Elisabeth Reiter: Muttermilch für Lena

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Es begann die spannende Zeit, in der das Telefon läuten könnte. Wir waren in der Warteposition für ein Pflegekind aus Niederösterreich oder Wien.

Lena (*Name wurde von der Autorin geändert) wurde Mitte Oktober 2007 an einem Donnerstag in einem Wiener Krankenhaus geboren und kam die nächsten Tage in ein Wiener Kinderspital zur weiteren Beobachtung und Behandlung ihrer Drogenentzugssymptome. Lena war ein unruhiges Baby und hat auch viel geschrien und erbrochen und ihr Entzug zog sich über einige Wochen. Kurz bevor Lena sechs Wochen alt wurde, erfährt die betreuende Ärztin der Kinderstation über das Jugendamt, dass für Lena Pflegeeltern gesucht würden, da ihre Eltern, speziell die Mutter, es wegen ihrer Suchtkrankheit nicht schaffen würde ein weiteres Kind zu betreuen.

Ende November, an einem Donnerstag läutete um die Mittagszeit mein Handy, ich war in der Arbeit. Unsere betreuende Sozialarbeiterin war am Telefon und sie teilte mir mit, sie habe ein sechs Wochen altes Mädchen für uns, das dringendst Eltern bräuchte. Wir hatten zwei Tage Zeit zu überlegen, ich sagte sofort ja, beendete meinen Dienst (in Absprache mit meinen Vorgesetzten, die wussten ja Bescheid, dass ich auf ein Kind wartete...). und besuchte sofort Lena im Kinderkrankenhaus. Lena lag schlafend in ihrem Bettchen. Zwischenzeitlich versuchte ich meinen Mann telefonisch zu erreichen, um ihm die freudige Neuigkeit zu erzählen und vor allem, um auch ins Krankenhaus zu kommen, um Lena zu begrüßen. Ich war ab sofort für Lena da, die es sehr genoss von mir herumgetragen zu werden.

Endlich kam mein Mann so gegen 16 Uhr. Er nahm Lena zu sich, in seine Arme, sie weinte kurz, beruhigt sich aber dann bald auch bei ihm und ich wusste, er hat sich soeben auch in die kleine Maus verliebt. Wir erzählten Lena, dass wir ab jetzt ihre neue Mama und ihr neuer Papa seien. Lena und ich blieben noch einige Tage gemeinsam im Mutterkind-Zimmer des Kinderkrankenhauses, bis wir dann heimkamen und unser Alltag mit Baby begann.

Da ich selbst Kinderkrankenschwester und Stillberaterin IBCLC bin, wusste ich von der Möglichkeit des Stillens eines Adoptiv-  oder Pflegekindes. Im Krankenhaus war Lena anfänglich sehr unruhig, beruhigte sich aber schnell in meinen oder den Armen meines Mannes und das war ein sehr schönes, warmes Gefühl für uns als frischgebackene Pflegeeltern. Noch im Krankenhaus gewöhnte ich Lena langsam, minutenweise an das Tragen im Tragetuch, anfangs war ihr diese Nähe offensichtlich fast zu viel. Wir waren auch viel in Hautkontakt, wobei sie aber kein Interesse an meinen Brustwarzen zeigte, um zu saugen oder zu schlecken.

Zu Hause probierten wir mit Hilfe des Brusternährungssets* Stillversuche. (Das Brusternährungsset, ein technisches Stillhilfsmittel, ermöglicht Frauen das Stillen, die sonst nicht dazu in der Lage wären. Bei angenommen Babys unterstützt es die Bindung. Der mit Säuglingsmilch gefüllte Milchbehälter hängt am Hals der Mutter, und die beiden Schläuche werden jeweils neben den Brustwarzen fixiert. Wenn das Baby saugt gelangt die Milch vom Becher zum Kind, das Kind saugt direkt an der Brust und stimuliert und fördert dadurch die Milchbildung der Mutter, (auch wenn die niemals schwanger war).

