Constanze Marguerite: Analenas Tanz

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Analena rennt die Treppe hoch. Sie knallt die Zimmertür mit voller Wucht zu. Am liebsten würde sie laut schreien oder irgendetwas kaputtmachen. Doch dann wirft sie sich nur auf ihr Bett und gibt den Stofftieren darauf einen Tritt. Ein paar purzeln auf den Boden und Analena betrachtet trotzig das Durcheinander. „Quiero volver a Colombia“ ruft sie, ich will zurück, und rollt sich wie ein Igel ein.

Jemand öffnet die Tür und Analena setzt sich ruckartig auf. Ihr kleiner Bruder tritt ins Zimmer und hockt sich auf den Boden. Er macht eine Kopfbewegung zu dem Punchingball neben dem Schrank. „Du musst da boxen. Mama sagt, das tut gut.“ Warum spricht der jetzt Deutsch mit mir? Analena verdreht die Augen. „Mama, Mama. No me importa. Das sind nicht unsere richtigen Eltern!“

Luis kraust die Stirn. „Immer bist du wütend.“ Er steht auf und geht zurück zur Tür. „Ich mag diese Eltern. Und mir gefällt es hier!“ „Du hast unsere richtige Mutter ja schon vergessen!“ Analena nimmt den gestreiften Stofftiger vom Bett. Wie einen Ball klatscht sie ihn von einer Hand in die andere. „Überhaupt hast du ja alles schon vergessen!“ Luis’ Gesicht verdunkelt sich. „Ich weiß, warum dich keiner zur Freundin haben will. Weil du mit allen streitest.“ Mit Schwung holt Analena aus und wirft den Stofftiger nach dem Bruder, doch der duckt sich und verschwindet hinter der Tür. „Idiota!“ Analena lässt sich zurück aufs Bett fallen und trommelt mit beiden Fäusten auf das Kopfkissen. Wieder geht die Tür auf. Diesmal tritt die Mutter ins Zimmer. Analena hört schlagartig auf zu trommeln und dreht sich zur Wand. „Was ist denn los, Ani?“ hört sie die Stimme der Mutter ganz nah hinter sich. Analena fixiert einen Punkt auf der Tapete. Ich heiße nicht Ani. Ich heiße Analena! Sie hält den Atem an und weicht ein Stück zurück, als sie die Hand der Mutter auf ihrer Schulter spürt.

„Wir sind nun deine Familie, Liebes, und du kannst uns sagen, warum du traurig oder wütend bist.“ Die Mutter seufzt. „Kannst du es nicht einmal versuchen mit uns zu sprechen? Ich bin sicher, du schaffst das.“ Analena spürt, wie die Hand der Mutter ihr immer wieder übers Haar streicht. „Wir essen gleich, ja?“ sagt die Mutter schließlich. Sie gibt Analena einen Kuss auf die Wange und geht zur Tür. Wäre ich doch in deinem Bauch geboren! Analena öffnet die Lippen, doch nur ein Seufzen kommt aus ihrem Mund.

„Hast du was gesagt, Ani?“

Analena dreht den Kopf zur Tür und sieht der Mutter einen Atemzug lang in die Augen. Doch dann dreht sie sich wieder auf die Seite und starrt den kleinen Punkt an der Wand an. Sie hört, wie die Tür zugezogen wird und die Mutter den

Gang entlang zur Küche geht. Wir sind nun deine Familie. Analena runzelt die Stirn. Was ist denn eigentlich eine Familie? „Ich weiß es doch nicht“, murmelt sie und setzt sich auf. Ihr Blick geht zu dem Foto auf dem Nachttischchen. Sie nimmt es in beide Hände und betrachtet die Freundin darauf. „Im Heim waren wir wenigstens zusammen!“ "Was ist denn passiert? Erzähl' doch mal."

Tränen laufen über Analenas Wangen. „Ach Isa, ich war mit den deutschen Eltern im Park und ein Hund hat mich angesprungen! Und alle haben es gesehen. Auch der Junge aus meiner Schule!“

"Der, der dich immer im Schulhof ärgert?"

„Ja, genau. Der war auch im Park!“ Geh’ doch zurück nach Kolumbien ... Geh’ doch zurück nach Kolumbien...

Analena fährt sich mit beiden Händen über die Augen. Ich will nicht wegen dem heulen! „Und da war auch noch eine Frau im Park, die hat sogar gelacht und gesagt, dass ich bei so einem kleinen Hund doch keine Angst haben muss.“

"Kleine Hunde beißen und zwicken und..."

