Bärbel Wolfmeier: Bäume mit Bändern

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Ohne Tabletten in der Tasche ging Gabi nicht zum Familienfest der Dethleffsens. Da wurde aufgetischt und hingelangt, eingeschenkt und vorgeführt. Gabis Magen war empfindlich und reagierte sauer auf fettreiches Essen oder armselige Äußerungen. Vorsorglich nahm sie eine Packung Antazida aus dem Medizinschrank, bevor sie mit ihrem Mann an diesem Pfingstmontag zum Kindskiek von Kathrin fuhr, dem jüngsten Spross von Doris und Thies Dethleffsen.

„Bist du soweit?“, rief Dirk ihr zu.

„Ja, kann losgehen.“

Gabi startete den Wagen.

Als sie nach dreißigminütiger Fahrt durch das norddeutsche Marschland in die Auffahrt bog und den roten Mazda mit angezogener Handbremse auf Doris Hofplatz parkte, schmetterte es aus dem Autoradio:„ I´m walking on sunshine“.

„Dann wollen wir mal“, grinste Dirk. Gabi atmete tief durch.

Pink und lila prangten Bauernrosen an der weißen Stirnseite des reedgedeckten Friesenhauses. Das Paar folgte dem sich windenden Pflastersteinweg um das Gehöft herum, bis zur knorrigen Linde, in deren Schatten aufgeputzt und angedeckt die Gartenmöbel auf Gesellschaft warteten. Dort begrüßten  die Hausherren ihre Gäste und nahmen dankend Geschenke und Glückwünsche zum Neugeborenen entgegen. Neben der Linde stand frisch gepflanzt ein junger Birnenbaum, der mit Bändern und Spielzeugen geschmückt war. Kathrins Geburtsbaum.

 

„Du rauchst zu viel. Deshalb klappt das bei euch nicht“, meinte Doris wie beiläufig, als sie zum Mittag aßen. Ein Stück Kartoffel kombiniert mit einem Happen Rinderbraten, tunkte sie in Soße und ließ den Bissen in ihr loses Mundwerk gleiten, das scheinbar nur auf diese Weise zu stopfen war.

Obwohl schmalhüftig und kleinbusig, war Doris Mutter von vier Kindern geworden, die sie nicht infolge besonderer Anstrengungen bekommen hatte, sondern aufgrund ihrer Planlosigkeit. Sie waren ihr einfach in den Schoß gefallen.

„Klugschwätzerin“, dachte Gabi. Dem blanken Etui, das neben ihrer gefalteten Serviette lag, entnahm sie spitzfingrig eine Prince, steckte die Zigarette an und blies Doris nach dem ersten Zug ihre qualmende Antwort entgegen:

„Kümmere dich um deinen eignen Kram.“

Kopfschüttelnd stand Doris auf und setzte sich zwei Plätze weiter, um dem beißenden Geruch der Zigarette zu entkommen. Fast tat Gabi die schroffe Abfuhr leid, die sie ihrer Schwägerin erteilt hatte, doch sie konnte Kommentare über ihre Kinderlosigkeit nicht mehr ertragen.

Doris Kinder waren trotz der Mutter gut geraten, fand Gabi, und sie waren ihr stets willkommen.

Die Mädchen besuchten ihre Tante oft, blieben über Nacht oder fuhren mit in den Urlaub. Gabi spielte und bastelte mit ihnen, brachte ihnen Canasta bei und flocht ihre Zöpfe.

Sie wäre eine prima Mutter. Davon war sie überzeugt.

Bisher war es für Gabi noch nicht zur Mutterschaft gekommen. Schwanger geworden war sie schon einige Male, aber gehalten hatte sie keine. Ihre Schwangerschaften waren meistens bereits vorbei gewesen, kaum dass sie sie überhaupt bermerkt hatte. Das Fest kostete Gabi zwei „Remmie“ und endete mit einem abschließenden Pharisäer, den Doris traditionell in hohen Tassen servierte. Indischblau.

 

Wissenschaft ist keine Hexerei. Als das Klonschaf Dolly Schlagzeilen machte, wurde Gabi erneut schwanger. Die kritischen ersten Monate schaffte sie ohne Komplikationen. Der Tag kam, den sie rot im Kalender angestrichen hatte: Der große Ultraschalltermin. Sie würde ihr Kind sehen, vielleicht sogar das Geschlecht erfahren. Freudig entblößte sie ihren kleinen runden Bauch und wollte die kommenden Minuten in vollen Zügen genießen.

Als der Arzt verstummte und angestrengt auf den Bildschirm blickte, wurde Gabi laut.

„Was ist denn los? Ist was nicht in Ordnung?“, schrie sie und sah nichts mehr, hörte nichts mehr, fühlte nichts als Angst.

