Margit Heumann: Ankunftstag

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Nach neun Monaten administrativer Schwangerschaft: Da bist du also. Ein winziges Wesen mit schwarzen Haaren, zwölf Tage alt, das Kind, das unseres sein wird, bald, heute noch, spätestens nach sechs Wochen gesetzlich verordneter Bedenkzeit. Der erste Blick auf dich durch die Glasscheibe, das Bild festhalten, erinnern, für später beschreiben. Ein feines Köpfchen, viele schwarze Haare, die Händchen zu Fäusten geballt, die Wangen ... Haben Sie Babysachen dabei? Die Frage der Kinderschwester zieht mir den Boden unter den Füßen weg. Nein, haben wir nicht. Unsere erste Pflicht und schon verbockt. Was mag das Kind von uns denken?

Warten auf die Übergabe. Auf ein Samtpolster gebettet, ein Schleifchen in den langen schwarzen Haaren, unter Fanfaren und Trommelwirbeln über einen roten Teppich getragen wirst du feierlich meinen Armen und meiner lebenslangen Obhut anvertraut. Zu feige, so etwas auch nur zu imaginieren. Tatsächlich ist die Übergabe beschämend prosaisch: Von der Kinderschwester in den Babykorb gelegt. Auf dem Kissen ein zartes Gesichtchen, vornehm blass, und die schwarzen Haare so lang, so glatt, so fein. Die Augen dunkel und tief und ernst schauen mich an. Ich weiß, tun sie nicht, nicht mit zwölf Tagen, ich weiß. Ich bin es, die schaut.

Das Wimmern klingt mutlos, schwach, traurig, freust du dich nicht? Wie kann ich dich trösten? Freu dich doch! Möchte dich auf den Arm nehmen, darf ich das oder ist das zu anmaßend, zu besitzergreifend, was denken die Leute von mir? Verunsichert bin ich, zu kopfgesteuert, um dem Herzen zu folgen. Das Wimmern wird Weinen, Protestgeheul. Das Gesichtchen rot vor Anstrengung, die Augen zusammengekniffen, der Mund verzerrt, Arme und Beine verkrampft, sogar die Haare sträuben sich. Deine Hirnströme durchbohren meine Stirn. Ach so, jetzt verstehe ich, du forderst, was ich mich nicht traue, du willst auf den Arm, du bist nicht feige, du zeigst es laut und energisch. Dankbar nehme ich dankend an. Wie gut sich das anfühlt, Baby im Arm. Für dich auch? Das Weinen verebbt.

Ich beschreibe für das Erinnern. So leicht der kleine Körper in geliehenen Babysachen, so winzig, zerbrechlich die Arme und Beine, so wenig Mensch in meinem Arm und doch ein ganzer, fehlerfrei und vollkommen. Jetzt die Haut wieder blass, das zarte Gesicht ein makelloses Oval, die hohe Stirn, was geht dahinter vor? Die feinen dunklen Augenbrauen zwei Pinselstriche, perfekt geformt die langen Wimpern, noch nass von Tränen. Das schlanke Näschen, die Backenknochen slawisch, die schmalen Lippen, viel zu farblos für Lippen, das hübsche Kinn, und die vielen Haare, so lang und rabenschwarz und seidenweich.

Mein Finger streichelt deine kleine Faust, drängend, beschwörend. Ich wage zu wünschen. Hirnströme hinter meiner Stirn vereinigt mit denen hinter deiner Stirn, mein Wunsch geht in Erfüllung: deine winzige Hand ergreift meinen Finger, hält ihn fest, hält sich fest, als ob für immer. Ich weiß, nur ein Reflex, alle Babys machen das, ich weiß. Aber so viel mehr für mich: Da bist du also, unwiderruflich mein Kind, nicht bald, nicht in sechs Wochen, nein: jetzt, in diesem Moment mein Kind. Stimmt auch nicht: bereits seit deiner Geburt mein Kind, wenn nicht schon viel früher, nämlich vor neun Monaten gezeugt als mein Kind. Also immer schon und für immer mein Kind.

Es ist ein Mädchen, 52 cm groß, 3050 g schwer, ihr Name bedeutet Morgenröte.

Margit Heumann, geb. 1949 in Vorarlberg, verheiratet, zwei Töchter; lebte zeitweise in England und der Schweiz, lange in Deutschland, seit 2009 in Wien und Bayern. Einzelpublikation: Ein Hobby mit Konsequenzen, 2007, Tierbuch Verlag. Literarische Texte in Anthologien, Literaturzeitschriften, auf Hörbüchern und Internetportalen. Info: www.margitheumann.com