Horst Decker: Sophia (2.Preis)

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2. Preis beim Schreibwettbewerb "Adoptionsgeschichten"

 

 

 

Es gab nichts, über das ich mich hätte beschweren können, außer über meine neuen Gefühle. Was wollten sie von mir?  Ich hatte sie nicht herausgefordert. Sie aber überfielen mich völlig unvorbereitet kurz nach dem Tag, an dem ich volljährig geworden war.

Sie tarnten sich als Brief, genau wissend, wie neugierig man gerade in dieser Zeit ist.

Änderte sich doch ab achtzehn das halbe Leben, denn ab diesem Tag gilt man als völlig eigenständiger Mensch, was mit Rechten, Pflichten und Entscheidungen verbunden ist.

Kein Wunder, dass man bei solcher Gelegenheit von allen möglichen Firmen, die man nicht einmal vom Hörensagen kannte, Glückwunschbriefe erhielt, bei denen keinesfalls der Hinweis auf die Nützlichkeit ihrer Angebote, Versicherungspolicen und Geldanlageformen fehlte.

Viele dieser Briefe enthielten neue Erkenntnisse, manche waren amüsierend, einige belästigten und andere verursachten  Empörungen, denn in den letzteren versuchten zweifelhafte Firmen die Grenzsituation der noch unerfahren Neuerwachsenen für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Einer der Briefe stach aus der Menge der Postsendungen heraus. Es war ein typischer Behördenbrief. Freudig öffnete ich ihn, in der Erwartung, darin meinen richtigen Führerschein vorzufinden, der es mir endlich ermöglichte, auch ohne Begleitung meiner Eltern zu fahren.

Aber, so war es nicht. Aus der Vorfreude fiel ich in bodenlose Tiefe. Ich fiel, ich fiel und es gab nur zwei Menschen, die mich wieder auffangen konnten, in dem sie mir sagten, dass alles nicht wahr war!

Wortlos reichte ich den Brief meiner Mutter, die mich nach einem Blick darauf fassungslos ansah und nach kurzer Starre anfing zu weinen. Mit zittriger und dennoch trotziger Stimme sagte sie: “Aber du bist doch unserer Tochter! Das haben wir doch immer gespürt, du etwa nicht?”

Vater kam hinzu und nahm mich in den Arm, so, wie er es tausende Male gemacht hatte, aber dieses Mal fühlte es sich anders an. Ich spürte eine gläserne Wand, die mein Körper zwar noch immer leicht durchdringen konnte, aber nur, wenn er dabei sein Herz zurücklies. Eine Wand, die Klaus und Petra mein ganzes Leben lang kannten. Für sie war es nie eine Barriere gewesen, denn ihre Liebe kannte keine Grenzen.

Für mich war alles neu, auch, wenn ich Klaus und Petra immer als meine Eltern geliebt hatte.

Könnten sich Kinder ihre Eltern aussuchen, ich hätte mir nur sie gewünscht! Aber Kinder müssen ihre Eltern akzeptieren. Nur Eltern können sich Kinder wünschen und so war das bei  Klaus und Petra. Sie hatten sich mich gewünscht und hatten mir achtzehn Jahre lang all meine erfüllbaren Träume von den Augen abgelesen und mir die nichterfüllbaren  gelassen. Sollte sich das nun ändern?

Nun, ich war jetzt erwachsen und konnte tun und lassen was ich wollte. Ich war niemandem Rechenschaft schuldig, vor allem nicht über meine Gefühle. Ich konnte Klaus und Petra all die Liebe zurückgegeben, mit der sie mich auf dem Weg in die Erwachsenenwelt begleitet hatten. Aber, war das nun noch vorstellbar? Noch vor meinem Geburtstag war ich mir darin sehr sicher. Aber nun?

Nie waren mir Zweifel daran gekommen, dass ich ein perfektes Zuhause besaß. Klaus und Petra hatten sich so selbstverständlich um all mein Glück gesorgt, mir meine Ausbildung geschenkt und mir in jeder Sekunde meines Lebens das Gefühl der völligen Geborgenheit gegeben; die Gewissheit, dass sie all meine großen und kleinen Sorgen teilten, um mir dann das, was meine Kräfte überstieg, auf  irgend eine Weise abzunehmen. Was wäre ich ohne sie?

Aber sie waren nicht meine Eltern. Sicher waren meine wirklichen Eltern nicht so gut wie Klaus und Petra. Sicher hätte ich es bei ihnen weitaus schlechter gehabt. Sicher hätten sie mir nie eine solche Ausbildung zukommen lassen können und ich wäre wahrscheinlich irgendwo in der Gosse gelandet. Ja, ganz bestimmt war ich ihnen völlig egal. Wer sonst gibt sein Kind nach der Geburt ab. Vielleicht war meine richtige Mutter eine Hure? Aber, war das wirklich sicher?

