Klaus Hanus: Aus dem Reisetagebuch

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Im Mai 2005 haben meine Frau Birgit und ich unseren Sohn Gregor Ivan, geb. im Jänner 2004, in Russland adoptiert. Die beiden Ausschnitte aus den Reisetagebüchern geben die beiden wichtigsten Tage wieder, den Tag des Kennenlernens und den Tag der Gerichtsverhandlung.


Mittwoch, 23.03.2005: Erstes Kennenlernen in Orsk.

Abfahrt in Orenburg um kurz nach 7 Uhr. Russische Fahne und kleine Ikone am Armaturenbrett, zugezogene Vorhänge und das alles in einem Volga, der russischen Dienstlimousine aus sowjetischen Zeiten. Nach einer halben Stunde spuckt und ruckelt der Motor ein bisschen – und dann stehen wir. Sascha, unser Fahrer, schraubt am Motor herum, offensichtlich ein Problem mit der Zündung. Birgit und ich sitzen auf Nadeln, weil wir Ivan noch vor seinem Mittagsschlaf sehen wollen. Die Schraubenschlüssel werden immer größer, nach einer halben Stunde geht es dann aber auf der mittlerweile mit Schnee verwehten Straße tatsächlich weiter. Irgendwie ist es sehr gemütlich im Auto mit russischer Herz-Schmerz-Musik vom Band. Ich denke mir noch, wie schön der Schnee ist, wie weit das Land, wie die Russen alles an Problemen mit Improvisation lösen. Und sage zu Oleg, unserem Dolmetscher,  „Russland ist wie Psychotherapie“. Dann will Sascha vor uns einen Sattelschlepper überholen. Er wartet noch den Gegenverkehr ab und bremst hinter dem Laster leicht ab. Gerade überlege ich, ob er die Entfernung auch richtig einschätzt als plötzlich aus der Schneestaubwolke, die wie dichter Nebel ist, der LKW unmittelbar vor uns auftaucht. Sascha versucht noch zu bremsen, da kracht es. Ich habe mir das Bein leicht angeschürft, Birgit tun die Knie weh, unsere Betreuerin Olga, unangeschnallt vorne am Beifahrersitz, knallt gegen das Armaturenbrett und kassiert eine dicke, geschwollene Lippe. Der Aufprall hat ihren ganzen Sitz verschoben und die vordere Beifahrertür lässt sich nur mit Gewalt öffnen. Das Auto vorne ein Trümmerhaufen, das Kühlwasser rinnt auf die Straße. Das war es wohl, denke ich. Birgit und ich schweigsam neben dem Auto, Oleg ratlos, Sascha verzweifelt, Olga kühlt ihre Lippe mit Schnee. Ca. 50 m weiter steht der LKW. Es schneit, kein Handy-Empfang. Birgit und ich denken, mein Gott, was müssen wir für einen Schutzengel haben. Oleg fragt mich, was wir tun sollen. Ich antworte, ich möchte weiter, und wenn wir den Rest zu Fuß gehen. Sascha und Oleg stellen sich an den Straßenrand und versuchen ein Auto anzuhalten. Endlich bleibt ein Kleinbus stehen. Nach kurzer Diskussion nimmt er uns mit. Wir haben Glück, dass es eine Art Linienbus nach Orsk ist. Die Fahrt geht, wenn auch langsamer, weiter. Den Volga samt Sascha mussten wir wie ein totes Kamel zurücklassen.

Nach insgesamt 300 km Fahrt kommen wir in Orsk an, Oleg erkennt an einer Kreuzung die Gegend wieder. Wir sollen rasch aussteigen und zu Fuß gehen. Wir stapfen durch Schnee und Matsch durch eine triste verkommene Plattenbausiedlung. Mir geht durch den Kopf, ich will nie mehr hören, man solle Kinder lassen wo sie sind. Da taucht vor uns der Bau des Kinderheimes auf. Extrem aufgeregt gehen wir durch die Stahltür, leichter Chlorgeruch liegt in der Luft, das Ambiente mit Kunstblumen wohnlicher gemacht. Schmale Gänge, ein Baby weint. Insgesamt aber recht gepflegt. Erst empfangen uns die Betreuerinnen, dann kommt die Chefin und leitende Ärztin. Sie begrüßt uns recht freundlich, weist ihre Mitarbeiterin an, das Kind zu holen und entschwindet wieder für eine halbe Stunde. Eine Pflegerin kommt: Auf dem Arm in einem türkisen Strampler mit „Turtle“ Aufdruck sitzt schüchtern und wohl auch ein wenig ängstlich Ivan. Blond, sehr zart, einfach unglaublich, wie er uns anschaut. Durch seine verstopfte Nase kann er kaum schnaufen, doch er lacht uns an. Birgit nimmt ihn auf den Arm. Das Eis ist geschmolzen, Wanja ist nach anfänglicher Scheu sofort interessiert und aufmerksam. Auf meinem Schoß ist der Griff schnell bei der Brille, bei Birgit hat er vorher den Mund inspiziert, bei mir ist es jetzt die Nase. Wir sind uns eigentlich sofort sicher, dass er der Richtige für uns ist. Nach unserer ersten gemeinsamen Zeit muss Ivan seinen Mittagsschlaf machen, die Ärztin stellt inzwischen die medizinische Dokumentation vor. Er war drei Monate im Krankenhaus und kam dann ins Heim. Untersuchungen und Tests haben lediglich Entwicklungsverzögerungen, psychische Anpassungsstörungen und ein 4 mm großes ovales Fenster im Herzen, das aber voraussichtlich nicht operiert werden muss, ergeben. Mit seinen 6,5 kg und 68 cm ist er für sein Alter von gut 1 Jahr allerdings weit entfernt von allen Wachstumskurven. Nach dem Mittagessen wieder zurück ins Heim und Spielen mit Ivan. Das Spielzimmer ist top ausgestattet und neu eingerichtet, wirkt aber sehr unbenutzt. So als ob dort nur die Kinder ihre neuen Eltern treffen sollen. Während wir uns mit Ivan beschäftigen und aufmerksam sein Verhalten beobachten, stellt uns die Sozialarbeiterin alles vor, was sie über ihn und seine Mutter weiß. Sie meint, es sei wenig, weil er nicht aus Orsk stamme. Wir sind froh, zumindest Informationen zu bekommen, wer seine Mutter ist. Der Name Ivan stand von Anfang an in der Geburtsurkunde, auf den Vater gibt es nur den zweiten Beinamen als Hinweis. Seine Mutter hat ihn drei Tage nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Auch Oleg ist von Wanja begeistert, der Abschied bleibt aber leider nicht aus. Und trotzdem sind wir sehr glücklich, als wir ins Auto steigen. Ich bitte Sergej vor Fahrtantritt, langsam zu fahren, ich sei ja fast Familienvater.

