Dagmar Ransmayr: Meine Schwester (1. Preis)

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1. Preis beim Schreibwettbewerb "Adoptionsgeschichten"

 

 

Hausübung: „Ein Mitglied meiner Familie“.

 

Ich sitze vor dem Aufsatzheft und lutsch an meinem Bleistift. So was Langweiliges.
Mama und Papa sind ok. Meine Mutter ist sehr groß, mein Vater sehr dünn. Das ist irgendwie nichts Besonderes. Was soll ich sonst schreiben?
Mein Opa war Chef von einer Bowlinghalle und Bowlingmeister, aber viel mehr gibt der auch nicht her.

„Beschreib doch deine Schwester“, hat mein Freund Moritz gesagt. „Da kannst du eh viel schreiben.“
Meine Schwester! Meine jüngere Schwester! Das ist doch so was von peinlich, denk ich mir zuerst.
Nachdem der halbe Bleistift weggekaut ist und mir nur noch meine nervigen Kusinen eingefallen sind, fange ich halt mal mit meiner Schwester an.

Eigentlich ist auf den ersten Blick das einzig Besondere an meiner Schwester, dass sie braun ist. Wirklich dunkelbraun.
Und im Sommer noch viel, viel dunkler braun.
Das sagen meine Eltern. Mir fällt das nicht auf.
Mir fällt meistens nicht mal mehr auf, dass sie überhaupt braun ist.

Außer wenn mich in der Schule wer fragt, wieso das so ist.
Sie geht nämlich 2 Klassen unter mir in dieselbe Schule wie ich. Die meisten kennen uns ohnehin, weil es eine kleine Schule ist. Aber es gibt immer noch ein paar Blitzkneisser, die es nicht gecheckt haben.

Ich bin nämlich weiß. Aber das stimmt auch nicht ganz.
Meine Schwester sagt ich bin cremefarben. So heißt das, sagt sie. Wenn sie mich ärgern will, sagt sie, ich bin rosa.  Aber das sagt sie nicht zwei Mal.
Aber eigentlich reden wir über die Hautfarbe nie. Nur wenn eben jemand fragt und es genau wissen will.

„Weil sie in Afrika geboren ist“, sage ich dann. Aber das ist natürlich auch ein Blödsinn.
Unser Freund Osas, von dem sind die Eltern aus Nigeria, und der ist in Österreich geboren. Deshalb ist er aber nicht weiß.

Und genauso wenig ist meine Schwester dunkelbraun, weil sie in Afrika geboren ist, sondern weil ihre Eltern Afrikaner sind.

Also, auch „ihre Eltern“ stimmt nicht, weil meine Eltern sind ja die Eltern von meiner Schwester. Und die sind keine Afrikaner.

Ich habe gewusst, dass es schwierig wird, über meine Schwester zu schreiben. Das Thema wird immer gleich kompliziert.
Meine Schwester ist dunkelbraun, weil die Frau, in deren Bauch sie gewachsen ist, Afrikanerin ist. So erklärt es Mama, wenn ein Kind sie fragt. Und seit meine Schwester vier Monate ist, sind wir ihre Familie, weil die Frau, in deren Bauch sie gewachsen ist, sie nicht behalten konnte, weil es der nicht gut ging und die noch ganz jung war. Eine Jugendliche noch.
Manchmal möchte meine Schwester über diese afrikanische Frau was wissen, aber wenn Papa oder Mama dann anfangen zu erzählen, dann unterbricht sie oder hört gar nicht zu.
Ich finde das voll blöd, weil ich möchte eigentlich schon was wissen über sie, aber irgendwie denke ich, dass es mich auch nichts angeht, weil ich bin ja nicht in der ihrem Bauch gewachsen, sondern im Bauch von der Mama.
Als meine Schwester in unsere Familie kam, war ich zwei. Damals haben wir für einige Zeit in Südafrika gelebt. Damals war ich noch sehr klein, aber ich erinnere mich an das Haus, in dem wir gewohnt haben und die vielen bunten Kinder, mit denen ich in Johannesburg auf den Spielplätzen rund um den Zoo-Lake gespielt habe.
Ich erinnere mich an das Heim für behinderte Kinder, in dem Mama gearbeitet hat. Vor allem an die Schaukeln aus aufgeschnittenen Autoreifen.
Und ich erinnere mich, dass wir manchmal an den Wochenenden zu den Nationalparks gefahren sind, und ich im Auto vorne gesessen bin, wenn Zebras über die Straße liefen oder ein Nashorn plötzlich auf der Piste auftauchte.
Ich war begeistert.
Meine Schwester, die damals im Maxi-Cosi hinten im Auto neben Mama mitfuhr, war mir egal.
Ich war zwei Jahre und hatte nicht wirklich kapiert, warum wir dieses Baby aus dem Kinderheim mitgenommen hatten und nicht das große schwarze Plastikmotorrad, auf dem man wie auf einem Laufrad fahren konnte und das ich so gerne gehabt hätte.
So erzählt es meine Mama immer wieder. Meiner Schwester und mir. Und wir müssen lachen, wenn sie es erzählt.

Also, wenn ich meine Schwester beschreibe oder zeichne, dann fällt mir zuerst ihre Hautfarbe ein, obwohl wir sonst nicht darüber reden.

Oder ich nicht darüber rede. Sie schon. Weil es sie wahnsinnig nervt, sagt sie.

Sie mag sein wie alle ihre Freundinnen, sagt sie.