Vielleicht war meine Mutter eine arme Studentin, die mich schweren Herzens abgegeben hatte, weil sie mich liebte und nicht wollte, dass ich mein Leben ohne jede Perspektive beginne. Vielleicht vermisste sie mich und litt seit achtzehn Jahren jeden einzelnen Tag an der Trennung von mir?

Nein, ich konnte nicht über sie urteilen, ohne sie zu kennen! Aber, wer war sie? Was muss eine Frau erlebt haben, damit sie mich nicht wollte.

Das Jugendamt hatte mir geschrieben, dass ich nun berechtigt war, den Namen und die alte Adresse meiner Eltern zu erfragen, und man würde, ja man müsste mir diese Auskunft erteilen.

Sollte ich das meinen Adoptiveltern zumuten? Sie kannten meine Eltern ebensowenig wie ich.

Mein Kontakt mit meinen leiblichen Eltern würde sie unwillentlich zwingen, sich mit meinen wirklichen Eltern auseinanderzusetzen, was womöglich nicht angenehm war.

Klaus und Petra hatten keine eigenen Kinder bekommen können und hatten einen Adoptivantrag gestellt, weil sie sich so sehr nach einem  Kind gesehnt hatten. Das glaubte ich ihnen, denn ich hatte ihre Liebe immer gespürt. Aber, mit dem Wissen von heute, war es nie wirkliche Mutterliebe und auch keine Vaterliebe. Aber was war richtige Vater- und

Mutterliebe. Wie unterschied sie sich von der Liebe, die mir zuteil geworden war? Seit ich den Brief erhalten hatte, lebte ich mit einem Gefühlsvakuum.

Es fehlte etwas, obwohl ich nie etwas vermisst hatte. Ich lebte innerhalb einer Familie,  in der es niemals ernsthafte Probleme gegeben hatte, wie ich sie von fast allen meinen Freundinnen mit echten Eltern immer wieder gehörte hatte. Ich konnte mich immer auf meine Adoptiveltern verlassen. Sie waren immer für mich da, - ohne Ausnahme. Das waren meine richtigen Eltern nicht. Sie waren niemals für mich da gewesen.

Warum sollte ich mich für sie interessieren, wo es doch  Ma und Pa gab, meine Adoptiveltern.

Warum musste ich nur erfahren, dass sie nicht meine wirklichen Eltern waren. Nichts hätte sich nach meinem achtzehnten Geburtstag verändert, gar nichts.

So hatte sich alles verändert. Ich hatte das Gefühl, keine Eltern, sondern nur noch zwei ältere Freunde, gute Freunde, zu haben.

Alles Einbildung. Ich sollte die Sache realistisch sehen. Es hatte sich doch nichts verändert, Ma und Pa waren noch immer gut zu mir. Aber neben ihnen gab es nun noch etwas Drittes, die Sehnsucht. Nein, keine Sehnsucht, Neugier. Nein, keine Neugier, der unwiderstehliche Wunsch nach Gewissheit. Wo  kam ich her und warum wollten mich meine wirklichen Eltern nicht? Sie hatten nicht einmal die Chance gelassen, dass wir uns kennenlernten. Warum sollte ich jetzt versuchen, sie kennenzulernen?

Vielleicht, um diese verfluchten Gefühle zu beseitigen? Vielleicht, um zu erfahren, dass sie meiner Liebe nie Wert waren. Vielleicht, um Sicherheit darin zu gewinnen, dass ich himmelfroh sein konnte, mit Klaus und Petra die besseren Eltern bekommen zu haben. Letztlich war doch alles nur eine Gefühlssache und all meine Gefühle sollten sich für Klaus und Petra entscheiden. Aber sie taten es nicht mehr, nachdem ich den Brief gelesen hatte. Meine Gefühle hatten sich geteilt, so dass für alle Beteiligten zu wenig übrig geblieben war.

Ich konnte im Internet nachschauen, ob sie noch an ihrer alten Adresse lebten! Ich musste nicht mit ihnen in Kontakt treten! Ich konnte auch so feststellen, wo ich herkomme, - ohne dass sie das überhaupt bemerkten!  Heute hinterlässt jeder Mensch leicht findbare Spuren.

Mutters Telefonnummer. Was sollte ich damit machen? Über Vater hatte ich nichts gefunden. Sie schien alleine zu sein, so alleine, wie ich mich fühlte, seit ich den Brief bekommen hatte.

Ich könnte ihre Telefonnummer wählen, ihre Stimme hören und wieder auflegen. Natürlich musste ich dabei meine eigene Telefonnummer unterdrücken, damit sie nicht auf dem Display ihres Telefons angezeigt wurde. Ich wählte. Nein, ich konnte es meinen Adoptiveltern nicht antun. Ich stoppte den Wählvorgang. Aber, was tat ich ihnen an? Nichts. Im Gegensatz zu mir lebten sie immer mit der Gewissheit, nicht meine richtigen Eltern zu sein. Aber was sind richtige Eltern? Sind es nicht die Personen, die die Verantwortung für ein Kind auf sich nehmen?

