Margit Kevric: Vom richtigen Zeitpunkt

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Wenn man ein Kind adoptiert hat (in unserem Fall sind es Zwillinge) denkt man natürlich ab und zu daran, wann denn der richtige Zeitpunkt sein wird, den Kindern zu sagen, dass sie nicht die leiblichen sind.

Gott sei Dank nehmen einem die Kinder so eine schwierige Entscheidung ab, denn sie fragen einfach. So geschehen jedenfalls bei uns. Die Geschichte hat sich folgendermaßen zugetragen:

Es war vor ungefähr 4 ½  Jahren. Meine Jungs waren damals etwas über 3 Jahre alt.

Wir saßen abends gemeinsam im Kinderzimmer und ich las ihnen eine Geschichte vor. Es war Vorweihnachtszeit und unsere Lektüre war ein Bilderbuch über die Herbergsuche von Josef und Maria in Betlehem.   Auf den Bildern war die hochschwangere Maria zu sehen und auf der nächsten Seite dann Jesus in der Krippe.

Ich erklärte meinen Kindern, dass  das Baby zuerst im Bauch der Mutter wächst, bis es groß genug ist, und danach wird es eben geboren. Plötzlich kam die Frage: „Mama, waren wir auch in deinem Bauch?“ Ich musste schlucken. Zwar wußte ich, daß irgendwann diese Frage kommen würde, aber so früh hatte ich noch nicht damit gerechnet.

Mit der momentanen Situation überfordert konnte ich nicht antworten und versuchte irgendwie meine Kinder von der Frage abzulenken. Da es schon bald Schlafenszeit war, wollte ich das Ganze auf den nächsten Tag verschieben, um mich erst mal zu sammeln und mir dann mit der Situation leichter zu tun.

Am nächsten Tag kam es natürlich wie es kommen musste. Wir sahen uns  abends wieder  dasselbe Buch an, bis meine Kinder wieder dieselbe Frage stellten. Nur war ich diesmal  darauf vorbereitet. Trotzdem erhöhte sich mein Pulsschlag, als ich den beiden nun erklärte, dass  sie nicht in meinem Bauch waren und dass das bei uns etwas anders sei als bei anderen Familien.

Ich erklärte ihnen, dass sie im Bauch einer anderen Frau waren -  diese ist die Bauchmama. Sie hat sie im Krankenhaus geboren und ihr Papa und ich haben sie dann dort abgeholt und ich bin eben die Herzmama. Ich wollte dann noch ein bisschen weitererzählen.

Aber  ich merkte, dass  meine Söhne das irgendwie gar nicht hören wollten. Also beließ ich es dann dabei und dachte mir, ich erzähle eben weiter, wenn wieder Fragen von den Kindern kommen.

Und genauso war es dann auch und ist es bis heute geblieben. Meine Jungs sind fast 8 Jahre und die Adoption ist im Grunde kein Thema. Ab und zu sprechen wir darüber, aber nur wenn sie bestimmte Dinge wissen möchten. Man merkt es ohnehin, ob sie das Thema momentan beschäftigt oder nicht.

In unserem Bekanntenkreis haben wir auch ein paar Adoptiveltern, wo die Kinder, bis auf einen Jungen alle noch um einiges jünger sind als meine zwei Rabauken. Wir treffen uns auch alle von Zeit zu Zeit. Da sage ich meinen Jungs dann schon auch, dass das alles Adoptivfamilien sind, damit sie nicht das Gefühl haben, dass sie ganz alleine sind.

Ich glaube, umso  offener und selbstverständlicher der Umgang mit dem Thema Adoption von statten geht, umso besser ist es  für die betroffenen Kinder.

Ganz schlimm stelle ich es mir vor, wenn alle anderen Bescheid wissen und der Betroffene selbst erfährt es durch Zufall  irgendwann selbst oder von jemand anderem als seinen Eltern.

Ich glaube ein solcher Vertrauensbruch lässt sich nie mehr ganz gut machen.

In einer Konfliktsituation hat mir einer meiner Söhne schon mal an den Kopf geworfen: „Du bist ja gar nicht meine richtige Mama!“ Daraufhin hab ich gefragt:  „Was ist denn für dich eine richtige Mama?“

Eine, die dich geboren hat oder eine die dich pflegt, wenn du krank bist, dich versorgt,  für dich da ist, mit dir kuschelt.

Mein Sohn sah mich daraufhin ganz betreten an und sagte nichts mehr.  Ich weiß, dass er mich in dieser Aussage  treffen wollte  – hat er natürlich auch – aber ich wollte mir das nicht anmerken lassen.

Es gibt ohnehin immer wieder Situationen, wo man daran erinnert wird, dass man nicht die leibliche Mutter ist. Zum Beispiel im Krankenhaus, wenn man nach der Familienanamnese gefragt wird und man sagen muss, dass diese keine Rolle spielt, weil es sich um ein Adoptivkind handelt.

Oder wenn man über Schwangerschaft oder Geburt gefragt wird, hat man die Wahl zu lügen oder zu erklären.  Nicht immer hat man aber Lust dazu.

Aber trotz allem müssen wir den Bauchmamas danken, dass sie uns die Möglichkeit geben Mutter bzw. Eltern zu werden und ihre Kinder nicht abtreiben oder weglegen sondern zur Adoption freigeben.

Bestimmt fällt es diesen Frauen nicht leicht ihr Kind, welches sie 9 Monate im Bauch getragen haben, herzugeben.  Gewisse Lebensumstände zwingen sie eben zu diesem Schritt. Sie müssen ihre Kinder bestimmt lieben, weil es ihnen nicht egal ist, was mit ihnen geschieht und weil sie wollen, dass es ihren Kindern gut geht.

Und so schließt sich wieder der Kreis, denn wir Adoptiveltern wollen auch nur, dass es unseren Kindern gut geht und wir lieben sie von ganzem Herzen, ob wir sie nun selbst geboren haben oder eben nicht!

 

Über Margit Kevric: Wir haben vor 8 Jahren (Oktober 2004) Zwillingsbuben adoptiert und ich kann daher aus meiner eigenen Erfahrung berichten.