Nina Sträter: Positive Einstellung

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„Natalie? Das Abendessen ist fertig!“ Christina blickte durch die Küchentür in den Flur. „Wo bleibt sie denn?“ Ihr Mann Klaus hob die Schultern. „Ich dachte, sie ist in ihr Zimmer gegangen.“ Er trat in den Flur und rief mit lauter Stimme in die erste Etage hinauf: „Natalie! Essen! Komm, wir warten auf dich!“ „Ja-haa!“ Wenig später kam die kleine Tochter von Klaus und Christina aus dem Wohnzimmer herbeigelaufen und setzte sich etwas außer Atem an den Küchentisch. „Wo warst du denn?“, fragte ihr Vater überrascht, während er Gläser und Besteck auf dem Tisch verteilte. „Noch mal im Garten, aber nur ganz kurz.“ Christina schüttelte den Kopf. „Ich dachte, du hättest heute lang genug im Garten gespielt.“ Sie griff nach ein paar Topflappen. „War’s denn schön bei Jonas?“ „Ja.“ „Und was habt ihr gemacht?“, fragte ihr Vater. „Im Garten gespielt.“ „Das dachte ich mir schon.“ Er lächelte. „Aber was habt ihr gespielt?“ „Alles mögliche.“ Christina zog belustigt die Augenbrauen hoch. „Unsere Tochter ist heute nicht sehr auskunftsfreudig“, stellte sie fest, während sie einen dampfenden Gemüseauflauf aus dem Backofen hob. Natalie griff nach der Mineralwasserflasche und goss sich ein Glas ein.

„Ist irgendwas? Du bist so still“, fragte Christina, nachdem sie und ihr Mann sich an den Tisch gesetzt hatten. Natalie blickte zwischen den beiden hin und her. „Kann ich was fragen?“ „Natürlich.“ Sie zögerte einen Moment. „Woher wusstet ihr denn, dass ich das richtige Kind bin, als ihr mich adoptiert habt?“ Ihre Eltern tauschten kurz einen ernsthaften Blick. „Das wussten wir in dem Moment, in dem wir dich in die Arme gelegt bekamen“, antwortete ihr Vater. „Eigentlich war das für uns nicht anders als bei allen anderen. Weißt du, Eltern suchen sich ihr Kind ja nicht aus wie irgendetwas, was man im Geschäft kauft. Plötzlich hält man das Kind eben im Arm und weiß: Das ist unseres.“ „Gibt es einen bestimmten Grund, dass du das fragst?“ Christina blickte ihre Tochter aufmerksam an. Natalie schob ihr Glas auf dem Tisch herum.

„Wir hatten in der Schule neulich eine Geschichte von einem Jungen, und der erfährt plötzlich, dass er adoptiert ist. Und dann war er ganz verzweifelt und ist von zuhause weggelaufen.“ Ihre Mutter nickte ernsthaft. „Ja, wenn man so etwas erst spät erfährt, kann das einen bestimmt sehr verunsichern.“ „Man sollte Kindern eben die Wahrheit sagen!“, stellte Natalie energisch fest. „Allerdings!“ Ihr Vater nickte. „Und das haben wir auch von Anfang an getan. Wir wollten, dass du nie das Gefühl hast, wir lügen dich an. Und wir wollten, dass du immer weißt, wie lieb wir dich haben.“ Natalie lächelte. „Weißt du“, fuhr ihre Mutter fort, „wir haben, bevor wir dich damals bekommen haben, oft und lange darüber gesprochen. Und wir waren uns von Anfang einig, dass du mit einer positiven Einstellung zu dem Thema Adoption aufwachsen solltest. Du solltest nicht das Gefühl haben, dass Adoption irgendetwas Komisches oder Unnatürliches ist, weswegen man lügen oder sich schämen muss.“ Mit diesen Worten griff sie nach einem Löffel und begann, den dampfenden Gemüseauflauf auf den Tellern zu verteilen.

