Jana Schuster: Mein Sohn (3. Preis)

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3. Preis beim Schreibwettbewerb "Adoptionsgeschichten"

 

 

Ich atme dich
in den Schlaf mein Sohn.
Dein Herzschlag an meinem.
Dein kleiner warmer Körper an meinen Bauch geschmiegt.
Deine braune Haut perfekt verwoben mit meiner weißen.
Dein Atem eins mit meinem Atem.
Als ob wir dieses eine Wesen wären, das wir nie waren. Dieses Zwei in Einem.

Das glückliche Lächeln einer Schwangeren, wenn es noch niemand weiß, dass sie eigentlich Zwei ist. Mein Schmerz.

Ich habe keine Erinnerung an Dich, wie Du in mir gewachsen bist. Wie es war, als wir wirklich Eins waren. Wie aus einer Vermutung Gewissheit wurde. Wie ich meine Hand schützend auf meinen Bauch gehalten habe. Kein Herzkribbeln vor Glück bei Deiner ersten Bewegung. Kein geheimnisvolles Schwangerschaftslächeln. Keine Trennung durch Geburt, nur um Dich endlich in die Arme schließen zu können. Nichts davon gehört uns beiden.

Ein anderes, längst verlorenes Gesicht drängt sich in meine Gedanken. Ein kleines, blondes Mädchen. Wieso wünschen sich potentielle Mütter immer ein kleines Abziehbild ihrer selbst? Meine Verdoppelung. In Wirklichkeit keine besonders reizvolle Vorstellung. Aber sie war da. Lange Zeit. Sie hatte einen Namen und war doch nur ein Gedanke. Eine Hoffnung Monat um Monat, die sich nie bewahrheitete. Mit ihr wuchs die Vorstellung wie alles sein würde.

Mit ihr kam die Sehnsucht.
Und dann musste ich sie loslassen.
Aber die Sehnsucht blieb.
Die Sehnsucht, die Dich herbeigerufen hat.
Manchmal stelle ich mir vor, Du wärst eigens für mich vom Himmel gefallen.
Dich im Arm zu halten hat sich vom ersten Moment an richtig angefühlt. Es war, als ob mein Herz in diesem Moment erst vollkommen ganz geworden wäre. Ich habe Dich im Arm gehalten und wollte Dich nie mehr loslassen. Als ob genau Du schon immer für meine Arme bestimmt warst, und niemand sonst.

Ich weiß natürlich, dass das nicht stimmt. Dass auch Du Deinen Schmerz in Dir trägst.
Das Bild Deiner verlorenen Mutter, der Du so ähnlich siehst. Die Dich in sich getragen hat. Die Dich wachsen gefühlt hat. Die schützend über Dir ihre Hand auf ihrem Bauch gehalten hat.
Die dich geboren hat.
Und die Dich loslassen musste.

Ich weiß, dass sie Dich geliebt hat. Das habe ich in Deinen Augen gesehen, als wir uns zum Ersten mal begegnet sind. Du warst ein geliebtes Kind. Ein trauriges Kind. Aber mit so einer großen Zuversicht im Blick dass Du geliebt werden würdest, wie sie nur jemand haben kann, der schon einmal geliebt wurde.

Der Schmerz der Anderen liegt jenseits meiner Vorstellungskraft. Ihr Verlust ist mit keinem meiner Verluste vergleichbar. Ich stelle sie mir stark und mutig vor. Ihre Entscheidung muss von unendlicher Traurigkeit gewesen sein.

In besonders glücklichen Momenten mit Dir wünschte ich, ich könnte diese wie kleine kostbare Perlen verpacken und ihr schenken. Aber dann wären es ja nicht mehr unsere Momente. Unser Glück. Deshalb reihe ich sie wie eine Perlenkette aneinander, um sie vielleicht eines Tages vor uns dreien auszubreiten. Um vielleicht eines Tages meine Perlen an die ihren zu reihen. Aus zwei Kostbarkeiten eine einzige Perlenkette zu knüpfen. Aus zwei Hälften ein Ganzes.
Deine Vollkommenheit.

Ich atme Dich
in den Schlaf mein Sohn.
Atemzug um Atemzug
hauche ich Dir meine Liebe ein.
Bis in die tiefsten Seen Deiner Seele.
Bis auf den Grund Deines Seins
sollst Du wissen, dass Du geliebt wirst.
Meine Liebe soll sich um jede noch so kleine Wunde in Deiner Seele legen.
Weil Dein Schmerz auch meiner ist.
Weil ich Du bin und Du ich.
Als ob wir dieses eine Wesen wären, das wir nie waren. Das Zwei in Einem.

Unser Lächeln, um dieses Geheimnis, das andere wohl nie wirklich verstehen werden.

Wie oft wurde meine Mutterschaft schon in Frage gestellt, nur weil ich Dich nicht geboren habe.

Mir werden Mutterinstinkte abgesprochen. Ich bin nur die Frau mit dem süßen Baby. Alles was ich tue erscheint in einem anderen kritischen Licht, als wenn es eine „echte“ Mutter täte.

