Elisabeth Podgornik: Ad. Option

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22. März

Heute habe ich Maria an den Kopf geworfen, dass sie mir gar nichts zu sagen hat. Du bist ja nicht einmal meine richtige Mutter! Ich glaube, das hat gesessen! Ein wenig schuldig fühle ich mich jetzt doch; ich wollte sie verletzen und mir ist nichts anderes eingefallen. Das war gemein.

„Du bist eine Idiotin!“, sagte Alexander später auch zu mir. Der hat leicht reden. Ich steche aus dieser Familie hervor wie Sachertorte aus einem Eimer voll Vanillesoße! Davon abgesehen muss A. mir dankbar sein. Wäre ich nicht gewesen, wäre er nie geboren worden. Man weiß schließlich, dass nach einer Adoption häufig ein leibliches Kind auf die Welt kommt, der Druck ist raus usw. Alter Hut.

 

23. März

Ich hätte meine Haare nicht blond färben sollen. Bei mir sieht es doof aus und ich wirke damit kein bisschen echter in meiner Rolle als Tochter und Schwester. Aber es nervt einfach, ständig gefragt zu werden, woher man eigentlich kommt, und die überraschten Blicke zu sehen, wenn man nicht in gebrochenem Deutsch antwortet, sondern im breitesten Dialekt! Dass dieses stupide Verhalten nicht auf meine Adoption zurückzuführen ist, weiß ich auch. Man soll die Dinge nicht vermischen, meint Holger. Aber es ärgert mich trotzdem! Die Leute checken einfach nicht, dass man sich vorkommt, als hätte man Aussatz. So wie diese Religionslehrerin, die meinte, ich solle der Klasse etwas von meinem Land erzählen! Österreich ist mein Land. Von Südafrika habe ich genauso viel Ahnung wie alle andren! Ob ich nicht nachgeforscht hätte. Nein! Meine wirkliche Mutter hat mich fortgegeben, weil sie nicht wusste, wie sie mich ernähren sollte. Mein Vater – niemand weiß etwas über ihn. Maria und Klaus sind meine Eltern, finito. Ende der Story.

 

24. März

Holger findet meine blonden Haare nicht so toll. Sie passen nicht zu meinem Typ, sagt er. Weiß ich auch. Oma hat voriges Wochenende gemeint, ich solle doch mal meinen Freund mitbringen, wenn ich sie besuchen komme. In diesem Fall war die dunkle Hautfarbe von Vorteil, ich wäre sonst wohl rot angelaufen. Holger … der Junge hat was … Und gescheit ist er außerdem. Selbst mit gebleichter Haut – falls das überhaupt möglich wäre – würde ich nie aussehen wie Alexanders Schwester. Die Aktion damals am Wörthersee war cool. Als die Leute dachten, ich sei eine Austauschschülerin - mal ne neue Variante! „Nein, sie ist meine Schwester. Man erkennt es nicht sofort, weil ich adoptiert bin“, erklärte Alexander todernst und die Geschichte, die er dann über seine Eltern spann, war – wie man so schön sagt – nicht von schlechten Eltern. Aber die Leute haben ihm geglaubt. Na ja, wenigstens bis Maria und Klaus aufgetaucht sind.

 

25. März

Heute haben wir über die Wahlen in den USA gesprochen. Ich würde mich für Obama entscheiden. Nicht, weil er meine Hautfarbe hat, sondern weil mir sein Programm besser gefällt. Die meisten meiner Freunde sagen, sie halten Wahlen für wirkungslos, man hätte sowieso keine Einflussmöglichkeit, es würde alles von oben bestimmt und meist sei es schon gut so. Als ich dagegen aufbegehrte, hielten sie mir vor, dass auch ich als Kleinkind keine Stimme gehabt hätte. Hätte man mir die Möglichkeit gegeben, hätte ich vielleicht bei meiner leiblichen Mutter bleiben wollen, weil mir die Tragweite meines Entschlusses noch gar nicht begreiflich gewesen wäre. Holger fuhr dazwischen, indem er wieder einmal knurrte, man solle Erbsen nicht mit Kokosnüssen vergleichen. Ich musste lachen. Ob es nun das Beste für mich war, adoptiert zu werden? Keine Ahnung! Wer weiß schon, wie sich das Leben entwickelt hätte, wäre dies oder das nicht geschehen oder hätte man statt des blauen Lidschattens grünen verwendet.

Jedenfalls kaufe ich von meinem Apriltaschengeld sofort schwarze Haarfarbe! Dieses Blond nervt!

Und vielleicht fahre ich doch irgendwann mit Klaus und Maria nach Südafrika. Sie haben es mir schon vor Jahren vorgeschlagen. „Wir wollen auch selbst gern wieder einmal hin“, hat Klaus gesagt. „Denn damals, als wir dich abgeholt haben, waren wir völlig überdreht vor Glück und es gab so viele Formalitäten zu erledigen, dass wir kaum Zeit hatten, Land und Leute ein wenig kennenzulernen.“ Ob sie es wohl je bereut haben? Schließlich hätte ich mich zum Monster entwickeln können. Manchmal verhalte ich mich wahrscheinlich auch so.

Maria ist gerade hereingekommen, um mir gute Nacht zu wünschen. Ich habe ihr ein wenig von Holger erzählt und sie gefragt, wie sie Klaus kennengelernt hat. Als sie beinahe schon wieder draußen war, meinte sie beiläufig: „Falls du es übrigens mal satthaben solltest, als Blondchen rumzulaufen – im Badezimmer steht ein Haarfärbemittel. Ich habe es gestern gekauft, dachte mir dann aber, schwarze Haare lassen meinen Teint noch bleicher wirken und wie ein Vampir muss ich ja wirklich nicht herumlaufen.“ Bei der Vorstellung von Maria mit langen Eckzähnen und blutunterlaufenen Augen musste ich grinsen. Sie ist schon schwer in Ordnung. Also … ich habe ihr das nicht gesagt, aber ich glaube, sie weiß, dass ich so denke.


Elisabeth Podgornik, geboren 1975, aufgewachsen in Sonntagberg, wohnhaft in St. Pölten.
Veröffentlichungen u. a. in den Literaturzeitschriften kolik, Podium, etcetera, Landstrich, Rampe und in diversen Anthologien; zweiter Preis des Literaturwettbewerbs Goldenes Kleeblatt 2007 „Gewalt mit Worten begegnen“.