Marion Umgeher: Frag doch den Inder

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Ja, natürlich! Der Hausverstand, der Depp. Der hätte das doch gleich sagen können! Dass der immer nur ans Einkaufen denken muss. Na klar – nur das kann die Lösung sein! Dabei war die salopp hingeworfene Antwort des Kollegen „Frag doch den Inder!“ nicht ernst gemeint (aber bekanntlich ist ja ein Witz wie ein Loch, aus dem die Wahrheit pfeift). Was sagt man denn sonst auf die rhetorische Frage: „Wie soll man sich denn ein eigenes Haus in Wien mit einem durchschnittlichen Gehalt leisten können?“ Nicht einmal dann schafft man das in einem vernünftigen Zeitrahmen, wenn man selbst ein Baumax mit goldenen Handwerkerhänden ist und sich nach dem Motto „Geiz ist geil“ das Geld dafür quasi vom Mund abspart. Und der Spruch „Wozu hat man Freunde?“ zieht über kurz oder lang auch nicht mehr, denn die haben bald genug davon, wenn man sie jedes Wochenende einlädt und jovial-schulterklopfend sagt: „Mach es zu deinem Projekt!“

Indien also. Incredible India – wie es in der Werbung so schön heißt. Da soll die Rettung herkommen. Für das Eigenheim-Projekt. „Wir adoptieren einfach einen jungen Inder“ so die scheinbar rettende Idee und zugleich einfache Lösung, wie man vielleicht doch noch zu einem Haus kommen kann. „Der soll einen technischen Beruf ergreifen. Freie und gutbezahlte Jobs gibt es ja hierzulande eine Menge. So kann er dann die Haushaltskasse aufbessern und zum Lebensunterhalt beitragen.“  Doch wo bekommt man so schnell einen jungen Inder her?

Nein – nicht immer „hat Bosch die Lösung“. Die Ideallösung, nämlich einen bereits erwachsenen Inder zu adoptieren – da hat die Bundesregierung blöderweise Anfang des Jahres 2003 einen Riegel vorgeschoben. Weil eben mehrere Österreicher plötzlich auch einen eigenen Inder haben wollten – oder Kinder über 18 aus einem Nicht-EU-Staat. Denn „wenn einem soviel Gutes widerfährt, das ist (schon mehr als nur) einen Asbach Uralt wert“. Vor der Gesetzesnovelle habe sich allein in Wien die Zahl der Anträge auf Erwachsenen-Adoption von drei bis fünf pro Jahr auf fünfzehn bis zwanzig pro Woche gesteigert. Seit der Verschärfung des Gesetzes muss man nun nachweisen können, dass man fünf Jahre im gemeinsamen Haushalt gelebt hat und es sollte der Wunsch bestehen eine Beziehung herzustellen, „die dem Verhältnis zwischen leiblichen Eltern und Kindern entspricht“. Dazu gehört unter anderem auch, dass das Adoptivkind mindestens 18 Jahre älter sein muss als seine neuen Eltern. Aber bei einem jungen Paar, beide nicht einmal 30, das nichts nicht sehnlicher als ein... äh, Haus wünscht, nimmt einem das keiner ab, dass man da schon ein erwachsenes Kind hat!

„Mitdenken rentiert sich“ (nicht nur bei Cosmos Direkt), denn: Dass das Adoptieren von bereits erwachsenen Indern auch ganz schön verzwickt sein kann, hat 2010 der Fall eines hinduistischen Adoptivsohnes in Wien gezeigt: Wie in der Presse berichtet wurde, hatte es sich seine Wahlmutter bald nach der Adoption 2002 wieder anders überlegt (nicht nur die Deutsche Bank verkündet in der Werbung: „Die Zeiten ändern sich.“). Er hätte sich nicht wie vereinbart um die pflegebedürftige Frau gekümmert und sie mit einer Bürgschaft auf seinem Kredit sitzengelassen. Doch der Adoptivsohn beharrte darauf, dass ihn seine neue Mutter behalten müsse – als Hindu sei nach indischem Recht eine Adoption nicht mehr rückgängig zu machen. Ein gefährliches Spiel – ob man das riskieren sollte für ein eigenes Haus? Vielleicht wäre es doch besser den indischen Duracell-Hasen zu adoptieren, denn das „hält (ja angeblich) entscheidend länger“.

Und wer weiß, vielleicht schlägt ja doch irgendwann das Woody-Allen-Syndrom zu: Man verliebt sich plötzlich in das erwachsengewordene Adoptivkind, das der Partner mit in die Beziehung gebracht hat. Aber in Hollywood ist ja bekanntlich vieles möglich – selbst eine spätere Heirat zwischen Woody und Soon-Yi sieben Jahren nach Auffliegen ihrer Affäre. Nicht nur „guten Freunden gibt man ein Küsschen“. Und dass die Adoption von Kindern aus der dritten Welt nicht immer von allen gut geheißen wird, das mussten Promi-Paare wie Angelina Jolie und Brad Pitt oder Madonna und Guy Ritchie feststellen und sich den Vorwurf einer möglichen Bevorzugung gefallen lassen.

