Monika Stuhl: Starke Wehen

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Gestern hat Mariella, die Frau unserer Adoptionsagentur, bei meinem Mann angerufen. In Brasilien gäbe es drei ganz ruhige Buben. 9, 8 und 5 Jahre alt. Ob wir uns das vorstellen könnten, sie zu adoptieren. Ich wusste es. Ich hatte zu Agostino gesagt: „Sie werden uns fragen, ob wir auch drei Kinder adoptieren wollen. Wir müssen wissen, was wir sagen werden. Wir werden Nein sagen. Zwei schon. Drei nein. Das können wir nicht. Weder finanziell, noch emotional.“

Ich rufe Mariella an. „Nein.“ Mariella ist freundlich wie immer. Klar versteht sie das, ich soll mir keine Sorgen machen. Ab jetzt mache ich mir allerdings nur noch Sorgen. Seit drei Jahren wollen wir ein Kind adoptieren. Diese Entscheidung wird in der Hitze einer Stadt im Süden Italiens, wo wir leben, geboren, mit Kopfschmerzen von den vielen Tränen, die ich vergieße, als der Arzt mir sagt, dass uns geholfen wird und dass wir ein Kind haben werden, mittels eines ICSI-Befruchtung. Ich habe viel gelesen, ich weiß, was das ist. „Hören Sie zu weinen auf, Signora! So helfen Sie ihrem Mann nicht.“ Ich höre nicht zu weinen auf, mein Mann braucht keine Hilfe, finde ich, es tut ihm nichts weh. Er wird keine Hormonkuren machen, keine Eizelle, in die später eine mit Sorgfalt aufbereitete Samenzelle injiziert wird, wird ihm entnommen werden. Nein, so habe ich mir das Kinderkriegen nicht vorgestellt. Ich kann nicht aufhören zu weinen. „Warum adoptieren wir kein Kind, das entspricht uns doch viel mehr“, sage ich zu Agostino und er sagt „Ja“. Ich glaube, er ist unendlich erleichtert.

Wir haben ein Projekt, für das wir alles tun. Das Kind, das auf uns wartet, noch wissen wir nicht wo, welches Kind. Zuerst müssen wir gegen die Bürokratie kämpfen, die Psychologen, Sozialarbeiter, Jugendrichter, Ärzte, Eltern. Unsere eigenen Eltern, die, so will es das italienische Gesetz, einverstanden sein müssen, dass wir ein Kind adoptieren. Für Agostino ist das alles nicht schwer, er spricht gerne mit den Damen, denen ich mit Aggression begegne, weil ich mich geprüft fühle. Vielleicht merkt jemand, dass ich gar nicht geeignet bin, ein Kind zu haben? Meine Eltern. „Es ist schon lange her, seit ich das letzte Mal meine Eltern um Einverständnis gebeten habe“, sage ich spitz zum Kanzleibeamten auf dem Jugendgericht in Catanzaro. Außerdem sind meine Eltern in Vienna, Austria. Ich betone das Wort, als wäre es Australien, weit weg. „Hier geht es aber um Erbschaft“, gibt er zurück. Auf seine Art sagt er mir etwas, das ich in den nächsten Jahren immer wieder zu mir selbst sagen werde: „Es geht hier nicht um dich.“

Nach einem Jahr bekommen wir ein Zeugnis, in dem der italienische Staat uns unsere Eignung attestiert, ein oder mehrere Kinder zu adoptieren. Wir haben bereits einige Organisationen, die Adoptionen betreuen, besucht. Es sind um die fünfzig in ganz Italien. Auf eigene Faust im Ausland zu adoptieren ist verboten. Wir schreiben uns in eine Agentur ein, die mit Vietnam, Kolumbien und Brasilien kooperiert. Wir entscheiden uns für Brasilien und bald rechnen wir damit, wegen dem dortigen Kinderreichtum in extremer Armut, zwei Geschwister zu adoptieren und nicht nur ein Kind. Wir machen einen Vorbereitungskurs und lernen andere zukünftige und frisch „entbunden habende“ Adoptiveltern, unseren Betreuer in Brasilien und einige Kinder kennen. Die Kinder rühren mich und ich beneide die Eltern. Ich sehe ihre Verbindung, die kleinen Mädchen, die sich im Schoß der Mutter verstecken, die Buben, die aus dem Augenwinkel schauen, wo der Vater steht. Stolz von allen Seiten. Familien.

