Margit Heumann: Blut ist nicht dicker als Wasser

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Der Gedanke an Adoption, vielleicht sogar aus der dritten Welt, ist bei uns so alt wie der Gedanke an ein Kind. Unsere Motivation: Eltern sein für ein Kind, das Eltern braucht.

Wir stellen einen Antrag beim Jugendamt. Die Auskunft ist deprimierend: zu viele Adoptionswillige, kaum Babies und Kleinkinder, eventuell stark verhaltensauffällige Fünf- bis Zehnjährige. Dazu fehlt uns der Mut. Ohne Erfahrung,  wie das Zusammenleben mit einem Baby und Kleinkind funktioniert, fürchten wir zu versagen. Der Schaden für das Kind wäre größer als der Nutzen – und ehrlich gesagt für uns auch. An ein ausländisches Kind, das zusätzlich noch sprachliche und kulturelle Integration bewältigen muss, wagen wir nun erst recht nicht mehr zu denken. Bitteres Fazit: wir werden nicht gebraucht.

Zwei Jahre und ein eigenes Kind später greifen wir den Gedanken an Adoption wieder auf. Parallel zu unserem Antrag beim Jugendamt nehmen wir auch mit Terres des Hommes, Spezialisten für die Vermittlung von Kinder aus der dritten Welt, Kontakt auf. Einladung zu einem Informationstreffen. Zunächst viel Papierkram. Einschaltung eines Rechtsanwaltes. Amtliche Bestätigung über die Eignung. Kostenübernahmeerklärung. Nächste Hürde: Begutachtung durch Beratungseltern. In unserem Fall ein Pfarrerehepaar mit drei Kindern aus Kolumbien, Korea und Vietnam. Besuch und Gegenbesuch. Termin beim Psychologen zur Beurteilung unserer Situation, Hintergründe, Motivation. Dann endlich sind wir in die Liste adoptionswilliger Eltern für ein Kind aus Korea aufgenommen. Warum Korea? Nach zähen Verhandlungen mit der koreanischen Regierung hat Terres des Hommes gerade die Erlaubnis für weitere Adoptionen durch ausländische Eltern erreicht. Dass es keine Wahlmöglichkeit gibt, ist uns mehr als recht. Wir wollen nicht aussuchen. Wir warten auf das Kind, das uns als Eltern braucht.

Der ersehnte Anruf kommt vom Jugendamt: „Wir haben ein Mädchen für Sie.“ Es ist das Kind einer jugoslawischen Gastarbeiterin, zwölf Tage alt, 52 cm groß, 3050 Gramm schwer.

Danica, Diminutiv von Dana, kommt von heiterer Morgen, heller Tag. Zufall oder Absicht der leiblichen Mutter, ihrem Kind ein Symbol des Neuanfangs mitzugeben, zu dem sie sich nicht in der Lage sah? Fakt ist, mit der Ankunft unseres Adoptivkindes geht für mich die Sonne auf.

„Danke für den Namen. Und danke für das Kind. Ich werde mein Bestes tun“, gelobe ich. Durch unser gemeinsames Baby fühle ich mich mit dieser fremden Frau innig verbunden.

Ob sie es schon bedauert? Da ist diese Sechs-Wochen-Frist, in der sie die Freigabe zur Adoption widerrufen kann.

„Seid ihr sehr beunruhigt?“ werden wir gefragt.

„Überhaupt nicht, obwohl wir es eigentlich sein müssten.“

„Ich hätte Tag und Nacht Angst, dass die Frau ihr Kind wieder haben will“, sagen manche.

„Und was wäre falsch daran? Ein Kind bleibt bei seiner Mutter – das ist doch das Beste, was ihm passieren kann.“

„Aber diese Ungewissheit - wie haltet ihr das aus?“

„Sollen wir sie unter Vorbehalt lieben?“ fragen wir zurück.

Nicht mit dem Schlimmsten rechnen, ehe es passiert. Keine schlaflosen Nächte, wo wir nichts beeinflussen können. Gelassen bleiben nach dem Wikinger-Motto: „Nur ein Narr wacht Nacht für Nacht und macht sich sinnlos Sorgen; am Morgen ist er müde, doch geblieben sind seine Sorgen.“ Diese Art Schutzmechanismus, keine Ahnung woher, rettet uns über diese Zeit.