Dann bleibt also nur eine Lösung: Ein kleiner Inder muss her – er muss ja nicht unbedingt Douglas heißen „um das Leben schöner zu machen“. In der eigenen Vorstellung malt man sich das ganz romantisch aus: Nach Indien fliegen, im nächstgelegenen Waisenhaus ein Kind aussuchen, eine schnelle Unterschrift auf den Adoptionspapieren und wieder zurück nach Österreich, denn nicht nur Esso meint: „Es gibt viel zu tun, packen wir's an!“ Das ist sicher damit vergleichbar, wenn man sich hierzulande für einen Hund oder eine Katze aus dem Tierheim entscheidet. Die Beamten sind auch doch sicher froh, dass sie sich um ein Sorgenkind weniger kümmern müssen? Das muss doch eine Win-Win-Situation für alle sein: Neue Eltern froh, Beamte froh und Haribo sowieso. In Indien ist es aber fast so wie mit einem Kinderüberraschungsei: „In (fast) nur jedem siebenten Ei“ – äh, also Bündel, das im Kinderheim abgegeben wird – steckt ein kleiner Inder drinnen. Hauptsächlich werden kleine Mädchen ihrem Schicksal überlassen. Also stehen die Chancen, einen kleinen Inder zu bekommen, denkbar schlecht. Nur: Mädchen interessieren sich nicht für Technik – doch gerade dort warten die lukrativen Jobs. Lukrativ genug, um mit dem Beitrag zum Haushaltsbudget den Traum vom Haus im Grünen zu finanzieren. Also bleibt nur ein Ausweg: Man wird ihr hauptsächlich Spielzeug für Jungen schenken und sie in diese Richtung fördern... Freundinnen zur Puppenteeparty einladen – das geht gar nicht. Wie heißt es so schön „Es kommt darauf an, was man d'raus macht. Hoffentlich ist es (nicht) Beton.“ Damit ist die Entscheidung gefallen: Eine kleine Inderin soll die Lösung werden!

„Wer wird denn gleich in die Luft gehen?“ – denn bevor man das Flugticket nach Indien bucht, hat ein Blick in die Gelben Seiten ausnahmsweise keinen Sinn, selbst wenn es immer heißt: „Vielleicht hätte er jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt.“ Also googelt man doch vorsichtshalber noch einmal im Internet und informiert sich über die rechtliche Lage. Denn hier „werden Sie geholfen“. Obwohl „Spiegelleser (angeblich) mehr wissen“ – bei Fragen wie diesen greifen auch die wahrscheinlich eher auf das Internet zurück, denn wer weiß schon wie viel eine trockene Semmel wiegt oder welche Farbe ein Schlumpf hat, wenn er erwürgt wird? Doch für das Projekt

„Frag doch den Inder“ gibt es in der Tat qualitativ hochwertige Informationen, wie Adoptionen tatsächlich ablaufen –    „dahinter steckt immer ein kluger Kopf“ (diesmal hat die FAZ ihre Finger ausnahmsweise aber nicht im Spiel). Informationen findet man etwa „Da.Da.Da“: www.adoptionsberatung.at – hier gilt auch, was auch für Galileo gilt: „Sehen. Staunen. Verstehen.“ Denn schnell wird einem klar, dass es erstens rechtliche Rahmenbestimmung in Österreich gibt, die Adoptionsinteressenten erfüllen müssen. Dazu werden sie auf Herz, Nieren und finanziellen Hintergrund geprüft, müssen Vorbereitungskurse absolvieren und nachweisen, dass sie wirklich nur das Wohl des Kindes im Sinne haben. Und das ist auch gut so, denn Adoptivkinder haben bereits einen harten Weg hinter sich, bis sie endlich in die treusorgenden Hände einer neuen Familie übergeben werden können: Ausgesetzt und/oder im Kinderheim abgegeben – diese Beziehungsabbrüche prägen viele bereits in den ersten Lebensmonaten – sie können nicht wie Prof. Rino von sich behaupten: „Ich bin Schokoknacker und Milchschaumschlürfer“. Und dass auch bei Adoptionen im Ausland immer das Wohl des Kindes im Mittelpunkt steht, dafür sorgt das Haager Adoptionsübereinkommen – das gilt übrigens auch in Indien. Mit einem Wisch, äh Klick, ist alles weg – der schöne „Frag doch den Inder“-Plan zerplatzt wie eine Seifenblase. Gut so. Es geht immerhin um die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft. Die haben besonderen Schutz verdient. Und Eltern, die sie lieben – denn nicht nur „in Bahlsen steckt viel Liebe drin“. Eltern einfach – egal ob leibliche oder großziehende. Und auf die kommt eine turbulente Zeit zu – eine richtige Kinderüberraschung mit „Spiel, Spaß, Spannung – und vielleicht auch Schokolade.“

 

Über Marion Umgeher: Ich freue mich mit Recht auf den vorhergesagten Weltuntergang, denn wenn alle panisch herumlaufen und denken "Mein letztes Stündlein hat geschlagen", dann bleibe ich seelenruhig sitzen und feiere meinen 30. Geburtstag (auf den Tag genau). Ich bin ein richtiger Bücherwurm – was liegt da näher als den Wohnsitz ins schöne Buch in Tirol zu verlegen? Und weil ich meine neugierige Nase (fast) überall hineinstecken muss, blieben nur zwei Berufswege offen: Entweder Privatdetektivin (aber wer will schon ständig wie Miss Marple herumlaufen?) oder eben Redakteurin. Mein Kürzel (mum) ist dem großen Bruder „Mumm“ sehr ähnlich, das umgangssprachlich als Ausdruck für Mut, Kraft und Unternehmungsgeist verwendet wird.