Unser Betreuer fragt die Teilnehmer, weshalb sie Kinder in einem gewissen Alter adoptieren möchten. Die meisten wollen kleine Kinder. „Um gemeinsam zu wachsen“, sagt ein stattlicher Mann. Ab zwölf Jahren kann ein Kind in Brasilien nicht mehr adoptiert werden. Wir haben uns bereit erklärt, ein größeres Kind zu adoptieren, vermutlich wird dann auch ein kleineres dabei sein. Ich will beides. Ich will das große Kind retten und mit dem kleinen spielen.

Ein Jahr nach dem Vorbereitungskurs, drei Monate nachdem unsere Papiere in Brasilien eingetroffen sind, kommt Mariellas Anruf. „Nein“, haben wir jetzt gesagt. Ich schlafe schlecht. Ein Wochenende vergeht. Ich stelle mir vor, wie drei Buben durch unser kleines Haus in Süditalien rennen. Wir würden ein größeres Haus brauchen. Ich sehe vor mir, wie drei Buben im Gänsemarsch eilig Kisten von einem Haus in ein anderes tragen. Aber jemand anders wird sie bekommen. Und wir werden warten. Vielleicht geht es ja doch? Vielleicht ist der Unterschied zwischen zwei und drei Kindern nicht so groß? „Wo zwei essen, essen auch drei!“ würde meine Schwiegermutter sagen. Ich rufe einen Freund mit drei Kindern an. „Drei Kinder sind super.“ sagt er. Ich befrage andere Freunde. Die meisten sind zurückhaltend, nur einer sagt: „Ihr werdet das schon schaffen.“

Agostino geht es wie mir. Am Montag ruft er noch einmal bei Mariella an und sagt, wir hätten es uns überlegt, wir wären bereit, die drei Kinder zu adoptieren. Bereit sind wir eigentlich nicht, wir warten darauf, dass jemand unserem Vorhaben Einhalt gebietet. Irgend ein Jugendrichter oder Sozialarbeiter in Brasilien wird sagen: „Halt, das geht doch nicht. Dieses Paar wird diese drei Kinder nicht ernähren können.“

Aber wir haben den Kinder-Vorschlag angenommen und der Regel entsprechend schickt die Agentur nun ein Foto per Mail. Ich habe Angst, ich werde drei Albinos mit vorstehenden Zähnen und dicken Brillen sehen. Ich werde sie dennoch lieben, schwöre ich mir.

Drei dunkelhäutige Buben mit kurz geschnittenem Haar schauen mit einer Mischung aus Unternehmungslust und Scheu in die Kamera. Der Große lacht stolz, der Mittlere verschämt, der Kleine schüchtern. Mir laufen die Tränen über die Wangen. Agostino grinst.

Einen Monat später fliegen wir in den Süden von Brasilien. Mir ist nicht ganz wohl. Die Vorbereitungen waren anstrengend. Meine Schwiegermutter war ernst, meine Mutter sagte: „Das schaffst du nie.“ Keiner unserer Freunde war enthusiastisch. Wir fliegen nach Brasilien, nicht, um unsere Kinder nach Hause zu bringen, sondern um uns in ein Abenteuer mit unbekanntem und eher dunkel anmutendem Ausgang zu stürzen.

