Simone Bartels: Der kleine Bockshörndlbaum

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. | Drucken |



„Wie imposant er ist.“, staunten die Wanderer.

„Schau mal, wie schön der Baum aussieht.“, rief ein Kind seiner Mutter zu.

Immer wieder kamen Leute vorbei, um unter dem kräftigen Baum eine Pause einzulegen. Kinder versuchten verzweifelt, den Stamm hochzuklettern. Wanderer schätzten in der Mittagshitze den Schatten und wunderten sich über die großen Schoten.

Der Bockshörndlbaum glänzte in seiner kargen Umgebung. Er war größer und kräftiger als die anderen seiner Art. Er hatte schöne lange Schoten, die nach der Reifung auf den sandigen Boden fielen und ihm ein wenig Farbe verliehen. Viele Schoten blieben beim Aufprall auf die Erde unversehrt, einige erhielten ein paar Schlagstellen, während andere aufplatzten und ihren Inhalt auf dem sandigen Untergrund verteilten.

Doch die Idylle blieb nicht lange ungetrübt: Immer mehr Menschen zogen an den Rand der nah gelegenen Millionenstadt und bauten aus Holz, Wellblech und Lehm ihre spartanischen Hütten. Sie rückten damit näher an den Bockshörndlbaum heran und nahmen ihm seine Ruhe. Die Leute suchten den Bockshörndlbaum nun nicht mehr auf, um eine Pause einzulegen, sondern um seine Schoten zu pflücken und zu verkaufen. So wurde aus dem üppigen, ausgewachsenen Baum ein karger, der ums Überleben kämpfte.

An einem stürmischen und verregneten Tag prallte eine Schote auf den sandigen Boden und platzte. Die Bedingungen waren günstig: Ein Same schaffte es, zu keimen und eine neue kleine Pflanze zu bilden. Der große Bockshörndlbaum freute sich sehr, aber er konnte sich nicht um seinen Nachwuchs kümmern. Schließlich musste er selbst um sein eigenes Leben kämpfen, denn täglich kamen Leute vorbei, die an seinem Stamm ritzten und an seinen Schoten zupften. Doch der kleine Baum hatte einen großen Lebenswillen. Er trotzte Wind und Regen, durchlebte Hitze und Dürre und überstand Verletzungen und Angriffe auf seine Existenz. Allerdings zeigten sich bei ihm schon nach kurzer Zeit Mangelerscheinungen.

An einem sonnigen Tag verirrten sich zwei Wanderer in die inzwischen verwahrloste Gegend und suchten Schatten unter dem großen Bockshörndlbaum. Sie staunten über seine Größe, sahen aber auch deutliche Spuren seiner schwierigen Lebensumstände. Und dann fiel ihnen der kleine Baum auf.

„Er kämpft ums Überleben und wird nicht durchkommen.“, sagten sie betroffen.

Sie machten Photos von beiden Bäumen und gingen schnell in Richtung Stadt.

Bald darauf hielt ein kleiner Lieferwagen in der Nähe der beiden Bäume. Zwei Botaniker stiegen aus. Sie hatten mit Dünger angereichertes Wasser dabei, das sie beiden Bäumen gaben.

„Wir sollten in einigen Wochen noch einmal wieder kommen und uns den jungen Baum ansehen. Wenn es ihm dann nicht besser geht, müssen wir ihn mitnehmen.“, meinte der bärtige Mann zu seinem hageren Kollegen.

Die Wochen vergingen und immer weniger Leute waren aufgrund des stürmischen Wetters unterwegs. An einem dieser Tage stiegen die beiden Botaniker aus ihrem Lieferwagen aus und stolzierten direkt zu den beiden Bäumen.

„Es geht dem Kleinen noch schlechter als damals. Wir müssen ihn verpflanzen.“, sagte der Hagere.

Der Bärtige holte zwei Schaufeln, und die beiden Männer fingen an zu graben. Der kleine Baum hatte nur flache Wurzeln, so dass die Botaniker ihn schnell ausgraben konnten. Dann verfrachteten sie ihn auf die Ladefläche des Lieferwagens und brachten ihn in eine Baumschule.

„Es geht ihm nicht gut.“, sagte ein Gärtner, als er den kleinen Baum in Empfang nahm.

Er steckte ihn schnell in einen schwarzen Topf und sah sich besorgt die welken und ausgeblichenen Blätter an.

„Ich werde ihn aufpäppeln, und er wird es schaffen.“, murmelte er zuversichtlich.

