Malou Berlin: Vom Storchenküken, das nicht fliegen konnte

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Das Storchennest lag verlassen hoch oben auf dem Kirchturm. Nur ein einzelnes Ei lag darin. Von innen wurde so an der Schale gepickt, dass diese einen Riss bekam. Ein kleiner Schnabel war zu sehen, der eifrig auf die Schale einhackte. Dann guckte ein feuchter Kopf mit großen, blanken Augen heraus und schließlich schlüpfte das ganze Storchenkind aus dem Ei. Es schüttelte sich die feuchten Federn und sah sich neugierig um. „Piep“ klagte es „mir ist kalt“. Das hörte eine Meise, die gerade auf dem Rand des Nestes gelandet war. „Na so was“ staunte sie „da ist ja doch noch eins aus dem Ei geschlüpft!“ „Bist du meine Mama?“ piepste das Storchenküken. „Nein“ antwortete die Meise „deine Mama ist bereits in den Süden geflogen“. Das Küken begann heftig zu weinen. „Ich helfe dir, eine neue Mama zu finden“ versprach die Meise „schau mal, hier vom Nestrand aus können wir den ganzen Marktplatz sehen.“ Dort unten schlenderten der dicke Bär und die getigerte Katze gerade zum Stand der schwarz-weiß-gefleckten Kuh. Die Katze kaufte eine Flasche Milch und leckte sich über ihr Mäulchen. „Schau, dort gibt es etwas Süßes für dich!“ rief sie und zeigte auf den Stand der Bienen. Der Bär strahlte über sein ganzes pelziges Gesicht und kaufte ein großes Glas mit hellem Honig. Die beiden wussten nicht, dass sie aufmerksam beobachtet wurden: Von einem kleinen frierenden Storchenküken hoch oben auf dem Kirchturm. „Die Katze und den Bären kenne ich“ zwitscherte die Meise „sie wohnen in dem gelben Haus am Stadtrand. Sie sind sehr lieb und wünschen sich ein Kind. Du solltest sie kennen lernen“. „Aber wie?“ piepste das Storchenküken „ich kann noch nicht fliegen“. Die Meise breitete ihre Flügel aus: „Schau, ich zeige es dir“.

Währenddessen kaufte die Katze am Marktstand der dicken Gans eine Babydecke aus weichen, wärmenden Daunen. „Aber warum?“ wunderte sich der Bär „wir haben doch noch gar kein Kind“ „Wir werden aber bald eins bekommen“ erwiderte die Katze „ich habe nämlich heute Nacht den Sternen erzählt, wie sehr wir uns eins wünschen. Kaum hatte ich es ausgesprochen, ist eine Sternschnuppe gefallen“. Sie zeigte zum Himmel. Und als der Bär und die Katze nach oben sahen, entdeckten sie plötzlich auf dem Kirchturm ein Küken, das heftig mit den Flügeln flatterte. Es versuchte zu fliegen, aber seine Federn waren noch zu feucht. Das Storchenküken strauchelte und fiel den hohen Kirchturm hinunter und fiel und fiel – und landete in den pelzigen Armen des Bären. Die fühlten sich wie ein Nest an, ein neues, warmes Nest und das Storchenkind kuschelte sich sofort ein. Die Katze deckte es behutsam mit der weichen Daunendecke zu. „Bist du meine neue Mama?“ fragte das Storchenmädchen. „Ja“ antwortete die Katze mit glücklichem Gesicht. „Du bist unser Kind“ freute sich der Bär „wir nennen dich ‚Sternchen’“. Das Storchenküken lächelte und schlief zufrieden ein.

In dem gelben Haus, in dem die Katze, der Bär und jetzt auch Sternchen wohnten, kam nun so viel Besuch wie noch niemals zuvor. Alle wollten das neue Familienmitglied sehen. „Was für ein hübsches Kind“ summten die Bienen. „Entzückend“ muhte die schwarz-weiß-gefleckte Kuh. Auch die Meise zwitscherte ab und zu vorbei und brachte dem Storchenküken ein paar Sonnenblumenkerne mit. An der Pfote von Papa Bär lernte Sternchen laufen und sobald sie es konnte, rannte sie auf ihren roten langen Beinen durch den Garten. Von Mama Katze lernte sie, auf die höchsten Bäume zu klettern. Sie war ein wildes und neugieriges Storchenmädchen. Und konnte fast so tief brummen wie ein richtiger Bär. Nur das Fliegen lernte sie nicht. „Alle sieben Kinder von Frau Meise können fliegen, bloß ich nicht“ klagte sie „und die Bienenkinder fliegen schon seit ihrem ersten Tag“. „Jedes Kind ist anders“ versuchte Mama Katze zu trösten „und für dich ist es schwerer, das Fliegen zu lernen. Weil du als Küken aus dem Nest gefallen bist. Und sogar von einem hohen Kirchturm“ „Ich kann es doch auch nicht“ meinte Papa Bär. „Ich will aber fliegen“ entgegnete Sternchen und lief wieder hinaus in den Garten. Sie sprang vom Fliederbusch, von der hohen Mauer und vom Apfelbaum. Doch anstatt zu fliegen plumpste sie jedes Mal ins Gras.

