Eva Heimböck: Jussuf und die Kamelhändler - ein Märchen

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Es war einer der ganz seltenen Momente in der Wüste, in denen es regnete, als Fadwa ihr Neugeborenes, Sohn des mächtigen und gütigen Sultans Makbar-al-Idi, zum ersten Mal im Arm hielt. Zarter, schwarzer Flaum umrahmte sein schlafendes Gesicht. Als sie ihn in Tücher und eine Binsenmatte wickelte, entdeckte sie in seiner linken Handfläche, das gleiche Feuermal in Form eines kleinen Kometen, wie auch sie es schon von ihrer Mutter geerbt hatte.
Salem, die Ehefrau des Sultans durfte von diesem Kind nichts erfahren, sonst würde sie ihre Dienerin Fadwa des Hofes verwiesen. Da sie weiterhin in der Nähe ihres geliebten Sultans bleiben wollte, musste sie sich schweren Herzens von ihrem Sohn trennen.
Unter Tränen küsste sie seine Hände und Wangen, bevor sie ihn im Schutz des Schattens einer Palme seinem Schicksal überließ.

Zu dieser Zeit zogen Kamelhändler in der Gegend vorbei und suchten einen schattigen Rastplatz für sich und ihre Tiere, darunter auch eine hochträchtige Kamelstute. So kam es, dass sie, nachdem sie ihr Lager in diesem Palmenhain nahe dem Sultanspalast aufgeschlagen hatten, ein kleines Bündel fanden. Eines der Tier hatte bereits daran zu knabbern begonnen und schreckte verstört zurück, als daraus ein klägliches Wimmern drang.
Kahlil, der Sohn des Anführers, getraute sich als erster, nach dem Inhalt des Bündels zu sehen und entdeckte das Neugeborene. Da weit und breit keine Mutter zu sehen war, beschlossen sie, den Kleinen, dem sie den Namen Jussuf gaben, in ihre Männergruppe aufzunehmen.

Von nun an wurde Jussuf von der Kamelmutter getragen und wie deren Junges mit ihrer Milch gesättigt.
Keiner kannte Jussufs Vergangenheit und Herkunft, er wuchs zu einem ruhigen, zurückhaltenden Jungen heran, dessen ganze Liebe und Fürsorge seinem „Kamelbrüderchen“ galt. Die beiden wuchsen miteinander auf, teilten ihr Nachtlager miteinander und Jussuf ließ es an allen seinen Gedanken teilhaben. Die Kamelhändler erkannten, wie wichtig das Kamel für Jussuf war, daher durfte er es behalten und es wurde nie verkauft, selbst dann nicht, als die Verkäufe nicht gut liefen.

Nun hat es sich in den vielen Jahren am Hofe so ergeben, dass die Ehe des Sultans kinderlos geblieben war. Salem wusste, dass ihre Tage als Gattin des Sultans gezählt waren, sollte sie ihrem Gatten keinen Nachfolger gebären. Gebrochen durch diese Last und ohne Hoffnung, schwanger zu werden, fiel sie in heftige und lange andauernde Fieberträume. In einem dieser Träume erschien ihr ein junger Mann, der ihr weissagte, dass sie nur durch den Genuss eines Kamelherzens wieder genesen werde. Wiedererwacht, verlangte sie von ihrer Dienerin Fadwa nach einem Kamelherz. Fadwa war trotz des Verlustes von Jussuf ihrer Herrin in all den Jahren eine treue Dienerin gewesen. Sie empfand tiefes Mitleid für Salem, verband sie beide doch ein ähnliches Schicksal: War doch das Leben beider Frauen „kinderlos“ geblieben. Außer Makbar-al-Idi wusste niemand um Fadwas Geheimnis und ihre Trauer um den von beiden innig zurückgesehnten Sohn.
Fadwa hieß die Palastwachen aufzubrechen und nicht ohne das Herz eines Kamels wiederzukommen.
Und so traf es sich, dass Jussuf mit den Kamelhändlern zu dieser Zeit auf der Durchreise war, um in der nächsten Stadt Kamele zu kaufen. Außer Jussufs Kamel hatten sie keine Tier dabei, und so musste Jussuf unter Tränen und Wehklagen zusehen, wie sein geliebtes Kamel von den Dienern des Sultans weggeführt wurde. Was nützte ihm der Beutel Gold, den er dafür erhalten hatte! Er folgte der Wache heimlich bis zum Palast, in der Hoffnung, dem Schicksal noch eine andere Wendung geben zu können. Aber vergeblich!