 

Donnerstag, 05.05.2005: Die Gerichtsverhandlung in Orenburg.

Natalja holt uns um kurz vor 14 Uhr im Hotel ab, Oleg wartet dort schon im dunklen Anzug auf uns, auch Olga hat sich herausgeputzt. Die Gesichter sind eher ernst und sehr angespannt, denn die Vorzeichen für die Verhandlung sind nicht optimal. Angeblich berichten die russischen TV Stationen ununterbrochen über mittlerweile schon 12 misshandelte russische Adoptivkinder, die in die USA vergeben wurden. Dementsprechend unsicher gehen wir in den Verhandlungssaal. Der Richter, wohl Mitte 50, wirkt sehr bedächtig und korrekt, von Anfang an ist sein Bemühen erkennbar, bloß keinen Verfahrensfehler zu machen. Sowohl die Staatsanwältin als Vertreterin der Interessen des Kindes als auch die für Orsk zuständige Sozialarbeiterin erklären sich mit einer Verhandlung in Abwesenheit der Mutter für einverstanden. Oleg ist bei seinem Auftritt als Dolmetscher nicht weniger angespannt als wir. Nach einem ersten Teil, in dem ich noch einmal gebeten werde, die Vorgeschichte unserer Auslandsadoption zu Protokoll zu bringen, eine Verhandlungspause. Kurzerhand interessiert sich Oren-TV für uns und bittet uns um ein Interview. Birgit und ich sind gerne dazu bereit, ein bisschen auch mit dem Hintergedanken, den Ausgang der Verhandlung etwas steuern zu können. Außerdem ist Russland für mich ideal, um erste Erfahrung mit den Medien zu gewinnen. Da schaut so schnell keiner zu, der mich kennt. Gestellt werden die üblichen Fragen zum Ablauf der Adoptionsprozedur, von der Wartezeit bis zum Kampf mit den Formularen, diesmal werden die Fragen aber um das Thema Misshandlung in den USA ergänzt. Wir antworten diesbezüglich, wir hätten von den Vorkommnissen erst in Russland erfahren und fänden das alles natürlich entsetzlich.

Die Verhandlung geht weiter und wir müssen zurück in den Saal. Es scheint für uns gut zu laufen. Als dann aber vor der offiziellen Verkündung des Beschlusses wieder eine Pause eingelegt wird, werde ich unruhig. Was, wenn kurzfristig ein völliger Adoptionsstopp verhängt wird und der Richter sich noch einmal in Moskau telefonisch vergewissern will? Zumindest die Staatsanwältin wirkt recht ruhig. Wenn es einen Stopp gäbe, müsste sie es eigentlich als erste erfahren. Endlich, der Richter kommt wieder. Zuerst die obligaten Einleitungssätze, dann endlich die Zuerkennung. Der Richter erklärt die Verhandlung für geschlossen, nicht ohne uns noch einmal alles Gute zu wünschen. Die übrigen Anwesenden im Saal samt Protokollführer tun es ihm gleich. Die Sozialarbeiterin aus Orsk hofft auf ein Wiedersehen mit uns, wir müssten ja schließlich auch noch ein Mädchen adoptieren. Kurzerhand mit Olga, Natalja und Oleg in unser Stammrestaurant, um den erfolgreichen Abschluss bei Borschtsch, großen Fleischportionen und einer kleinen Flasche Wodka ausklingen zu lassen. Ich liebe die Russen!

 

Klaus Hanus ist Jurist und Geschäftsführer der "Gesellschaft zur Förderung seelischer Gesundheit". Birgit Hanus ist Sonderpädagogin beim Magistrat Graz. Zur Familie gehören außerdem die Söhne Gregor (geboren in Russland und adoptiert im Mai 2005) und Lukas (in Dauerpflege seit Ende November 2009).