Ich wählte. Eine Stimme. Sie klang warm, unendlich warm. Wie in Trance nannte ich meinen Namen. Genau das hatte ich zuvor ausgeschlossen. Aber es war passiert. Sollte ich die Auflegetaste drücken? Das wäre feige gewesen. In der Leitung war es still geworden. Dann,  ganz leise und immer lauter werdend. Sie weinte! Auch mir kamen die Tränen. Ich sollte auflegen, bevor alle meine Gefühle aus mir flossen. Achtzehn Jahre Gefühle, die ich bis vor kurzem noch nicht kannte.

„Leg‘ nicht auf“. Sie schien meine Gedanken gehört zu haben oder es ging ihr wie mir und es waren ihre Gedanken, die den meinigen so glichen wie mein Blut dem ihrigen. „Ruf mich morgen wieder an, versprich es mir. Ich kann nicht mehr reden.“

Mir ging es genauso. Wortlos drückte ich die Abwahltaste.

Am nächsten Tag rief ich sie wieder an. Ich hatte es versprochen. Zumindest hatte ich die Anwesenheit des Versprechens gespürt. Ich hatte anschließend lange mit mir gekämpft, ob ein Versprechen, das nur die Seele haucht, auch verbindlich ist. Aber dann sagte ich mir, sie hat es zwar nicht gehört, aber eine Mutter spürt so etwas. Also hatte ich wieder angerufen. Sie hatte darauf gewartet, sicher das Telefon nicht eine Sekunde alleine gelassen.

Wir verabredeten uns für den nächsten Tag an einer Autobahnraststätte zwischen unseren Wohnorten. Als ich dort ankam, hielt ich Ausschau nach einem dunkelblauen Ford, denn sie musste längst da sein. Viele dunkelblaue Wagen standen in den Parkbuchten der Raststätte. In einigen saßen Personen, meist ganze Familien.

Da vorne, eine Frau mittleren Alters, alleine in einem zur Beschreibung passenden Fahrzeug. Langsam näherte ich mich dem Auto. Als ob sie mich gespürt hätte, drehte sich die Frau ruckartig um und unsere Augen trafen sich. Meine Beine wurden weich, ein Schleier schob sich zwischen mich und meine Mutter. Mir wurde schwindelig. Ich wollte mich umdrehen, weglaufen, aber es ging nicht. Roboterhaft zogen mich meine Füße immer weiter nach vorn. Die Autotür öffnete sich, eine Frau schwankte heraus. Wir mussten uns gegenseitig stützen, um nicht umzukippen. Wir lagen uns in den Armen und heulten wie Schlosshunde, bis meine Mutter ein Taschentuch herauszog, sich die Augen trocken wischte und mir anschließend mit dem selben Tuch die Tränen abtupfte. Und noch bevor sich unsere Tränen darin mischen konnten, roch ich zum ersten Male meine Herkunft.

So aufgewühlt konnten wir nicht ins Restaurant gehen. Wir setzten uns auf eine Bank und alle Fragen der vergangenen achtzehn Jahre stapelten sich zu einer Brücke zwischen unseren Herzen. Ich erfuhr alles über mich. Als ich zur Welt kam, lebte meine Mutter in Scheidung. Sie musste arbeiten und wollte mir ihre Not nicht zumuten, hatte aber immer gehofft, mich einmal wiederzusehen. Einmal, bevor sie sterben musste, denn sie hatte Krebs im Endstadium.

Wir sahen uns von nun an fast jede Woche und es war für mich immer wie eine Heimreise. Dann, nach einem halben Jahr verstarb sie.

Die Zeit war sicher schwer für meine Adoptiveltern, aber sie war wichtig, denn in dieser ist mir klar geworden, dass ich  in Wirklichkeit zwei paar Eltern hatte, auch wenn ich meinen leiblichen Vater nur durch Erzählungen kennenlernte.

 

P.S. Die Geschichte basiert auf einem wahren Erlebnis.

 

Über Horst Decker: geboren 1947 als Sohn eines Landarztes, 1967 Abitur und nach dem Pflicht-Wehrdienst 13 Semester Physik an der THD studiert, um dann in der Industrie zu arbeiten. Seit 1974 als Dienstleister für Filmproduktionen, Fernsehen und Museen selbständig.
Schon als Kind begann ich kleinere Gedichte und Geschichten zu schreiben, ließ diese Fähigkeit allerdings nach der Schulzeit ruhen und begann erst 2008 damit gezielt an die Öffentlichkeit zu treten.