Plötzlich landete ein großer Vogel neben ihr. Sternchen traute ihren Augen kaum: Er hatte den gleichen langen Schnabel wie sie, die gleichen roten Beine und genauso weißes Gefieder mit schwarz-weißen Flügeln. Noch nie war ihr jemand begegnet, der ihr so ähnlich sah. „Hallo“ krächzte der Fremde und lächelte „bist du Sternchen, das Pflegekind von Katze und Bär?“ Sternchen starrte ihn wortlos an. „Na, du musst aber lange überlegen. Bist du’s nun oder nicht?“ der junge Storch zwinkerte vergnügt mit den Augen. Sternchen nickte langsam. „Und wer bist du?“ „Meine Freunde nennen mich Speedy. Weil ich so schnell bin“ prahlte er. „Wollen wir Kletterfangen spielen?“ fragte Sternchen und kletterte schnell auf den höchsten Ast des weißblühenden Kirschbaums. Speedy schaute ihr verblüfft hinterher „Was machst du? Ich kann nicht klettern“. Sternchen plusterte sich vor Stolz ein wenig auf, kam ein Stück herunter und setzte sich auf den niedrigsten Ast. „Außerdem habe ich gerade einen langen Flug aus dem Süden hinter mir“ meinte Speedy. Sternchens Herz begann heftig zu pochen. „Du kommst aus dem Süden? Hast du meine Storchenmutter gesehen?“ „Ja. Deshalb bin ich hier. Ich soll dir Grüße von ihr ausrichten. Dass du hier lebst, weiß sie von den Schwalben.“ Sternchen fühlte sich plötzlich ganz klein. Aber sie traute sich trotzdem, die Frage zu stellen, über die sie schon so oft nachgedacht hatte. „Warum ... aber warum hat sie mich damals im Nest allein gelassen?“ „Sie konnte nicht für dich sorgen, weil sie selbst ganz schwach war“ sagte Speedy „dein Storchenvater war einfach weggeflogen. Dann kam der Herbst und es wurde plötzlich sehr kalt. Deine Storchenmutter sagte mir, dass es ihr leid tue, dass sie dich nicht mitnehmen konnte. Doch sie konnte nur sich selbst retten.“ „Aber ich war doch noch ganz klein!“ Speedy nickte. „Es muss wirklich schlimm für dich gewesen sein“ seufzte er „aber wenn deine Storchenmutter gesund gewesen wäre, hätte sie dich bestimmt mitgenommen.“ Sternchen schüttelte wild ihren Kopf: „Sie hätte mich doch in einen Korb legen und den Henkel in den Schnabel...“ „Dazu war sie zu schwach“ unterbrach sie Speedy. „Aber trotzdem!“ heulte Sternchen, sprang vom Ast, rannte laut schluchzend zum Haus, die Treppe hinauf in die Küche.

Dort saß Mama Katze auf dem Sofa. Sternchen hüpfte auf ihren Schoß und kuschelte sich in ihr warmes, weiches Bauchfell. Sie weinte heftig und Mama Katze streichelte sie mit ihren samtigen Pfoten. Speedy kam leise hinterher und schaute den beiden zu. Nach einer Weile waren Katzenfell und Storchenfedern ganz nass von den vielen Tränen, aber das machte nichts. Sternchens Weinen wurde leiser und schließlich war nur noch das sanfte Schnurren von Mama Katze zu hören. Papa Bär kam herein und kochte Kakao für alle. Der Kakao wärmte Sternchens Bauch. Speedy nahm nur einige wenige Tropfen in seinen Schnabel. „Schmeckt es dir nicht?“ fragte Papa Bär. Speedy druckste herum „Na ja, ich habe das noch nie getrunken.“ „Du hast noch nie Kakao getrunken?“ staunte Sternchen. Speedy schüttelte den Kopf und dabei klapperte sein Schnabel ganz leise. Wenn Sternchen den Kopf schüttelte, hörte sich das ganz genau so an. „Was trinkst du denn gern?“ fragte Mama Katze. „Hmm, am liebsten Tümpelwasser“ er klopfte sich auf den Bauch. „Ich muss jetzt los. Meine Kumpels warten am Teich“. Sternchen und ihre Eltern begleiteten ihn in den Garten. „Kommst du mich wieder einmal besuchen?“ fragte Sternchen. „Versprochen!“ lachte Speedy „und dann zeigst du mir, wie man klettert“. Er lief ein paar Schritte, breitete seine Schwingen aus, spreizte die Federn und glitt in die Luft. Er flog einen Bogen über dem Garten und wirkte noch einmal.

Sternchen stand mit offenem Schnabel da. „Jetzt weiß ich, wie es geht“ murmelte sie „er stellt die oberen Federn auf und geht ein paar Schritte.“ Sternchen stellte ihre oberen Federn auf und ging ein paar Schritte. Dann breitete sie ihre Schwingen aus, spreizte die Federn und glitt in die Luft. Sie hob einen Flügel mehr als den anderen und flog einen Bogen. „Ich fliege!“ jubelte sie. Mama Katze und Papa Bär schauten staunend nach oben, wo Sternchen ihre Kreise über dem Garten zog. „Tatsächlich, du kannst fliegen!“ brummte Papa Bär. „Das ist ja wunderbar!“ lachte Mama Katze. „Schaut ihr Bienen“ rief Sternchen „ich kann fliegen!“ „Ssss, Sternchen kann fliegen“ summten die Bienen. Die schwarz-weiß-gefleckte Kuh, die zufällig des Weges kam, sah verdutzt nach oben und muhte dann: „Unser Storchenküken ist groß geworden.“ Die Meise flog mit ihren sieben Kindern herbei: „Toll! Prima!“ zwitscherten sie. Papa Bär und Mama Katze legten sich in die Liegestühle und schauten voller Stolz zu, wie Sternchen flatterte und segelte. „Und jetzt kommt der Sturzflug!“ rief Sternchen übermütig und landete punktgenau in den pelzigen Armen von Papa Bär.

 
Malou Berlin, geb. 1961; Pflegemutter zweier Mädchen seit 1996; Autorin, erste Veröffentlichungen seit 2004 Studium Filmdramaturgie/Drehbuch von 2006-2009 Ausstrahlung meines Abschlussfilms "Nach dem Brand" Nov. 2012 auf NDR/arte