„Und der dumme Junge aus der Schule erzählt es jetzt bestimmt allen!“ Geh’ doch zurück nach Kolumbien ... Geh’ doch zurück ...“

„Und dann lachen sie dich morgen aus.“

„Die Frau hat gesagt, dass ich doch schon groß bin. Ich habe alles genau verstanden, Isa! Sie hat die deutsche Mama gefragt, ob sie denn keine Kleinere bekommen konnte!“

Analena stützt den Kopf in beide Hände. „Und dann hat sie Luis ganz freundlich angelächelt. ‚Wie niedlich ist der denn mit seinen schwarzen Locken. Und der Kleine spricht sogar Deutsch wie ein richtiger Deutscher!"

"Aber du kannst auch schon Deutsch. Trau' dich doch mal!"

„Lieber nicht. Sonst mache ich Fehler.“

Analena stampft mit dem Fuß auf. „Ich bin Kolumbianerin!“ Sie geht zum Kleiderschrank.

„Weißt du was? Ich packe jetzt meine Sachen und gehe zurück. Hier sind alle so dumm!“

"Und gemein!"

„Dumm und gemein!“ Sie zieht hastig eine Hose aus dem Schrank. „Soll ich nur die Jeans oder auch den blauen Rock mitnehmen?“

"Nimm' doch alles mit."

Analena greift zu einem Rucksack neben dem Schrank. „Die deutsche Mama sagt, dass man jeden Tag die Unterwäsche wechseln muss.“ Sie stopft ein paar Kleidungsstücke und eine Unterhose in den Rucksack.

"Nimm die CDs mit."

„Oh ja, dann können wir wieder zusammen tanzen!“ Analena steckt ein paar CDs in den Rucksack.

"Nimm auch die neue mit. Die hast du noch nie gehört."

Skeptisch sieht Analena zu einer CD auf dem Regal. „Die haben mir die deutschen Eltern geschenkt. ‚Alle Kinder hier hören diese Musik.‘“

"Leg' sie doch mal ein und dann tanzen wir!"

„Ach nein. Da versteht man ja gar nichts!“ Leise liest Analena den Titel auf dem Cover. „Komm’ und rette mich ... Was wohl ‚rette’ heißt?“

"Denk' nach. Du sollst dich doch mehr anstrengen!"

„Ich weiß es aber nicht!“ Analenas Augen funkeln. Ihr Fuß kickt den Stoffhasen durchs Zimmer. „Ich strenge mich schon ganz viel an! Ich habe mich noch nie so sehr angestrengt. Ich dusche jeden Tag und putze mir morgens und abends die Zähne. Und ich haue Luis nicht mehr.“ Na ja, nur manchmal noch ...

"Aber die Kinder in der Schule haust du schon noch."

„Wenn die mich auch immer ärgern!“

"Die CD."

„Und in der Schule strenge ich mich auch sehr an!“ Und das ist ganz schön schwer.

"Mach' doch endlich mal die Musik an."

Widerwillig legt Analena die CD ein und drückt auf die Einschalttaste. „Das ist bestimmt ein ganz doofes Lied.“

Sie seufzt.

„Psst. Es fängt gar nicht so schlecht an. Beweg’ dich doch mal dazu.“

„Die Musik, zu der wir immer getanzt haben, war aber ganz anders.“

"Das macht doch nichts! Versuch es einfach mal."

„Immer muss ich was Neues lernen!“

„Beweg’ jetzt die Hüften zu beiden Seiten. Langsam ... ganz weich ... ganz lässig. Und lass’ die Arme oben wie diese Tänzerinnen aus dem Orient. Dann klimpert dein Armband so schön!“

„So?“

Analena wiegt sich zögernd in den Hüften. Erst sind ihre Bewegungen etwas steif, doch immer mehr taucht sie in die Melodie ein und ihr Körper bewegt sich wie von ganz allein. Ihre Beine passen sich dem Rhythmus an, als hätten sie nie einem anderen Rhythmus gefolgt und bei jeder Bewegung wird Analenas Tanz geschmeidiger und fließender. „Komm’ und rette mich! Komm’ und re-e-tte mich!“ singt sie und springt erst leicht wippend, dann immer ausgelassener hoch, sodass ihr schwarzes, langes Haar wie ein Schwarm aufgescheuchter Vögel durch die Luft fliegt. Analena tanzt, singt und dreht sich bis ihr schwindelt. Übermütig lässt sie sich schließlich auf den Boden fallen und bleibt dort mit ausgestreckten Armen und Beinen liegen. Das war aber schön.

Die Stimme der Mutter ertönt „Ani, a comer!“

A comer. „Ja, Mama, ich komm’ essen”, ruft Analena und rennt zur Tür.