Kaum hatte das Kamelherz seine Wirkung getan und Salem vollständig an Leib und Seele geheilt, fiel diese erneut in einen tiefen, traumreichen Schlaf. Jussuf erschien ihr im Traum, der bitterlich um sein Kamel weinte. Aus all seinen Tränen wurden Perlen, die sich zu einem wunderschönen, reich verzierten Thron für ihn aufhäuften.
Sie erzählte niemanden von diesem sonderbaren Traum sondern bat den Sultan, den Kameljungen suchen zu lassen und ihm zum Dank ein großes Fest auszurichten.
Als alles vorbereitet war, die Zelte festlich mit bunten Fahnen geschmückt und der wertvolle Seidenteppich vor dem Thron des Sultans ausgerollt war, verebbte das Gemurmel und gespanntes Schweigen legte sich über den gesamten Palast. Selbst der kühlende Abendwind legte eine Pause ein.
Sultan Makbar-a-Idi erhob sich feierlich von seinem Thron, seine Untertanen und Hofleute verneigten sich. Salem saß neben ihrem Gemahl und erstrahlte in ihrer ganzen

Schönheit, auch Fadwa war dabei, sie hielt sich im Hintergrund.
Das Trommelspiel erklang und begleitete die Schritte Jussufs bis vor Makbars Thron. Dieser nahm Jussuf an beiden Händen, sein Blick richtete sich dankbar auf den jungen Lebensretter, als es ihn wie ein Blitz durchfuhr. Er entdeckte den kleinen Kometen in Jussufs Hand, und zwar an der gleichen Stelle, wie bei seiner geliebten Fadwa. Schon im nächsten Moment hatte er seine Gefühle wieder unter Kontrolle und er hieß Jussuf, sich neben ihn zu stellen
Als der Trommelschlag verebbt war, lagen alle Blicke auf Makbar und Jussuf. Makbar erhob seine Hände und sprach: „Als Dank für das selbstlose Opfer Jussufs zur Rettung von Salem, meiner todkranken Gattin und in Anbetracht dessen,  dass unser Land auch zukünftig einen mutigen, aufrechten und nicht auf seine eigenen Interessen bedachten Herrscher verdient hat, ernenne ich Jussuf zu meinem rechtmäßigen Nachfolger!“
Jubelrufe brandeten auf und ein drei Tage dauerndes Fest wurde ausgerichtet. Außer Fadwa waren alle glücklich. Sie hatte immer dafür gebetet und gehofft, einmal Salems Stelle einnehmen zu können. Doch durch Jussuf, den so überraschen eingesetzten Erben des Sultans, lösten sich ihre Träume in Luft auf. Fadwa erkrankte noch während der Feiern schwer, und Jussuf wurde von Sultan Makbar-a-Idi zu Fadwa gerufen, in der Hoffnung, helfen zu können. Als Jussuf das Zelt betrat, und sich ihr zögernd näherte, entdeckte auch er das sie verbindende Feuermal und er erkannte in ihr seine lang ersehnte Mutter. In diesem Moment trat Makbar hinzu, legte seinen Arm um Jussuf und umarmte ihn unter Tränen.

„Mein innig geliebter Sohn, endlich bist du zu uns zurückgekehrt!“ Erst als Jussuf ihr das Zeichen in seiner Handfläche zeigt, verstand die fiebernde Fadwa und weinte unzählige Tränen der Freude.
So hatte Jussuf zwei Mütter: Salem, die ihn, nachdem er wegen ihr seinem Schicksal überlassen worden war, auf den Hof zurückgebracht hatte, und Fadwa, die von nun an der Seite des Sultans leben durfte und seine lang ersehnte Herzensmutter war. Und Jussuf? Durch ihn konnte Salem am Hofe bleiben und seine Mutter durfte endlich den ihr zustehenden Platz nicht nur im Herzen von Jussuf und Makbar einnehmen.

 


Eva Heimböck, geb. 1965 in Salzburg, Studium der Lebensmittel- und Biotechnologie (Univ. f. Bodenkultur, Wien)
Absolventin der OÖ.- Journalistenakademie und der Prager Fotoschule
Ich bin Adoptivmutter eines 11-jährigen Sohnes und auch Kind eines Adoptivkindes (meine Mutter wurde adoptiert) und meine Großmutter war ein Pflegekind
Seit Geburt unseres Adoptivsohns arbeite ich hauptberuflich als freie Redakteurin/Öffentlichkeitsarbeit und künstlerische Fotografin