Täglich gab er ihm angereichertes Wasser und sah sich seinen Zustand genau an. Er kümmerte sich gewissenhaft um ihn, aber auch um viele weitere kleine Bäumchen, die unter seiner Obhut und Pflege an Kraft und Größe gewannen.

Mit dem Einzug des Frühlings statteten die Botaniker der Baumschule einen Besuch ab. Sie sahen sich den kleinen Bockshörndlbaum genau an.

„Er sieht viel kräftiger als noch vor einem halben Jahr aus.“, meinte der Bärtige.

„Ich denke, wir können nun eine Bleibe für ihn suchen.“, schlug der Hagere vor.

Sie fuhren in ihr Büro. Es war ein Raum mit vielen Akten, Papierstapeln und Büchern. Jeder von ihnen holte einen Stapel mit mehren dicken Akten, die sie sich genau ansahen. Es war ruhig im Büro. Intensiv prüften sie die Formulare und verglichen einzelne Unterlagen miteinander.

„Ich habe was gefunden.“, rief der Bärtige erfreut.

„Zeig mal her.“, bat ihn der Hagere.

Sie sahen sich einen Zettel gemeinsam an und vertieften sich in ein langes Gespräch.

Im Sommer war es endlich so weit: Ein Taxi fuhr beim Büro der Botaniker vor. Zwei Menschen stiegen aus. Sie redeten in einer anderen Sprache. Schick angezogen waren die beiden und sichtlich nervös.

„Auf diesen Moment haben wir sechs Jahre gewartet.“, meinten sie berührt.

Die beiden sollten sich setzen. Sie warteten und warteten. Ihre Hände klammerten sich aneinander. Dann ging die Tür auf. Eine alte Dame trug einen gemusterten Topf mit dem kleinen Bockshörndlbaum hinein. Er war hübsch anzusehen, hatte aber immer noch einige welke Blätter.

„Oh endlich.“, schrie die ausländische Frau aufgebracht und nahm den Topf in die Hände.

Sie und ihr Mann waren außer sich vor Freude. Der kleine Bockshörndlbaum wusste nicht, wie ihm geschah. Er wurde von einem Ort zum anderen geschleppt und stellte erst einmal sein Wachstum ein. Er neigte sich sogar ein wenig zur Seite, weil seine Wurzeln durch das viele Gezerre nicht mehr so fest im Boden verankert waren.

Und dann kam die längste Reise seines Lebens an einen ganz anderen Ort – fort von allem, was ihm jemals vertraut gewesen war. Sie dauerte sehr lange. Das kleine Bäumchen staunte über sein neues Zuhause, musste sich an das neue Klima gewöhnen und an die neue Umgebung. Die Frau und der Mann, die ihn mitgenommen hatten, gaben ihm einen besonders schönen Platz, den sie schon für ihn vorbereitet hatten. Die beste Stelle im Garten neben den blühenden Forsythien und den farbenprächtigsten Blumen war für ihn bestimmt. So richtig konnte sich der kleine Bockshörndlbaum anfangs nicht darüber freuen, doch mit der Zeit wurde er sehr glücklich. Denn das freundliche Ehepaar gab ihm alle Zeit und Zuwendung, die es hatte, und versorgte ihn mit Wasser und Nährstoffen. Schon bald darauf konnte er tiefe Wurzeln schlagen und sich fest im Boden verankern. Das gab ihm viel Sicherheit. Das erste Mal in seinem Leben brachte er Blüten hervor. Und er machte einen Wachstumsschub nach dem anderen.

Das Ehepaar freute sich über den Baum und staunte: „Schau mal, wie schön und kräftig er geworden ist. Was für ein riesiges Geschenk.“

Die beiden lächelten und streichelten den Bockshörndlbaum zärtlich.

Der Bockshörndlbaum bekam schöne kräftige Blätter und wurde ein stattlicher Baum – einer, der sich wohl fühlte und größer und kräftiger als alle Pflanzen in seiner Umgebung war.

 

Simone Bartels, Jahrgang 1969, wohnt mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ihrem Adoptivkind aus Kolumbien in Norddeutschland. Nach ihrem Studium der Oecotrophologie absolvierte sie in einer Agentur für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ein Volontariat und arbeitete dort anschließend als Redakteurin und PR-Beraterin. Seit 1999 arbeitet sie in der Presseabteilung eines Unternehmens in Hamburg. Momentan ist sie gerade in Elternzeit, denn im Sommer 2011 adoptierte ihre Familie einen zweijährigen Jungen aus Kolumbien.