Meine Muttergefühle werden selbstverständlich hinterfragt.
Denn man liebt ein Kind naturgegeben ganz anders, wenn man es selbst ausgetragen hat? Ja, ich liebe Dich ganz anders. Viel bewusster, mit viel mehr Freude über das Wunder, dass Du bei mir bist.
Und dann das Risiko der Gene. Denn man liebt sein Kind naturgegeben ganz anders, wenn es die eigenen Gene trägt? Ja, ich liebe Dich ganz anders. Ich sehe in Dir nicht meine oder Deine Vorfahren. Ich sehe Dich klarer. Ich sehe den Jungen, der Du bist. Und ich liebe Dich, so wie Du bist. Weil Du mein Sohn bist.

Wie oft wurdest Du schon gefragt, ob ich denn auch Deine „wirkliche“ Mutter bin. Fremde fragen mich ungeniert nach Deinen „wirklichen“ Eltern. Blanke Neugier nach intimen Details unserer Geschichte, als ob wir nicht „wirklich“ wären.

Wie oft wurdest Du zu einer Art jedermanns Kind, dem man ohne Hemmungen in die Haare fasste, oder die Wange tätschelte. Du wurdest beglückwünscht, oder bedauert, je nachdem.
Denn Du bist das arme Kind ohne Mutter. Du musst Dich mit der zweiten Wahl zufrieden geben, mit mir.

Dabei bist Du das Kind mit den zwei Müttern. Du weißt schon, dass das etwas Besonderes ist. Etwas, das nur zu Dir gehört. Etwas, womit Du eigentlich ganz zufrieden wärst, wären da nicht die Anderen, die das irgendwie nicht verstehen können. Die Dich immer wieder darauf aufmerksam machen, oder über Deinen Kopf hinweg darüber reden. Gerade wenn Du Dich genauso fühlst, wie alle anderen Kinder. Gerade wenn Du ein richtiges Mamasöhnchen bist, kommt jemand, der Dich daran erinnert, dass diese Mama ja eigentlich nicht Deine „richtige“ Mama ist. Jemand der Dich von mir abgrenzt. Wie ein bösartiges Gift, das die Dinge ja nur an seinen rechten Platz rücken will

Sie werden es nie verstehen können. Niemals. Wir werden nie selbstverständlich WIR sein.
Wir werden immer hinterfragt werden, immer im Rampenlicht der Neugier stehen.
Vielleicht macht uns das besonders stark.

Ich atme Dich
in den Schlaf mein Sohn.
Dein Herzschlag an meinem, so nah,
wie zwei Herzen nur nebeneinander sein können.
Als ob wir dieses eine Wesen wären, das wir nie waren.
Das Zwei in Einem.
Und doch jedes für sich.
Denn Du bist Du und ich bin ich.

Mit jedem Tag wirst Du mehr Dein Selbst.

Mein Herz könnte zerspringen vor Liebe und Stolz, wenn ich Dich ansehe. Vielleicht, weil ich so wenig dazu beitragen konnte, dass Du so geworden bist, wie Du bist. Weil Du nicht mein Abziehbild bist, sondern einer Anderen ähnlich siehst. Und doch erkenne ich an Dir immer wieder ein vertrautes Lachen, oder eine Handbewegung, oder Deine Art zu reden, da bist Du ganz wie ich, oder ganz wie Dein Vater. Du bist einzigartig. Du bist Du. Und trägst doch alle Deine Eltern in Dir.

Wie konnte ich nur jemals glauben, dass ich Dich formen könnte? Ich hielt mich für stärker, klüger, geduldiger und einfühlsamer, als ich es in Wirklichkeit bin. Tatsächlich ist es so, dass Du mich formst. Dass Du mich jeden Tag über meine Grenzen hinaus wachsen lässt. Dass ich jeden Tag dazu lerne, jeden Tag mehr über mich selbst erfahre durch Dich. Tatsächlich ist es so, dass ich jeden Tag hinter Dir her eile, um mit Deiner Entwicklung und mit Dir Schritt zu halten.

Ich bin nur ich. Alles was ich für Dich habe ist meine bedingungslose Liebe.
Ich liebe Dich so, wie nur eine Mutter ihr Kind lieben kann.
Eine Mutter, die ihr Leben geben würde für ihr Kind.
Meine Seele für Dein Wohlergehen. Mein Herz für Dein Glück.

Schlaf jetzt mein Sohn.
Dein Herzschlag an meinem
Dein Atem eins mit meinem Atem.
Als ob wir dieses eine Wesen wären,
das wir nie waren.
Dieses Zwei in Einem.

Schlaf mein Sohn.
Lass Dich fortragen
auf den Schwingen unseres Atems
in Deine höchsteigene Traumwelt.

Dein kleiner warmer Körper
an meinen Bauch geschmiegt.
Deine braune Haut verwoben
mit meiner weißen.

Ich liebe Dich mein Sohn
schon lange bevor es Dich gab
und seit es Dich gibt
umso mehr.

Schlaf mein Sohn
denn
ich liebe dich
auch morgen noch
für immer
mit jedem Atemzug
und
weit darüber
hinaus.


Jana Schuster, geboren 1965 in Falkenau, Tschechien. Aufgewachsen bei Frankfurt am Main in Deutschland. Studierte Musik und Veterinärmedizin. Lebt heute mit ihrem Mann und ihren drei Kindern aus Südafrika am Chiemsee in Deutschland.