„Ich finde keinen Herzschlag.“

Auch im Krankenhaus fanden sie keinen. Die Geburt wurde eingeleitet. Gabi erlebte, wie die Wehen ihren Muttermund öffneten und die warme Feuchte des Fruchtwassers ihre Schenkel umspülte. Das Kind kam mit einem Rutsch heraus und mit dem Kappen der Nabelschnur wurde ihre letzte körperliche Verbindung zerschnitten.

Die Freude oder das laut gepriesene Wunder einer Geburt erlebte sie nicht, hörte keinen erlösenden Säuglingsschrei. Kein bebender kleiner Körper wurde ihr auf den Bauch gelegt. Kein Baden, Wiegen, Messen und in die Arme schließen. Kein

Foto, kein Fußabdruck, keine Gratulation. Nur Schweigen und ein tiefer namenloser Schmerz zog in die Leere ein, die das Kind hinterließ in dem Moment, als sie es tot gebar.

Seit diesem Tag war das Thema Schwangerschaft für Gabi vom Tisch. Das Leben ging weiter: Kate Winslet überlebte den Untergang der Titanic. Gabis Nichten trugen keine Zöpfe mehr, sondern Arschgeweih.

Wann ihre Gedanken das erste Mal um Adoption zu kreisen begannen, wusste Gabi selbst nicht recht. Noch war sie jung genug, ein Kind großzuziehen.

„Was denkst du Dirk, wie wäre es, wenn wir ein Kind adoptieren?“, entwich es ihren Lippen wie der Unterdruck einem Gurkenglas.

Nun, da er ausgesprochen war, schwebte dieser Gedanke im Raum, setzte sich mit ihnen zum Abendessen in die Küche oder machte sich auf der braunen Ledercouch breit, wenn sie fernsahen. Mit der Zeit verlor er seine Fremdheit.

 

Jimena hockte auf dem Esszimmerstuhl von Gabi Dethleffsen, stocherte in dem Tortenstück auf ihrem Teller und blickte in die fremden Gesichter ihrer neuen großen Familie. Langsam zerfloss das „W“ aus Sahne vor ihren Augen bis zur Unkenntlichkeit. Die anderen Buchstaben auf der gefüllten Backware, die den Schriftzug „Willkommen Jimena“ gebildet hatten, waren zerteilt und von den Gästen längst gegessen worden. Nun umringten die Cousinen das Mädchen und wollten die Geschenke mit ihr auspacken. Es war eine „Happy Family Midge“ darunter, die schwangere Freundin von Barbie – das Neueste auf dem Spielzeugmarkt.

„Du musst nicht essen, wenn du nicht magst. Geh ruhig mit“, forderte Gabi Jimena freundlich auf, nickte zustimmend und winkte mit der Hand. Zögerlich folgte das Mädchen den Cousinen.

„Nun hast du endlich doch dein eigenes Kind und musst dir nicht mehr meine ausleihen. Gratuliere!“ lachte Doris, während sie mit Gabi in der Küche stand und das Silberbesteck abtrocknete.

Gabi spülte die Tortenplatte. Sie schüttelte den Kopf.

„Jimena ist nicht mein. Ich kann sie lieben, kann sie meine Sprache lehren, mein Haus mit ihr teilen und meinen Namen.

Ich weiß nicht, wie ihr Wiegenlied klang, wann sie ihr erstes Wort sprach, in welche Arme ihr erster Weg sie führte - oder von wem die Grübchen sind, die sich in ihre Wangen graben, wenn sie lächelt. Sie wird unseren Namen tragen, aber wird sie je von sich sagen: Ich bin eine Dethleffsen?“

Doris nickte.

„Das stimmt, Gabi. Ihre Wurzeln sind in Peru. Doch ihren Baum pflanzen wir in deinen Garten. Ob er anwachsen und Früchte tragen wird, werden wir sehen.“

Sie ließ das Geschirrtuch fallen, nahm Gabi bei der Hand und zerrte sie hinaus. Die Männer brachten einen Birnenbaum. In seiner Krone flatterten Bänder im frischen Nordseewind. Sie pflanzten ihn gemeinsam mit dem Mädchen aus Südamerika mitten in die Grünfläche, an den Platz, den Jimena mit lachendem Gesicht dafür bestimmte.

 

Über Bärbel Wolfmeier: Ich bin 46 Jahre alt und lebe mit Mann, Kindern und Kaninchen im ländlichen Dithmarschen. Seit 2010 veröffentliche ich Gedichte und Kurzprosa im Internet, seit 2011 nehme ich an Lesungen und Poetry Slams teil. Im Juli 2012 wurde eins meiner Gedichte in einer Anthologie gedruckt.