Tinka Wallenka: Was lange währt...

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Weggeworfen… so habe ich mich gefühlt, als meine Mutter mich dort abgab. Damals war ich schon 4 Jahre alt, bekam also alles mit. Manchmal wünschte ich mir, sie hätte mich schon früher abgegeben, als ich noch kleiner war und nichts mitbekommen hätte. Ich hätte mir etwas vormachen können, hätte nicht ihren hasserfüllten Blick und ihre kalte Art im Gedächtnis zurück behalten. Nein, geliebt hat mich diese Frau ganz sicher nicht, dennoch bin ich ihr zu Dank verpflichtet, mich schon so dass sie meine Geburt über sich ergehen lies. Immerhin hätte sie mich ja auch abtreiben lassen können, wenn sie mich schon so wenig liebte, dass sie mich nicht mehr haben wollte.

Im Heim waren alle Kinder jünger als ich, hauptsächlich Babys, mit denen ich folglich wenig anfangen konnte. Das ich auf ewig dazu verdammt sein sollte, stets das älteste Kind zu sein, ahnte  ich damals noch nicht. Doch mit der Zeit begriff ich es: das Tierheim unterschiedet sich nicht vom Kinderheim, kein Stück: alle wollen immer nur die Welpen… die Babys. Die Jahre strichen ins Land und immer war ich es, die schmerzlich mit ansehen durfte, wie die jüngeren mitgenommen wurden. Die Familien, die hier ankamen sahen alle sehr nett aus, vorher mussten alle einen langen schriftlichen Test bestehen, erklärte mit Fräulein Rosa, meine Betreuerin einmal. Eines Tages fiel mein Name, Fräulein Rosa rief mich und ich konnte förmlich mitfühlen, wie mein Herz plötzlich zu rasen begann. Sie flüsterte mir dann zu „Juanne, hol doch mal bitte Mimi her.“ –Plötzlich fühlte sich es nicht mehr rasend an, eher als würde es stechen, schmerzlicher als ein Messer je stechen könnte. Ich zwang mir mein einstudiertes Lächeln auf und holte die kleine Mimi aus ihrem Bettchen. „Du weißt gar nicht wie gut du’s hast.“, flüsterte ich ihr zu und küsste ihre Stirn zum Abschied. Dies war das letzte Mal, dass ich Mimi sah.

Derartige Vorfälle häuften sich fortan. Ich wurde häufiger gerufen, doch nie weil sich Jemand für mich interessierte, sondern weil ich Fräulein Rosa helfen sollte. „Juanna, hol doch mal die Papiere, setzt doch mal eine Tasse Tee auf, hol doch mal dieses oder jenes Kind.“ Inzwischen war ich es wirklich gewohnt gerufen zu werden. Inzwischen war ich 14 Jahre alt, habe also den Großteil meines Lebens hier verbracht, die ältesten Kinder hier waren grade mal 2 Jahre. Oft wurde ich zum Windel wechseln oder Füttern ran gezogen. Eines Tages als ich mal wieder Tee für Fräulein Rosa und das freundliche Pärchen kochen sollte, bemerkte die Frau „Eure Praktikantin ist ja fleißig. Ist das ihre Tochter?“. Der Atem stockte mir, es gab tatsächlich ein wenig Ähnlichkeit zwischen mir und Fräulein Rosa, doch verwandt waren wir gewiss nicht. Sie lachte, schallend und erklärte dann das ich ein Kind hier sei, wie jedes andere auch und sie mich vor 10 Jahren bekommen haben. Ich kämmte mir die Haare ins Gesicht, stellte die Kanne ab und lief in mein Zimmer, auf dem Weg dorthin konnte ich die Tränen nicht mehr zurück halten. Musste diese blöde Kuh auch noch lachen? Weiß sie denn nicht wie weh das tut? Etwa 10 Minuten später, hörte ich Gemurmel vor meiner Tür. Ich nahm ein leises. „Soll ich es ihr sagen?“ und als Antwort ein flüsterndes „Nein, das möchte ich gern selbst machen.“, wahr.