Sobald Lena in die Nähe meiner Brustwarzen kam, fing sie zu schreien an, lediglich einmal saugte sie kurz an meiner linken Brust und das war ein ganz besonderer Moment für mich und spürte sich sehr gut an! Voll motiviert probierte ich wieder in kleinen Sequenzen, mit bereits tropfender Nahrung vom Brusternährungsset und mit intensivem Hautkontakt an der Brust vorher, Lena an meine Brust zu gewöhnen. Aber sobald es um saugen und trinken an der Brust ging, wehrte Lena sich und wurde unruhig. Ich probierte alle möglichen Varianten, mit Stillhütchen, beide Schläuche des Brusternährungssets an einer Brust, schnell tropfende Milch im Schlauchsystem, Flaschensauger mit durchgefädelten Set an der Brust usw.… Leider führte alles nicht zum Stillen an meiner Brust, sie wollte einfach nicht saugen. Ihr die Flasche an meiner nackten Brust zu verabreichen war kein Problem, aber die Möglichkeit aktiv an der Brust zu saugen behagte ihr nicht – aus welchen Gründen auch immer? Ich denke heute es lag sicherlich nicht an der Technik, sondern es wird wohl einen tiefer liegenden emotionalen Ursprung haben. Ich wusste von Erzählungen des Krankenhauspersonals, dass auch die Stillversuche der leiblichen Mutter mit sehr viel Unruhe und Geschrei nicht gelang. Es machte mich zwar kurz traurig, dass das aktive Stillen nicht klappte, allerdings war es mir wichtig Lenas Grenze zu respektieren.

So begann ich mit der regelmäßigen Brustmassage und dem Abpumpen meiner Brüste mit einer elektrischen Milchpumpe. Nach einigen Tagen des doppelseitigen Abpumpens meiner Brüste, in zwei bis drei stündlichen Intervallen, auch nachts, kamen die ersten Tropfen meiner Muttermilch. Mit einem kleinen Löffel fing ich die Tropfen auf und gab sie Lena!

Nach einigen Tagen mit zusätzlicher medikamentösen Unterstützung (Paspertin Tabletten, hier wird die Nebenwirkung des Medikamentes genützt), kam ich auf 10-15 ml meiner Muttermilch, die Lena als „Vorspeise“ täglich mit einem Teelöffel bekam und es schmeckte ihr!

Gleichzeitig bestellte ich wöchentlich pasteurisierte Frauenmilch von der Milchbank der Semmelweisklinik, die mir in der Nähe von Wien wohnend, auch geliefert wurde und Lena trank sie sehr gern. Als Lena vier Monate alt wurde und bereits seit einigen Nächten durchschlief, ich nachts dadurch weniger abpumpte, wurde meine Milch auch weniger und die Quelle versiegte, ich habe zehn Wochen „gestillt“, das heißt gepumpt und Lena hatte meine Muttermilch erhalten. Das machte mich schon sehr stolz, vor allem, weil sie etwas von mir direkt bekommen hat und sie war bis auf Schnupfen und Fieber noch nie krank.

Auch wenn ich nicht aktiv gestillt habe, so entstand doch eine besondere, tiefe Verbindung zu Lena, da sie ja aus meinen Körper Milch bekam, die ihr schmeckte! Hilfreich war für uns, das Tragetuch bzgl. Bindung und Körperlichkeit. Lena und ich genossen es im Tragetuch unterwegs zu sein und Lena und mir gab es besonders das Gefühl, die Zeit der nicht gemeinsamen Schwangerschaft so ein Stück „nachzutragen“. Mein Mann genoss es ebenfalls sehr Lena im Tuch bei sich zu haben und der Begriff „leibliche Eltern“ bekam für uns eine andere Bedeutung als im üblichen Sprachgebrauch.

Mittlerweile wird Lena im Herbst fünf Jahr alt und ist unsere Adoptivtochter. Ihre leiblichen Eltern haben sie zur Adoption freigegeben und uns dies persönlich mitgeteilt als Lena sechs Monate alt war. Wir sind in guten, regelmäßigen Kontakt mit ihren biologischen Eltern, Großeltern und Lenas älteren Bruder und respektieren ihre Herkunftsfamilie und Wurzeln.

Lena ist ein aktives, neugieriges und fröhliches Mädchen. Sie kennt ihre Adoptionsgeschichte und Herkunftsfamilie und wir haben alle viel Freude und Spaß miteinander!

 

Elisabeth Reiter, Kinderkrankenschwester und Stillberaterin IBCLC. Sie ist 1967 in Wien geboren, lebt mit ihrem Mann und der gemeinsamen Adoptivtochter, 2007 in Wien geboren, in Klosterneuburg in Niederösterreich.