In Dokumentationen über erste Zusammentreffen bei Adoptionen sieht man oft weinende Mütter, lachende Väter und verwirrte Kinder. Ich musste auch immer weinen, wenn ich solche Aufnahmen sah. In unserem Fall lachen die Kinder, ich weine aus lauter Anspannung nicht, Agostino lächelt ruhig. Sie küssen uns, sie kennen uns ja schon. Sie haben das kleine Fotoalbum studiert, das wir in der Vorbereitungszeit zusammengestellt haben. In dem Haus, in dem Roberto, Robson und Ronaldo mit ihrer Betreuerin und anderen drei Buben untergebracht sind, ist es dunkel, die Jalousien heruntergezogen. Sie sind vor dem Fernseher gesessen und haben gewartet, dass wir sie abholen. Sie sind fertig angezogen mit Jacke und Schuhen, in einem Papiersack hat jeder sein gesamtes Hab und Gut. Sie sind bereit.

„Hört mal, jetzt schauen wir erst, ob das geht mit uns“, möchte ich ihnen auf dem Weg ins Apartmenthotel eigentlich sagen. 30 Tage Zusammenleben auf Probe. Aber Ronaldo schaut das Album von unserem zu Hause an und sagt auf portugiesisch: „Mein Haus, meine Katze, mein Hund.“ Die Kinder geben alles. Umarmungen, kalte nasse Küsse, viele Worte, die ich nicht verstehen kann, beleidigtes Weglaufen, Schmollmünder, böse Blicke. Sie furzen und rülpsen und lachen darüber herzlich. Agostino und ich schauen uns müde an. Ich hätte gerne mehr Kraft und vor allem mehr Humor. Agostino ist ruhig, er glaubt, dass unser Betreuer uns nicht zufällig mit diesen drei Kindern zusammengesteckt hat. Ich sitze in einem Haufen Kinderwäsche, zwei Kinder hüpfen um mich herum, ein drittes schleicht beleidigt um den abgeschalteten Fernseher.

Dann gebe ich auch alles. Ich weine, ich schreie, ich singe Kinderlieder, lese Bücher vor, versuche mich in irgendeiner Sprache verständlich zu machen. Wir gehen zu Sozialarbeitern und Psychologen. Unser Betreuer kommt fast täglich, dann auch seine Assistentin. „Die Kinder spüren, dass ihr nicht davon überzeugt seid, sie mitzunehmen. Erst wenn sie die Gewissheit haben, dass ihr sie nach Italien bringt, werden sie sich ändern.“ „Und wie?“ stoße ich hervor. „So wie ihr es wollt.“ Ich beschließe, es zu glauben.

Nach mehr als dreißig Tagen unterschreiben wir die Adoptionsunterlagen und mir ist immer noch nicht ganz wohl. Es dauert lange, bis die Momente der Leichtigkeit schwerer wiegen als die der Angst.

Fünf Jahre sind vergangen, seit wir doch „Ja“ gesagt haben. Jeder einzelne Tag ist eine Herausforderung. An vielen Tagen schäme ich mich und denke: „Wer ist hier eigentlich das Kind?“ An anderen Tagen bin ich erstaunt, dass niemand mein betrügerisches Unternehmen als Mutter aufdeckt .

Aber es gibt keinen Tag, an dem ich zurück will, in die Zeit vor Mariellas Anruf.

Und manchmal fühle ich mich wie eine Löwin.

Die Kunst des Vertrauens scheine ich von meinen Kindern gelernt zu haben.


Monika Stuhl, geb. 1964 in Wien
Ausbildung an der Universität für Musik und Darstellende Kunst, Abt. Film & TV, in Regie und Schnitt
Arbeitet als Regisseurin, Cutterin, Regieassistentin und Continuity
1995 Auslandsstipendium an der Università della Calabria für eine Filmdokumentation und seit damals zweiter Wohnsitz in Italien
Zusätzliche Tätigkeit als Übersetzerin und Lektorin für Deutsch als Fremdspache
2007 adoptiert sie mit ihrem Mann 3 Kinder in Brasilien