Margit Kröll: Schwestern

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„Na los, komm schon!“, forderte mich meine Schwester Larissa auf. Sie wollte ausgehen und mich mitnehmen. Jedes Mal fragte sie mich, obwohl sie meine Antwort genau wusste. Ich hasste es. Die laute Musik, die verrauchten Räume, die besoffenen Leute – das waren nur ein paar Dinge, die mich störten. Sie hatte Spaß daran, je lauter, desto besser. Ich hingegen liebte die Stille, ich war auch gerne mal allein, während sie immer jemanden um sich haben musste. Wir teilten uns ein Zimmer, was nicht sehr einfach war. In meinem Bereich herrschte Ordnung, während bei ihr alles verwüstet war. Ich trug lieber Hosen, sie Röcke. Sie trug Stöckelschuhe, ich flache Schuhe. Es gab kaum etwas, das wir gemeinsam hatten. Wenn wir doch einmal zusammen ausgingen, glaubte keiner, dass wir Geschwister waren. Kein Wunder! Wir sahen uns weder ähnlich, noch hatten wir gemeinsame Interessen. Wir stritten uns sehr oft, meistens wegen belangloser Dinge. Sie klagte, sie habe eine ältere Schwester, die ganz langweilig war. Ich jammerte, ich habe eine jüngere Schwester, die nur im Mittelpunkt stehen wolle. Mich störte noch etwas sehr. Ich paukte für die Prüfungen, um eine gute Note zu bekommen, sie lernte fast nie und bekam selten eine schlechte Note. Bei ihr ging alles ganz leicht, während ich mir alles schwer erarbeiten musste. „Du bist adoptiert!“, behauptete meine Schwester, wenn sie wieder mal sauer auf mich war. Dazu hatte ich zu viel von meinem Vater vererbt bekommen. Ich hatte seine Augenfarbe, seine Ohren und seine Haarfarbe. Auch die schiefe Zahnstellung hatte er mir vererbt. Larissa hatte nur die Sehschwäche von ihm und den Rest von Mama. Deshalb behauptete ich manchmal sie wäre die Tochter des Postboten, denn er hatte auch Probleme mit dem Sehen. Er warf uns oft Post ein, die gar nicht für uns bestimmt war. Larissa konnte sich darüber sehr ärgern und redete eine Weile nicht mehr mit mir. Sie strafte sich aber selbst damit, denn ich genoss die Ruhe.

Ich saß allein zu Hause beim Lernen. Larissa war ausgegangen und meine Eltern hatten eine Einladung zu einer Geburtstagsfeier bekommen. Als plötzlich eine Frau vor unserer Tür stand und behauptete, ich sei ihre Tochter und sie hätte mich schon lange gesucht, erschrak ich im ersten Moment.

„Das kann sich nur um eine Verwechslung handeln!“, war meine Antwort dazu und knallte die Tür vor ihrer Nase zu. Die Frau ließ nicht locker und klingelte nochmal.

„Tut mir leid, aber ich hatte damals keine andere Wahl!“, hörte ich sie sagen. Dann dämmerte es mir. Larissa war sauer auf mich, weil ich nicht mit ihr ausgehen wollte. Das war also ihre Rache dafür. Für üble Streiche war sie berühmt. Da unsere Eltern nicht hier waren, konnten sie auch nichts dagegen übernehmen.

„Sie können doch nur Larissa meinen, aber bestimmt nicht mich!“, sprach ich verärgert und verzog mich wieder in mein Zimmer. Nach einigen Malen klingeln gab sie endlich auf. Wo Larissa diese Frau gefunden hat, die so überzeugend wirken konnte, war mir ein Rätsel. Sie konnte aber immer schon gut Leute um den Finger wickeln, inklusive unsere Eltern.

Eigentlich wollte ich Larissa für ihren üblen Streich bestrafen, aber bis zum nächsten Tag hatte ich schon wieder alles vergessen.

Ein paar Tage waren vergangen, als ich die Frau wieder traf. Sie stand vor unsrem Haus, als ich von der Schule Heim kam.

„Egal was Larissa versprochen hat, sie wird es sowieso nicht einhalten!“, kam ich der Frau zuvor. Sie sollte nur wissen, wie Larissa wirklich war. Was hatte mir denn schon alles versprochen, für Dinge die ich für sie erledigen sollte. Ihren Teil der Abmachung hat sie nur selten eingehalten.

„Du bist Noemi, nicht wahr?“, sprach sie mich diesmal an.

Ja, das war mein Name, aber ich reagierte nicht darauf. Personen, die sich auf meine Kosten lustig machten, mochte ich nicht.

„Ich bin deine Mutter!“, versuchte sie es nochmal.

„Sag Larissa, dass es nicht mehr witzig ist! Ich färbe ihre Kleider mit Tinte ein, wenn sie nicht damit aufhört!“, sprach ich verärgert.

