Dagmar Ransmayr: Trockenschwimmerin

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. | Drucken |



Tagebuchbrief an dich

Ich habe lange nicht mehr an dich geschrieben.
Obwohl ich es früher sehr oft getan habe.
In den ersten Wochen, Monaten, Jahren.
Wo alles noch neu war: Das Begegnen, das Ankommen, das Auffallen, das Was-falsch-machen, die Unsicherheit und die Tränen.

Die Briefe an dich lege ich in deine Erinnerungskiste.
Zusammen mit dem Foto, das nach deiner Geburt gemacht wurde, deiner ersten Babykleidung, die dir das Kinderheim geschenkt hat. Zusammen mit der winzigen Taufkerze (so einer, wie man sie in den Kirchen im Süden vor den Seitenaltären anzünden und aufstellen kann. Gleich am dritten Tag nach deiner Geburt wurdest du im Kinderheim getauft.)
Zusammen mit den bereits ausgefallenen Milchzähnen. Und zusammen mit dem Foto von Margaret und dem Fragebogen, den die Sozialarbeiterin mit ihr ausgefüllt hat, als sie sich entschied, dich zur Adoption frei zu geben.
Es ist das Foto eines jungen, dunkelbraunen Mädchens mit kurz geschnittenem Haar und ängstlichem Blick.

Je älter du wirst, desto ähnlicher siehst du ihr. Du hast die gleichen großen Augen, das gleiche kleine, runde Gesicht, den vollen Mund.
Nur deine Haare trägst du seit deinem Schuleintritt zu vielen, langen Rastazöpfen gebunden.
Seit du sie so trägst, magst du deine Haare lieber. Du sagst es nicht, aber ich spüre es, wie du dich in den Spiegel schaust und das Kinn leicht zur Seite und in die Höhe hebst.
Deine Freundinnen, die blonden, blassen mit den gelben, dünnen Schnurhaaren, die du auch so gerne hättest, können mit ihren Haaren keine Frisuren binden, schon gar nicht solche, wie du sie trägst. Und du weißt, dass sie dich beneiden.

Gerade habe ich deine Bettwäsche und dein Nachthemd gewechselt, nachdem du mich geweckt und patschnass neben meinem Bett gestanden bist. Du weckst immer mich und nicht Papa, und ich habe es in den vielen Nächten mittlerweile murrend akzeptiert.

Du schläfst wieder fest. Am anderen Ende des Zimmers schnarcht dein Bruder. Ich habe das Fenster geöffnet, um den säuerlichen Uringeruch hinaus zu lassen.

Ich kann nicht mehr schlafen.

Es ist sehr spät. Es ist sehr früh. Ist es eigentlich Zeit für ein Glas Wein oder eine Tasse Kaffee, frage ich mich, als ich mich vor den Computer setze.
Ich brauche immer etwas, wenn ich arbeite, etwas tue, denke ich. Sogar, wenn ich putze, steht eine Tasse Kaffee irgendwo.

So wie du. Du brauchst auch immer etwas. Zu trinken, zu essen.
„Was gibt es?“, fragst du, wenn du vom Hort nach Hause kommst, auch wenn du dort gerade deine Jause gegessen hast. Zu Hause heißt Versorgung, denke ich manchmal.
Und dann sitzen wir und essen Apfelstrudel, obwohl er uns beiden nicht gut tut, weil wir beide den gleichen runden Po haben – sie gerät nach mir, sage ich manchmal lachend - und wir reden.
Und du fragst, wie mein Tag war. Und ich frage mich, wie es einem so kleinen Mädchen gelingen kann, so empathisch zu sein.
Du liebst es, wenn wir Besuch haben und mit Freunden am Tisch sitzen. Egal, was es gibt, egal, ob nachmittags oder abends. Egal, ob in der Küche oder auf dem Balkon. Du magst alles, du probierst alles aus...