Danica ist von der ersten Stunde an unwiderruflich unsere Tochter. Sollte es dennoch anders kommen, hat sie wenigstens in dieser Zeit uneingeschränkte Akzeptanz erfahren. Vielleicht zum ersten Mal.

Die sechs Wochen verstreichen. Kein Widerruf der Adoption: Danica bleibt unsere Tochter. Wir haben nie etwas anderes erwartet – und trotzdem fällt uns ein Stein vom Herzen. Nicht auszudenken unser Jammer und Elend, wäre es zum Abschied gekommen! Die Wikinger haben recht: Gelassenheit ist alles.

Die Großeltern väterlicherseits schließen sie sofort ins Herz. Sie sind bereits geübte vierfache Oma und Opa. Mit den drei Kindern meines Schwagers haben sie die üblichen Höhen und Tiefen aus nächster Nähe erlebt. Unser Sohn ist deutlich jünger als die anderen Enkel, und der Kontakt ist ortsbedingt eher sporadisch.

Mütterlicherseits geht es nicht ganz so schnell. Mein Vater hat nicht viel am Hut mit kleinen Kindern, und meine Mutter liebt Konstantin, Enkelkind Nummer eins, abgöttisch. Sie ist – gemäßigt zwar – der Pessimist in unserer Familie.

„Habt ihr euch das auch reiflich überlegt?“

„Hoffentlich geht das gut!“

„Wird Konstantin nicht darunter leiden?“

„Das wird nicht einfach sein, einem fremden Kind gerecht zu werden.“

So unkt sie noch bei unserem ersten Besuch als vierköpfige Familie.

Wir können nur mitleidig lächeln über solche Bedenken:

„Blut ist nicht dicker als Wasser“, behaupten wir selbstsicher. „Bindung entsteht durch Zusammenleben, nicht durch Abstammung.“

„Wann und wie wollt ihr der Kleinen sagen, dass sie adoptiert ist?“

„Immer. Täglich. Jetzt schon.“ Keine Lügen. Keine Heimlichtuerei. Kein Schock irgendwann. Keine zufällige Panne. Und: Die Festlegung des richtigen Zeitpunkts bleibt uns erspart.

„Ob das funktioniert? Ich habe da meine Zweifel.“

Einen Trumpf haben wir noch: „Konstantin hat die ganze Adoption hautnah miterlebt, wie, bitteschön, sollen wir ihm beibringen, dass er darüber nicht reden darf?“

Darauf weiß auch die Unke keine Antwort.

„Hoffentlich tut ihr das Richtige.“

Nichtsdestotrotz knuddelt sie die Kleine bei jeder Gelegenheit. In kurzer Zeit hat auch Danica einen festen Platz in ihrem Herzen.

Beim Einkaufen oder auf Familienausflügen werden wir manchmal angesprochen.

„Hübsche Kinder haben Sie. Die Große gleicht der Mutter, die Kleine ist ganz der Papa.“

Wir grinsen.

„Das muss Zufall sein, Danica ist unsere Adoptivtochter.“

Wir nutzen jede Gelegenheit, das Thema anzuschneiden. Manche Leute zucken zusammen, als hätten wir eine Intimität preisgegeben und wechseln rasch das Thema. Andere sind interessiert und fragen uns ein Loch in den Bauch. Auch mit unseren Kindern und innerhalb der Familie reden wir oft darüber. Nach wie vor sind wir von einem offenen Umgang mit Adoption überzeugt. Es gibt nur einen Anlass, wo wir schnell nach anderem Gesprächsstoff suchen: wenn uns jemand einen Heiligenschein ob unserer guten Tat an einem armen Waisenkind andichten will. Denn erstens hat Danica eine leibliche Mutter und zweitens gibt es so viele adoptionswillige Eltern, dass wir nur durch Glück und Zufall - oder Fügung? – ausgerechnet an dieses Goldkind gekommen sind.

 

Margit Heumann, geb. 1949 in Vorarlberg, verheiratet, zwei Töchter; lebte zeitweise in England und der Schweiz, lange in Deutschland, seit 2009 in Wien und Bayern. Einzelpublikation: Ein Hobby mit Konsequenzen, 2007, Tierbuch Verlag. Literarische Texte in Anthologien, Literaturzeitschriften, auf Hörbüchern und Internetportalen. Info: www.margitheumann.com