„Es geht hier um dich, nicht um Larissa! Du bist meine Tochter!“, sprach sie überzeugend weiter.

Mir reichte es. Ich lief ins Haus und rief Mama an. Sie war noch bei der Arbeit und ich sollte sie nicht stören, aber was blieb mir anders übrig. Als ich ihr von der Frau erzählte, war sie auf einmal ganz still. Ich war mir sicher, sie würde mich schimpfen, weil ich wieder mal gepetzt hatte.

„Ich komme gleich nach Hause!“, versprach sie mir. Das klang nicht nach meiner Mutter. Würde diesmal Larissa endlich den Ärger bekommen, den sie verdiente? Mama bat mich, die Frau aufzuhalten, bis sie hier war. Ich sagte der Fremden nur, sie sollte vor der Tür warten und ging dann wieder ins Haus. Ich wollte nichts mit ihr zu tun haben. Als ich Mamas Auto vorfahren hörte, sprang ich gleich aus dem Haus. Sie stieg aus und schaute die fremde Frau seltsam an.

„Dieselben Augen und dieselbe Nase!“, murmelte sie vor sich hin. Ich wusste nicht, was sie damit meinte. Ich wurde wieder ins Haus geschickt.

„Noemi, ich muss dir etwas sagen!“, sprach mich meine Mama vorsichtig an. Sie sagte, sie wäre nicht meine Mutter, sondern die fremde Frau!

„Nicht du auch noch! Was euch Larissa bloß eingeredet?“

„Nein, Larissa hat nichts damit zu tun!“, erklärte meine Mutter. Es klang nicht gut und alles was danach passierte, kam mir wie im Traum vor. Ich war zwar anwesend, aber irgendwie passte doch nichts zusammen.

Meine eigene Mama behauptete, sie die fremde Frau sei meine leibliche Mutter. Ich dachte, vielleicht sei mein Vater fremdgegangen, aber auch er sollte auf einmal nicht mehr mein Vater sein!

„Ich habe doch seine schiefe Zahnstellung und was ist dem den Augen, den Haaren und den Ohren?“, fragte ich verwirrt. Ich konnte es immer noch nicht glauben.

„Das ist nur purer Zufall!“, war alles, was meiner Mutter dazu einfiel.

Ich erfuhr an diesem Tag, dass ich nicht bei meinen leiblichen Eltern aufgewachsen war, Larissa hingegen sehr wohl.

Als Larissa nach Hause kam und ebenfalls aufgeklärt wurde, verhielt sie sich zum ersten Mal, wie eine Schwester, jetzt wo wir gar keine Schwestern mehr waren. Sie kam auf mich zu, umarmte mich und sagte mir, sie würde mich lieben. Sie würde nicht zulassen, dass ich weggehen musste. Ich saß wie benommen da. Die Realität konnte ich immer noch nicht glauben. Als ich geboren wurde, war ich sofort zur Adoption frei gegeben worden, weil meine leibliche Mutter erst vierzehn Jahre alt war und sich nicht im Stande war, mich zu versorgen. Sollte mich das trösten? Das tat es nicht. Es verletzte, aus welchem Grund auch immer ich weggegeben wurde.

„Wir haben die alle lieb! Wir sind deine wahre Familie!“, sprach mich Larissa an, als sie sah, wie mir die Tränen über die Wangen rollten.

Ich musste erst alles verdauen. Meine Eltern hatten mich die ganze Zeit belogen. Ich war sauer auf sie. Ich war auch sauer auf meine richtige Mutter, denn sie wollte mich nicht haben. Nun war es das erste Mal, dass ich nur Larissa vertraute und nur von ihr geliebt fühlte. Ich war sehr froh, sie zu haben, denn ohne sie wäre ich zerbrochen. Sie gab mir Halt und konnte mich wieder aufzumuntern. Sie schaffte es auch, dass nach Wochen wieder mit meinen Eltern sprach und ihnen verzeihen konnte. Larissa war es auch, die sich mit meiner leiblichen Mutter unterhielt und mir dann von ihren Sorgen und Kummer erzählte. Ich konnte schließlich auch ihr verzeihen. Wir haben nach wie vor keine Mutter-Tochter-Bindung, aber seit dem treffen wir uns regelmäßig. Sie ist nun so eine Art Tante für mich. Ich vermisse tatsächlich die Streitereien mit Larissa. Sie ist wie ausgewechselt, denn sie hat Angst, ich würde zu meiner leiblichen Mutter ziehen und sie wäre alleine.


Margit Kröll wurde 1983 geboren und schreibt seit ihrem 10. Lebensjahr. Seit 2004 hat sie drei Jugendbücher, sowie zahlreiche Kurzgeschichten in diversen Anthologien veröffentlicht. Sie ist Mitbegründerin des Onlinebuchshops „Das andere Buch“. Der Kontakt zu den Lesern ist ihr sehr wichtig, deshalb plant und organisiert sie regelmäßig Lesungen in Schulen und Büchereien.