Wir werden uns ärztliche Hilfe holen müssen.
Das mit dem Trockenwerden will einfach nicht gelingen.
Oft wecke ich dich nachts oder in den frühen Morgenstunden, damit du nicht in einem nassen Bett aufwachst. Aber das ist keine Lösung. Ich weiß es.

„Es geht ihr nicht gut“, taucht das Gespenst wieder auf. Ein braunes Mädchen in einer weißen Familie mit einem weißen Bruder.
Das Gespenst legt sich um meinen Hals und flüstert mir zu, dass ich etwas falsch mache, weil ich es gar nicht richtig machen kann, weil ich gar nichts verstehen kann von deiner Sehnsucht, deiner inneren Not..

Wir haben uns gut und lange vorbereitet. Wir sind viel und intensiv gereist. Haben in anderen Ländern gelebt, versuchen das Bunte der Welt zu erfahren, dir und deinem Bruder näher zu bringen.
Mein afrikanisches Mädchen. Meine Protea, habe ich dich oft genannt. Wie kann ich das Richtige vom Falschen erkennen?

Ich wische dich mit dem feuchten Waschlappen und trockne dich. Du steckst deinen Daumen in den Mund und schläfst wieder ein.
„Sie wird mit dem Daumenlutschen aufhören, wenn es ihr peinlich ist“, sagt die Ärztin.
„Hilf mir zu verstehen, was du brauchst“, sage ich.-
„Meinen Daumen“, sagst du. „Er schmeckt so gut. Nicht immer, aber manchmal. Wenn ich müde bin.“
Müde von der Schule, denke ich dann. Von Erwartungen und vom Fröhlich-sein. Vom Lachen und der Auseinandersetzung.

Oft bist du große Dame und tanzt als gäbe es nichts zu verlieren.

Es ist das erste Bild, das ich von dir habe, als ich dich kennengelernt habe. Ein kleines, zartes Etwas mit vielen Haaren und einem Daumen im Mund.

„Sie ist immer gut drauf“, sagt die Lehrerin. „Ich hatte noch nie ein Kind, das so viel lacht“, sagt die Hortpädagogin.
„Kannst du überhaupt schlecht gelaunt sein?“ fragt die Mutter deiner besten Freundin.

Immer fröhlich sein, ist sehr anstrengend, denke ich, während ich dir zusehe wie du daumenlutschend mit deinem Bruder abends vor Pippi Langstrumpf sitzt.

Letztes Jahr, als wir das erste Mal seit der Adoption auf Besuch in Südafrika waren, hast du im Flugzeug vor der Landung geweint und erbrochen. Wir sind bereits viel geflogen. Noch nie war dir schlecht gewesen. Du warst vor dem Besuch im Kinderheim so nervös, dass du den ganzen Vortag kaum reden und dann zunächst nicht aus dem Auto aussteigen wolltest.
„Mein großes Mädchen“, habe ich gesagt, als wir dann nach dem langen Besuch wieder wegfuhren.
Und du hast ohne Ende gefragt und geredet.

Ich setze mich ein wenig an deine Bettkante und schaue dir beim Schlafen zu.
„Du siehst mir ähnlich“, sagen viele, und ich freue mich, wenn sie das sagen. Du hast die gleiche Mimik, die gleiche Art zu reden und deine Hände beim Sprechen zu bewegen. Hautfarbe wird hier zur Nebensache.

Und du findest die gleichen Sachen komisch wie ich.
Bei der Wasserbombenschlacht auf der Ferienwoche letztes Jahr mussten wir beiden so lachen, dass wir uns sicher beide in die schon nassen Bikinihosen machten.

Seit du Vier bist, bist du eine sehr gute Schwimmerin.
In welchem Meer du in der Nacht wohl tauchst, denke ich.

Ich leere das Glas Wein und gehe dann in die Küche um Kaffee zu kochen. Mittlerweile ist es früh genug geworden.

 

Dagmar Ransmayr ist (Sonder- und Heil)Pädagogin, Psychologin, Supervisorin
Mama von Elias (leiblicher Sohn) und Eileena (Adoptivtochter aus Südafrika).