Sekunden später kam die fremde Frau in mein Zimmer und setzte sich zu mir auf die Bettkannte. Ich sah sie an, sie trug ihre langen blonden Haare zu einem Zopf nach hinten gebunden, war dezent geschminkt und hatte ein blumiges Parfum aufgelegt. Als das Licht ihre Wangen streifte, sah sie einem Engel sehr ähnlich. Ich erschrak zunächst, als sie mir eine verirrte Strähne hinters Ohr legte. Dann teilte sie mir mit, dass sie mich gern ein Weilchen auf Probe bei sich wohnen lassen wolle und dann entscheidet. Scheinbar bemerkte sie, dass ich mich nach ihren Worten versuchte ins Bein zu kneifen und unterband es. Sie legte ihre Hand auf meine und schwor „Dies ist kein Traum Juanna.“ Eines der Babys nahmen sie trotzdem mit: Katlen. Ich wusste nicht  ob sie das Zusammenleben mit mir gegen das mit dem Baby testeten oder uns vielleicht sogar beide behalten würden. Zu Anfang dachte ich, ich könnte nie gegen ein Baby punkten, so war es immer und so wird es wohlmöglich immer sein. Sie sind nun mal viel Süßer als ich. Dann dachte ich darüber nach was Babys denn sonst noch so konnten und mir viel nichts Überragendes ein. Vielleicht könnte ich mich ja doch beweisen. Immerhin konnte ich mich mit ihnen Unterhalten und im Haushalt helfen, zwei Dinge, die ein Baby schon mal nicht kann.

Die Autofahrt war lang, ich schaute die ganze Zeit über aus dem Fenster, außer zum Einkaufen gehen von Lebensmitteln mit Fräulein Rosa kam ich nicht viel raus und an meine letzte Autofahrt konnte ich mich auch nicht mehr erinnern. Ich beobachtete die Bäume, musterte die fremden Wiesen. Meine anfängliche Vermutung, dass diese Leute wohl Stadtmenschen seien, schien völlig falsch zu sein, immerhin wurde es draußen immer ländlicher. Ich beobachtete das Spiel der Wolken am Himmel, die Gerstenweiden und sah sogar einige Kühe. Dann hielt das Auto plötzlich an. Ich drehte mich zum anderen Fenster und nahm ein wunderschönes Landhaus wahr. Nein, das kann nicht sein. Diese Idylle, wie konnten zwei Menschen nur so vermögend sein. Die Frau öffnete mir die Tür und nahm dann Katlen auf den Arm. Dann lachte sie. „Wenn dich der Geräteschuppen schon so beeindruckt, warte erst bis du das Haus gesehen hast.“ Wie jetzt? Das was ich da anprangerte war nicht mehr als eine Lagerstätte für Rasenmäher und Laubharken? Als das Haus dann l ich langsam unter den Tannen hervorblickte wurde mir der Unterschied deutlich bewusst. Ich wusste gar nicht wo ich zuerst hinblicken sollte. Zum Garten, zur Schaukel oder gar zur Steintreppe, die in dieses wunderschöne Haus führte?

Mit jedem Schritt wurde mir das Glück bewusster, dem ich zuteil wurde. Ich durfte im Gästezimmer übernachten, während Katlen in einem, natürlich für ein Baby ausgelegtes, Kinderzimmer wohnen durfte. Ich betrat nun zum ersten Mal mein Zimmer, ein Raum ganz für mich allein. Ich öffnete die Tür und sah mein Bett. Gleich setzte ich mich hinauf. Es war total weich. Das Fenster war groß und die Gardienen funkelten im Licht. Ich sah mich weiter um. Ein Schreibtisch, nur für mich und sogar einen Kleiderschrank stand in der Ecke. Außerdem erblickte ich einen Sessel und hinter ihm eine Leselampe, als ich herum ging sah ich das zugehörige Bücherregal. Es war einfach traumhaft. Die Woche ging schnell rum und ich gab mir alle Mühe hier bleiben zu dürfen. Ich harkte das Laub, half in der Küche und Wickelte Katlen, so wie ich es gewohnt war. Am siebten Tag sagte mir der Mann dann am Esstisch ich dürfe bleiben und dass ich eine gute Hilfe und liebe große Schwester für Katlen sei. Die Frau versprach mir dann noch am nächsten Tag mit mir in die Stadt zu fahren und Bücher zu kaufen, da sie bereits mit der örtlichen Schule gesprochen hat und diese bald losging. So war es dann auch.

Zugegeben es hat sehr lange gedauert, doch nun habe ich endlich eine Familie gefunden. Diese Frau ist viel lieber zu mir, als meine Mutter es je war und allmählich glaube ich dass manche Familien sich erst finden müssen. Zumindest war es bei mir so und ich bin überglücklich.

 

Tinka Wallenka wurde 1989 in Magedburg geboren: "Ich bin als ältestes von 3 Kindern in einer ländlichen Gegend aufgewachsen und nun zu meinem Geburtsort zurück gekehrt. Ich schreibe leidenschaftlich gern und sehe mich selbst als Hobbyautorin, die dieses Hobby nun weiter ausbauen möchte. Da ich vom Schreiben allein nicht leben kann, jobbe ich zusätzlich in der Gastronomie. Mein Ziel ist es jedoch Spuren für die Nachwelt zu hinterlassen und meine staubigen Manuskripte irgendwann fertig zu stellen und passende Verleger zu finden."