selten, aber wir halten zusammen, gehen durch dick und dünn. Und die Elfen sind unsere Freunde."

Frida nickt. Endlich, endlich versteht sie. Alles ist gut.

 

Über Luka Lydmers: Die Autorin wurde 1973 in Varel geboren und schreibt seit Ende 2004. Ihre Texte veröffentlicht sie unter Pseudonym. Es sind diverse ihrer Kurzgeschichten in Anthologien sowie im Internet erschienen. Ihren ersten Literaturpreis, das "Goldene Kleeblatt 2008" (3. Platz) des Forums Gewaltfreies Burgenland, erhielt sie für die Fabel Gestatten? J.H. Lemming. Die Autorin schreibt seit 2010 auch in Plattdeutsch. Für ihre Geschichte Eene Fro to veel erhielt sie im Jahr 2010 den Borsla-Preis.