Dabei ist sie eh wie alle ihre Freundinnen, finde ich. Sie kreischt genauso, hört laut Musik, trägt rosa Glitzersachen, sagt den Buben blöde Sprüche nach, heult, wenn man blöde Sprüche zurück sagt und nimmt meine Computerspiele ohne zu fragen. Die Schwestern meiner Freunde sind genauso. Ich weiß also nicht, wo das Problem liegt.

Sie mag aber wie alle ihre Freundinnen aussehen, sagt sie.
Und das tut sie nicht. Da muss ich aber sagen, dass sie eigentlich cooler aussieht.
Wenn sie dick mit Creme eingeschmiert ist, sieht sie olivgrün aus.
Als sie im Fasching als Pippi Langstrumpf gegangen ist, hat sie sich mit der orangenen Perücke in den Spiegel geschaut und gesagt, „Ich sehe nicht wie Pippi, sondern wie die Frau von Shrek aus.“ Und ich hab auch in den Spiegel geschaut und „Ja, du hast vollkommen Recht“, gesagt. Und ich musste lachen.
Meine Schwester kann manchmal witzig sein.

Wir sehen uns oft das Fotoalbum an, wie wir beide klein waren. Es gibt viele Fotos. Von Südafrika und auch der Zeit danach, als wir wieder in Österreich waren. Meist schaue ich böse und meine Schwester lacht.
Das ist irgendwie bis heute geblieben. Meine Schwester ist die beste Lacherin und ich der beste Grantig-Schauer in der Familie.
Als kleiner Bub hab ich meistens böse geschaut, sagt Papa, weil alle Leute meine Schwester angesehen und ihr über die Haare gestreichelt haben. „Was für ein süßes Baby“, haben sie gesagt und ihr was geschenkt, so als ob sie irgendwie arm wäre.
Und mich hat niemand angeschaut oder gefragt, wie ich heiße.

Papa irrt sich. Mir war das immer egal. Ich hasse es, wenn mich andere Leute in die Wange zwicken oder mir über die Haare strubbeln und mir sagen, wie groß ich geworden bin. Das brauch ich wirklich nicht.
Mich hat nur genervt, dass wir immer aufgefallen sind?
Immer haben uns alle angestarrt oder uns nachgeschaut.
Im Restaurant, in der U-Bahn, im Urlaub.
Auch jetzt noch.
In Kroatien. Am Meer. Wie wir im kleinen Fischerhafen von der Kaimauer gesprungen sind. Alle Kinder, die dort gebadet haben, haben sich umgedreht und uns nachgeschaut.

Zum Glück kann meine Schwester gut köpfeln. Und schwimmen auch. Und ich sowieso. Cooler Sprung. Abgetaucht. Und dann sind wir weit hinaus bis zur Boje geschwommen.
Da haben sie dann nochmals geschaut.

Wie ich klein war, hab ich den Leuten manchmal die Zunge rausgestreckt, wenn uns Fremde dauernd fotografieren wollten. Also eigentlich meine Schwester. Mich haben sie wahrscheinlich wegen dem Kontrast dann auch dazu stellen wollen. Weil das dann noch extremer aussieht.

Meine Mutter wollte das nicht und ist oft böse zu den Leuten geworden. Vor allem zu denen, die einfach fotografiert haben ohne zu fragen.
Aber das mit dem Fotografieren ist es anders geworden seit sie älter ist. Wahrscheinlich wollen die Leute nur kleine, braune Kinder foto-grafieren.

Meine Schwester hat lustige Haare. Nicht wie ich, blond und glatt. Sie hat winzige schwarze Locken und zu kleinen Zöpfen gebunden.
Immer anders. Niemand in der ganzen Schule hat solche Frisuren wie sie.
„Gell, du möchtest auch Haare haben wie ich“, sage ich manchmal, wenn ich sie ärgern will. In Wirklichkeit habe ich mir aber als ich kleiner war, mit ihren vielen bunten Gummis und Maschen heimlich im Badezimmer Zöpfe gemacht. Kurz und abstehend und es hat peinlich ausgeschaut.

Meine Schwester ist noch lauter als andere Schwestern. Sie hat so eine laute Stimme. Und hört auch noch lauter Musik, was mich furchtbar nervt.
Aber wenn sie tanzt, sehe ich ihr gerne zu. Das sag ich ihr nicht, aber es ist so. Sie kann super tanzen, weil sie immer eigene Schritte erfindet. Ich kann die gar nicht nachmachen.

Letztes Jahr war Mama bei uns an der Schule und hat über afrikanische Länder erzählt.
Sie hatte einen Film und viele Bilder mit, und ich habe auch etwas sagen dürfen und ich hab mich echt gut gefühlt. Ich bin der Afrikaexperte in meiner Klasse, hat meine Lehrerin gesagt.

Mama hatte Fotos von Hochhäusern in Großstädten in Afrika mit und hat die Kinder gefragt, wo sie glauben, dass das ist und alle haben „Amerika“ gesagt.
Und dann hat sie Fotos von den Blechhütten und den vielen Armenvierteln gezeigt und wieder gefragt. Und alle haben „Afrika“ gesagt. Ich hab dann erzählt, wie viele Länder es in Afrika gibt und wie verschieden die sind.

Da waren alle still. Auch die Trotteln. Die, die manchmal blöd reden über meine Schwester oder immer nachfragen und sagen, dass meine Schwester ja nicht meine richtige Schwester ist.
Ich mag nicht, wenn die anderen das sagen.
Meine Schwester ist einfach meine Schwester.
Ich mag es nicht kompliziert.

 

Dagmar Ransmayr ist  (Sonder- und Heil)Pädagogin, Psychologin, Supervisorin
Mama von Elias (leiblicher Sohn) und Eileena (Adoptivtochter aus Südafrika).