Natalie schob noch immer ihr Glas hin und her. Als sie merkte, dass ihr Vater sie beobachtete, rutschte sie auf dem Stuhl herunter und versteckte ihr Gesicht bis zur Nasenspitzen hinter der Tischplatte. „Ich habe eine sehr positive Einstellung zur Adoption bekommen“, sagte sie. „Natalie?“ „Jaaa …“ Sie schlenkerte mit den Beinen. „Schätzchen, warum habe ich nur das Gefühl, dass es einen bestimmten Grund gibt, dass du gerade jetzt nach diesem Thema fragst?“ Ihre Mutter zog erwartungsvoll die Augenbrauen nach oben. Natalie kicherte leise. „Komm schon.“ Ihr Vater grinste sie über den Tisch hinweg an. „Jetzt hast du uns neugierig gemacht, jetzt musst du auch sagen, was der Grund ist.“ Eine Weile noch spielte Natalie mit ihrer Haarspange herum und blickte auf ihren Teller, auf dem der Auflauf dampfte. „Ich möchte auch ein Kind adoptieren“, sagte sie schließlich mit leiser Stimme. Ihre Eltern rissen die Augen auf. „Äh, und wie genau hast du dir das gedacht?“, fragte Christina schließlich. „Wollt ihr mal gucken?“, fragte Natalie noch leiser. Klaus stand hastig vom Tisch auf. „Allerdings!“ „Im Garten.“ Seine Tochter war jetzt kaum noch zu verstehen.

Als die drei durch die Terrassentür in den Garten getreten waren, blickten sich die Eltern suchend um. „Und wo ist jetzt das … Adoptivkind?“, fragte Christina unruhig. „Da!“ Natalie lief zum Zaun, der an das Nachbargrundstück grenzte. Dort war ein kleiner, schwarzer, flauschiger Hund angebunden, der, kaum dass er sie erblickte, aufsprang, hin und her rannte und freudig bellte, quiekte und mit dem Schwanz wedelte. Christina und Klaus tauschten einen verdutzten Blick.

„Der Hund von Jonas’ Eltern hat Junge bekommen!“, erklärte Natalie, während sie den Welpen streichelte, was sich dieser mit sichtlichem Behagen gefallen ließ. „Und sie haben alle Kleinen verschenkt. Nur der hier ist übrig und jetzt soll er ins Tierheim, weil ihn Jonas’ Eltern nicht behalten können.“ Sie blickte ihre Eltern mit ernsthafter Miene an. „Bitte! Ich möchte ihn adoptieren. Ich habe ihn auf den Arm genommen und sofort gewusst, das ist meiner.“ Sie kraulte den Hund hinter den Ohren, wobei einige längere Strähnen, die er auf dem Kopf hatte, auf- und abwippten. „Jonas’ großer Bruder meint, er soll Elvis heißen, das würde gut passen.“ Elvis hatte die Augen geschlossen und hielt den Kopf schief, während Natalie fortfuhr ihn zu kraulen.

„Schätzchen?“ „Ja?“ Sie blickte zu ihren Eltern hinüber. „Sag mal, wissen Jonas’ Eltern, dass du ihn mitgenommen hast?“, fragte Klaus etwas gedehnt. „Nein, noch nicht. Ich wollte euch Elvis erst zeigen, bevor ich was sage.“ Christina beugte sich zu ihrem Mann hinüber und flüsterte ihm etwas zu. Er nickte und zuckte mit den Schultern. Anschließend schüttelte seine Frau demonstrativ den Kopf. „Also, so einfach geht das mit einer Adoption aber nicht!“, sagte sie zu ihrer Tochter. „Wie muss man das denn machen, damit es eine richtige Adoption ist?“, fragte Natalie. „Also, zunächst mal müssen Jonas’ Eltern einverstanden sein“, erklärte Klaus. „Und dann müssen wir überlegen, ob du die Voraussetzungen erfüllst, um Elvis adoptieren zu können. Und wenn das alles in Ordnung ist, dann machen wir zusammen einen Vertrag.“ Natalie strahlte von einem Ohr bis zum anderen. „Und dann werde ich das genau so machen wie ihr damals“, sagte sie. Elvis wälzte sich auf dem Rücken und strampelte mit seinen kurzen Beinen, während Natalie ihm behutsam den Bauch kraulte. „Ich möchte schließlich, dass er eine positive Einstellung zur Adoption bekommt. Ich werde ihm von Anfang an ganz ehrlich sagen, dass ich nicht seine leibliche Mama bin, aber dass ich ihn trotzdem sehr, sehr lieb habe.“

 

Nina Sträter
Geboren in Düsseldorf, Studium der Germanistik und Musikwissenschaft, Zusatzstudium „Dozentin für Deutsch als Fremdsprache“, aktuell freiberufliche Lektorin und Texterin sowie medizinische Schreibkraft in der Psychiatrie, Ensemble-Mitglied im „Theater am Marienplatz“ (TAM) in Krefeld.