Monika Stuhl: Ohne Ende (2. Preis)

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2. Preis beim Schreibwettbewerb "Adoptionsgeschichten"

 

 

Wann und wo es begonnen hat frage ich mich oft.

Da, wo immer wieder die Menstruation kommt, statt dem Kind? Da, wo wir aus der Kinderwunschklinik kommen und ich heule und sage, ich will das nicht und wir können auch ein Kind adoptieren und Agostino ist ganz und gar für diese Idee zu haben? Da, wo ich das erste Mal vor dem Jugendgerichtshof stehe und von den langen Wartezeiten höre und mir denke, das schaffen wir nie? Da, wo die Sozialarbeiterin und die Psychologin bei uns zu Hause sind und ich das Bad geschrubbt habe, aber sie benutzen es gar nicht? Da, wo wir unseren Vorbereitungskurs bei der Adoptionsagentur machen und andere Paare kennenlernen und ich eifersüchtig werde, weil sie früher drankommen? Da, wo wir einen Anruf von der Agentur erhalten, und Mariella uns fragt, ob wir drei Buben aus Brasilien im Alter von 9,8 und 5 Jahren adoptieren wollen und ich sage, nein, denn so habe ich das einstudiert, das haben wir befürchtet, aber drei, nein, das schaffen wir nicht? Da, wo Agostino Mariella noch einmal anruft und sagt, wir hätten es überdacht, wir wollen es probieren? Da, wo wir vor Kälte zitternd, weil der Koffer mit unserer Kleidung nicht angekommen ist, eine Institution in Brasilien aufsuchen, wo diese drei Buben auf uns warten? Da, wo die Psychologin sagt, die Buben hätten keine nennenswerten Probleme, sie hätten einfach keine Lust in die Schule zu gehen? Da, wo ich denke, der Theatersaal, der Musiksaal, die Psychologin, die kleinen Häuschen, in denen die Kinder in kleinen Gruppen von einer Art Mutter betreut werden, können wir ihnen denn diesen Service bieten? Da, wo ich diese Gedanken Sandro, unserem Betreuer in Brasilien, gestehe und er sagt, das sei alles nicht wichtig, die Kinder brauchen Eltern? Da, wo wir sie sehen und es nicht so ist, wie in den Fernsehdokumentationen, keiner weint, die Kinder lachen und sie riechen nach Armut? Da, wo wir auf dem Gericht in einem Vorort einer Stadt im Süden von Brasilien unterschreiben, dass wir für die nächsten dreißig Tage die Verantwortung für die Kinder übernehmen? Da, wo sie mit ihrer Papiertüte mit all ihrem Besitz mit uns in ein Apartmenthotel kommen? Da, wo ich erschöpft bin und mir denke, wann kommt endlich jemand, der sich um diese Kinder kümmert und ich merke, dass ich das jetzt bin, die sich um diese Kinder kümmert? Da, wo Robson sagt, er glaubt, Ronaldo hätte sich in die Hosen gemacht und ich ihn das erste Mal dusche und er das mit der Weisheit eines uralten Kindes kommentiert: "A prima vez", das erste Mal? Da, wo Roberto eines Abends, als ich vom Einkaufen nach Hause ins Apartmentkomme, sagt, er hätte "Saudade", Sehnsucht nach mir verspürt? Da, wo ich schreie, schreie, schreie, weil keiner tut, was ich sage, weil keiner lernen will, lesen will, rechnen will, weil ich immer gegen diesen Widerstand ankämpfen muss? Da, wo Robson auf Sandros Schoß sitzend zugibt, er sei so böse zu uns, weil er meine, dass Papa Roberto am liebsten habe und Mama Ronaldo? Da, wo er nach diesem Gespräch zu Roberto sagt: Das ist meine Mutter und das ist mein Vater und du hast mir gar nichts zu sagen? Da, wo ich in einem Supermarkt stehe und eine Jacke für Roberto kaufen muss und denke, wenn ich mich jetzt nicht entschließe, die hübscheste Jacke für meinen Sohn zu kaufen, wird er nie mein Sohn werden? Da, wo Elizane kommt, eine junge Mitarbeiterin von Sandro, die ein paar Regeln aufstellt, die Kinder mit Castigo, im Eck stehen bestraft und in einem Gespräch zwischen mir und Roberto moderiert und sagt: Wenn du mit ihr gehen willst, dann sag es ihr, aber sag es nicht zu der Seife in deiner Hand, sondern schau sie an? Da, wo Roberto mich anschaut und zu mir sagt: Ja, ich will mit dir gehen? Da, wo auf dem Jugendamt in der Stadt im Süden von Brasilien die Kinder sich mit Geheul auf uns stürzen und uns umarmen, weil die Sozialarbeiterin gesagt hat, sie will sehen, wie das ausschaut, wenn drei Kinder zwei Eltern umarmen? Da, wo wir 36 Stunden in Flugzeugen und auf Flughäfen auf dem Weg nach Italien verbringen und Roberto immer seinen kleinen Koffer mit den  Spidermanaccessoires festhält, den wir ihm zum Geburtstag geschenkt haben, und der in keinen Koffer mehr passte, er ihn aber keinesfalls in Brasilien zurücklassen wollte? Da, wo die Kinder um fünf Uhr morgens in ihrem Zimmer in Italien schlafen gehen und ich später Agostino eine SMS schreibe, dass Robson aufgestanden und aufs Klo gegangen ist, weil ich es so aufregend finde, dass tatsächlich die Kinder da sind?

Wann es angefangen hast, weiß ich also nicht, aber ich weiß, dass es nicht aufhört.

 

Monika Stuhl, geb. 1964 in Wien
Ausbildung an der Universität für Musik und Darstellende Kunst, Abt. Film & TV, in Regie und Schnitt
Arbeitet als Regisseurin, Cutterin, Regieassistentin und Continuity
1995 Auslandsstipendium an der Università della Calabria für eine Filmdokumentation und seit damals zweiter Wohnsitz in Italien
Zusätzliche Tätigkeit als Übersetzerin und Lektorin für Deutsch als Fremdspache
2007 adoptiert sie mit ihrem Mann 3 Kinder in Brasilien